Wahltag 2017.

Wahltag 2017.

Sie schauen dich an oder auf dich,

schreiben von Mut, meinen gar Wut.

Werben für Stimmen, die sie nicht gewinnen.

 

Sie schauen mich an oder auf dich,

schreiben vom Leben, das sie für uns bewegen.

Verlangen ein Kreuz. Bereut’s? Bereut’s!

 

Es geht um Richtung bestimmen,

bestenfalls sich der Zukunft und Demokratie zu besinnen.

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

Nichts außer Wetter und Demonstrationen.
Für Auswege fehlten Matthew Porter die Mittel, und dies in jeder Hinsicht. Die Stadt zu verlassen war jene Empfehlung, die ihm niemand persönlich übergeben wollte oder bereit war, das Gespräch in eine solche Richtung zu lenken. Das geringe Einkommen der letzten Wochen schürte Unzufriedenheit und immer wieder Situationen, die Matthew verdrängen musste.
Diane hielt sich länger schon fern. Die Hundehaarallergie schien ein optimales Alibi, wenn die Ausrede der anstrengenden Proben und derzeitigen Vorbereitungen im Atelier sich zu sehr häufte. Meist traf sie sich mit David zu zweit, in Bars ohne Namen und an Abenden ohne Ergebnis.
David Massari überhaupt. Er war ihm nicht mehr der Freund von vor neun Wochen. Der tolerierte, dass Matthew eine vorgelebte Struktur brauchte. Der akzeptierte, dass Matthew Geheimnisse mit sich trug, die ihm den Alltag erschwerten und Berlin zu der Herausforderung machten, die so oft schon besprochen scheint. Ein David, der ihm aus dem Weg ging, gar aus den Augen trat.

Von oben schüttete es Wassermassen, die unwirklich schienen. Das hielt die Menschen keineswegs ab, in Trauben mit aufgeweichten Plakaten von der Nebenstraße her ihre Route abzugehen. Matthew drängelte sich an den Blockaden vorbei, entlang der Hauswand. Sein Mobiltelefon war tagelang schon defekt, so war er wie abgeschnitten von der Runde, die sich heute auf der Dachterasse treffen wollte, nun aber auf engstem Raum bei Frau vom Felde saß und zu Hawaii Toast, Espresso und Korn Abschied vom Doktor nahm. Worte waren rar gesät, während all die aufgebaute Zwietracht weit im Gestern schien. Die Gemeinschaft fühlte sich einmal wieder als solche. Dem einen stand das schlechte Gewissen im Gesicht, der nächsten die Unsicherheit. Es wurde auf dem Hinweg in Gruppen schon aufgearbeitet, manches gemutmaßt und Altes vor der Haustür in losen Worten begradigt. Mittendrin eine Frau Kluge, welcher der Tod des Doktors die meiste Veränderung bescherte.

 

Im Keller hatte sie die Backbücher ihrer Familie zusammengesucht, seit Wochen alle möglichen und scheinbar unmöglichen Rezepte ausprobiert, Edgar aus Biesenthal, Frau Gleisen und der völlig überforderten Tilly mehrstöckige Torten und simple Teigknödel überreicht. Alle drei brauchten ihre Zuneigung, ob im Brandenburger Garten oder auf den Stufen der Wohnung am Märkischen Ufer. Maren hatte keine Zeit zum Suchen, fand sie sich tagein tagaus bei ausgemachten Treffen oder spontanen Besuchen. Hennes hatte längst die Übersicht verloren, wann er Maren zu Gesicht bekommen konnte. Wartete zu Hause, häufig zusammen mit Valentina, die in ihrer Wohnung kein Auge zu bekam – von ihrem Kind ganz zu schweigen.

“David, einer fehlt. Hast du etwas von Matthew gehört, kommt er denn noch?”

Das Schulterzucken und Kopfschütteln war Antwort genug. Er war froh, dass Hennes keine zusätzlichen Fragen stellte. Ja, er wünschte sich geradezu, Matthew Porter heute nicht mehr zu sehen. Ihn nicht mehr plötzlich beim Aufwachen neben sich aufzufinden, bei Nacht und Nebel irgendwo abholen zu müssen oder im Hausflur zu überreden, den Ärger mit den Nachbarn ruhen zu lassen.
Ein spezielles Anliegen schwebte so lange schon über ihm, dass er Matthew heute ansprechen müsste, würde er ihn sehen.

Maren Kluge verteilte Erinnerungskarten zu allen Seiten, schön gedruckt und geschmackvoll gestaltet. Heute war Doktor Nebel mehr zugegen als an allen bisherigen Treffen zusammen. Mathilde war drauf und dran, ein Lied anzustimmen, doch Wolter hielt sie vorsichtig davon ab. Erst am Vortag hatte Frau vom Felde etliche Stunden voll von Nostalgie verbracht, in Erinnerungen gewühlt und gegen die nie gänzlich versteckte Angst vor dem Tod gekämpft. Wolter war mit seiner Person um Ablenkung bemüht.

Gegen den anhaltenden Lärm von draußen wären sie allesamt nicht angekommen. So stand Sarik unerwartet auf, sehr zur Überraschung seiner Frau, und setzte zu bedächtigen Worten an. Das schien überlegt, nicht aber inszeniert. Ein Alarmsignal zerschnitt das Vorhaben und hastige Stimmen vor der Wohnungstür riefen, alle hätten sofort das Haus zu verlassen. Hatte Mathilde noch eben Handtücher auf allen Fensterbänken verteilt, um den beachtlichen Regen fern zu halten, winkten die Reinerts nun die Gesellschaft aus dem Wohnzimmer. Das passte zeitlich zu gut, war das Schwesterngespräch zuvor in eine Richtung verlaufen, die Claudia als unangenehm empfand, erkannte sie in Barbaras Unterton niemanden geringeres als ihre Mutter.

 

 

Der Keller war nur einer von unzähligen, die in kürzester Zeit vollgelaufen waren, ebenso sprangen Menschen ängstlich aus anliegenden U-Bahnschächten und reihten sich Busse bewegungslos bis zur nächsten Kurve.
Valentina schloss die Augen, hielt ihre kleine Anne unter der Strickjacke fest an sich, während alle anderen mit Schirm und Kapuze im Hofgang nach Unterschlupf suchten und das Auseinanderhalten von Demonstrierenden, Polizei und Rettungssanitätern kaum noch möglich schien. Alexander rief immer wieder nach seiner Freundin. Frietjofs Blick hatte an Zorn zugenommen, doch Valentina blieb im Wasser stehen und reagierte auf nichts von alledem. Sie hatte sich mit ihrer Rolle arrangiert, doch war erbost, wie wenig feinfühlig der eine und wie wenig eigeninitiativ der andere Freund ihr seit der Geburt entgegen trat. Für sie wurde es zu einer Bestätigung. Eine Bestätigung dafür, dass alles Zurückliegende nur unverbindliches Vorspiel war. Sie waren da, immer wieder und sicherlich auch frei von Pflichtempfinden. Davon abgesehen taugten sie kaum als motivierende Partner und Hilfe. Waren im Licht des jungen Mutterseins nichts weiter als kleine Jungs, denen die altgewohnte Aufmerksamkeit zu sehr von Anforderungen übertönt wurde. Welch eine Enttäuschung.
Schmerzhaft und totalitär wurde diese akute Erkenntnis durch ein Erlebnis, mit dem sie zum heutigen Treffen gekommen war. Angetippt wurde sie von hinten, nachdem sie versuchte, ihren mehrmals gerufenen Namen zu überhören.
Der Tag würde kommen, dessen war Valentina sich bewusst. Die Stadt war auch bloß eine Sammlung von Ortschaften. Sie erkannte Manon, drehte sich um und flüchtete hinter einen Transporter, der in ausgerechnet diesem Augenblick ausparkte und Manon die direkte Sicht auf Valentina ermöglichte. Der Moment schmerzte. Da half nicht das eigene Kind am Körper, nicht Lärm und tiefe Wolken. Ertappt fühlte sich Valentina, ganz nackt und ausgeliefert.

Währenddessen hangelte sich Matthew von Bar zu Kneipe. Verließ meist vor der Diskussion, bestellte Getränke gehörten auch bezahlt und nasse Kleidung nicht unter dem Tresen ausgewrungen, das jeweilige Lokal und fluchte in die vollen Gassen.
Er musste schon zweimal schauen, als er Valentina abwechselnd laufen und stehen sah, die mit der großäugigen Anne sprach und zeitgleich eine Polizistin abwies. Die bekannte Truppe in Sichtweite blieb Matthew verborgen, so bat er, sie solle doch mit ihm kommen. Meinungsfrei folgte Valentina. Mehr und mehr stank es nach Abfluss und veränderte sich das strömende Wasser zwischen Bordstein und Baustelleneinfahrten. In anderen Stadtteilen konnte man gewisse Unterführungen nur noch schwimmend durchqueren, junge Leute warfen jubelnd mit Glitzer um sich, sangen ironische Lieder, wieder andere feuerten Matthew und Valentina von einem Autodach aus an, der Feuerwehr den Weg zu versperren. Sie rannten in einen Hauseingang, dessen Tür offen stand.

“Es geht ihr gut. Sie ist Aufregung gewohnt. Ich sollte sie aber bald umziehen. Hörst du mir zu?”
Da trat eine Frau in den Flur, war scheinbar kurz zuvor aufgewacht. Sie schaute an den beiden vorbei, um sich des Trubels zu vergewissern. Das ernste Gesicht wurde bald besorgt, als ihr die durchnässte Anne auf Valentinas Schoß auffiel. Wenn die Schuhe auf dem Abtreter gestellt würden, dürften sie sich bei ihr abtrocknen. Recht war Matthew das Angebot weniger, war ihm die kratzig-spröde Art der Unbekannten zuwider. Für ihn klang jedes ihrer Worte wie ein Vorwurf. Er wartete darauf, noch für das Unwetter verantwortlich gemacht zu werden, nachdem er mit halbem Satz als schlechter Vater tituliert wurde. Valentina hingegen hörte nicht zwischen die Zeilen, bedankte sich im Badezimmer zum dritten Mal bei der Frau, die noch immer deutliche Abdrücke ihres Kissens auf einer Gesichtshälfte trug, während das Radio vergessene Schlager spielte.

“Wir können uns nicht in die Stube setzen, da wurde gemalert. Die Küche ist eng, aber für Sie reicht es. Möchten Sie ein Taxi bestellen? Quatsch, es fährt ja nichts. In einer Stunde bekomme ich Besuch, bis dahin können Sie bleiben, es gibt Leitungswasser.”

Matthew hielt das Kind, während Valentina sich die Haare föhnte. Er betrachtete sich das junge Stück Leben, sein Kopf dröhnte leicht und sprach Valentinas Baby an, als die Frau den Raum verlassen hatte.

“Wollen wir tauschen? Was sollst du da jetzt sagen. Ich würde es sicher auch nicht wollen. Genieß die Familie, solange es eben geht. Irgendwann möchtest du vielleicht auch mit jemandem tauschen, wenn die Probleme größer werden als du selbst. Ich hör’ schon auf, deine Mama kommt.”

 

 

Eine halbe Stunde später – Valentina hatte Matthews zunehmend lautere Stimmlage mit jeder neuen Frage kaum wahrgenommen – stand die Mieterin hinter den beiden und forderte ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Wie aus heiterem Himmel zeigte sie Richtung Korridor, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie sich unwohl mit ihm im Haus fühle und Valentina ihren Umgang überdenken solle. Er wurde grantig, hoffte auf Valentina, doch die sagte nichts und blieb ruhig an der Tischkante sitzen.

David Massari stand in der Küche, hatte soeben noch mit seinem Cousin geschrieben und trank bereits an der zweiten Wasserflasche. Er warf seine nasse Kleidung in die Waschmaschine, während er eine monotone Stimme vernahm. Sie kam aus seinem Zimmer und war ihm bekannt. Zur Seite gedreht lag Matthew auf dem Boden und sprach mit geschlossenen Augen. Einerseits traf David das Bild wie jedes ähnlich seltsame der vergangenen Monate. Dann wiederum kam eine Wut in ihm auf, die erst leicht köchelte, bald aber seine Arme ausstrecken ließ und den Schlafenden schütteln ließ. Er solle aufwachen, sein Zimmer verlassen, seine Probleme in den Griff bekommen und sich überlegen, wie und ob das hier so weitergehen solle. Matthew war längst aus dem Traum erwacht, hatte eine von Davids greifenden Händen an seiner Schulter beobachtet.

“Bin ich dir so sehr im Weg? Ich war zufällig in deinem Bett eingeschlafen. Ja, ich zieh’ die Schuhe aus, du magst das nicht.”

“Das ist es doch eben. Alles ist zufällig, ständig wird etwas vergessen, woran wer auch immer schuld ist. Es gibt Ausreden und Erklärungen, aber mit all dem passiert nichts. Es gibt keine Konsequenzen. Muss ich die für dich ziehen?”

Erschrocken setzte Matthew sich im Bett auf, blickte zu seinem Mitbewohner, den er in einer derart angespannten Verfassung bis heute nicht erlebt hatte.

“Was soll ich denn tun? Ich bin dir so dankbar, das weißt du.”

“Bitte lass’ meine Familie in Ruhe. Ich habe es mir lange überlegt, aber nun behalt’ ich es nicht weiter für mich. Mein Vater hat sich gemeldet. Er ist verwundert über die Anrufe, meine Mama über die vielen Mails und Postkarten. Es freut mich, dass du meine Familie so ins Herz geschlossen hast, sie irgendwas mit dir gemacht haben, seit ihrem Besuch. Aber es ist eben meine Familie, meine Eltern. Dieser Kontakt, diese Nähe von dir, die ist aufdringlich und unpassend. Du musst das unterlassen, wirklich.”

Mit dem Paar nasser Schuhe in den Händen stand Matthew vor David, musste schlucken und sich die Locken zurecht schütteln.

“Ich wusste nicht, dass es zuviel ist. Das hört auf, ich verspreche es. Ich wollte niemanden beleidigen, David, höchstens nett sein. Ging das nur von mir aus? Ich würde eben so manches geben, um diese Familie zu haben. Soll ich gehen?”

