Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: März

Morgende leben von ihren Ritualen, gewohnten Abläufen ohne bemerkenswerten Spielraum, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.
David Massari begrüßte die Welt am offenen Fenster, frei von Kleidung, mit Schlaf in den Augen und tastenden Fingern an der Zigarettenschachtel. Ohne jedes Strecken oder aufbauende Bewegung stand er mit dem Blick Richtung Innenhof, genoss die frische Brise, die seit Tagen den Frost abgelöst hatte. Diese fünf Minuten, vielleicht vier oder acht, hing David keinen schweren Träumen nach, stellte innerlich nicht den Wecker ab oder addierte Punkte, die dem Aufstehen widersprachen. Er vernahm auch an diesem Wochentag nichts Besonderes, saßen die Kinder schon in den Schulklassen, die übervollen Buslinien waren seit einer halben Stunde abgefahren, einzelne Senioren gingen ihrer Wege.
Es gab nichts weiter als die städtischen Grundlaute des Alltags, bis er eine Person im Hof erblickte, die sich über den Schotter zu schleifen begann. Sich bewegte, ganz als wären ihr die Beine schwer und die Person ihrer Funktion nicht mehr Herr. Behäbig scharf gestellt betrachtete David das Geschehen und erkannte zur eigenen Verwunderung Matthew Porter. Sie hatten sich einmal unabhängig der Gemeinschaft getroffen, Matthew dreimal abgesagt. Die winkende Hand von oben nahm dieser nicht wahr, auch ein sachtes Rufen blieb unbemerkt. David nahm bloß jede zweite Treppenstufe und stand bald hinter Matthew, der sich auf eine Tischtennisplatte setzte und den Kopf hielt. Es benötigte einen Augenblick, um David zu identifizieren.

“Was ist passiert? Matthew, siehst du mich? Komm’ doch mit nach oben und leg’ dich einen Moment hin.”

Für Erklärungen oder Einwände war Matthew zu schwach, die Stufen zur ersten Etage nahm er träge und zeitverzögert. Er trank vom Wasser, welches David ihm entgegen streckte, deckte sich zu und ruhte sich aus, bis die Geräusche der Müllabfuhr sich immer weiter näherten. Im Nachbarzimmer wurde gesprochen, wohl eher diskutiert. Durch den offenen Türspalt sah er eine junge Frau, gestikulierend und scharf im Ton, die David kaum die Möglichkeit gab, auf die vermutlichen Vorwürfe zu reagieren. Sie hielt erst inne, während Matthew leise im Flur nach dem Badezimmer suchte.

“Wer ist das, David, hm? Was macht er hier? Nicht bloß schauen, auch antworten. Warst du gestern Abend feiern? Ist das dein Bruder? Hier stimmt doch was nicht.”

Die Frau, die von David Diane genannt wurde, lief dem ihr Unbekannten nach und sprach ihn zu dessen Erschrecken im Badezimmer an. Das Wasser tropfte Matthew vom Bart und der Blick bewies Überforderung. David entschuldigte sich für ihr Verhalten und stellte ihn als einen Freund vor. Sie brachte an, noch nie von ihm gehört zu haben. Und es folgten Szenen voll von Eifersucht, Drama und einseitigen Vorwürfen. Dann schlug die Wohnungstür laut in ihren Rahmen, woraufhin Matthew an David heran trat und sich entschuldigte. Dieser winkte ab und fragte zur Ablenkung nach Birko. Herr Porter schluckte und konnte seine Fragezeichen kaum verdecken.

Sie liefen die üblichen Plätze ab, vom Park bis zum Tempelhofer Feld, in der Bar nachfragend, die Matthew in letzter Zeit etliche hübsche Abendstunden bescherte. Nirgends eine Spur von Matthews Golden Retriever. Matthew wurde unruhig und sein schlechtes Gewissen zeichnete sich immer deutlicher ab. Da erhielt David eine Nachricht von Hennes – Birko würde hungrig vor ihrem Hauseingang warten. Verwundert war Matthew nicht, mehr doch erleichtert, hatten Hennes und Maren in der vergangenen Woche den Hund betreut, während er seiner Familie in den Staaten spontan einen Besuch abstattete. Froh und beruhigt bedankte er sich bei Hennes, sie würden sich am Abend schließlich bekanntermaßen sehen, ganz wie die Planung es vorsah.

Unpünktlichkeit schien das Wort der diesmaligen Runde, trafen alle verspätet ein, meldeten ihre Krankheit an oder entschuldigten sich mit kurzen Anrufen, die Maren Kluge wenig unfreudig entgegen nahm. Sie war eher erleichtert, nicht alle vierzehn Teilnehmer bewirten oder gar bespaßen zu müssen, fehlte ihr dafür die Ruhe und Ausgeglichenheit. Die vergangenen Wochen verbrachte sie ohne Arbeit, mit nur spärlichen Aufgaben und inneren Aufträgen. Ihr wurde von Valentina empfohlen, sich vorerst mit sich selbst auseinander zu setzen. Das Sitzen und Warten gehöre dazu. Maren nahm die Telefonate als Hilfe an, wusste sie auch beim Auflegen nie, was die letzte Stunde Fruchtbares besprochen wurde. Allein die Stimme Valentinas gaben Maren Kluge so etwas wie Sicherheit für ein paar Stunden. Sie hatte soeben ein weiteres Telefonat beendet, da fuhr Hennes seiner Verlobten über den Nacken, entnahm ihrem tristen Gesichtsausdruck etwas Vertrautes. Ihnen war es lange sehr gut ergangen, hatte Hennes sich selbst als erklärenden Satz gesagt. Die herrlichen Jahre miteinander hatten als Ausgleich wohl diese besondere Phase verdient. Ein weiterer Satz, der ihm nicht zum ersten Mal durch den Kopf ging. Er trat in das Esszimmer, übernahm das Wort, verteilte begrüßende Getränke in hohen Gläsern.

“Wir sind vollzählig, scheinbar geht die Grippe um. Die Reinerts liegen flach, Valentina und Frietjof hatten gestern schon unabhängig voneinander abgesagt und Mathilde fragte als erstes, ob Walter sich bei uns gemeldet hätte, was er längst tat. Wie auch immer – ich freue mich, Maren natürlich genauso, dass ihr da seid. Schönen Abend.”

Alexander hatte seine Ernährung umgestellt, sich inzwischen etwas Abstand von der Beziehung mit Frietjof und der Weiterleitung zur schwangeren Valentina verschrieben. Nach seinem Zwischenfall im vergangenen Monat wollte er ganz sicher gehen, nicht wieder den Mittelpunkt der Veranstaltung geben zu müssen. Gerda hatte die aufgeräumte Aura neben sich erkannt und sprach Alexander, der genau das nicht wünschte, positiv und motivierend zu. Natürlich nicht ohne den Unterton, der Missgunst oder Schadenfreude zu verdecken dachte. Ihr Mann Sarik sprach offen an, dass die Gruppe in all der Zeit niemals so klein ausfiel, war gespannt, ob die Zuhause Gebliebenen denn etwas verpassen würden. Daraufhin brachte Maren Salat und kalte Suppe auf den Tisch, stellte die unbesetzten Stühle in die Diele und sprach Doktor Nebel an, doch von der entfernten Stirnseite näher an die Gesellschaft zu rücken. Er missverstand die Bitte, bedankte sich für die Fußbodenheizung und brachte ein neues Thema zu Tage.

“Wer ist interessiert an einem Grundstück in Biesenthal? Es wollen doch immer alle raus aus Berlin und wünschen mehr Natur und gute Luft. Ich werde den Garten abgeben müssen, hätte ich sicher schon längst tun sollen. In der Nähe einer Wehrmühle mit Blick auf Sumpf und Feld. Ich wollte es nur mal ansprechen, überlegt es euch.”

David fragte interessiert nach, auch Matthew wollte mehr wissen. Nachdem der Doktor den angedachten Preis nannte, wurde es stiller und alle konzentrierten sich wieder auf den Umgang mit Besteck und Serviette. Da klingelte es an der Tür. Marens Blick hinter die Gardine zeigte eine junge Frau, die mit Kaugummi im Mund und einer Falte auf der Stirn am Hauseingang stand und die Fenster beschaute. Hennes öffnete und da stand Diane in der Wohnstube, um David zu sprechen, unverzüglich. Dem war der Besuch sichtlich peinlich, entschuldigte sich bei den anderen und ging mit ihr, die er selbst nicht als Freundin bezeichnete, in die Küche.