Dazu konnte Matthew nichts sagen. Er fühlte sich mit einem Mal erleichtert und befreit in einem und sehnte die Minute herbei, in der sich Matthew freiwillig verabschieden würde. In jener Szene im Flur, mit Matthew als einen wehrlos Geschlagenen, der orientierungslos die Zimmer abging, wurde David geradezu von einem schlechten Gewissen umzingelt. Er konnte die Sätze nicht zurücknehmen, die Wut nicht ungeschehen machen. Birko trottete David müde entgegen, schnalzte mit der Zunge und blieb vor ihm stehen. Nichts außer Wetter und Demonstrationen.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

Sie waren kaum zu entziffern, mit ihrem Schwung und wechselnden Größen. Sie waren kaum zu verstehen, mit ihrer Geradlinigkeit und wiederkehrenden Aussagen.

Maren Kluge hatte den Brief, den sie nicht gleich als eine Antwort auf Ihre Post verstand, immer mal wieder zur Hand genommen, zur Seite gelegt und an diesem Morgen erneut auseinander gefaltet und mit dem Zeigefinger abgeglichen.

Sie hatte vom Absender geträumt, war zumindest mit seinem Bild im Kopf an die Bettkante gerutscht und zum Klavier gelaufen, um sicherzugehen, dass er dort nicht tatsächlich saß. Frau Kluge überkam das Gefühl, ihn sehen zu müssen, ein paar wenige Worte zu wechseln. Falsch, er könne ihr helfen. Unterbrochen von Hennes, der kurz in die Wohnung kam, nach einem Ersatzschlüssel für sein Fahrradschloss suchte, Maren im Lauf zügig über die Schulter strich und sie bat, den Abend nicht zu vergessen. Es war einer der drei Wochentage, an dem sie ihre freie Zeit nur für sich einplanten. Für mehr Verbindlichkeit und Gemeinschaft. Mehr Beziehung. Eingeführt und erbeten von Hennes, war es für Maren eine lieb gedachte Geste, die bisher eher eine holprige Umsetzung erfuhr. Was an beiden lag, doch keinen der beiden überraschte.

Die Straßen waren leerer als üblich, selbst der Lärm wollte dem Alltag nicht gleich ziehen. So lief Maren an Neubauten vorbei, die ihr fremd waren, über Umwege zum Märkischen Museum, an dem sie erstmals zu einer Pause Platz nahm und Steine aus den Schuhen sammelte. Eine Dame parkte zügig im Halteverbot, ging an ihr vorbei, kam zum Wagen zurück, verschwand erneut und hatte schließlich ein Handtuch um den feuchten Nacken gelegt, war wohl der bereits dritte Koffer zu verstauen. Als Maren aufstand, um Richtung Haustür des Doktors zu gehen, schritt sie parallel mit der Dame zum selben Ziel. Die drehte sich im Gang um und blickte Maren entgegen.

“Sie verfolgen mich. Könnte ich den Grund erfahren?”

“Ich schätze, wir kennen uns. Ich war auf dem Weg zum Doktor. Wohnen Sie nicht auch hier? Sie hatten uns doch damals empfangen, bei einem Essen. Erinnere ich mich richtig, Frau Gleisen?”

Das tat diese sehr wohl. Hatte Maren kaum wiedererkannt und doch auf ein Gespräch eingelassen. Zögerlich musste sie darauf hinweisen, Doktor Nebel hier nicht mehr antreffen zu können. Er hätte sich gegen die Stadt entschieden, für Ruhe und Grün. Maren verwies auf die Post, die sie erhalten hatte. Auf den dringlichen Wunsch, einige Sachen klar zu stellen.

Es war nichts zu machen. Weder bat Frau Gleisen an, ihr die neue Adresse vertraulich zuzustecken, noch zeigte sie auf den leeren Platz auf ihrem Beifahrersitz. Die Konversation wurde gekappt, Maren fragend stehen gelassen. Bis sie ein parkendes Taxi in der Ferne sah, zu dem sie sich gefühlt unauffällig hinstahl und den Fahrer bat, der Frau im Dieselwagen zu folgen.

 

Das war nicht mehr Berlin. Es roch nach Harz oder altem Grill, lieblich und herb. Der Taxifahrer hatte das Dachfenster geöffnet und mit dem Blick zum aktuellen Kilometerstand noch einmal nachgefragt, ob Frau Kluge tatsächlich weiter gefahren werden möchte. Das Auto vor ihnen hatte manche Schlenker eingebaut, einen Feldweg und ausgedehnten Halt hinter einer Bahnschranke. Maren trug Geld in der Tasche, wohlweislich ausreichend. Als sie von ihren frisch gecremten Händen aufblickte, sah sie ein Ortsschild, bald die Bremslichter vor sich, insbesondere aber Frau Gleisen, die anhielt und das Gepäck vor den Eingang eines Gebäudes stellte, das für eine Datsche zu groß und für ein gewöhnliches Landhaus zu massiv war. Eine Wehrmühle – wie der Fahrer vom Navigationssystem ablas. Ihm wurden Geldscheine, ein paar Bonbons und ein herzliches Dankeschön nach vorne gereicht. Dann verließ sie das Taxi und ging einen anderen Weg, um unerkannt zu bleiben. Der Moment war noch nicht der rechte.

Der Doktor saß auf der Wiese, die sich noch immer über das bißchen Wasser von letzter Nacht erfreute. In einem Liegestuhl hatte er die Beine überschlagen, das Gesicht zu den schleiernden Wolken gerichtet und sprach mit dem Nachbar, der mit Gehstützen am Zaun stand und sich nach dem Befinden erkundigte. Von Frau Gleisen, welche im Haus bereits schnell das Mitgebrachte verstaute und ein paar Eier in die größte Pfanne warf, bemerkten die Herren nichts. Der Doktor nahm die Tageszeitung vom Vortag zum Drittlesen entgegen. Lobte die reiche Ernte im Nachbargarten und entschuldigte sich für das unsortierte Einerlei auf dem eigenen Grundstück. Dann nahm er das Angebot zum verfrühten oder verspäteten Grünkohlessen gegen Sieben an und blickte zur Straße, wo eine Dame scheinbar länger schon stand, um gesehen zu werden. Er atmete nicht schwer durch, sobald er Maren Kluge erkannt hatte. Die Leichtigkeit des Tages war nicht dahin.

“Sie hätten sich nicht den Weg hierher machen müssen. Ich freue mich dennoch. Bitte klappen Sie sich einen Stuhl auf, ich brauche dafür ewig.”

Er schien nicht verwundert, Maren Kluge in Biesenthal zu sprechen. Vielleicht hatte er es gar ein wenig gehofft.

“Ich kann gar nicht sagen, ob dies der richtige Augenblick ist, um ein wenig zu sprechen. Es ist so herrlich hier, ruhig und unglaublich warm. Besser wir verschwenden keine Energien unnötig.”

Während Frau Gleisen sich unbemerkt davon stahl, das Essen einfror, nachdem sie aus dem Küchenraum her Doktor Nebel und seinen Besuch etwas verloren in der Schwüle zu Gesicht bekam, versuchte Alexander Maren telefonisch zu erreichen. Der Grund war ein ernster. Valentinas erste Wochen als Mutter taten alles, um nicht als glücklich zu gelten. Schmerzen, Übelkeit, Kreislauf. Frietjof hatte gerade zu dieser Zeit Probleme mit unklaren Finanzen und eben Alexander mit seiner Wohnungsgenossenschaft und dem Säugling, dem all die Unruhe nicht verborgen blieb. Maren lugte kurz auf ihr Telefon, stellte es stumm und willigte nickend dem Angebot des kleinen Spaziergangs ein.

“Keine Angst, ich werde ihnen nicht versuchen, die Ecke hier schmackhaft zu machen. Das muss man mögen. Viel Laub und Mücken. Aber falls Sie die anderen sehen, bringen Sie gerne mein Grundstück noch einmal auf den Tisch. Im Sommer wechseln oft die Ansichten und Interessen.”

Mehrere Male war Maren kurz davor, den Doktor zu halten oder Stütze anzubieten, so wacklig sich der Weg über die Wurzeln nach und nach auftat. Doch mehr hörte sie ihm zu, erschlug Insekten auf eigener Stirn und Handrücken.

“Ich wollte mich viel früher entschuldigen, für mein spätes Melden. Ich hatte das Schreiben verlegt. Denken Sie denn noch immer so? Bei mir ist es vorüber. Die Angst vergeht. Jetzt bin ich hier, das ändert vieles.

Wundern Sie sich über die Plaketten da an den Bäumen? – Ja, dort auch. Und hier ein Kranz aus Tannenzweigen. Wir sind im Ruheforst. Da hinten liegt Edgars Frau. Heute braucht sie sich keine Gedanken um nasse Füße zu machen.”

Diese Information mutete ihr nicht geheuer an. Und als sie bald schweigend unter den nummerierten Buchen und Linden mit zeitweise eingezogenem Kopf schlenderten, war Maren froh über die Lichtung in Sichtweite. Nun war nichts mehr zu unterdrücken, es war verschwunden.

Ein Reh graste ungestört am Feldrand. Der Nachbar Edgar hatte großzügig für Abendessen gesorgt. Im gesamten Haus lagerte Ernte der letzten Jahre, eingeweckt oder lichtfern verstaut. Maren versuchte das unsaubere Geschirr zu übersehen und sich an der kleinen Runde zu erfreuen. Immer wieder fiel Edgar etwas ein, das ihn zurück in das Haus schlürfen ließ. Manchmal schien er verärgert über sich selbst, bat um Nachsicht und schenkte die Gläser entschuldigend bis zum Überlaufen voll.

“Ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn. Schauen Sie sich ihn nur mal an. Er brütet was aus oder schleppt etwas mit sich.”

 

 

Letztlich verhielt es sich bei Edgar eben so wie bei Doktor Nebel. Vorsorge und Abklärung verblieben Theorie. Es wurde um viele Neuerungen aus dem Katalog der Wehwehchen geplaudert, insbesondere wenn es die anderen betraf.

Als Edgar mehr als zehn Minuten nicht an den Gartentisch zurückkehrte, versuchte der Doktor das Thema auf sein Klavierspiel zu lenken. In Biesenthal übte er jeden Abend auf einem kleinen Keyboard, hoffte dabei, niemand würde seine peinlichen Fehler von draußen hören können.

Maren wurde müde, hatte auch die Zeit vergessen und wollte dem Thema entgehen, wo sie über Nacht bleiben könne, als ein Feuerwerk aus dem Nachbarort über der alten Mühle zu sehen war. Sie stand mit dreimaliger Verabschiedung neben dem Doktor am Geländer. Beide wollten etwas sagen und doch blieb es bei allgemeinem Austausch, der niemandem etwas abverlangte.

Die Wohnstube ließ Frau Kluge so lange schlafen, wie sie es aus der Stadt nicht mehr gewohnt war. Mit einer Wolldecke über den Schultern trat sie hinaus auf die Terrasse, wo der Doktor auf einem Holzstuhl saß und den Kopf immer wieder nach vorne fallen ließ. Maren schritt an seine Seite und flüsterte ihm leise zu, sich um frische Brötchen kümmern zu wollen. Da blickte der Doktor lächelnd nach oben und bat, sie solle doch auf dem Rückweg einmal kurz bei Edgar klopfen. Es wäre gar nicht seine Art, sich bis zum Vormittag nicht im Garten blicken zu lassen.

Widerwillig rief Maren nicht nur Hennes zurück, der schon aufgeregt Freunde und Bekannte abtelefoniert und schlaflose Stunden hinter sich hatte. Auch mit Alexander sprach sie kurz. Ihren Aufenthaltsort verriet sie beiden nicht. Mehrmals musste sie beteuern, dass es ihr gut ginge und sie bald wieder nach Hause käme. Innerlich war sie überzeugt, die Zeit und Kraft für die anstehenden Sorgen und Themen bald zu finden, während der Bäcker sich an seinem Stand Zeit für das Einsortieren der Mohn- und Laugenbrötchen nahm und Maren darauf hinwies, dass die Uhren in Brandenburg jeden Tag etwas langsamer ticken würden. Er wünschte guten Appetit und gab heimlich noch zwei Stücken Butterkuchen vom Vortag in die Tüte.

Auf den letzten Metern wurde Maren sich bewusst, dass sie noch immer auf die Konversation mit dem Doktor wartete, wegen der sie gekommen war. Die ihr Denken zu ändern bereit war, letztlich das unterstrich, was sich ihr in den letzten Wochen bereits freudig andeutete.

Sie wurde fremd gegrüßt, trug noch immer die Münzen in einer Handfläche und ihre Schritte nahmen an Geschwindigkeit zu. Sie und ihr Magen freuten sich auf Marmelade und Butter als sie beim Nachbar Edgar anklopfte, bald flüsternd eintrat und in einer kleinen, stickigen Kammer jenen Edgar sitzen sah. Neben ihm Frau Gleisen, die ihre Ellenbogen auf dem Tisch abgestellt hatte und mit den Fingern die Augen verdeckte. Die erahnte Atmosphäre war Trauer. Die geschwollenen Augenringe Edgars frisch.

Rasch trat Maren vom Grundstück und lief dem Stuhl entgegen, auf dem der Doktor sitzen musste. Und genau so war es. Er saß dort, angelehnt und ruhig. Derart ruhig und still, dass Maren die Münzen aneinander rieb, während ihrer wiederholten Sätze. Sie erschrak nicht, schrie nicht auf. Sie zog sich einen weiteren Stuhl an den Doktor heran und berührte seine faltigen Hände, die keine Wärme mehr spendeten. Wie sie da saß, mit langem Einatmen und kurzen Schlucken, kamen ihr die Sätze vom Vortag ein. Frau Gleisen hatte sich mit Edgar in die Sonne gestellt.
Die Angst vergeht. Nun war Maren hier, das änderte vieles.