“Frag’ mich nicht, woher ich die Adresse habe, es spielt keine Rolle. Tragisch genug, dass ich es herausfinden musste. Wichtiger ist doch, wer bitte all diese Leute sind. Und habe ich richtig gesehen, saß da wieder dieser Typ von heute morgen? Ich fang’ jetzt nicht damit an, was normal ist, aber diese Truppe ist es nicht.”

“Diane, du weißt vieles nicht, so wie es uns beiden auch gut tut. Das da drüben sind alles Bekannte, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Nein, ich habe dir nicht von ihnen erzählt, nein, du kannst dich nicht mit zu uns setzen. Bitte kontrolliere mich nicht, das ist mir wirklich unangenehm. Du solltest gehen, wir sehen uns morgen, bitte.”

Hennes wollte dem nicht geladenen Gast gerade ein Getränk anbieten, da schubste diese David zur Seite und war auf dem Bürgersteig verschwunden. Der wissende Blick von Hennes beruhigte David und sie stellten sich in gewohnter Weise rauchend vor das Haus und schmunzelten über die wütende Darbietung. Flüsternd nahm auch Sarik Bezug zum Auftritt der Unbekannten, sprach er seine Frau an, erinnerte ihn dies an die Szene der wütend-panischen Kuh, die aus dem Schlachthaus ausgebüchst war. Alexander strafte Herrn Wächter mit einem Kopfschütteln und Gerda lobte die Käsespätzle derart ausführlich, dass Maren schon skeptisch wurde.

Bis zum Birnenkuchen als Nachspeise geschah wenig bis nichts. Der Wind drückte sich an die große Scheibenfront, vor der Birko schief eingeschlafen war. Doktor Nebel hatte das Klavier in der Nische zum Flur bei den letzten beiden Hausbesuchen ganz übersehen. Er stand auf und trat bedächtig an die Tasten und war sichtbar im Begriff zum Spiel anzusetzen. Einmal und mehrmals. Er schaute hinter sich, von wo lediglich Maren und Matthew aufmerksam herüber schauten. So sehr der Doktor es auch wollte, es blieb beim Wunsch. Die Finger fuhren orientierungslos durch die Luft, er blickte in den Spiegel, der direkt über dem Klavier angebracht war. Er sah sich und Maren, die von hinten an ihn heran trat und ihm anbot, jederzeit Gast zum Spielen zu sein. Sein Gesicht hatte etwas Überraschtes, kurz auch Erfreutes und er ging mit ihr zusammen zurück an den Tisch. Dabei übergab sie ihm etwas, schaute ihn wissend an. Der ließ das Präsent in seine Jacke rutschen und nickte Maren zu.
Er hatte keine fünf Minuten gesessen und die frei stehenden Sätze der Gesellschaft überhört, als er das Zimmer verließ und nach seinem Mantel suchte. Hennes war gewillt, ihm das Bleiben schmackhaft zu machen, doch der Doktor winkte ab, reichte allen die kraftlose Hand. Schließlich standen Matthew und David auch von ihren Stühlen auf und bestanden darauf, den unsicher laufenden Herren mit zur Bushaltestelle zu begleiten. Maren versuchte mit starren Augen ihrem Verlobten begreiflich zu machen, sie mit dem Ehepaar Wächter tunlichst nicht allein zurück zu lassen.Da griff Gerda schon nach ihrem neuen Mobiltelefon und präsentierte der Gastgeberin die vermeintlich herrlichen Eigenschaften und Besonderheiten. Sarik gab sich weiter vom Spätzle auf und richtete sich den Kragen unter Birkos prüfendem Blick vom Tischbein aus.
Alexander war zum wiederholten Mal im Bad verschwunden, hatte sich am Wannenrand seiner Fingernägel gewidmet, in den Schubladen nach zugehörigen Hilfsmitteln gesucht und beobachtete die draußen vorbei schreitenden Mitmenschen. Er schob den Vorhang beiseite als Marens Hand seine Schulter erreichte und ihn mit sich in die obere Etage führte. In einem Zimmer, schlecht beleuchtet und schlecht belüftet, nahm er Platz auf einem Sofa und beobachtete die Gastgeberin, die mehrere Schubladen aus einem Schrank zog.

“Warte, ich habe ihn gleich. Bis gestern war noch alles sortiert, heute morgen aber habe ich einige von ihnen ausgetauscht, darum dieses Durcheinander.”

Während sich im Erdgeschoss das Ehepaar Wächter in einem unbeobachteten Moment im Abstellraum den nach hinten sortierten Perlwein griff und sich feixend gegenseitig einschenkte, war Alexander weit entfernt davon, der nervösen Frau Kluge folgen zu können. Sie entschuldigte sich wiederholend, lobte Alexanders Geduld und übergab ihm schließlich einen Briefumschlag.

“Alle bekommen einen, also nicht wundern. Nach und nach, wie es eben passt. Ich habe zur Zeit wenig zu tun, das sollte man nutzen, sagte mir Valentina. Und recht hat sie. Weißt du, Alexander, der Doktor spricht seit so langer Zeit davon, es wäre sein letztes Treffen. Doch er kommt immer wieder. Er hält durch. Und sobald er glaubt, sein Gefühl würde nichts weiter tun als ihn betrügen, da kann es so weit sein. Wie oft hat er sich wohl schon ausgerechnet, die durchschnittliche Lebenserwartung mutmaßlich schon überschritten zu haben. Du kennst dich aus mit seltsamen Situationen, so überrascht du mich auch anschaust. Hennes mag ich es nicht sagen, doch wenn man die Stunden alleine verbringt, wird einem manches bewusst und irgendwann beginnen die Wände zu sprechen. Schwachsinn? Vielleicht. Lies den Brief bitte erst an dem Tag, an dem ich nicht mehr in der Runde sitze, versprich mir das.”

Kalt wurde ihm, fest um die Brust. Wie seicht sie die Sätze sprach, sich ihm anvertraute, die Schubladen wieder einsetzte und Alexander als einen Mitwissenden im Raum zurückließ. Wie gerne hätte er den Brief im Schrank verschwinden lassen. Er fühlte sich unwohl, hörte Gerdas Lachen von unten und die Stille neben sich.

Die Demonstration vor einem Restaurant, das für die Anwesenden nach Ausverkauf des Viertels roch und dessen Neubau seit Tagen mit defekten Scheiben zu kämpfen hatte, hatte sich aufgelöst. David betrachtete die Banner an den Fenstern und die unsicheren Gesichter der speisenden Besucher. Matthew war Doktor Nebel auf die letzten Meter eine Stütze. An der Haltestelle sagte dieser Aufwiedersehen, die aussteigenden Fahrgäste brachten den Doktor zum Wanken. Er winkte mit Nicken und verschwand mit dem Bus in der Kurve. Da standen Matthew Porter, David und Hennes nun mit Händen in Jackentaschen und an Zigaretten und waren allesamt nicht gewillt, zurück zum Haus zu gehen. Sarik hatte in dem Fall recht gehabt – verpasst hatte man an diesem Abend kaum etwas. Aus einer Kneipe brummte Lärm von Musik und Menschen. Matthew steuerte prompt in jene Richtung, woraufhin die anderen beiden folgten. Einzig vier Stühle am Tresen waren noch unbesetzt. Dem Durst und der unverschämt günstigen Bierpreise sei Dank blieben die drei bis zum Morgengrauen. Es war keine der fröhlichen Gesellschaften, auch keine derer voll Pathos und Wehmut. Die belanglosen Themen versackten letztlich im abstrusen Allerlei, zwischen Familie, Erlebnisse und Chaos, der nur ein Fazit übrig ließ: Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

David Massari wurde wach von einem Geräusch, das Schnarchen noch am ähnlichsten war. Hennes lag auf einer Matratze, in Rückenlage und mit verschränkten Armen hinter dem Kopf. Dem Tiefschlaf entfernt schaute David weiter und sah neben sich Matthew Porter, der an der Bettkante saß und schluckte. Der plötzliche Wunsch, sich unter der Decke zu verstecken, war David nicht fremd. Er erinnerte sich an den wankenden Matthew im Hof, biss sich auf die Lippen, stellte sich schlafend und sah Matthew gegen die Tür laufen. Einmal, beim zweiten Mal mit mehr Wucht, beim dritten Mal mit Anlauf, beim sechsten Mal mit Blut an der Stirn. Noch bevor David in die Szene springen und seinem Schock Luft machen konnte, stand Diane im Nachthemd im Flur und sah zu dem verletzten Matthew. Ihre Augen waren groß, wenn nicht gar ängstlich. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, er brauchte Zeit, um von ihr Notiz zu nehmen, reichte seine Hand schließlich nach vorne. Als beide aus Davids Gesichtsfeld verschwunden waren, stand dieser auf, tastete nach Tabak und rauchte am offenen Fenster, nackt, ohne Schlaf in den Augen. Morgende leben von ihren Ritualen, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Februar