 

 

 

Text: Christian Ludwig
 Fotografie: Saskia Kyas
Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten. Allein schon um die innere Aufregung gering zu halten.
Ebenso um dem äußeren Chaos Einhalt zu gebieten. Ich fühle was, das du nicht siehst, schrieb jemand auf die Betonfläche vor dem Hauseingang.
Die Sonne war seit Tagen ein konstanter aber schlechter Berater, dennoch folgten die Schwestern dem Lauf der Schönwetterseite, verbrachten ihre freien Stunden wie gewohnt miteinander. Doch ein wichtiger Punkt war anders – sie trauten sich nach draußen, unter Menschen, die nicht der Arbeit oder Familie angehörten. Ihr Weg führte aus dem Treppenhaus am Fahrradhaus vorbei und entlang bis zum zweiten Hinterhof. Eben da hatte eine neue Nachbarin sich samt Gartenmobilar und essbaren Kleinigkeiten eingefunden und zum dritten Abend in Folge geladen. Sie dirigierte die Interessierten gekonnt, mitunter etwas herrisch, aber das schmerzte die wenigsten Leute vor Ort.

Die Reinerts hatten es prinzipiell nicht so mit der Nachbarschaftspflege, blieben unter ihresgleichen, schlossen die Türen eher früher als später, um Gespräche zu umgehen oder weitere soziale Erwartungen erfüllen zu müssen. Wenn man sich selbst kaum kennt, öffnet man sich ungern den Fremden, hätte da jemand passenderweise auf den Boden zuschreiben können.
Doch mit Ellis verhielt es sich gezwungenermaßen etwas anders. Die klingelte neulich unangekündigt. Stand ganz selbstverständlich da. Fragte nach Milch, erzählte von ihrer Zeit im Norden, die sie viel früher hätte beenden sollen, überrumpelte die Geschwister mit einer sympathischen Wucht, der man mit Abstand kaum begegnen konnte.

 

 

Inzwischen kannte man Barbara und Claudia schon mit Namen, wenn auch die Verwechslungen sich häuften. Wurden sie wiederholt von benachbarten Mietparteien befragt, ob sie ebenso neu eingezogen wären, blickten sie peinlich berührt beiseite, wollten das siebenjährige Jubiläum vor Ort ungern erwähnen. Ellis brachte unerwartet und innerhalb von nur drei Tagen eine neue Stimmung in die Hausgemeinschaft, die heute, mit Cava-Orange und Spießchen in Greifweite, noch als ein lieb gemeintes Geschenk aufgefasst wurde. Doch nicht wenige wünschten nach Mitternacht die bewährte Unverbindlichkeit zurück, befürchteten für den Sommer die Einweihung einer Hausgärtnerei, gar eines Spieltrupps oder der ungelernten Nachbarschaftshilfe. Die Geschwister Reinert jedoch hatten ihre Plätze an der verwachsenen Efeuwand ohne Skepsis eingenommen, sich nicht gehässig an den flüsternden Kommentaren zur sicher folgenden Rechnung der Hofsitzungen beteiligt.

“Wie denn, ihr wollt schon los? Es ist doch erst Sieben und mein Kühlschrank noch voll. Tut mir das nicht an. Für heute hat sich sogar unser Vermieter angemeldet, das sollten wir nutzen.”

Barbaras Blick zur Uhr war keine Attrappe. Das Ehepaar Wächter rief zum Nachmittag durch. Es schloss sich eine Diskussion an, die das ausbleibende Melden der Gruppe zum Hauptthema machte. Es gestaltete sich kompliziert. Gerda war nicht gewillt, sich bei Hennes zu melden, Claudia wiederum bügelte den Kontakt zu Valentina ab, der Doktor hingegen wurde überhaupt nicht erwähnt. So kam es erstmals zur Situation, dass die Gemeinschaft in zwei Lager geteilt war, wenn nicht in drei.

Wolter müsste längst bei Tochter und Enkelkind angekommen sein, zusammen mit Mathilde vom Felde und einer anhaltenden Regenperiode über halb Skandinavien. Ihre Reise, im wilden Wechsel zwischen Bus, Fähre und Bahn, gestaltete sich weitaus weniger beschwerlich als es die ersten Tage in der Fremde tun sollten. Ganz nebenbei packte Mathilde lebhafte Anekdoten aus Jugend und Studientagen aus, die Wolter eben nicht als Kritik an seiner Lebensführung oder gar Konkurrenz aufzufassen hatte, sondern für sich als das annahm, was sie waren – die nächsten Stufen des tatsächlichen Kennenlernens.

 

 

“Tilly. Mir wäre dieser Name kaum wieder eingefallen. Ein kleines Mädchen, das uns alle schweigend beäugt hat und plötzlich nie mehr auftauchte.”

“Barbara, ist es nicht das, was die anderen auch von euch denken? Ich wollte es gerne für mich behalten, doch wenn es schon um Ehrlichkeit geht, um offene Worte, bitte ich doch um Konsequenz. Ich weiß sehr wohl, dass Valentina von mir so wenig hält wie von euch, Frau vom Felde mal ganz außen vor. In der Woche Urlaub jetzt habe ich mir so meine Gedanken gemacht und erkannt, dass wir immer schon eine Gruppe für uns waren.”

Claudia war skeptisch, ein wenig verärgert über Gerda Wächters Worte. Die Verbindung, die da herbei gesprochen werden sollte, sie schien Claudia vergiftet. Weniger hinterfragte sie das Vertrauen, das man in das Ehepaar Wächter setzen konnte, mehr noch zeigte sie sich enttäuscht über die Situation, dass sie hier nun zu viert saßen, in einer Kneipe auf halber Strecke von beiden Wohnungen aus, mit unversöhnlichen Worten, aufschäumenden Gedanken.

“Es kann und darf nicht umsonst gewesen sein. Und weiß ich denn, wie ich die Monate verbracht hätte ohne unsere Treffen, so wechselhaft die Stimmung auch war? Eben. Ich möchte schon wissen, was Wolter von seinem Besuch zu berichten hat. Mir ist auch nicht egal, wie Valentinas Kind heißen wird oder ob sich der Doktor mit seinem Auftritt nicht einfach mit einem Knall aus unserer Geschichte schreiben wollte.”

 

 

Ihre Schwester nippte am Ginger Ale, betrachtete Claudia dabei verbissen und musste gar nichts sagen, da Sarik ihr zuvor kam.

“Ja, da hört man es doch. Du sprichst von ihnen, was mit den anderen passiert, wo aber spielst du eine Rolle darin?”

Der Wirt brachte das Essen in unangemessenen Portionen an den Tisch, schwitze ähnlich stark wie Gerda Wächter, deren Unzufriedenheit spürbar zunahm. Sie stach in den Kartoffeln umher, fuhr in ihren Schuhen auf und ab. Ihr Mann wünschte verspätet einen guten Appetit.

“Jeder hat seine Rolle. Bin ich die stille Nebenrolle, soll es ebenso sein. Die bin ich im Alltag doch nicht weniger. Wir haben eine neue Nachbarin. Ellis. Sie tauchte auf und hat Barbara und mich großartig empfangen, all das Anonyme im Haus quasi auf den Kopf gestellt. Ja, sicherlich wird sie sich damit Feinde machen, viele riechen da Hintergedanken. Ich möchte das nicht. Entschuldigt mich.”

So hatte Barbara ihre Schwester selten erlebt, insbesondere vor Mitmenschen, die nicht Teil der Familie waren. Sie wohnten so viele Jahre schon zusammen, ihre Mutter hatte ihnen die Wohnung gekauft, ungefragt, bevor sie sich für spontane Wohngemeinschaften oder fremde Städte entschieden hätten oder die Gedanken erst in jene Richtung schwenken lassen konnten. Das machte es Ihnen auf den ersten Blick einfach, wirkte auf den jetzigen jedoch eingeengt und vorgefertigt. Jedes zweite Möbelstück kam aus dem Elternhaus direkt in die Schwesternbleibe. Alles war Erinnerung und sollte wohl Dankbarkeit ausstrahlen. Claudia sah es lange schon als ein altes Sammelsurium an Relikten der Kindheit, die sie eher zurück hielten, wenn nicht gar beobachteten.

Sie lief durch den Abend, hatte das Gelächter auf ihrer Straßenseite, nicht aber den eigenen Schultern. Ihr war einerseits kaum nach Gesellschaft, fühlte sich missverstanden, bevor sie einem Gespräch ausgesetzt war. Der Schweiß war frisch, als sie an der Wohnungstür von zwei Pärchen Richtung Hof eingeladen wurde. Die Musik von dort versprühte bereits das Ausklingen des Abends. Unentschlossen blickte sie hinter den Badevorhängen vorbei, sah Ellis wie erwartet Mitmenschen drücken und mit wilden Gestiken von sich einnehmen.

Sie musste nach draußen, war nicht bereit für Schlaf und Nachthemd. Sie wusch die Achseln und Hals, vermied die Kontrolle im Spiegel und ging auf die verbliebene Runde sachte zu. Die Zahl der Gäste war nicht mal mehr zweistellig. Ellis tippte Claudia aus dem Hinterhalt auf die Schulter, reichte ein Glas und wies auf einen Stuhl neben einem Herren, der mit Telefon und den Füßen in einem Eimer beschäftigt war. Die Vorstellung übernahm Ellis gern und selbstverständlich.

 

 

Hans. Ja, Hans wurde Claudias Gesprächspartner, wenn auch einer, dem die Schwüle der Stunde zu genügen schien. Das gegenseitige Lächeln war so unsicher wie gestellt. Dann aber legte Hans das Telefon zur Seite, betrachtete die Frau neben sich und sprach in kurzen Sätzen von sich und dem Sommer.

Eine Stunde weiter, Ellis hatte irgendwann Gute Nacht gewünscht, saßen Hans und Claudia noch immer an selber Stelle, noch immer mit den Konversationen ohne echte Höhen, da wehte eine Wolke von Staub und Pollen an der Efeuwand entlang. Hans war zu langsam, um sich die Hände vor die Augen zu halten. Blind und tränend schüttelte er den Kopf, wurde eilig von Claudia zur eigenen Küche geführt, um die Augen kalt auszuwaschen.

Der Dank war echt, genau wie das gerötete Gesicht neben der Herdbeleuchtung. Claudia verstand es schlecht, mit der Situation umzugehen, hoffte auf Hans. Der wiederum stand mit dem bunten Handtuch über den Schultern da und zog sie an sich, küsste unerwartet fest und verbindlich. Seine Hände ergriffen ihre Lenden. Drückte sie ohne Vorwarnung auf das Sofa, entledigte sich der Kleidung und Scheu. Claudia wusste nicht, wie ihr geschah. Ihre körperlichen Erfahrungen bezogen sich vor allem auf Projektion oder Abwarten. Gefüttert wurde beides durch die Schwester Barbara, die ihr selten als passables Vorbild der Liebe galt.

Zur gleichen Zeit etwa 850 Meter entfernt. Valentina versicherte Frietjof ein weiteres Mal, keine Bange wegen ihrer Fruchtblase haben zu müssen. Sie gab sich selbst noch mindestens eine Woche, wenn sie selbst auch ein anderes Bild abgab. Die letzten Tage zerrten an ihren Kräften, doch sie gab sich nicht der Isolation im Schlafzimmer hin. Hennes hatte sich eingeladen, gefolgt von David Massari, Alexander schaute selbstverständlich täglich vorbei.

Sie ertrug die Raumluft kaum, so pendelte sie auch während des Abendessens sich entschuldigend zwischen der köstlichen Georgischen Nussplatte und dem Sessel mit Blick auf die Balkonpflanzen. Hennes hatte das Rauchen aufgegeben, schweren Herzens. Aber in Hinblick auf Halbmarathon und dem inoffiziell geplanten Sommerurlaub mit David schien es ihm unausweichlich. Er hatte seine Nichtrauchermethode noch nicht gefunden, überbrückte unangenehme Momente nicht mit Appetit, eher mit dem Stehen im Freien samt Mitmenschen. So war es die hochschwangere Gastgeberin, die seine sieben angespannten Minuten begleitete.

“Setz’ dich doch. Und bestenfalls erzählst du mir ein bißchen von Maren. Sie hatte mich zweimal nicht erreicht.”

Die Weiterleitung zu Maren kam ohne Umwege. Das war direkt. Denn Hennes selbst hatte wenig zu berichten. Er musste mit den losen Bildern jonglieren, die ihm zur Verfügung standen. Maren Kluge bekam neulich einen Anruf ihres alten Arbeitgebers. Sie wünschten ihre Rückkehr, zumindest kurzzeitig. Das brachte sie durcheinander. Die Zeiten des Arbeitsalltags schienen so fremd und fern. Frau Kluge war nicht irgendeine vorübergehende Praktikantin, eher eine linke und rechte Hand des Geschäftsführers. Nach dem Gespräch zitterten ihr die Hände. Diese einstige Funktionmachte ihr Angst. Sie konnte nicht antworten. Davon wusste Hennes nichts, nur von der Begegnung am Morgen. Wie Hennes nackt auf der Treppe stand und sie ihren Mann ganz neu erkannte. Er war eine neue Version seiner selbst. Jünger, erschreckend sportlich und der Welt so zugewandt. So, wie sie derzeit nicht sein konnte.

“Sie hat mich heute gefragt, ob ich sie verlassen werde. Zwischen Tür und Angel. Ganz ohne Vorwurf. Mit ruhiger Stimme.”

“Deine Frau ist eine so tolle Person. Leider aber krank. Ich bin da hilflos, wie du.”

Da verzog sich seine Miene, nein, er veränderte sich im Ganzen. Für ihn war diese Aussage, die einer Erkenntnis glich, keineswegs klar und wurde bisher bloß vermieden, in Sätze gebracht zu werden. Krank, hilflos. Hennes hatte das Gefühl, ohne Vorwarnung ein Fernglas überreicht bekommen zu haben, das all die ausgeblendeten Seitenränder der Bilder vergangener Monate hinzu schob.

“Ich möchte das so nicht hören. Nein, es passt nicht, dass du das so einfach sagst.
Wie kommst du darauf?
Sehen es andere etwa ähnlich? Valentina, nun antworte auch.”

Doch sie hatte ein Zeichen gegeben, das den Vater ihres noch ungeborenen Kindes zügig eine kurze Telefonnummer tippen ließ. Keine zehn Minuten später stand Hennes noch immer an gleicher Stelle, alleine.