Die Sonne tat sich seit Wochen schwer, hielt sich von der Stadt fern, übte sich in Abstinenz, vergnügte sich vielleicht mit der Sehnsucht der Menschen. Für Mathilde vom Felde war jeder Ausflug, unabhängig von Wetter und Tageszeit, ein langwieriges und gut erdachtes Projekt. Sie verweigerte die Hilfe ihrer Familie seit Jahren schon, was zu elenden Diskussionen führte und zu halben Brüche mit den Kindern und Geschwistern. Sie war des Geredes satt, dass sie immer mit der wiederholten Erkenntnis zurück ließ, alt, eingeschränkt und der fremden Pflege nah zu sein. Gerade war sie mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren, hatte ihre Tasche nach Geld und Tabletten kontrolliert, da fielen ihr die kalten Oberschenkel auf, hatte sie die Decke für die Beine vergessen. Im selben Moment erkannte sie auf der anderen Straßenseite schon Walter, der ihr freudig zuwinkte. Einer Umarmung am Bordstein wich sie im besten Falle aus, war sie aber froh, mit Walter eine bisher unabhängige Konstante gefunden zu haben. Sogleich fiel ihm das Zittern Mathildes auf, schüttelte mit dem Kopf und griff sich den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handfläche, um etwas Wärmendes aus der Wohnung zu holen. Sie wollte ihn soeben noch abhalten, rief ihm nach, da hatte er schon die Treppenstufen erreicht.

Er war einmal nur bei ihr gewesen, durfte aber die Türschwelle nicht übertreten. Es würde nach gestürzter Suppe riechen, der Geruch wäre hartnäckig und unschön für Fremde. Letztes Wort ärgerte ihn dabei am meisten. So trat er nun in den Korridor und bestaunte den schönen Schnitt der Wohnung, bald aber die gut gewählten Möbel und vor allen Dingen die Kunst an den Wänden, die kaum noch Platz für die Tapete ließ. Edel, natürlich überproportional, doch mit der Klasse von einst.

“Nun komm’ schon, Walter. Du hast alles gesehen, nimm die Decke vom Sessel und dann sollten wir los.”

Sie sprachen nicht darüber, doch Walter ärgerte sich, in Mathildes Heim eingedrungen zu sein. Ein Schritt, der zu früh gewagt erschien.

“Du fühlst dich hoffentlich nicht anders. Es ändert nichts. Das, was da oben hängt und steht, ist alles nicht mein Geld, das magst du mir glauben. Mein Mann hatte es gerne prunkvoll und hübsch. Er hantierte viel mit Wertpapieren, aber interessiert hat mich das nie.”

 

Walter schob Frau vom Felde in der bekannten Geschwindigkeit, doch anders fühlte er sich tatsächlich, in Gedanken fast klein und unpassend. Mathilde versuchte ihn abzulenken, zeigte auf den gewünschten Weg durch die Hasenheide. Sie wäre gerne dort, solange es noch hell sei und der Boden glitzerte. Der Park war gut besucht, Eltern ließen ihre Kinder über den Schnee jagen, eine Dame hatte Probleme sich zu halten, ob der glatten Wegflächen. Mathilde schmunzelte sich eins, bedachte dabei aber nicht die Vorsicht, mit der Walter seit Hunderten von Metern den Rollstuhl betätigte. Mit einem Taschentuch vor dem Mund wurde sie müde, döste kurz weg, sprach dann zwei halbe Sätze, um schließlich erneut zur Seite zu fallen.

Die Ruhe der Parkwege war dahin, als sie fragend die Straße auf und ab fuhren. Mathilde wollte sich die Adresse merken, Walter hatte sie sich auf seinem Telefon gespeichert, tippte überfordert, ohne die Notizen wiederzufinden. Beide waren sauer auf sich selbst, ihnen war kalt, das Frühstück lag schon Stunden zurück und sie kamen sich bald hilflos vor, wie sie die Klingelschilder der Häuser nach dem Namen Reinert absuchten. Da tippte Valentina den Herren mit Schweißperlen auf Stirn und Hals vorsichtig an, begrüßte ihn und Frau vom Felde in einem Zug. Sogleich tauchte auch Alexander hinter einem unverschämt parkenden Auto auf und grüßte in Handschuhen.

Barbara hatte alle Hände voll zu tun, mit dem Kaffeekochen hinterher zukommen. Matthew und David plauderten erst an der Garderobe, anschließend in der Sitzecke, während die Wächters Alltägliches thematisierten, keiner der Gesellschaft aber Interesse daran zeigte. Gerda nahm den ruhigen Faden ihres Gatten auf, um mit dem Löffel in der Schlagsahne die anderen zu übertönen.

“Ich habe mein altes Haushaltsbuch gefunden. Es ist ein Wahnsinn, wenn ich mir die Preise und Ausgaben von 2005 anschaue und mit heute vergleiche. Jaja, man soll es nicht tun und die Entwicklung bedenken. Aber nein, Frietjof, du brauchst nichts sagen, ich nehme nicht alle Veränderungen wortlos hin.”

“Das bißchen Leben” hätte Frietjof am liebsten maulig über die Tafel geworfen. Die gleiche Überschrift gab er der vergangenen Woche in seinem Tagebuch. Er hatte sich beeilen müssen und war seit dem Morgen schon in schlechter Stimmung. Außerdem winkte er jede Aufmerksamkeit ab, war gar froh, Alexander und Valentina weit neben sich platziert zu sehen.

Claudia sprang zwischen Küche und Wohnzimmer auf und ab, rief ihrer Schwester einzelne Anordnungen vor die Fensterscheibe der Durchreiche.

Birko betrachtete das Aquarium seit einer halben Stunde schon, gestreichelt von Walter. In jenem Moment, als alle von den einfallenden Sonnenstrahlen überrascht wurden, trat Hennes mit einem Kuchen an den Tisch, der für das kürzliche Geburtstagskind bestimmt war. Es wurde applaudiert und gelacht, doch Frietjofs Unwohlsein war nicht gespielt. Gerda blies für ihn die Kerzen aus, während Maren zu einem Geschenk auf den Eckschrank zeigte.

“Ihr seid alle recht lieb, das kann ich nicht leugnen. Doch ich habe um wenig Aufsehen gebeten und nun das. Erfreut ihr euch eurer Geburtstage und so weiter, doch ich kann es in diesem Jahr nicht. Zwingt mir nichts auf, woran mir nichts liegt.”

Geplante Umarmungen oder Wangenküsse waren dahin. Doktor Nebel schaute über seine vom Kaffeedampf beschlagene Brille, hatte Schwierigkeiten mit dem trockenen Kuchen und wurde vom Platznachbar Alexander auf den Rücken geklopft. Sarik fragte, ob dies heute tatsächlich der letzte Besuch des Doktors bleiben würde. Niemand lachte.

“Wisst ihr, dass ich es heute getan habe?”

Alle Augen wandten sich David Massari zu, der sich an den Heizkörper stellte und auf seine Hausschuhe blickte.

“Es war nicht geplant, aber zu glatt und ich zu knapp dran und es schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein. Die Sache an sich war nicht komisch, nur dass niemand von euch dabei war, das hatte etwas Unangenehmes.”

Manche nickten ihm zu oder stellten sich taub. Maren Kluge musste aus dem Zimmer gehen, hatte sie es nämlich auch erst vorgestern heimlich versucht und dabei versagt. Claudia schnitt den noch nicht aufgetauten Kirschkuchen in vierzehn Stücke, bat ihre Schwester um etwas Musik im Hintergrund und fiel in ihrer Rolle als nervöse Mitgastgeberin erstmals auf. Die Jacken und Schuhe, die im Flur wahllos hingen oder lagen, waren ihr seit einer Stunde schon ein Dorn im Auge, von den sich stapelnden Taschentüchern in Mathildes Schoß ganz zu schweigen.

 

 “Was wird denn dort drüben gebaut? Der Autohandel ist verschwunden, richtig?”

Frau vom Felde bekam keine genaue Antwort, spekuliert werden würde zum Thema Baugewerbe in der Stadt schon ausreichend genug. Bald standen Hennes und David vor dem Haus, liehen sich gegenseitig Zigaretten und traten in der Kälte von einem Bein auf das andere.

“Meine Eltern kommen mich in Berlin besuchen, das erste Mal. Sie wollen den Anschluss nicht verlieren, sagen sie. Im Grunde machen sie sich wohl Sorgen.”

“Erzähl’ das bloß nicht Matthew, der bringt ja fast kein Wort mehr raus.”

“Das siehst du falsch. Wir haben darüber gesprochen, gerade eben. Das ist doch kein Wettbewerb, Hennes. Im Leben geht es dummerweise immer um die eigenen Eltern, egal ob sie einem dafür Gründe schenken oder es sie überhaupt gibt.”

Hennes legte einen Arm um David, entdeckte er sich manchmal selbst in dessen Gedanken. Der hatte ein Plakat an der Litfaßsäule im Auge: “Du bist dir selbst am fernsten.”

“Glaub’ mir, sobald ich meinen Eltern die Geschichte erzähle, und ich war drei-viermal ganz kurz davor, werden sie mich nicht mehr loslassen. Therapie, Sitzungen, Arbeitsverbot – die ganze Palette. Sie könnten nicht anders. So ängstlich sie sind, wissen sie nicht, dass man auch ohne akademische Hilfe durchkommt.”

Während Doktor Nebel zum zweiten Mal um das Abstellen der als grauslich empfundenen Musik bat, ging Barbara inmitten innerer Anspannung einmal um den Tisch, um überflüssiges Geschirr einzusammeln. Bei Valentina blieb sie schließlich stehen, fuhr ihre rechte Hand aus und war kurz vor dem Berühren des dezent gewölbten Bauchs. Valentina warf ihre Haare in den Nacken und hoffte auf Stillschweigen, womit Barbara Reinert nicht dienen konnte.

“Valentina, ich freue mich für dich, vielleicht auch für euch alle. So ein Geschenk kann einem niemand nehmen. Zwei Väter hätte ich mir immer gewünscht, dafür hatten wir eine unzufriedene Mutter, tja.”

Alexander blieb der Mund weit offen stehen, Frietjof musste sich räuspern und suchte Valentinas Blick vergeblich. Die atmete tief durch, schob die Serviette auf den Tisch, verließ den Raum und legte sich im Gästezimmer neben Maren, die sich längst ein Buch gegriffen und die Runde nebenan mutmaßlich vergessen hatte. Valentina selbst war sich noch nicht im Klaren darüber, ob die Neuigkeit mit Freude einher gehen sollte oder doch die Skepsis zu tragen hatte, die ihrer Beziehung zu Frietjof ohne Pausen anhaftete. Sogar in all ihrer Unsicherheit hatte sie etwas Edles. Maren gab ihr ein Kissen ab und schloss die Augen.

“Bevor das falsch aufgefasst wird oder mir nachher komische Nachrichten geschickt werden – nein, ich wusste es nicht, aber ja, ich freue mich für Valentina. ”

Alexanders Kopf war rot und heiß, vor und auch nach dem Satz. Er hätte noch anhängen können, dass er sich nur und ausschließlich für sie freue und letztlich hoffe, jemand würde sich nach dem Treffen bei ihm melden, um seine Sicht auf die unausgeglichene Beziehung einmal offen aussprechen zu können. Frietjof war ihm mit seinem Wunsch nach Gleichberechtigung in alle Richtungen einem Fisch ähnlich, den man niemals greifen könne, der einem immer auf’s Neue glatt und geschmeidig aus den Händen geraten würde. In all der Aufregung hatte Alexander die obligatorische Insulinspritze aufgezogen im Badezimmer liegen lassen. Als er sich zu Birko kniete und den wackelnden Hundeschwanz verfolgte, wurde ihm mit einem Mal schwummrig im Sichtfeld. Es drückten die Schläfen und stockte die Atmung. Ob wahr oder nicht, er sah Valentina mit Frietjof vor sich, wie alle fast in Reihenfolge den beiden gratulierten, nach Hochzeit fragten, nach einer größeren Wohnung, nach einer Laube im Grünen. Alexander hielt sich die Hände. War ein Kind Teil der Abmachung oder das Kleingedruckte, das er nie gelesen hatte? Wie viel Bereitschaft für das Unsichere und jede Veränderung hatte er selbst zu geben? Schneeflocken tauchten vor seinen Augen auf und er fiel mit dem Kopf nach vorne über.

Der Rettungswagen benötigte keine drei Minuten Anfahrt, vielleicht zehn, bis dieser Alexander in die fast fußnahe Klinik gebracht hatte, die er im ansprechbaren Zustand niemals hätte anfahren lassen. Weil Frietjof zwischen Überforderung, der im Raum stehenden Valentina und schlechtem Gewissen pendelte, begleitete schließlich David Massari spontan den Patienten.

Während Barbara Reinert zusammen mit Gerda den Abwasch zu bändigen begann, flüsterte Mathilde dem still gewordenen Walter zu, nach Hause zu wollen. Die Situation hatte sich überholt, telefonierte Sarik seit einer halben Stunde schon lautstark im Zimmer mit einem Arbeitskollegen, derweilen der Doktor dem fragefreudigen Matthew erklärte, was der Hintergrund für Alexanders Zusammenbruch sein könnte. Das Gespräch verdient es nicht, weiter beachtet zu werden, kämpfte Herr Nebel mit seiner Schwerhörigkeit, die ansonsten als gutes Alibi für manches her hielt und Matthew gegen die unzähligen Fachwörter an, die in seiner Welt wie ausgedacht klangen.
Mathilde rief zum Abschied ein flaches Dankeschön, das passend verhalten seine Antwort erhielt. Die drei Stufen schaffte sie ohne Hilfsmittel, stützte sich an Walter ab und zückte vor dem Hauseingang eine Zigarette, die erste des Tages, wie sie vor Walter deutlich betonte.

“Brauchen wir das hier noch immer, Walter? Ich bin ratlos. Ja – “Keiner steigt aus, wenn es nicht alle tun” – so sagen wir. Im Grunde sagt es niemand mehr, es passiert nichts, sie bereden Dinge, die meinen Frisör langweilen würden. Alle essen lange, weil sie überfordert sind, sich wirklich mit den anderen auseinander zu setzen.
Hach, und doch steigt keiner aus. Aber vielleicht muss ich das für mich überdenken, vielleicht genügst du mir.”

Sagte Mathilde, während Walter das Gesicht zu zittern begann. Er strich ihren Arm, fuhr sie durch den nun schlecht beleuchteten Park. Wenige Meter vor ihrem Haus drehte sie den eigenen Kopf hinter sich. Sie schüttelte die Beindecke vor sich aus, bedankte sich bei Walter. Der trat einen Meter der Haustür entgegen, worauf Mathilde ihn von unten her skeptisch beäugte, bloß ihren Dutt schüttelte und kurze Zeit darauf den Fahrstuhlknopf betätigte. Walter glitt in seine Jackentaschen, hatte er die Handschuhe bei den Reinerts liegen gelassen, schniefte sich die feuchte Kälte in die Nase und verließ den Ort bald mit eben jener Leichtigkeit, mit welcher er am Nachmittag gekommen war. Leicht darum, weil er innerlich bereit war, sich nun auch für Wochen in Abstinenz zu üben und mit der Sehnsucht eines Menschen vergnügen würde.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Januar

 

Es rotiert das Gefühl der Wiederholung.
Es bleibt dabei – die Morgende beginnen schwarz. Und dennoch herrscht die Hoffnung, die dem Neuen nahe steht und der Erwartung die Stirn bietet.

Hennes Wagenrot ist sich seiner Person bewusst, dem Ende seiner Karriere, weniger durch Alter als falschen Worten in richtigen Situationen, auch dem Hang zu Schlaf und Fisch und seiner Frau. Maren sieht in ihm noch immer diese Figur, der die großen Möglichkeiten verwehrt bleiben wird, solange die Struktur des Alltags ihn bindet.
Das Haus, das mehr Treppenstufen als Geschirrstücke zählt. Die Bekanntschaften, die weniger Gemeinsamkeiten denn sonderbare Streitthemen ihr Eigen nennen.
Die Kinderlosigkeit, die dem gesprochenen Tabu versprochen ist.