Claudia hörte Barbara im Nachbarzimmer, konnte sich aber nicht aus dem Griff neben sich lösen. Hans schlief fest, während sie sich zu erinnern versuchte, was wenige Stunde zuvor passierte. Neben dem Offensichtlichen und Offensiven, was für beide überraschend kam und wieder ging, war es ein Gespräch, das sie mit Blick auf seinen Hals und scheinbar frisch rasierten Schläfen zusammen setzte. Er pendelte zwischen Lachen und Raufen von Kopf- und Nackenhaar. Es war kurz vor dem Schlaf, quasi im Übergang, als er sich in sich zusammen rollte, beinahe flüsterte. Er sprach monoton und gleichförmig, nur die Themen änderten sich. Handelte der Monolog zu Beginn noch von Fragmenten, sprach Hans schließlich in klaren Sätzen.

“Er wollte noch lange leben. Das war unausgesprochen klar. Warum aber war er dann auf Tod und Hass aus? Ich weiß es nicht. Ihn selbst können wir heute nicht mehr fragen. Der Schuss war kurz. Nicht mal laut. Meine Güte, das Blut.”

Das Dösen hatte Claudia schnell aufgegeben und zitterte nicht weniger als die Stimme. Mit Hörbüchern ließ sie sich gerne betten, diese Worte aber gaben alte Bilder zurück. Da waren die Szenen vor ihr, wie nie gelöscht oder vom Alltag ausgetrieben. Die Mutter hatte es den beiden Schwestern weniger ans Herz gelegt, denn mit forscher Stimme in die Zweisamkeit gegeben: Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Keines der Geräusche war ihm neu, nicht mal die vielen spazierenden Gesichter hatten etwas Fremdes. Er saß auf einer Bank, die er längst als seine bezeichnete, mit einem Pullover unter dem Gesäß und einem Apfel in der Jackentasche. Vielleicht war es die ausgestrahlte akademische Gemütlichkeit, die ihn selten allein auf der Bank sitzen ließ. Sparte er auch jedes Lächeln aus, nickten ihm Unbekannte entgegen. Das bißchen Amsterdam, von dem gerne am Märkischen Ufer gesprochen wurde, hatte er für sich nie erkennen können. Dafür fehlte ihm die Leichtigkeit vor Ort, die Idee von Urlaub und tatsächlichem Innehalten. So setzte er seit jeher allen Besuchern in Euphorie und Lob entgegen, die Sonne ließe alte Boote und schlaue Architektur fast immer hübsch und idyllisch erscheinen. Den meist versteckten Wohnungsneid überhörte er bewusst, dachte er dabei eher an all die ewigen und kostenintensiven Restaurierungen, die porösen Wasserleitungen und sich in Windeseile vermehrenden Ratten im Laufe der letzten Jahrzehnte.

Heute ruhte sein Blick auf den sauberen Fensterscheiben, die er von unten her bestaunte. Zuständig dafür war eine Person, die im vergangenen Herbst ebenso ihr kleines Frühstück an der Spree einnahm und mit dem Doktor ins Gespräch kam. Erst über die Stadtbärin Schnute, bald über persönliche Erlebnisse. Inzwischen hatte sie offiziell und vertraglich nachweisbar die Funktion seiner Zugehfrau inne und verbrachte tagein tagaus die Stunden auf den drei Etagen, die mit ihr immer gut belüftet blieben. Die Bezahlung war unverschämt großzügig, das Miteinander von sympathischer Distanz.

Sie übersah den Sitzenden beim Ausschütteln der Betten ganz selbstverständlich, zog außerdem immer die Schuhe und Socken aus, sobald er das Haus verließ. Während sie sich ohne Ablenkung den wiederholenden Handgriffen und Tätigkeiten widmete, dachte er an seine Freunde, die ihm längst den Tipp gegeben hatten, sie bei sich einziehen zu lassen. Er empfand das als Klischee, dann auch als altertümlich und nicht fern der Sitten des Herrenhauses, in welchem er selbst aufgewachsen war. Sie verstanden all die Nebelsche Skepsis nicht. Sie solle doch vor Ort sein, dauerhaft, ob mit oder ohne Ring, dies sei gleich, dann allerdings ohne Vertrag und Pausenregelung. Nein, das Thema ließ er für sich selbst nicht zu. Diese Frau Gleisen hatte ihm den Dunst seiner Erkrankung genommen, gleichzeitig wortlos so viele Fragen aufgestellt, dass es ihm bei Tage auf seiner Bank nahe der Trauerweiden am liebsten war.

 

 

 

Es war nun schon das zweite Mal, dass Frau Gleisen für die mehrköpfige Gesellschaft kochte und den Backofen bediente. Sie hatte alle Hände voll zu tun, die Diele zu dem Platz zu machen, der am Abend als Treffpunkt für die bekannte Runde gedacht war. Doch sie verfiel selten in Hektik, umging schwitzige Unterhemden. Nur wusste der Doktor, sie hatte ihn am liebsten außerhalb ihrer Reichweite. Sie ließ sich ungerne belauschen, wenn sie auf den Treppenstufen mit sich selbst sprach oder Gedeck und Besteck wiederholt laut abzählte.

Doktor Nebel telefonierte den gesamten Vormittag auf dem Balkon mit seinem jüngeren Bruder. Eben der, der den Doktor nie so recht verstand oder sich die Zeit nehmen wollte, dies zu ändern. Der das Geschenk des Grundstücks in Biesenthal, trotz seiner Leidenschaft für Feld, Flur und Jagd, ebenso wenig anzunehmen vermochte und seine Familie größtenteils als Auffanglager für die eigene Unzufriedenheit nutzte. Gerade letzteres stachelte den Doktor inzwischen an, seine Tage auf Sparflamme zu genießen. Sein Bruder wiederholte am anderen Ende der Leitung noch einmal, dass er sich verbitten würde, von weiteren Familienmitgliedern als zunehmend volkstümlich bezeichnet zu werden. Da dachte Doktor Nebel an die eindeutigen Wandbehänge und die Literaturauswahl, die seltsamen Mails, die er von ihm weitergeleitet bekam und an sein garstiges Lachen als er das als Witz gedachte Gruppenbild der monatlichen Runde auf einer Kommode erblickte. Der Gedanke, dass ausgerechnet der Doktor bei einem mutmaßlichen Sorgenkränzchen teilnahm, fasste Bruder Egon als absurd auf. Es wurde auch heute geplappert, einseitig und auf den Gemeinplätzen geflucht und Schuld an alle verteilt, die das Zeitgeschehen so hergaben. Es war fast, als hielte der Bruder einen Kloß im Hals, der Aufregung des Wahljahres und der zugehörigen Berichterstattung geschuldet. Der Doktor war längst woanders, dachte an eine Sache, die er am Abend ansprechen wollte und sollte. Das machte ihm zu schaffen, außerdem hatte er genug gehört. So legte er den Hörer beiseite und spürte ein Ziehen, das vom Hinterkopf bis zum Steiß wanderte und nur dadurch unterdrückt wurde, dass Frau Gleisen um ein Abschmecken der Soße bat.

Der Geruch von Kartoffeln, Spargel und gebratenen Zwiebelscheiben zog seit Stunden durch die Räume. Frau Gleisen half Mathilde vom Felde noch zu Tisch, begrüßte die Gäste ohne Überschwang, servierte ihre Köstlichkeiten auf der simplen Tafel, wünschte einen angenehmen Abend, vermied direkten Augenkontakt zu den Gästen, nun auch zu Herrn Doktor Nebel persönlich, und verschwand ohne großes Aufsehen vom Miteinander.

Verspätet und heimlich gesättigt trafen David Massari und Matthew Porter ein, die sich vom ganztägigen Brunch mit den Massaris abgesetzt hatten und nach der Dosis Familie und gefühlter Vereinnahmung auf ein paar Stunden Gegensatz hofften. Wobei es sich im Falle Matthews etwas anders verhielt, war er von der mütterlichen Herzlichkeit und dem flappsigen Hin und Her des Vaters und den übrigen Tanten, Cousins und der Großmutter noch beim Ausstieg an der Jannowitzbrücke derart angetan, dass er einsilbig blieb und das Kopfschütteln Davids und dessen entschuldigende Sticheleien für das mehrstündige Erlebnis ignorierte. David war dem lange angekündigten Besuch mit gemischten Gedanken begegnet, was seiner Mutter nicht verborgen blieb und die über Matthew versuchte, ein paar Informationen über das Leben in der Stadt zu erhalten. Doch der war innerlich abgelenkt und aufgeregt zugleich. Sie pendelte zwischen drei Sprachen, wurde mit jedem Happen nervöser in ihrer Forschung, was dazu führte, dass sich David schließlich den anderen Familienmitgliedern oberflächlich widmete und hoffte, Matthew würde das Bild für die verbleibenden Stunden mit aufrecht erhalten können, ganz ohne Zwischenfälle oder die seltener gewordenen Aussetzer.

Hennes, der mit dem Fahrrad direkt vom Büro zum Treffpunkt kam, hatte Marens Nachricht noch vor dem Aperitif gelesen und entschuldigte sie somit in der Runde. Er war nicht verärgert, hatte mehr noch damit gerechnet. Ihr Leben hatte sich auf das Haus reduziert, die Stunden Schlaf wurden verdoppelt, der Hunger halbiert.

Während der von David angestoßenen Diskussion, woher dieser Trubel um Spargel und dessen gefeierte Saison bloß käme, staunte Gerda nicht schlecht, mit welcher Hingabe Valentina das Abendessen genoss.

“Eine schwangere Frau ist eine schwangere Frau. Uns schmeckt es fabelhaft – ja, ich spreche inzwischen von uns. Wir werden nicht so schnell satt, ich nehme gleich Nachschlag.”

Alexander freute sich über die Spitzfindigkeit, derweilen Sarik bat, die Köchin sprechen zu dürfen. Der Doktor wiederum bat, Frau Gleisens Freizeit doch zu achten. Er selbst könne die Fragen zur Gewürzen und Kochvorgang beantworten, was nicht der Fall wahr.
Frietjof überging Sariks unechtes Interesse und bat Wolter um ein paar Neuigkeiten aus Norwegen. Sogleich überkam den ein dankbares Grinsen, dass jemand sich nach seinem Enkel erkundigte. Die erwarteten Niedlichkeiten eines Säuglings wurden angesprochen, gefolgt von einem abschließenden Abwinken des frischen Großvaters.

 

 Das war das Stichwort für Frietjof, der dem ungläubig schauenden Wolter einen Umschlag überreichte. Die Gruppe hatte für eine Reise nach Norwegen gesammelt, wussten sie von seiner überschaubaren finanziellen Lage.

“Das muss nicht sein, mir ist das ganz unangenehm. Ich kann nicht sagen, was ich denke. Vielen Dank euch allen.”

Erfreulicherweise wusste Wolter nichts von den unschönen Anrufen und Nachrichten der letzten Wochen. Den Nachfragen, warum Wolters Tochter nichts mit beisteuere, ob man ihm nicht das Geld leihen sollte und inwieweit der Besuch eines Babys denn die Reise wert sei. Die Stimmung war eigen. Enttäuscht zeigte sich Valentina, sauer hingegen Alexander, stumm und sehr großzügig hingegen Maren Kluge, regelrecht aufgebracht Mathilde vom Felde. Die wandte sich nun an den links neben ihr Sitzenden.

“Tja, mein lieber Wolter. Bei mir brauchst du dich nicht bedanken. Ich selbst habe nämlich nicht gespendet. Ja, nun, ich habe mir etwas anderes überlegt. Schau hier, auch ich habe einen Umschlag. Und was ist drinnen? Ein Ticket für Hin- und Rückfahrt, im Grunde eine ganze Reihe, auch ich fahre nach Norwegen. So, und jetzt schnell was trinken und dann rauchen.”

Auf der Terrasse hatte Mathilde Frau Gleisen beobachtet, die auf dem Weg zu ihrem Wagen war und die Frau im Rollstuhl zu ignorieren schien. Sie fuhr sachte an die Hausdame heran, bedankte sich für die Kochkünste und wollte einen schönen Abend wünschen.

“Liebe Frau Gleisen, ich möchte Sie nicht aufhalten, aber Ihnen mitteilen, wie sehr ich mich freue. Jaja, wir kennen uns nicht, aber Augen habe ich doch. Wissen Sie, ich selbst habe mich vor die Entscheidung gestellt und richtig gewählt. Ich versuche es. Wolter ist ein toller Mann, ganz ohne es zu wissen. Das könnten herrliche Jahre werden, hoffentlich nicht nur irgendwo bei Fjordpferden und Fischerdörfern, die ich nicht aussprechen kann. Oh. Entschuldigen Sie meine Offenheit.”

“Frau vom Felde, Sie haben da etwas missverstanden, aber ganz und gar. Doktor Nebel ist mein Arbeitgeber, ein guter, keine Frage. Aber ich wohne nicht bei ihm, reise nicht mit ihm und koche für ihn gegen Bezahlung. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer, war aber nichts weiter als ein Übergang. Ich wünsche einen schönen Abend.”

Irritiert drückte Mathilde sich in die Hände, hatte ihre Wahrnehmung sie getäuscht oder die eigene Situation eine fremde falsch wahrnehmen lassen. Frau Gleisen parkte aus, fuhr davon und hinterließ eine Mathilde, die erst von Hennes wieder nach drinnen begleitet wurde.

Alexander hatte sich mit Frietjof eine Ecke im Hausflur gesucht, um den angedeuteten Kuss vom Essen fortzuführen. Die Spannungen des jungen Jahres hatten sich längst gelegt, die Konstellation mit Valentina war inzwischen zu dem geworden, woran andere denken, wenn man von ausgeglichener Beziehung oder ähnlichem spricht. Alles war sehr erwachsen, alle hantierten sehr durchdacht, wie Frietjof es eben vorgab. Gierige Küsse blieben auch heute aus, als Barbara von der Toilette kam, die beiden im Schatten sah und sich mit einem abweisenden Blick entschuldigte. Sie ging in die Küche, wo Gerda und ihre Schwester die benutzen Teller stapelten.