Hennes sah zu, wie Maren sich schwer tat, die Entscheidung zwischer violetter Brosche und überlanger Halskette zu fällen. Der Hocker am Spiegel hatte eher dekorative Aufgabe, heute jedoch nutzte sie ihn für Telefonate mit der Stiefmutter, dem groben Verfassen eines Kündigungsschreibens und der Vorbereitung auf einen Abend in gewohnter Runde. Sie spürte die Augen ihres langjährig Verlobten zu gerne im Türrahmen, die wortlosen Beobachtungen erfüllten sie mit dem Gefühl, nichts von der frühen Anziehung verloren zu haben. Dabei hatte ihr das letzte Jahr einen Streich gespielt, quasi übel mitgespielt. Das tatsächliche Alter holte sie inzwischen ein und malte Furchen an ihre Schläfen, trockene Haut auf ihren Ausschnitt.
Der Mann hinter ihr hatte keine Furcht vor Worten, die Zuneigung bestätigten oder Gesten, die für Außenstehende kaum sichtbar blieben. Maren zog die Vorhänge zu, ein farbenfrohes Kleid an und Hennes direkt neben sich an die Bettkante. Die Umarmung war echt, die Schwere wieder neu.

Die Taxifahrerin fuhr einen Umweg, der dem Paar auf dem Rücksitz nicht verborgen blieb. Sie versuchte sich zu erklären, raunte etwas von Umleitungen und einem elend langen Arbeitstag. Maren nickte mit dem Blick zum Fußweg hin. Sie spürte ihren schon jetzt verbrauchten Atem. Verblüfft und negativ angetan hatte sie das Putzen der Zähne vergessen, aber ein Pfefferminzbonbon zur Hand.
Während Hennes das Fahrgeld großzügig nach vorne gab, winkten Gerda und Sarik bereits vom Tor herüber. Das Licht brannte auf allen drei Stockwerken. Die Laune im lang-schmalen Speisezimmer war den Januarwochen gegenüber ausgesprochen gut. Niemand machte den zurückliegenden Adventstrubel zum Thema. Die Weihnachtsfeiern von Büro oder Abteilung blieben unerwähnt. Dabei hätte die Hälfte der Anwesenden ausschweifend von Feierabenden in Einkaufspassagen oder den unklaren Plänen der Angehörigen berichten können. Doch all die Sterne und Leuchtröhren lagen wieder in den Kellern oder auf den Dachböden der Gesellschaft und man nahm das neue Jahr an, wie eine gute Bekanntschaft in spe. Der Durst hielt sich mit dem Hunger die Waage, die politischen Schlagzeilen konnten mit den Neuigkeiten der Stadt mithalten und überhaupt war die Ausgeglichenheit am Tisch, mit seinen vierzehn Gedecken, ein Trost für Maren und Hennes. Zur Verwunderung aller hatte nicht die Älteste an der Stirnseite Platz genommen. Mathilde war des präsenten Stuhls überdrüssig und tauschte ihn noch vor dem Essen mit Matthew, dem neuesten Mitglied der Runde. Aufgeregt beäugt vom Golden Retriever Birko, dessen Schnauze Achterbahn fuhr.

 

 

Frietjof hatte sich geradezu herausgeputzt, wohlweislich um das Thema seines anstehenden Geburtstages, eine Schnapszahl wohlgemerkt, in die korrekte Richtung zu lenken. Er hielt oberhalb der Tischdecke Händchen und Augenkontakt mit der strahlenden Valentina zur einen Seite, verdeckt im eigenen Schoß die Finger von Alexander, der schon eine ganze Stunde vor dem Haus der Familie Wächter gewartet hatte – aus Angst, nicht pünktlich zu erscheinen.
Maren war gerade dabei, sich aus ihren Absatzschuhen zu lösen, als Doktor Nebel sich neben seinen Stuhl stellte und die allgemeine Aufmerksamkeit abwartete. Unsicher stand er da, verdeckte dies aber mit dem losen Nicken zu den heutigen Gastgebern Sarik und Gerda, außerdem mit einem Grinsen, welches die Größe seines Mundes offenbarte. Das Zittern an der Tischkante war ehrlich, die plötzliche Ruhe im Raum die passende Kulisse.

“Es ist schön euch alle zu sehen. Einmal noch.”

Daraufhin ließ er sich in den Stuhl fallen und trank aus dem Glas Rotwein. Dem Doktor war nicht aufgefallen, dass das Essen noch fehlte, genauso wenig wie David Massari, der heute erstmals für die Verköstigung verantwortlich war. Bis es im gleichen Moment an der Tür läutete und besagter David mit drei großen Servierplatten beladen seinen Applaus erhielt.
Die Worte des Doktors waren nicht vergessen, verteilten sich aber in der noch immer anhaltenden Begrüßung, dem Aufstehen und Schulterstreicheln der Anwesenden. Die Reinerts zeigten unauffällig auf Davids Schuhe, die innerhalb der Wohnung nichts zu suchen hatten. In jedem Falle nicht, wenn sie so sehr das Unwetter bewiesen.

Fisch in allen Formen, Farben und verschiedenster Herkunft befand sich bald inmitten der üppigen Dekoration und ließ den Duft einer Hafenstadt zu. Das Essen verlief gewohntermaßen still und konzentriert, nur Frietjof gab Fragen zu Tisch, die beim vergangenen Termin schon für Unstimmigkeiten sorgten und erst durch Valentinas wiederholtes Niesen beendet wurden.

“David, ich esse das erste Mal seit dreizehn Jahren Fisch. – Nein,keine Sorge, das passiert freiwillig und ich muss zugeben, ich habe all die Zeit nichts verpasst.”

Die meisten lachten, wussten sie doch, dass Sarik bloß eine Retourkutsche ausfuhr, die sich auf den letztjährigen Abend der Süßspeisen bezog. Der Verantwortliche für Fisch und Gemüse schmunzelte in eigener Sache, hatte er sparsam vorgehen wollen und am günstigsten Stand in der Markthalle reserviert, mit der Hoffnung auf allgemein oberflächliches Wissen beim Verzehr von Meerestieren. Vorsichtig schaute er die Runde ab. Hennes hatte einfach Hunger, half Maren noch aus, während Frau vom Felde den billigen Braten gerochen und geschmeckt hatte, aber kein Wort sagte und sich im Rollstuhl kurz zurückzog.

“Sie geht rauchen, Wie immer, sie wartet nicht, sondern verschwindet ohne Rücksicht auf die anderen. Mathilde mag ein Unikat sein, wie ihr alle sagt, unverschämt ist sie dennoch.”

Claudia Reinert stieß ihre unmerklich jüngere Schwester Barbara kurz an, wusste sie um den Stand der Kritisierten.

“Lass’ sie doch, wenigstens riecht man es nie, wenn sie wiederkommt. Das hat sie drauf.”

Barbara verdrehte innerlich die Augen und überging Walters Einwurf. Alexander fiel das Besteck aus der Hand und kroch unter den Tisch, wo Birko längst auf Essensreste hoffte. Auf Knien betrachtete er die körperliche Nähe seines sogenannten Partners Frietjof zu dessen Erstfreundin Valentina. Eifersucht und Neid hatte unter der Tischplatte nichts zu suchen und so stieg er zurück zur Gemeinschaft, bei der neu befüllte Gläser zum Anstoßen bereit standen. Matthew hatte mit dem ruppigen Getränk zu kämpfen, was von Gerda sehr wohl erkannt wurde. Sie brachte also eine weitere Flasche zu Tisch, die sich angeblich weniger pelzig an den Gaumen legte.

“Maren, was ist? Du schaust so unglücklich. Gibt es Neuigkeiten von deiner Abteilung?”

Ein Novum, vor allen nach beruflichen Hintergründen zu fragen. In Gerdas Traum nannte jemand Unbekanntes die Runde einen Wettbewerb gescheiterter Existenzen, was weniger übertrieben als gelogen wäre. Das war nicht der Grund ihrer Treffen. Erfolgreich schienen sie seltsamerweise allesamt in ihrem Metier und gegebenem Umfang, mittlerweile.

“Danke der Nachfrage, Gerda. Ich habe die Kündigung quasi fertig. Du sprichst seit zwei Jahren davon, jetzt hab’ ich’s getan. In Ordnung?”

Die Hausbesitzerin fühlte sich unwohl, wollte sie Maren keinesfalls vorführen, hatte es zumindest nicht wissentlich im Sinn. Doch die Rollen von einst waren inzwischen vertauscht. Jede Leiter hat irgendwann eine letzte Stufe, und damit kann man umgehen oder eben nicht. So oder ähnlich dachte Gerda längst über Maren Kluge.

Warm wurde es im Zimmer, Alle atmeten viel und hörten Matthews Erzählungen vom Urlaub in der Heimat. Die Atmosphäre vor Ort, die Diskussionen in der Familie und den Streit mit seinem Vater ließ er aus. Waren dessen Worte so grob und endgültig, dass er den Gegenwind Gerdas und der Schwestern voraus fühlte, genau wie von Mathilde, die inzwischen mit einem Brandy an den ausschließlich hübsch zu betrachtenden Kamin heran fuhr und dem mehr und mehr zerstreut sprechenden Matthew lauschte.

“Ich kann mir den Abschied gut vorstellen, Geschichten ähneln sich. Sie machen den Eltern Vorwürfe, beschuldigen sie der politischen Lage. Dann gehen sie fort und lassen sie mit dem Gesagten zurück. Entschuldigung, ich hörte nur das Ende, doch ich selbst weiß um die Schwere, zwischen den Kontinenten zu leben und zu richten. Wir können gerne noch zwei weitere Jahre das Titelthema lesen, in welchem uns der Riss in der Gesellschaft vor Augen geführt wird. Und gerne denke ich an die überforderten Eltern und Nachbarn, denen die verkommenen Normen vor die Füße geworfen werden, für sich und Sie aber nur das Beste wollen.”

Matthew schaute Mathilde an, als hätte er nur jeden zweiten ihrer Sätze erfassen können. Doch Walter kam in die Szene und reichte dem jüngsten der drei Porterbrüder einen dunklen Likör und zog sich einen Hocker neben den Rollstuhl. Mathilde vom Felde wischte sich Haare aus dem Gesicht. Sie war es, die Walter seit letztem Sommer als eine gute freundschaftliche Partie bezeichnete.

 

 Alexander begann mit dem Abdecken des Geschirrs, er musste sich im Nachbarzimmer gleich seine Insulinspritze geben, während Doktor Nebel die Hände schützend über seinen halbvollen Teller hielt und Claudia dem Freiräumen flott beiwohnte.

Der Stuhl knarrte seit einer Stunde schon, so unterdrückte David sich jede Bewegung, bis Hennes aufstand und nach Zeichen Richtung Terrassentür mit ihm und dem soeben von Valentina gelösten Frietjof nach draußen ging. Das Gefühl von Sauerstoff schien notwendig. Der Nieselregen ließ sie sich an die Hauswand stellen und über die Lichter der Stadt blicken.

“Ich mag euer Konzept, es scheint schlüssig.”

Frietjof stellte sich zuerst taub, dann dumm, bald verärgert.

“Gut, wie es so scheint. Doch im Grunde ist es mehr als schwierig. Frag’ die beiden! – Tu’ es besser nicht. Alexander – so ehrlich darf ich hier sein – sieht sich ähnlich wie Valentina eher als eine Art Test an. Ob möglich oder unmöglich – ein Konzept gehört nicht dazu Und wenn doch, mag ich es selbst nicht.”

David versuchte mit seinem Rauch keinen der zwei neben ihm Stehenden zu treffen und war sich kaum sicher, ob seine Meinung hier Platz findet.

“Wer lässt sich schon gern als Zweitfreund bezeichnen? Beziehungen sind bei mir selten Charts oder innere Umfragewerte.”

“Wobei das das günstigste wäre, tatsächlich.”

Frietjof nahm seine betröpfelte Brille ab und sah zu Hennes hinüber, der dem Thema ein Ende setzte.

“Ich träume nicht mehr. Wer weiß, ob das gut ist oder zumindest der Anfang davon. Entschuldigt, es kam so raus.”

Doch die beiden Herren nickten ihm bloß wissend zu und hatten zeitgleich ein Rascheln im Busch vernommen, welches sich bald als Matthew entpuppte, der Birko für ein paar Meter im Freien begleiten wollte. Er hielt dabei den Schirm eher über das laufende Fell als über den eigenen Kopf, sprach dem Tier unverständlich zu und informierte den verstummten Dreier über eine kleine Dia-Reise, die im Wohnzimmer von Gerda und Sarik vorbereitet wurde. Die Backen halb aufgeblustert ließ sich Frietjof nun doch eine Zigarette von David geben und warf einen auf dem Steinboden liegenden Kleiderbügel ziellos in den Garten. Birko rannte mit einem Satz in die Büsche, gefolgt von einem abscheulichen Schrei. Die Gestalt dazu wankte abwehrend in das Laternenlicht und blickte hilferufend aufwärts. Matthew hatte den Hund aus der Ferne schon beruhigt und zu sich gepfiffen, die zu Tode erschreckte Frau kratzte sich ruckartig am Oberkörper, aus Angst vor Tollwut, Blut und Tierhaaren. David sprang über die Brüstung und stellte sich vor die Dame. Derweilen war Maren nach draußen gekommen und hatte die Fremde bald als ihre Taxifahrerin identifiziert.

“Erklärt mir doch bitte, was hier vor sich geht. Gerda wird ungemütlich, wenn wir nicht bald kommen. Und Sie, was machen Sie denn hier? Und weshalb schreien Sie so herum?”

Die Fragen waren der von allen Seiten beobachteten Frau sichtlich unangenehm, wie wohl die ganze Situation.

“Es tut mir leid, es ist alles ein Zufall. Nein, so stimmt das auch nicht. Wissen Sie, Frau Kluge, seit über einem Jahr fahre ich Sie nun mit ihrem Mann zu diesen Treffen. Es geht mich nichts an, das weiß ich sehr wohl. Ich dürfte nicht einmal auf diesem Rasen stehen. Doch jedes Mal, wenn ich Sie beide vor Mitternacht wieder abhole, sind Sie verändert. Mich hat die Neugier gepackt, vielleicht eher das Interesse. Ich wollte wissen, was der Grund für Ihre Treffen sein könnten. Wie alle gucken! Zeigen Sie mich jetzt an?”

Hennes stand nun neben seiner Verlobten und wartete ihre Reaktion ab. “Hoffen wir, das Interesse an ihren Kunden ist nicht chronisch. Ich schätze, Sie machen sich selbst mehr Gedanken über uns als die gesamte Gemeinschaft hier zusammen. Das sagt vieles aus, über Sie und die Runde hier. Ich darf Sie zum Abschied vielleicht einmal drücken und Sie dann bitten, mich nach Hause zu fahren.”

Während die letzten Urlaubsfotos auf die Leinwand projiziert wurden, waren Maren und Hennes schon wieder zu Hause angekommen. Ohne Verabschiedung, das kannten die anderen bereits, es rotiert schließlich das Gefühl der Wiederholung.

 

Text: Christian Ludwig
Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

Das Leben in der Stadt kann eine so fruchtbare oder furchtbare Erfahrung sein. Im Wirrwarr von Wiederholung, Erwartungshaltung und erbetener Routine lebt es sich schön. Niemand scheut seine Angewohnheiten oder das Besprechen dieser mit anderen. Geheimnisse sollen ihre Funktion nicht behalten, Gerüchte verkommen zur Realität.

Berlin schreibt vielen Menschen, auch mir, die Geschichten wie von selbst – die Jahreszeiten geben ihr übriges noch dazu. Und so begleitet mich und die Leser in den kommenden zwölf Monaten die Geschichte um eine Gemeinschaft von vierzehn Personen. Eine Erzählung in Episoden, die erst im Laufe des Jahres entstehen werden. Mit mehreren Motiven pro Monat gibt die Fotografin Saskia Kyas jeweils den passenden optischen Zusatz.

Hennes Wagenrot und seine Verlobte Maren Kluge, die Geschwister Barbara und Claudia, der Hund Birko samt Herrchen Matthew Porter, David Massari, Eheleute Sarik und Gerda Wächter, der lange schon im Ruhestand sitzende Doktor Nebel, Mathilde vom Felde mit ihrem Begleiter Walter, Frietjof und seine beiden Partnerschaften Valentina und Alexander.

Die Protagonisten stehen schon heute fest, doch wohin sie das Jahr 2017 führen wird und in welcher Konstellation sich die Gesellschaft zum Jahresende befinden könnte, werden erst die kommenden Wochen nach und nach zeigen.

ZWEITAUSENDSECHZEHN: Jahresrückblick

ZWEITAUSENDSECHZEHN: Jahresrückblick

ERKENNTNIS DES JAHRES

01] Alle sterben.

auch: So sad, Wrong!, Stay gay, Ich hab‘ ja nichts gegen Jahreszahlen, aber 2016!?