“Ich verstehe es ja nur halb, möchte mir da auch wenig Gedanken machen. Aber fraglich ist doch, wer da nun mit wem schläft. Nein, ich rate nicht, von wem das Kind am Ende stammt. Tauschen möchte ich da nicht. Wir sollten leiser sprechen.”

Valentina warf Claudia ihr Wasserglas vor die Füße.

“Das ist billig und niederträchtig – kennst du das Wort? Wir alle sind sehr unterschiedlich und würden uns unter normalen Umständen eben nicht treffen oder kennen gelernt haben. Aber wir teilen nun mal dieses verdammte Erlebnis miteinander und sind trotzdem freiwillig eine Gruppe. Ich werde nicht laut sagen, was ich denke. Auch wenn ich vielleicht wie eine Predigerin klinge, bei vielen von uns hat das Schlimme etwas Gutes hervorgebracht, auf irgendeine Weise. Aber vielleicht verändert so was eben nicht jeden.”

 

 

Gerda blickte zu den Reinerts und wusste, sie könne lange auf eine Reaktion der beiden hoffen. Sie rief Sarik zu sich, der beinahe in die Glasreste trat, winkte dem Doktor und verließ das Haus.

“Was ist hier los? Ich werde mal die Scherben wegräumen.”

Alexander kroch auf dem Holzboden herum, derweilen eine weitere Diskussion am Tisch aufkeimte. Hennes wusste nicht, wovon der Doktor da sprach.

“Das Mädchen, wie hieß sie noch gleich? Tilly? Ja, so war ihr Name. Ihr könnt euch sicher alle erinnern. Sie war doch ein Teil unserer Runde, während der ersten vier Monate, würde ich denken. Diese Tilly stand vor wenigen Wochen vor meiner Tür. Sie sah erwachsen aus und sprach ruhiger als die Leute da drüben. Jedenfalls wollte sie sich nach uns erkundigen, wie es uns ergangen sei und so weiter. Daraufhin habe ich sie eingeladen, was sie ablehnen musste. Schließlich hat sie damals jemand von uns darum gebeten, sich anderweitig Rat und Gemeinschaft zu suchen. Sie sei zu jung, hatte ihr jemand als Grund genannt. Ja, nun kommt schon her und beantwortet mir die Frage: Wer also hat Tilly ohne Absprache mit den anderen von unserer Gruppe ausgeschlossen?”

Stille. Warten. Blicke.

 

 

Alexander fiel in eben dem Moment die kurze Begegnung an der Kasse vor etlichen Wochen wieder ein. Draußen verabschiedeten sich soeben die letzten Sonnenstrahlen und das Zimmer schien plötzlich dunkel und die sitzenden und stehenden Personen eher wie starre Gestalten. Einzig Mathildes Ketten blinkten im Grau auf. Während der eine beruhigend die Hände faltete, fuhr sich die andere durch die Locken. Der Doktor wurde wohl unterschätzt, von manchen längst als halbsenil, zeitverzögert und überfordert von zu vielen Einflüssen einsortiert. Der vom eigenen Ende in wiederholenden Versen sprach und zu keiner Zeit eine Gegenreaktion erhielt. Es sei denn, man zählte Themenwechsel oder kurzzeitige Ruhe hinzu. Doch so lange wie jetzt hatte Doktor Nebel niemals die Aufmerksamkeit erhalten. Dabei wartete er mit einem beinahe zufriedenen Gesichtsausdruck auf ein Wort. Welches nicht kam. Matthew kannte besagte Tilly nicht und konnte sich die Anfangszeit der Treffen auch nur bedingt ausmalen. Er schaute aus dem Fenster und sah seinen Birko wartend auf einer Stufe sitzen.

“Es fehlen zwei Personen, sogar drei. Wie kann man die Frage stellen und auf eine Antwort warten, aber nicht alle vor Ort sind?”

Claudia hatte natürlich recht und somit begannen wieder einzelne Gespräche und der Hausherr verlor die Zuhörenden erneut. Da räusperte der sich und hob die Stimme an, das sie geradewegs zitterte und beinahe abbrach.

“Ich war es, das wollte ich euch sagen. Ihr habt sie vergessen, zum Teil zumindest, doch ich habe mich etwas schuldig gefühlt und sie sich scheinbar bereit, mir dafür zu danken. Weil das, was wir hier machen, keinen Sinn ergibt. Wir sind keine Therapeuten. Kurzzeitig hat das Zusammensitzen sicher etwas in uns beruhigt, doch im Grunde machen wir uns vieles vor. Es funktioniert nicht, lassen wir es gut sein. Ich bedanke mich für die Zeit, bitte euch aber nun, mein Haus zu verlassen. Bitte.”

Mathilde blieb bis zum Schluss im Raum, als die anderen vermutlich den Heimweg schon hinter sich hatten, bloß Wolter wartete mit seinem Umschlag am Wasser. Sie konnte nicht wissen, dass die Zugehfrau nicht wieder zurückkommen würde, doch ahnte sie es nun und fühlte sich fast verantwortlich. Der Doktor ließ die Hände zur Seite fallen, als absolute Stille eingekehrt war. Da kam jemand die Treppe herab, langsam und mit dem Blick zum Doktor, der an der Wand stand. Das junge Mädchen, dem nur wenig Zeit bis zum Dasein einer erwachsenen Frau verlieb, trat durch den Flur und ihm entgegen.

“Ja, es war richtig so. Doktor Nebel, fühlen Sie sich nicht schlecht. Ich war drauf und dran, schon früher dazu zu kommen, doch so ist es am besten. Wenn ich sage, die Gruppe zu zerschlagen, wäre sinnig und der richtige Weg, klingt das natürlich hart, endgültig. Vielleicht aber auch wie die Lösung für alle.”

Tilly war kaum aus dem Haus, er hatte ihre Worte noch im Raum belassen, da trottete der Doktor erneut zu seiner Bank, ohne Unterlage oder Apfel. Er setzte sich, lauschte dem Abend. Nichts an diesem war neu, die Vorbeilaufenden sprachen und trugen manches, doch nichts an ihnen war ihm fremd.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: April

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: April

Die Welt besticht nicht durch ihre Zufälligkeiten. Und an eben dem Tag, an dem der Teufel sich weniger aus dem Detail als dem großen Gesamtbild heraus traut und erwartungsvolle Hände schüttelt, wünscht mancher sich die Zeit der gefühlten Schicksale zurück.

Der Hausflur war von Stille erfüllt, die beunruhigte und Alexander die Wohnungstür von außen zuziehen ließ. Natürlich ohne die vorherige Kontrolle in der Jackentasche. Die Tür war zu, der Schlüssel lag auf dem Küchentisch, das Telefon im Auflademodus neben der Zahnbürste. Alexanders Ausatmen gestaltete sich lang, die Situation offensichtlich.
Es wurden Nachbarn auf den Stufen gegrüßt, die neu hätten sein können, vielleicht auch denen von letzter Woche ähnelten. Alexander lief aus dem Haus, mit großen Schritten über die dritte Brücke in Folge. Der Ablauf war klar: bei Frietjof klingeln, Ersatzschlüssel entgegennehmen, zurück nach Hause gehen, sich über die Kurzangebundenheit im Türrahmen ärgern, Zeitung anlesen, durch die vielen Gedanken überfordert von den vielen Sätzen sein, das Bett aufsuchen, sich selbst anfassen, bis zum Abend schlafen. Schließlich kam es so: bei Frietjof klingeln, Valentina als Vertretung begrüßen, von der seltsamen Stimmung überfordert sein, auf einen Tee eingeladen werden, erst ablehnen, Ausflüchte aufzählen, letztlich eintreten, mit Valentina Tee trinken, sehr allgemein sprechen, niemanden anfassen, auf Frietjof warten und zeitgleich hoffen, er bliebe länger in Charlottenburg, bis zum frühen Abend mit der natürlichen Höflichkeit Valentinas in einem Raum wach sein.

“Es ist doch ein schönes Gefühl, hier zu zweit zu sitzen. Ich genieße das. Hatte es so nicht mal angefangen?”

Natürlich hatte Valentina Recht, so begann es. Sie hatten Tage miteinander verbracht, letztlich einen kompletten Sommer, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Da half die durchgehend liebliche Saison auf den Parkwiesen Kreuzbergs wie auch die von Dürre gelähmte Stimmung der Mitmenschen. Jede Aufregung kostete Kraft, jeder zu schnelle Schritt brachte Durst. Erst nach und nach schloss Frietjof sich an, war von der Atmosphäre von beiden Seiten angetan, die da liegend auf den Decken verbreitet wurde.

“Aber es hat sich alles so verändert, Valentina, so verzerrt. Vielleicht nur für mich, das kann ich nicht sagen.”

 

 

“Kommst du mit in die Küche? Ich wasche schnell ab.
Wir wurden beide nicht gefragt, wie sich das zu dritt entwickeln sollte oder dürfte. Frietjof hat keinen Fehler damit begangen, sich für uns beide entschieden zu haben. Wenn, dann den, lediglich darauf gehofft zu haben, wir würden unsere Beziehungen mit ihm nicht gegeneinander aufwiegen, keine Vergleiche anstellen. Magst du vielleicht abtrocknen?
Und glaube mir, wenn ich dir sage, der erste Mensch, an den ich nach dem Arzttermin dachte, war eben nicht er, sondern du. Ich habe dich vor mir gehabt, wie du ein Kind als den langen Arm unserer Beziehung sehen wirst, dein Miteinander mit Frietjof zu einer Nebensache schrumpfen würde. Das tat mir weh, weil ich dich eben kenne, du mir nicht gleich bist. Du eben auch dazu gehörst.”

Alexander hielt sich am Handtuch fest, verharrte neben dem Spülbecken und erst Valentina gab ihm ein Zeichen, bitte doch an sie heran zu treten. Fremd machten sie sich selbst das Gegenüber, zu lange schon. Wie sie da stand, beantwortete sich Alexanders seit Monaten anhaltende Frage im Hinterkopf, was Frietjof abgesehen von Eleganz und Souveränität in Valentina sehen würde. Es gab wenig Menschen, die ihm in der  Vergangenheit das Gefühl schenkten, Zeit ohne sie wäre verschwendete Zeit. Ihm wurden die Beine weich, er roch die dunklen Locken auf der Schulter. Da läutete das Telefon.

Barbara und Claudia suchten verzweifelt nach einer örtlichen Auswegmöglichkeit für das Treffen am heutigen Abend. Walter hatte quasi in letzter Minute bei den Reinerts um eine Alternative gebeten, er hätte soeben erst im Kalender den Vermerk entziffert, selbst Gastgeber der Gesellschaft zu sein. Er war schlecht vorbereitet, noch schlechter als die enge Wohnung mit zu wenig Sitzgelegenheiten. Er entschuldigte sich zum wiederholten Mal bei Claudia, hoffte auf die Option Valentina. Die sagte noch in der Minute mit nassen Händen zu, griff nach ihrer Jacke und ging zusammen mit Alexander den Weg zum Kaufhaus am Herrmannplatz.
Und da war es wieder, dieses kurze Gespür, das Alexander in seinem ergriffenen Moment soeben schon hatte – die Erinnerung an die Sommerwochen mit Valentina. Schwangerschaft, Eifersucht, Vergleiche oder das Kontrollieren der scheinbar unauffälligen Gesten – davon war damals so wenig zu merken wie eben jetzt, beim Einkauf anderthalb Jahre später. An der Kasse grüßte ein Mädchen, vielleicht kurz vor volljährig, die beiden. Alexander nickte unsicher, Valentina wühlte im Portmonee und überhörte die scheinbar Fremde. Im Trubel des Feierabends hatten sie an der Ampel den flüchtigen Moment der Begegnung schon wieder vergessen.

Frietjof war bereits zu Hause, hatte ein wenig geruht, freute sich über die eintretenden Valentina und erschrak nahezu bei Alexanders Worten aus dem Hintergrund. Für große Erklärungen fehlte die Zeit, so nahm sie Frietjof mit sich an die Hand Richtung Aufzug und erklärte, sie müssten rasch zu dritt ihre Wohnung herrichten und das Essen zubereiten.
Wie immer war die Wohnung makellos, hier reimte sich nichts auf Staubkorn, hingegen alles auf Stilsicherheit. Alexander glaubte schon damals kaum, dass sie selbst Zeit und Nerven für die Hausarbeit auf sich nehmen würde, gefragt hatte er sie nie.

Falafel, Grillgemüse, Halloumi.
Mit Blumen in den Händen waren Hennes und Maren die ersten Gäste, dicht gefolgt von den laut Aussage immens hungrigen Eheleuten Sarik und Gerda und den Geschwistern Claudia und Barbara, die zur Sicherheit ein wenig Ersatzessen im Gepäck hatten.
Die Weinauswahl Valentinas bedeckte nahezu eine gesamte Küchenwand, Gerda sprach sich für einen wohl südfranzösischen Roséweine aus, der letztlich ein spanischer war. Es wurde neben der dampfenden Herdplatte bereits angestoßen, Maren lehnte heute lieber ab und griff der Gastgeberin beim Vorbereiten des Nachtischs unter die Arme. Alexander entkam derweilen dem zweiten Kussversuch Frietjofs, und David, der mit Matthew gerade zu der plaudernden Truppe gestoßen war, erkannte als erster das offensichtliche Problem:
Doktor Nebel und Mathilde vom Felde würden es wohl niemals bis in den fünften Stock schaffen, so ganz ohne Fahrstuhl. Die Geschwister erinnerten sich, weshalb Valentina bis heute nicht bei sich eingeladen hatte und die selbst hatte gerade Walter am Türsprecher, der seit fünf Minuten schon mit Mathilde und dem Doktor diskutierte, ob diese Einladung quasi als Ausladung zu verstehen sei. Sofort zog sich Valentina die Schürze aus und übergab sie der überraschten Gerda, flitzte die Treppen hinab zum Eingang und sah Doktor Nebel schon am Geländer lehnen, direkt neben Mathildes verbitterter Miene im Rollstuhl. Sie entschuldigte sich sogleich, überlegte mit dem beruhigend sprechenden Walter, was zu tun sei. Die einzig rasche Option kam David Massari in den Sinn.