BEFLÜGELTE WORTE DES JAHRES

05]  Flower-Trauer-Trance

04] Clausflug

03] Fünf Autos, zwölf Menschen

02] Das Allerletzte

01] Pish-Posh!

nicht dabei: Blickdichtes Dickicht, Bergweh, Stabsstelle, Fräcker & Wänster, Naschbär, Beachbetterhavemymoney

ORT DES JAHRES

06] Reuterplatz – Berlin

05] Freilichtmuseum am Kiekeberg – Rosengarten-Ehestorf

04] Liebermann-Villa am Wannsee – Berlin

03] Windmühle – Bederkesa, Niedersachsen

02] Umgebauter Pferdestall – Rum Kogel, Mecklenburg-Vorpommern

01] Hardanger-Hochebene – Norwegen

fast dabei: Burg Bederkesa, M’Olfe – Berlin, Monbijouplatz – Berlin, BiBaBo – Waltershausen, Grunewaldsee – Berlin, Time Square – NYC, Schiffshebewerk – Niederfinow, Zerpenschleuse – Brandenburg, Frühjahrsmarkt – Hemmoor

STADT DES JAHRES

02] Bergen

01] New York City

fast dabei: Leipzig, Prerow, Waltershausen, Providence, Plau am See, Buxtehude

SPRUCH DES JAHRES

06] “Sie sind ja nicht unangenehm mit der Stimme.” – Dame bei Telefonat

05] “Du willst deine Umgebung gar nicht sehen?” – Mitarbeiter während Sehtest bei Ace & Tate

04] “Was macht der Eimer da?” – E.Schmücker am Neujahrsmorgen

03] “Ihr seht so frisch aus und strahlt so!” – Besitzerin eines Lieblingsrestaurants bei Begrüßung

02] “Vier Jahre zusammen? Das ist ja schon wie nicht mehr zusammen.” – R.Matthes‘ Reaktion im Beziehungsgespräch

01] “Der Mann hat eine Tüte über’m Arm, Mama.” – “Ja, das sind die Tütenmenschen.” Mutter mit Kind im See

nicht dabei: Was ist das für 1 life?; Sich so hart gönnen; Heute trage ich nur ein ganz kurzes Nervenkostüm; Viel Gegend um nichts; Wir gucken Youtube und Netflix, aber nicht das Fernsehen, was Oma hat; Es sind ein paar üble Gesichter an Bord

GESPRÄCH DES JAHRES

Am Dixiklostand auf der Zitadelle Spandau:

Besucherin: Entschuldigung, Sie nehmen Geld für die Dixis, reinigen Sie aber nicht? Da drin sieht’s schlimm aus.

WC-Dame: Nee. Naja.

WEISHEIT DES JAHRES

05] Keine Angst vor Wahlurnen.

04] In Niedersachsen sind Silvester und Advent dasselbe.

03] Ja und nein.

02] Queer statt Fear!

01] Einer Geschichte ihre Ecken und Kanten zu nehmen, bedeutet nicht, dass sie zwangsläufig rund wird.

nicht dabei: Schenkt dir das Leben Wein, mach’ Schaum draus.; Sonne macht noch keinen Frühling.

PERSÖNLICHKEIT DES JAHRES

01] –

nicht dabei: Terkel, Fjordpferd, Herr Weißgerber, Donald Trump, Burgtunte Roland

ENTDECKUNG DES JAHRES

05] Amerikanische Höflichkeit

04] Fjordlandschaften

03] Brillensortiment

02] Klappspaten

01] Autocampingurlaub

fast dabei: Freundschafts/Schwagerschaftswendung, Menschen im Gipsarm und in Knieschienen, Wahlprognosen, süchtig machende Duftseifen, Face Swap, Decathlon, Pokémon Go

GESCHENK DES JAHRES

01] Holzschlafgestell für das Automobil

statt: am Vortag in den Papiermüll geworfenen Karton vor der Haustür mit Notiz: Mich kann man auch zusammen falten

SONG DES JAHRES

10] Positron – Palace Winter

09] Starboy – The Weeknd

08] The Wheel – PJ Harvey

07] Love is blind – Låpsley

06] Fuck with myself – Banks

05] Thinking of him – Douglas Dare

04] Wings of love – LIV

03] One-Way ticket to breakdown – Okta Logue

02] White Water – EERA

01] Auld Wives – Bear’s Den

leider nicht und doch fast dabei: Ain’t your mama – Jennifer Lopez, die Songs der New York-Playlist, Love on the brain – Rihanna, Final Song – Mø, Protected – Keøma

ALBUM DES JAHRES

05] 22, A Million – Bon Iver

04] Island Songs – Olafur Arnalds

03] Joanne – Lady Gaga

02] In all that drifts from summit down – A Dead Forest Index

01] Long way home – Låpsley

fast dabei: The Crown: Season One (Soundtrack), Sorceress – Opeth, Heads Up – Warpaint, Diskographie von David Bowie & Prince

MUSIKVIDEO DES JAHRES

03] Big Cat – Wild Beasts

02] Get my bang – Wild Beasts

01] Lemonade – Beyoncé Knowles (HBO)

fast dabei: Ex’s & Oh’s – Elle King, Speeding Cars – Walking On Cars, Lost on you – LP, No broken hearts – Bebe Rexha feat. Nicki Minaj, Work from home – Fifth Harmony

VERANSTALTUNG DES JAHRES

05] Verdeckte Gefahren – Ein Leseabend / 04.Juni 2016, Feger, Berlin

04] Dillon & Choir / 28.September 2016, Großer Sendesaal des RBB, Berlin

03] Väterlicher 60.Geburtstag / 05.November 2016, Deysingslust, Berlin

02] Stadtwerkefest 2016 / 09.Juli 2016, Potsdam, Brandenburg

01] Himmelfahrt / 05.Juni 2016, Waltershausen, Thüringen

fast dabei: WWE live / 09.November 2016, Mercedes Benz Arena, Berlin; Juli im Advent / 18.Dezember 2016, Aquarium am Kotti, Berlin

FILM DES JAHRES

02] The Danish Girl

01] Vor der Morgenröte

fast dabei: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind, Neuverfilmung von “Das singende klingende Bäumchen”

MEDIUM DES JAHRES

03] Spotify

02] Instagram

01] Netflix

fast dabei: Audible, Wochenzeitung, WWE Network, Arte Mediathek, Bücher vom Guggolz Verlag

FERNSEHSENDUNG DES JAHRES

05] Neo Magazin Royale – ZDF neo

04] Stranger Things – Netflix

03] Mr. Robot – Amazon

02] House of Cards – Netflix

01] The Crown – Netflix

sogar fast dabei: Mozart in the Jungle – Amazon, Landesschau aktuell – SWR, Bauerfeind assistiert – 3sat

FARBE DES JAHRES

01] Schwarz

fast : Gold

nicht: Braun

GETRÄNK DES JAHRES

03] Kiba

02] Heiße Zitrone

01] Weißweinschorle

fast dabei: Cola, Kaltes Leitungswasser, Rosé, Kaffee, Cold-Brew-Allerlei

LECKEREI DES JAHRES

03] Erdnuss-Limetten-Soße

02] Georgische Pizza

01] Rotkohlwürzer

fast dabei: Pizza, Vegetarische Salami, Lebkuchen, Pizza von unten, gute Donuts, Macaroni and cheese

INSTRUMENT DES JAHRES

01] Klarinette

am Ende doch nicht: Horn

ERFAHRUNG DES JAHRES

05] Cholerisch-überbordende Nachbarn

04] Freedom Trail – Boston, Massachusettes

03] Prahmfähre – Brobergen, Niedersachsen

02] Foliage in Neuengland

01] Schwerpunkt Bürotätigkeit

nicht dabei: Bon Ivers Promo Event in der Berliner Adalbertstraße, sich ansammelnde Ratten beim Pizzaessen und Fotoshooting, Victoria Honesty, Weihnachtslieder singen

SELBSTGESCHAFFTES DES JAHRES

02] Quasi sechs Staffeln RuPauls DragRace in zwei Monaten schauen

01] Marmeladenzubereitung im Akkord

nicht dabei: Baum gepflanzt oder Haus gebaut

AUSSICHT FÜR 2017

01] Liebe ist eine oft gute Antwort.

fast: Happy New Tears.

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Beinahe Advent

Beinahe Advent

Dem Oktober bin ich längst entwachsen,
der Herbst hat für mich ausgedient,
aus Gold wächst Grau in diesen Tagen,
aus Regen Schnee, Sturm war einst Wind.

Für Licht ist nun oft selbst zu sorgen,
die Einsamkeit schaut gern hervor,
das Gestern gleicht dem Übermorgen,
es friert der See, es schweigt das Moor.

Die Ruhe ist’s, die ich benenne,
als Höhepunkt und schönen Schein,
der Winter, den ich gut schon kenne,
kann mehr als Übergang nur sein.