 

 

Fünfzehn Minuten später saßen alle vierzehn Personen samt Hund Birko verteilt auf drei Sammeltaxis, mit Platten und Tellern auf Schoß und in Händen. David hatte im Südblock einen großen Tisch serviert, das mitgebrachte Essen angemeldet. Er kannte die Hälfte der Angestellten, dreiviertel der Gäste. Beim Eintreten in die Lokalität hatte er mit verdrehten Augen bei Ehepaar Wächter oder Frau vom Felde gerechnet, womöglich auch erwartet, doch keiner wollte sich die Blöße geben. Barbara lobte die Dekoration, der Doktor schielte auf die Nachbartische und Birko bekam von der Bedienung einen Wassernapf gereicht.
Hennes Wagenrot stand mit David am Waschbecken, sie schauten zeitgleich in den von unzähligen Aufklebern bedeckten Spiegel.

“Und wie waren die letzten Tage, hat er sich gut eingelebt?”

David wusste, dass er auf Matthew abzielte, den er vor zwei Wochen mit dem wiederholten Zureden von Diane zu sich holte. Es wurde nicht über diesen dubiosen Morgen gesprochen, im Grunde gab es inzwischen eher fünf ähnlicher Kategorie. Es hatte den Anschein, Matthew war geradezu erleichtert, als ihm die vorübergehende Bleibe angeboten wurde. Mehr noch hatte schnell wieder Struktur, was kurz zuvor als eine ambivalente Mischung an Stunden galt oder das, was einen Tag ergeben könnte.

“Ich wollte am Wochenende zu euch kommen. Habt ihr was vor? Oder wie immer?”

Gerade erst hatte David wieder mit dem Laufen begonnen, Matthew war für Sport, insbesondere kurz nach Sonnenaufgang, nicht zu gebrauchen, Diane mochte öffentliches Schwitzen so wenig wie heimliches, so trafen sich Hennes und David immer häufiger am Kanal und verbrachten anschließend die Nachmittage miteinander. Hennes wusste, dass Maren ihn eines Tages darauf ansprechen würde, er hatte schon die Sätze im Kopf, seine Antworten ebenfalls.

Als die beiden zurück an den Tisch traten, war Maren gerade dabei, sich über etwas Vergessenes zu ärgern, sie sprach von Geschenken. Alexander nippte an seinem Malzbier und erinnerte sich nicht erst jetzt an ihren Brief, der bis heute ungeöffnet blieb. Doktor Nebel hatte seinen entgegengenommenen Umschlag in der Minute vergessen, in welcher er im letzten Monat aus der Tür getreten war.

Von den Platten und Tellern blieb nichts außer Spuren von Fett übrig, die laute Atmosphäre brachte Hunger und Durst zugleich. Gerade Mathilde hatte an dem albernen Nachbartisch Gefallen gefunden, es wurde zum wiederholten Mal mit ihr gescherzt. Walter war kurz davor, dazwischen zu gehen, Mathilde zumindest zu fragen, ob es ihr zu viel sei, so auffällig wurden die Schlagabtausche Stuhllehne an Stuhllehne geführt. Aber er nutzte die gute Stimmung lieber für eine unerwartete Nachricht. Er gab sein Mobiltelefon mehr als stolz in die Runde – ersichtlich für alle das Foto eines Neugeborenen.

“Ja, es kam für mich auch unerwartet. Ich hatte mit dem Wunsch nach einem Enkel längst schon abgeschlossen, doch da ist er nun – der Ove. Meine Tochter wollte mich damit gestern überraschen, eigentlich hat sie mich eher überfahren. Ich kenne den Hardangerfjord nur von Erzählungen, genau wie meinen Schwiegersohn und nun den Ove. Aber gut, er ist gesund und munter, das bin ich auch. Wir werden uns schon noch kennen lernen.”

Die Freude und gratulierende Anteilnahme der Runde war groß, bei den meisten überwog gar ein schlechtes Gefühl, von Walter quasi nichts zu wissen. Mathilde staunte nicht schlecht und schob sich ein wenig aus ihrem Rollstuhl, um Walter zu drücken und ihm für die kleine Überraschung Glück zu wünschen. Wie er da saß, aus dem Nichts einen Ausschnitt seines Lebens teilte, das imponierte ihr und ließ sie die Tage zu zweit vermissen. Frau vom Felde bat eine Runde Honigwodka zu bringen, während lediglich Valentina auffiel, dass Maren die Gesellschaft verlassen hatte und gebückt vor dem Eingang verweilte. Sie entschuldigte sich, gab ihren Schnaps an Frietjof weiter und trat zu Frau Kluge unter die Lichterkette.

“Du musst nicht zu mir kommen, aber ich sehe es als gute Absicht.”

“Warum kommst du nicht zu uns? Ist es dir zu voll, Maren, oder sind wir dir zu laut? Du hast dich letztens gar nicht mehr gemeldet.”

“Weder noch, Valentina. Ich freue mich so für euch alle. Ich sehe die Gruppe und habe das Gefühl, auf euch wartet noch so viel. David, Walter, Frietjof, du natürlich, sogar der Doktor wirkt wie aufgeblüht. Ich gönne es jedem von euch, ohne Abstriche. Schade nur, schade trotzdem.”

Valentina verstand nicht, womit Maren haderte, was sie gegen sich selbst ausspielte und doch sah sie es kommen. Zwei Taxifahrer übten sich im hupenden Duell, ein Pärchen küsste sich unter einem Schirm.

“Maren, wie kann ich dir helfen? Denn das möchte ich wirklich, meine Mittel sind nur eben begrenzt. Die aufbauenden Floskeln sind das, was ich geben kann. Ich habe gute Kontakte – wenn ich dich vermitteln soll, sei ganz offen.”

 

 

Da schien Maren wie aus einem Traum erwacht, schüttelte den Kopf, gab einem nach einer Spende bittenden Mann ein paar Münzen, Valentina für die ausstehende Rechnung einen Schein und verschwand im Tumult der grünen Ampelphase.
Drinnen machten sich Gerda und Sarik langsam auf, diskutierten, wo sie ihr Auto nun abgestellt hatten. Auch Doktor Nebel wünschte bereits eine gute Nacht und klopfte murmelnd auf die Bierbank. Die anderen blieben, redeten viel und ausdauernd, als handelte es sich nicht um einen üblichen Werktag.

Den Heimweg zu dritt zog Frietjof in die Länge, dass es ein Leichtes war, seine Hoffnung zu durchschauen. So musste er laut lachen, als Alexander an seine ausgesperrte Situation erinnerte und auf den Ersatzschlüssel in Frietjofs Korridor hinwies. Valentina hatte die gesunde Bettschwere erreicht, die kühl wehende Luft erhöhte ihre Schrittfolge und Sehnsucht nach einer Übernachtung zu dritt. Und so kam es schließlich. Das Bild war ein Bekanntes. Alexander hatte vor dem Schlafengehen mit seinen vermissten Nachritualen – Knirschschiene, Ohrenstöpsel, Gesichtscreme – zu tun, die Valentina ihm für die heutige Nacht als verzeihlich zu erklären begann. Frietjof konnte sich nicht für die passende Schlafposition entscheiden. Die Nachbarn von oben machten aus ihrer körperlichen Zuneigung keinen Hehl, was zu plötzlicher Ruhe im übergroßen Bett führte. Valentina legte ihre Hand auf Alexanders Brust, derweilen Frietjof mit ihr füßelte. Im Schatten der anhaltenden Geräusche küsste Valentina beide mit müden Augen und sprach noch lose Worte, obwohl der Schlaf längst eingesetzt hatte. Alexander hatte sich eben noch geschworen, der letzte Einschlafende zu werden, da atmete er schon flach in Frietjofs Ohr. Der wiederum war zu aufgewühlt, um das erneute Miteinander als beruhigend aufzunehmen. Er genoss den Anblick und das Gefühl noch so lange, bis ihm bewusst wurde, was dies sagen oder meinen könnte, die Welt besticht schließlich nicht durch ihre Zufälligkeiten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: März

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: März

Morgende leben von ihren Ritualen, gewohnten Abläufen ohne bemerkenswerten Spielraum, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.
David Massari begrüßte die Welt am offenen Fenster, frei von Kleidung, mit Schlaf in den Augen und tastenden Fingern an der Zigarettenschachtel. Ohne jedes Strecken oder aufbauende Bewegung stand er mit dem Blick Richtung Innenhof, genoss die frische Brise, die seit Tagen den Frost abgelöst hatte. Diese fünf Minuten, vielleicht vier oder acht, hing David keinen schweren Träumen nach, stellte innerlich nicht den Wecker ab oder addierte Punkte, die dem Aufstehen widersprachen. Er vernahm auch an diesem Wochentag nichts Besonderes, saßen die Kinder schon in den Schulklassen, die übervollen Buslinien waren seit einer halben Stunde abgefahren, einzelne Senioren gingen ihrer Wege.
Es gab nichts weiter als die städtischen Grundlaute des Alltags, bis er eine Person im Hof erblickte, die sich über den Schotter zu schleifen begann. Sich bewegte, ganz als wären ihr die Beine schwer und die Person ihrer Funktion nicht mehr Herr. Behäbig scharf gestellt betrachtete David das Geschehen und erkannte zur eigenen Verwunderung Matthew Porter. Sie hatten sich einmal unabhängig der Gemeinschaft getroffen, Matthew dreimal abgesagt. Die winkende Hand von oben nahm dieser nicht wahr, auch ein sachtes Rufen blieb unbemerkt. David nahm bloß jede zweite Treppenstufe und stand bald hinter Matthew, der sich auf eine Tischtennisplatte setzte und den Kopf hielt. Es benötigte einen Augenblick, um David zu identifizieren.

“Was ist passiert? Matthew, siehst du mich? Komm’ doch mit nach oben und leg’ dich einen Moment hin.”

Für Erklärungen oder Einwände war Matthew zu schwach, die Stufen zur ersten Etage nahm er träge und zeitverzögert. Er trank vom Wasser, welches David ihm entgegen streckte, deckte sich zu und ruhte sich aus, bis die Geräusche der Müllabfuhr sich immer weiter näherten. Im Nachbarzimmer wurde gesprochen, wohl eher diskutiert. Durch den offenen Türspalt sah er eine junge Frau, gestikulierend und scharf im Ton, die David kaum die Möglichkeit gab, auf die vermutlichen Vorwürfe zu reagieren. Sie hielt erst inne, während Matthew leise im Flur nach dem Badezimmer suchte.

 

“Wer ist das, David, hm? Was macht er hier? Nicht bloß schauen, auch antworten. Warst du gestern Abend feiern? Ist das dein Bruder? Hier stimmt doch was nicht.”

Die Frau, die von David Diane genannt wurde, lief dem ihr Unbekannten nach und sprach ihn zu dessen Erschrecken im Badezimmer an. Das Wasser tropfte Matthew vom Bart und der Blick bewies Überforderung. David entschuldigte sich für ihr Verhalten und stellte ihn als einen Freund vor. Sie brachte an, noch nie von ihm gehört zu haben. Und es folgten Szenen voll von Eifersucht, Drama und einseitigen Vorwürfen. Dann schlug die Wohnungstür laut in ihren Rahmen, woraufhin Matthew an David heran trat und sich entschuldigte. Dieser winkte ab und fragte zur Ablenkung nach Birko. Herr Porter schluckte und konnte seine Fragezeichen kaum verdecken.

Sie liefen die üblichen Plätze ab, vom Park bis zum Tempelhofer Feld, in der Bar nachfragend, die Matthew in letzter Zeit etliche hübsche Abendstunden bescherte. Nirgends eine Spur von Matthews Golden Retriever. Matthew wurde unruhig und sein schlechtes Gewissen zeichnete sich immer deutlicher ab. Da erhielt David eine Nachricht von Hennes – Birko würde hungrig vor ihrem Hauseingang warten. Verwundert war Matthew nicht, mehr doch erleichtert, hatten Hennes und Maren in der vergangenen Woche den Hund betreut, während er seiner Familie in den Staaten spontan einen Besuch abstattete. Froh und beruhigt bedankte er sich bei Hennes, sie würden sich am Abend schließlich bekanntermaßen sehen, ganz wie die Planung es vorsah.

Unpünktlichkeit schien das Wort der diesmaligen Runde, trafen alle verspätet ein, meldeten ihre Krankheit an oder entschuldigten sich mit kurzen Anrufen, die Maren Kluge wenig unfreudig entgegen nahm. Sie war eher erleichtert, nicht alle vierzehn Teilnehmer bewirten oder gar bespaßen zu müssen, fehlte ihr dafür die Ruhe und Ausgeglichenheit. Die vergangenen Wochen verbrachte sie ohne Arbeit, mit nur spärlichen Aufgaben und inneren Aufträgen. Ihr wurde von Valentina empfohlen, sich vorerst mit sich selbst auseinander zu setzen. Das Sitzen und Warten gehöre dazu. Maren nahm die Telefonate als Hilfe an, wusste sie auch beim Auflegen nie, was die letzte Stunde Fruchtbares besprochen wurde. Allein die Stimme Valentinas gaben Maren Kluge so etwas wie Sicherheit für ein paar Stunden. Sie hatte soeben ein weiteres Telefonat beendet, da fuhr Hennes seiner Verlobten über den Nacken, entnahm ihrem tristen Gesichtsausdruck etwas Vertrautes. Ihnen war es lange sehr gut ergangen, hatte Hennes sich selbst als erklärenden Satz gesagt. Die herrlichen Jahre miteinander hatten als Ausgleich wohl diese besondere Phase verdient. Ein weiterer Satz, der ihm nicht zum ersten Mal durch den Kopf ging. Er trat in das Esszimmer, übernahm das Wort, verteilte begrüßende Getränke in hohen Gläsern.

 

 

“Wir sind vollzählig, scheinbar geht die Grippe um. Die Reinerts liegen flach, Valentina und Frietjof hatten gestern schon unabhängig voneinander abgesagt und Mathilde fragte als erstes, ob Walter sich bei uns gemeldet hätte, was er längst tat. Wie auch immer – ich freue mich, Maren natürlich genauso, dass ihr da seid. Schönen Abend.”

Alexander hatte seine Ernährung umgestellt, sich inzwischen etwas Abstand von der Beziehung mit Frietjof und der Weiterleitung zur schwangeren Valentina verschrieben. Nach seinem Zwischenfall im vergangenen Monat wollte er ganz sicher gehen, nicht wieder den Mittelpunkt der Veranstaltung geben zu müssen. Gerda hatte die aufgeräumte Aura neben sich erkannt und sprach Alexander, der genau das nicht wünschte, positiv und motivierend zu. Natürlich nicht ohne den Unterton, der Missgunst oder Schadenfreude zu verdecken dachte. Ihr Mann Sarik sprach offen an, dass die Gruppe in all der Zeit niemals so klein ausfiel, war gespannt, ob die Zuhause Gebliebenen denn etwas verpassen würden. Daraufhin brachte Maren Salat und kalte Suppe auf den Tisch, stellte die unbesetzten Stühle in die Diele und sprach Doktor Nebel an, doch von der entfernten Stirnseite näher an die Gesellschaft zu rücken. Er missverstand die Bitte, bedankte sich für die Fußbodenheizung und brachte ein neues Thema zu Tage.

“Wer ist interessiert an einem Grundstück in Biesenthal? Es wollen doch immer alle raus aus Berlin und wünschen mehr Natur und gute Luft. Ich werde den Garten abgeben müssen, hätte ich sicher schon längst tun sollen. In der Nähe einer Wehrmühle mit Blick auf Sumpf und Feld. Ich wollte es nur mal ansprechen, überlegt es euch.”

David fragte interessiert nach, auch Matthew wollte mehr wissen. Nachdem der Doktor den angedachten Preis nannte, wurde es stiller und alle konzentrierten sich wieder auf den Umgang mit Besteck und Serviette. Da klingelte es an der Tür. Marens Blick hinter die Gardine zeigte eine junge Frau, die mit Kaugummi im Mund und einer Falte auf der Stirn am Hauseingang stand und die Fenster beschaute. Hennes öffnete und da stand Diane in der Wohnstube, um David zu sprechen, unverzüglich. Dem war der Besuch sichtlich peinlich, entschuldigte sich bei den anderen und ging mit ihr, die er selbst nicht als Freundin bezeichnete, in die Küche.

“Frag’ mich nicht, woher ich die Adresse habe, es spielt keine Rolle. Tragisch genug, dass ich es herausfinden musste. Wichtiger ist doch, wer bitte all diese Leute sind. Und habe ich richtig gesehen, saß da wieder dieser Typ von heute morgen? Ich fang’ jetzt nicht damit an, was normal ist, aber diese Truppe ist es nicht.”

“Diane, du weißt vieles nicht, so wie es uns beiden auch gut tut. Das da drüben sind alles Bekannte, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Nein, ich habe dir nicht von ihnen erzählt, nein, du kannst dich nicht mit zu uns setzen. Bitte kontrolliere mich nicht, das ist mir wirklich unangenehm. Du solltest gehen, wir sehen uns morgen, bitte.”

 

 

Hennes wollte dem nicht geladenen Gast gerade ein Getränk anbieten, da schubste diese David zur Seite und war auf dem Bürgersteig verschwunden. Der wissende Blick von Hennes beruhigte David und sie stellten sich in gewohnter Weise rauchend vor das Haus und schmunzelten über die wütende Darbietung. Flüsternd nahm auch Sarik Bezug zum Auftritt der Unbekannten, sprach er seine Frau an, erinnerte ihn dies an die Szene der wütend-panischen Kuh, die aus dem Schlachthaus ausgebüchst war. Alexander strafte Herrn Wächter mit einem Kopfschütteln und Gerda lobte die Käsespätzle derart ausführlich, dass Maren schon skeptisch wurde.

Bis zum Birnenkuchen als Nachspeise geschah wenig bis nichts. Der Wind drückte sich an die große Scheibenfront, vor der Birko schief eingeschlafen war. Doktor Nebel hatte das Klavier in der Nische zum Flur bei den letzten beiden Hausbesuchen ganz übersehen. Er stand auf und trat bedächtig an die Tasten und war sichtbar im Begriff zum Spiel anzusetzen. Einmal und mehrmals. Er schaute hinter sich, von wo lediglich Maren und Matthew aufmerksam herüber schauten. So sehr der Doktor es auch wollte, es blieb beim Wunsch. Die Finger fuhren orientierungslos durch die Luft, er blickte in den Spiegel, der direkt über dem Klavier angebracht war. Er sah sich und Maren, die von hinten an ihn heran trat und ihm anbot, jederzeit Gast zum Spielen zu sein. Sein Gesicht hatte etwas Überraschtes, kurz auch Erfreutes und er ging mit ihr zusammen zurück an den Tisch. Dabei übergab sie ihm etwas, schaute ihn wissend an. Der ließ das Präsent in seine Jacke rutschen und nickte Maren zu.
Er hatte keine fünf Minuten gesessen und die frei stehenden Sätze der Gesellschaft überhört, als er das Zimmer verließ und nach seinem Mantel suchte. Hennes war gewillt, ihm das Bleiben schmackhaft zu machen, doch der Doktor winkte ab, reichte allen die kraftlose Hand. Schließlich standen Matthew und David auch von ihren Stühlen auf und bestanden darauf, den unsicher laufenden Herren mit zur Bushaltestelle zu begleiten. Maren versuchte mit starren Augen ihrem Verlobten begreiflich zu machen, sie mit dem Ehepaar Wächter tunlichst nicht allein zurück zu lassen.Da griff Gerda schon nach ihrem neuen Mobiltelefon und präsentierte der Gastgeberin die vermeintlich herrlichen Eigenschaften und Besonderheiten. Sarik gab sich weiter vom Spätzle auf und richtete sich den Kragen unter Birkos prüfendem Blick vom Tischbein aus.
Alexander war zum wiederholten Mal im Bad verschwunden, hatte sich am Wannenrand seiner Fingernägel gewidmet, in den Schubladen nach zugehörigen Hilfsmitteln gesucht und beobachtete die draußen vorbei schreitenden Mitmenschen. Er schob den Vorhang beiseite als Marens Hand seine Schulter erreichte und ihn mit sich in die obere Etage führte. In einem Zimmer, schlecht beleuchtet und schlecht belüftet, nahm er Platz auf einem Sofa und beobachtete die Gastgeberin, die mehrere Schubladen aus einem Schrank zog.

“Warte, ich habe ihn gleich. Bis gestern war noch alles sortiert, heute morgen aber habe ich einige von ihnen ausgetauscht, darum dieses Durcheinander.”

Während sich im Erdgeschoss das Ehepaar Wächter in einem unbeobachteten Moment im Abstellraum den nach hinten sortierten Perlwein griff und sich feixend gegenseitig einschenkte, war Alexander weit entfernt davon, der nervösen Frau Kluge folgen zu können. Sie entschuldigte sich wiederholend, lobte Alexanders Geduld und übergab ihm schließlich einen Briefumschlag.

“Alle bekommen einen, also nicht wundern. Nach und nach, wie es eben passt. Ich habe zur Zeit wenig zu tun, das sollte man nutzen, sagte mir Valentina. Und recht hat sie. Weißt du, Alexander, der Doktor spricht seit so langer Zeit davon, es wäre sein letztes Treffen. Doch er kommt immer wieder. Er hält durch. Und sobald er glaubt, sein Gefühl würde nichts weiter tun als ihn betrügen, da kann es so weit sein. Wie oft hat er sich wohl schon ausgerechnet, die durchschnittliche Lebenserwartung mutmaßlich schon überschritten zu haben. Du kennst dich aus mit seltsamen Situationen, so überrascht du mich auch anschaust. Hennes mag ich es nicht sagen, doch wenn man die Stunden alleine verbringt, wird einem manches bewusst und irgendwann beginnen die Wände zu sprechen. Schwachsinn? Vielleicht. Lies den Brief bitte erst an dem Tag, an dem ich nicht mehr in der Runde sitze, versprich mir das.”

Kalt wurde ihm, fest um die Brust. Wie seicht sie die Sätze sprach, sich ihm anvertraute, die Schubladen wieder einsetzte und Alexander als einen Mitwissenden im Raum zurückließ. Wie gerne hätte er den Brief im Schrank verschwinden lassen. Er fühlte sich unwohl, hörte Gerdas Lachen von unten und die Stille neben sich.

Die Demonstration vor einem Restaurant, das für die Anwesenden nach Ausverkauf des Viertels roch und dessen Neubau seit Tagen mit defekten Scheiben zu kämpfen hatte, hatte sich aufgelöst. David betrachtete die Banner an den Fenstern und die unsicheren Gesichter der speisenden Besucher. Matthew war Doktor Nebel auf die letzten Meter eine Stütze. An der Haltestelle sagte dieser Aufwiedersehen, die aussteigenden Fahrgäste brachten den Doktor zum Wanken. Er winkte mit Nicken und verschwand mit dem Bus in der Kurve. Da standen Matthew Porter, David und Hennes nun mit Händen in Jackentaschen und an Zigaretten und waren allesamt nicht gewillt, zurück zum Haus zu gehen. Sarik hatte in dem Fall recht gehabt – verpasst hatte man an diesem Abend kaum etwas. Aus einer Kneipe brummte Lärm von Musik und Menschen. Matthew steuerte prompt in jene Richtung, woraufhin die anderen beiden folgten. Einzig vier Stühle am Tresen waren noch unbesetzt. Dem Durst und der unverschämt günstigen Bierpreise sei Dank blieben die drei bis zum Morgengrauen. Es war keine der fröhlichen Gesellschaften, auch keine derer voll Pathos und Wehmut. Die belanglosen Themen versackten letztlich im abstrusen Allerlei, zwischen Familie, Erlebnisse und Chaos, der nur ein Fazit übrig ließ: Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

David Massari wurde wach von einem Geräusch, das Schnarchen noch am ähnlichsten war. Hennes lag auf einer Matratze, in Rückenlage und mit verschränkten Armen hinter dem Kopf. Dem Tiefschlaf entfernt schaute David weiter und sah neben sich Matthew Porter, der an der Bettkante saß und schluckte. Der plötzliche Wunsch, sich unter der Decke zu verstecken, war David nicht fremd. Er erinnerte sich an den wankenden Matthew im Hof, biss sich auf die Lippen, stellte sich schlafend und sah Matthew gegen die Tür laufen. Einmal, beim zweiten Mal mit mehr Wucht, beim dritten Mal mit Anlauf, beim sechsten Mal mit Blut an der Stirn. Noch bevor David in die Szene springen und seinem Schock Luft machen konnte, stand Diane im Nachthemd im Flur und sah zu dem verletzten Matthew. Ihre Augen waren groß, wenn nicht gar ängstlich. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, er brauchte Zeit, um von ihr Notiz zu nehmen, reichte seine Hand schließlich nach vorne. Als beide aus Davids Gesichtsfeld verschwunden waren, stand dieser auf, tastete nach Tabak und rauchte am offenen Fenster, nackt, ohne Schlaf in den Augen. Morgende leben von ihren Ritualen, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Februar

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Februar

Die Sonne tat sich seit Wochen schwer, hielt sich von der Stadt fern, übte sich in Abstinenz, vergnügte sich vielleicht mit der Sehnsucht der Menschen. Für Mathilde vom Felde war jeder Ausflug, unabhängig von Wetter und Tageszeit, ein langwieriges und gut erdachtes Projekt. Sie verweigerte die Hilfe ihrer Familie seit Jahren schon, was zu elenden Diskussionen führte und zu halben Brüche mit den Kindern und Geschwistern. Sie war des Geredes satt, dass sie immer mit der wiederholten Erkenntnis zurück ließ, alt, eingeschränkt und der fremden Pflege nah zu sein. Gerade war sie mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren, hatte ihre Tasche nach Geld und Tabletten kontrolliert, da fielen ihr die kalten Oberschenkel auf, hatte sie die Decke für die Beine vergessen. Im selben Moment erkannte sie auf der anderen Straßenseite schon Walter, der ihr freudig zuwinkte. Einer Umarmung am Bordstein wich sie im besten Falle aus, war sie aber froh, mit Walter eine bisher unabhängige Konstante gefunden zu haben. Sogleich fiel ihm das Zittern Mathildes auf, schüttelte mit dem Kopf und griff sich den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handfläche, um etwas Wärmendes aus der Wohnung zu holen. Sie wollte ihn soeben noch abhalten, rief ihm nach, da hatte er schon die Treppenstufen erreicht.

Er war einmal nur bei ihr gewesen, durfte aber die Türschwelle nicht übertreten. Es würde nach gestürzter Suppe riechen, der Geruch wäre hartnäckig und unschön für Fremde. Letztes Wort ärgerte ihn dabei am meisten. So trat er nun in den Korridor und bestaunte den schönen Schnitt der Wohnung, bald aber die gut gewählten Möbel und vor allen Dingen die Kunst an den Wänden, die kaum noch Platz für die Tapete ließ. Edel, natürlich überproportional, doch mit der Klasse von einst.

“Nun komm’ schon, Walter. Du hast alles gesehen, nimm die Decke vom Sessel und dann sollten wir los.”

Sie sprachen nicht darüber, doch Walter ärgerte sich, in Mathildes Heim eingedrungen zu sein. Ein Schritt, der zu früh gewagt erschien.

“Du fühlst dich hoffentlich nicht anders. Es ändert nichts. Das, was da oben hängt und steht, ist alles nicht mein Geld, das magst du mir glauben. Mein Mann hatte es gerne prunkvoll und hübsch. Er hantierte viel mit Wertpapieren, aber interessiert hat mich das nie.”