Das Bett ist Freund, die Küche Liebe,
und drumherum mein Wunsch nach mehr,
ein Zauber straft den Alltag Lüge,
erst im Neujahr ich mich ihm verwehr.

Juli im Advent.

Juli im Advent.

Gedanken finden ihren Weg, bestenfalls sogar den Titel zu einem angeplanten Leseabend am Kottbusser Tor. Juli im Advent? Bastard Seasoning ist mindestens ausgedacht, aber mitnichten der Diskussion unwürdig.

Es ist nicht gelogen zu behaupten, die Jahreszeiten seien ein brauchbarer Rahmen für das Leben und seine Nebenwirkungen, dienen sie doch als Alibi, Kulisse und ungeschriebenen Leitfaden zugleich. So sehr die typischen Attribute der jeweiligen Monate auch bröckeln oder deren Präsenz sich verschiebt, bedingt durch einen Wandel des Klimas, der an dieser Stelle ganz feist nicht als gelenkte Fehlinterpretation benannt wird – Sommerlektüre, Frühlingsschmuck, Herbstgesicht oder Winterruhe verbleiben als lose gewählte Beispiele für die vier beliebten Kapitel, die den Alltag mehr oder wenig sinnig zusammen halten.

Dann spreche ich mit Menschen, noch besser schreibe ich mit ihnen, und mein innerer Slogan, in Jahreszeiten zu denken sei das eine, in Jahreszeiten leben das erschwerend andere, verwischt zu einem Werbespruch ohne Halt. Womöglich ist der Juli gar die strahlendere Version des Advents, nicht unbedingt die sparsamere. Sind Mitte Dezember unsere Mitmenschen zeitlich nicht gerne ähnlich schlecht zu greifen wie zum meteorologischen Sommerbeginn? Es ist alles eins, das könnte ein Fazit sein.
Ronny Matthes, dieser studierte Germanist und Kunsthistoriker und laut offiziellen Angaben auch verantwortlich für die Pressearbeit des Berliner Albino Verlags, schreibt und denkt scheinbar auch gern und zeitenunabhängig. Den Juli fühlt er eher als warm, stinkend und bierselig. Und die Kleidungsstücke unterscheiden sich in seinem Fall auch nicht, er trägt sie rund um den Advent eben bloß drinnen statt draußen. Dem leicht gegenüber antwortet Dennis Stephan, dem laut sozialen Netzwerken eh vieles steht und welcher jenen Monat vor August als klebrig bewertet – und als ein bisschen eitel und überheblich, ohne Rücksicht auf Verluste und inklusive Weitsicht schon gar nicht. Jedoch auch als warm. Bei diesen Worten des Journalisten, der über und für Männer und den Klub der Ungeliebten schreibt, fehlt lediglich die Behauptung, dass das Jahr nie besser aussehen wird als im Juli. Und er sagt es.
Inwieweit man ein saftiges Grün gegen ein hastigen Blinken gegenüber stellen kann, muss das Werbemotiv zur anstehenden Veranstaltung beantworten, für welches Dennis sein Gesicht eher hergab statt verlor.

Andere Menschen, bekannte Ansichten

Literaturkritiker und freier Journalist Stefan Mensch verdeckt seine Ansichten zu Leben und Belieben eher selten. Er schreibt aktuell ein Kapitel, das sich in einem Schwimmbad abspielt, liest selbst ungern bei schlechtem Licht, ergo tut er dies vermehrt im Sommer. Dann auf dem Balkon, während der Winter sein warmes Bett hergibt, was er als großen Fortschritt erkennt. Als adventliche Lektüre greift er zu läppischen Adventskalendern oder Kurzgeschichten. Ich behaupte, Facebook gehört auch dazu.
Und während ich an gewollt dunkelgrün und abgedunkelt nachbearbeitete Serien denke, deren Kulisse die Schwere der Handlung und Rollen unterstützen soll, bringt Stefan es schön auf den Punkt, wenn er von der alten Idee spricht, das Wetter solle den Seelenzustand der Hauptfiguren widerspiegeln. Für ihn bedeutet gutes Wetter deshalb robuste Hauptfiguren oder Autorinnen und Autoren, denen solche Plattheiten nichts geben.

Für Sebastian Guggolz, Verleger des Guggolz Verlags, der mit seiner Auswahl an vergessenen nord-und osteuropäischen Werken nicht nur schlau fährt, sondern auch die oft unsonnigen Zustände und Epochen wählt, ist der Begriff der Sommerlektüre weniger eine inhaltliche Kategorie als eine des Umfangs. Für unterwegs und draußen dürfen Bücher gerne weniger dick und umfangreich sein. Außerdem weißt Sebastian noch mal abgeklärt darauf hin, den Jahreszeitenrhythmus zu kennen, der auf Winter wieder Sommer folgen lässt. Ohne Frage, der Herr kennt Kalender und das Leben. Da gesellt sich Denis Abrahams passenderweise hinzu. Als Lyrikkenner, freier Sprecher und Schauspieler betrachtet er Literatur unabhängig von Jahreszeiten, ohne den Einfluss dominierender Sinneseindrücke der jeweiligen Jahreszeit zu leugnen. Dennoch liest Denis diesbezüglich nicht gezielt, die Auswahl ergibt sich organisch und wird durch andere Impulse bestimmt. Wenn er aber schon mit dem Begriff der Sommerlektüre konfrontiert wird, wirft sein Hirn spontan Erzählungen von Judith Hermann aus “Sommerhaus, später” aus, auch amerikanische Erzähler der klassischen Moderne aus den Südstaaten wie Carson McCullers oder Steinbeck gesellen sich dazu.

Da hat man nun also eine Handvoll belesener und beschriebener Personen auf das Thema angesetzt, eben welche, mit denen sich eine kulturelle Veranstaltung zu lohnen scheint, und doch bin ich nicht weiter mit dem Thema oder einem persönlichen Gedankenwirrwarr gekommen. Im selben Moment sehe ich die Werbung eines Buches namens “Moritz & Ivahn”, mit dem Aufhänger: ein Sommerroman von Christian Ludwig. Damit bin ich ruhig, lüfte die Küche und trinke eine heiße Schokolade. Alles scheint eins, das sollte das Fazit sein.

JULI IM ADVENT
Sonntag, 18.12.2016
aquarium / Skalitzer Straße 6
ab 18:30 Uhr

Es lesen:
Stefan Mesch
Denis Abrahams
Sebastian Guggolz
Ronny Matthes
Christian Ludwig
Dennis Stephan
Nico Reinhold

Foto: Saskia Kyas

Modell: Dennis Stephan

Juli im Advent

Juli im Advent

In Jahreszeiten denken ist das eine,

in Jahreszeiten leben das erschwerend Andere.

Ist der Sommer tatsächlich bloß die Abwesenheit vom Winter?
Am Abend des 18.Dezember wird das in hübsch-belesener Runde geklärt oder zumindest mit gut gewählten Kurzgeschichten und Versen aufgegriffen.

Das Rosegarden Magazin und der Albino Verlag holen mit der Leseveranstaltung “Juli im Advent” inmitten der ausladenden Vorweihnachtszeit für einen Abend lang den Sommer zurück an den Kotti.

Dank der Beiträge – vorgetragen von Stefan Mesch, Sebastian Guggolz, Denis Abrahams, Christian Ludwig, Ronny Matthes und Dennis Stephan – ist man plötzlich da, wo Sonne und endlose Sitzungen im Freien eben nicht zynisch erscheinen.

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Rosegarden Magazin & Albino Verlag

präsentieren

JULI IM ADVENT

Sonntag, 18.12.2016

aquarium / Skalitzer Straße 6

ab 18:30 Uhr 

Stefan Mesch

Denis Abrahams 

Sebastian Guggolz 

Ronny Matthes 

Christian Ludwig 

Dennis Stephan 

Nico Reinhold

Letzte Hochrechnung – den Menschen ein Wohlgefallen.

Letzte Hochrechnung – den Menschen ein Wohlgefallen.

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1. Verbeuge dich vor Neuigkeiten, die unwahr scheinen.

2. Leugne niemals deine Neigung zu Ausgrenzung und Verletzung auf großer Bühne.

3. Beachte dabei stets die Perfektion von Dilettantismus, der nach gleicher Augenhöhe riecht, sowie nach Mut zum Fehler schmeckt.

4. Unterschätze niemals den Hang zu Gefahr und verdrehter Blickweise.

5. Behüte dabei die Gier nach Hoffnung, nicht für die anderen, doch für dich allein.

6. Verlerne das Wort Schuld zu schreiben.

7. Sieh dich als Teil der Geschichte – der Untertitel fehlt dazu.

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