 

Walter schob Frau vom Felde in der bekannten Geschwindigkeit, doch anders fühlte er sich tatsächlich, in Gedanken fast klein und unpassend. Mathilde versuchte ihn abzulenken, zeigte auf den gewünschten Weg durch die Hasenheide. Sie wäre gerne dort, solange es noch hell sei und der Boden glitzerte. Der Park war gut besucht, Eltern ließen ihre Kinder über den Schnee jagen, eine Dame hatte Probleme sich zu halten, ob der glatten Wegflächen. Mathilde schmunzelte sich eins, bedachte dabei aber nicht die Vorsicht, mit der Walter seit Hunderten von Metern den Rollstuhl betätigte. Mit einem Taschentuch vor dem Mund wurde sie müde, döste kurz weg, sprach dann zwei halbe Sätze, um schließlich erneut zur Seite zu fallen.

Die Ruhe der Parkwege war dahin, als sie fragend die Straße auf und ab fuhren. Mathilde wollte sich die Adresse merken, Walter hatte sie sich auf seinem Telefon gespeichert, tippte überfordert, ohne die Notizen wiederzufinden. Beide waren sauer auf sich selbst, ihnen war kalt, das Frühstück lag schon Stunden zurück und sie kamen sich bald hilflos vor, wie sie die Klingelschilder der Häuser nach dem Namen Reinert absuchten. Da tippte Valentina den Herren mit Schweißperlen auf Stirn und Hals vorsichtig an, begrüßte ihn und Frau vom Felde in einem Zug. Sogleich tauchte auch Alexander hinter einem unverschämt parkenden Auto auf und grüßte in Handschuhen.

Barbara hatte alle Hände voll zu tun, mit dem Kaffeekochen hinterher zukommen. Matthew und David plauderten erst an der Garderobe, anschließend in der Sitzecke, während die Wächters Alltägliches thematisierten, keiner der Gesellschaft aber Interesse daran zeigte. Gerda nahm den ruhigen Faden ihres Gatten auf, um mit dem Löffel in der Schlagsahne die anderen zu übertönen.

“Ich habe mein altes Haushaltsbuch gefunden. Es ist ein Wahnsinn, wenn ich mir die Preise und Ausgaben von 2005 anschaue und mit heute vergleiche. Jaja, man soll es nicht tun und die Entwicklung bedenken. Aber nein, Frietjof, du brauchst nichts sagen, ich nehme nicht alle Veränderungen wortlos hin.”

“Das bißchen Leben” hätte Frietjof am liebsten maulig über die Tafel geworfen. Die gleiche Überschrift gab er der vergangenen Woche in seinem Tagebuch. Er hatte sich beeilen müssen und war seit dem Morgen schon in schlechter Stimmung. Außerdem winkte er jede Aufmerksamkeit ab, war gar froh, Alexander und Valentina weit neben sich platziert zu sehen.

Claudia sprang zwischen Küche und Wohnzimmer auf und ab, rief ihrer Schwester einzelne Anordnungen vor die Fensterscheibe der Durchreiche.

 

 

Birko betrachtete das Aquarium seit einer halben Stunde schon, gestreichelt von Walter. In jenem Moment, als alle von den einfallenden Sonnenstrahlen überrascht wurden, trat Hennes mit einem Kuchen an den Tisch, der für das kürzliche Geburtstagskind bestimmt war. Es wurde applaudiert und gelacht, doch Frietjofs Unwohlsein war nicht gespielt. Gerda blies für ihn die Kerzen aus, während Maren zu einem Geschenk auf den Eckschrank zeigte.

“Ihr seid alle recht lieb, das kann ich nicht leugnen. Doch ich habe um wenig Aufsehen gebeten und nun das. Erfreut ihr euch eurer Geburtstage und so weiter, doch ich kann es in diesem Jahr nicht. Zwingt mir nichts auf, woran mir nichts liegt.”

Geplante Umarmungen oder Wangenküsse waren dahin. Doktor Nebel schaute über seine vom Kaffeedampf beschlagene Brille, hatte Schwierigkeiten mit dem trockenen Kuchen und wurde vom Platznachbar Alexander auf den Rücken geklopft. Sarik fragte, ob dies heute tatsächlich der letzte Besuch des Doktors bleiben würde. Niemand lachte.

“Wisst ihr, dass ich es heute getan habe?”

Alle Augen wandten sich David Massari zu, der sich an den Heizkörper stellte und auf seine Hausschuhe blickte.

“Es war nicht geplant, aber zu glatt und ich zu knapp dran und es schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein. Die Sache an sich war nicht komisch, nur dass niemand von euch dabei war, das hatte etwas Unangenehmes.”

Manche nickten ihm zu oder stellten sich taub. Maren Kluge musste aus dem Zimmer gehen, hatte sie es nämlich auch erst vorgestern heimlich versucht und dabei versagt. Claudia schnitt den noch nicht aufgetauten Kirschkuchen in vierzehn Stücke, bat ihre Schwester um etwas Musik im Hintergrund und fiel in ihrer Rolle als nervöse Mitgastgeberin erstmals auf. Die Jacken und Schuhe, die im Flur wahllos hingen oder lagen, waren ihr seit einer Stunde schon ein Dorn im Auge, von den sich stapelnden Taschentüchern in Mathildes Schoß ganz zu schweigen.

 

 

 

 “Was wird denn dort drüben gebaut? Der Autohandel ist verschwunden, richtig?”

Frau vom Felde bekam keine genaue Antwort, spekuliert werden würde zum Thema Baugewerbe in der Stadt schon ausreichend genug. Bald standen Hennes und David vor dem Haus, liehen sich gegenseitig Zigaretten und traten in der Kälte von einem Bein auf das andere.

“Meine Eltern kommen mich in Berlin besuchen, das erste Mal. Sie wollen den Anschluss nicht verlieren, sagen sie. Im Grunde machen sie sich wohl Sorgen.”

“Erzähl’ das bloß nicht Matthew, der bringt ja fast kein Wort mehr raus.”

“Das siehst du falsch. Wir haben darüber gesprochen, gerade eben. Das ist doch kein Wettbewerb, Hennes. Im Leben geht es dummerweise immer um die eigenen Eltern, egal ob sie einem dafür Gründe schenken oder es sie überhaupt gibt.”

Hennes legte einen Arm um David, entdeckte er sich manchmal selbst in dessen Gedanken. Der hatte ein Plakat an der Litfaßsäule im Auge: “Du bist dir selbst am fernsten.”

“Glaub’ mir, sobald ich meinen Eltern die Geschichte erzähle, und ich war drei-viermal ganz kurz davor, werden sie mich nicht mehr loslassen. Therapie, Sitzungen, Arbeitsverbot – die ganze Palette. Sie könnten nicht anders. So ängstlich sie sind, wissen sie nicht, dass man auch ohne akademische Hilfe durchkommt.”

Während Doktor Nebel zum zweiten Mal um das Abstellen der als grauslich empfundenen Musik bat, ging Barbara inmitten innerer Anspannung einmal um den Tisch, um überflüssiges Geschirr einzusammeln. Bei Valentina blieb sie schließlich stehen, fuhr ihre rechte Hand aus und war kurz vor dem Berühren des dezent gewölbten Bauchs. Valentina warf ihre Haare in den Nacken und hoffte auf Stillschweigen, womit Barbara Reinert nicht dienen konnte.

“Valentina, ich freue mich für dich, vielleicht auch für euch alle. So ein Geschenk kann einem niemand nehmen. Zwei Väter hätte ich mir immer gewünscht, dafür hatten wir eine unzufriedene Mutter, tja.”

Alexander blieb der Mund weit offen stehen, Frietjof musste sich räuspern und suchte Valentinas Blick vergeblich. Die atmete tief durch, schob die Serviette auf den Tisch, verließ den Raum und legte sich im Gästezimmer neben Maren, die sich längst ein Buch gegriffen und die Runde nebenan mutmaßlich vergessen hatte. Valentina selbst war sich noch nicht im Klaren darüber, ob die Neuigkeit mit Freude einher gehen sollte oder doch die Skepsis zu tragen hatte, die ihrer Beziehung zu Frietjof ohne Pausen anhaftete. Sogar in all ihrer Unsicherheit hatte sie etwas Edles. Maren gab ihr ein Kissen ab und schloss die Augen.

“Bevor das falsch aufgefasst wird oder mir nachher komische Nachrichten geschickt werden – nein, ich wusste es nicht, aber ja, ich freue mich für Valentina. ”

Alexanders Kopf war rot und heiß, vor und auch nach dem Satz. Er hätte noch anhängen können, dass er sich nur und ausschließlich für sie freue und letztlich hoffe, jemand würde sich nach dem Treffen bei ihm melden, um seine Sicht auf die unausgeglichene Beziehung einmal offen aussprechen zu können. Frietjof war ihm mit seinem Wunsch nach Gleichberechtigung in alle Richtungen einem Fisch ähnlich, den man niemals greifen könne, der einem immer auf’s Neue glatt und geschmeidig aus den Händen geraten würde. In all der Aufregung hatte Alexander die obligatorische Insulinspritze aufgezogen im Badezimmer liegen lassen. Als er sich zu Birko kniete und den wackelnden Hundeschwanz verfolgte, wurde ihm mit einem Mal schwummrig im Sichtfeld. Es drückten die Schläfen und stockte die Atmung. Ob wahr oder nicht, er sah Valentina mit Frietjof vor sich, wie alle fast in Reihenfolge den beiden gratulierten, nach Hochzeit fragten, nach einer größeren Wohnung, nach einer Laube im Grünen. Alexander hielt sich die Hände. War ein Kind Teil der Abmachung oder das Kleingedruckte, das er nie gelesen hatte? Wie viel Bereitschaft für das Unsichere und jede Veränderung hatte er selbst zu geben? Schneeflocken tauchten vor seinen Augen auf und er fiel mit dem Kopf nach vorne über.

Der Rettungswagen benötigte keine drei Minuten Anfahrt, vielleicht zehn, bis dieser Alexander in die fast fußnahe Klinik gebracht hatte, die er im ansprechbaren Zustand niemals hätte anfahren lassen. Weil Frietjof zwischen Überforderung, der im Raum stehenden Valentina und schlechtem Gewissen pendelte, begleitete schließlich David Massari spontan den Patienten.

Während Barbara Reinert zusammen mit Gerda den Abwasch zu bändigen begann, flüsterte Mathilde dem still gewordenen Walter zu, nach Hause zu wollen. Die Situation hatte sich überholt, telefonierte Sarik seit einer halben Stunde schon lautstark im Zimmer mit einem Arbeitskollegen, derweilen der Doktor dem fragefreudigen Matthew erklärte, was der Hintergrund für Alexanders Zusammenbruch sein könnte. Das Gespräch verdient es nicht, weiter beachtet zu werden, kämpfte Herr Nebel mit seiner Schwerhörigkeit, die ansonsten als gutes Alibi für manches her hielt und Matthew gegen die unzähligen Fachwörter an, die in seiner Welt wie ausgedacht klangen.
Mathilde rief zum Abschied ein flaches Dankeschön, das passend verhalten seine Antwort erhielt. Die drei Stufen schaffte sie ohne Hilfsmittel, stützte sich an Walter ab und zückte vor dem Hauseingang eine Zigarette, die erste des Tages, wie sie vor Walter deutlich betonte.

“Brauchen wir das hier noch immer, Walter? Ich bin ratlos. Ja – “Keiner steigt aus, wenn es nicht alle tun” – so sagen wir. Im Grunde sagt es niemand mehr, es passiert nichts, sie bereden Dinge, die meinen Frisör langweilen würden. Alle essen lange, weil sie überfordert sind, sich wirklich mit den anderen auseinander zu setzen.
Hach, und doch steigt keiner aus. Aber vielleicht muss ich das für mich überdenken, vielleicht genügst du mir.”

Sagte Mathilde, während Walter das Gesicht zu zittern begann. Er strich ihren Arm, fuhr sie durch den nun schlecht beleuchteten Park. Wenige Meter vor ihrem Haus drehte sie den eigenen Kopf hinter sich. Sie schüttelte die Beindecke vor sich aus, bedankte sich bei Walter. Der trat einen Meter der Haustür entgegen, worauf Mathilde ihn von unten her skeptisch beäugte, bloß ihren Dutt schüttelte und kurze Zeit darauf den Fahrstuhlknopf betätigte. Walter glitt in seine Jackentaschen, hatte er die Handschuhe bei den Reinerts liegen gelassen, schniefte sich die feuchte Kälte in die Nase und verließ den Ort bald mit eben jener Leichtigkeit, mit welcher er am Nachmittag gekommen war. Leicht darum, weil er innerlich bereit war, sich nun auch für Wochen in Abstinenz zu üben und mit der Sehnsucht eines Menschen vergnügen würde.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Januar

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Januar

 

Es rotiert das Gefühl der Wiederholung.
Es bleibt dabei – die Morgende beginnen schwarz. Und dennoch herrscht die Hoffnung, die dem Neuen nahe steht und der Erwartung die Stirn bietet.

Hennes Wagenrot ist sich seiner Person bewusst, dem Ende seiner Karriere, weniger durch Alter als falschen Worten in richtigen Situationen, auch dem Hang zu Schlaf und Fisch und seiner Frau. Maren sieht in ihm noch immer diese Figur, der die großen Möglichkeiten verwehrt bleiben wird, solange die Struktur des Alltags ihn bindet.
Das Haus, das mehr Treppenstufen als Geschirrstücke zählt. Die Bekanntschaften, die weniger Gemeinsamkeiten denn sonderbare Streitthemen ihr Eigen nennen.
Die Kinderlosigkeit, die dem gesprochenen Tabu versprochen ist.

Hennes sah zu, wie Maren sich schwer tat, die Entscheidung zwischer violetter Brosche und überlanger Halskette zu fällen. Der Hocker am Spiegel hatte eher dekorative Aufgabe, heute jedoch nutzte sie ihn für Telefonate mit der Stiefmutter, dem groben Verfassen eines Kündigungsschreibens und der Vorbereitung auf einen Abend in gewohnter Runde. Sie spürte die Augen ihres langjährig Verlobten zu gerne im Türrahmen, die wortlosen Beobachtungen erfüllten sie mit dem Gefühl, nichts von der frühen Anziehung verloren zu haben. Dabei hatte ihr das letzte Jahr einen Streich gespielt, quasi übel mitgespielt. Das tatsächliche Alter holte sie inzwischen ein und malte Furchen an ihre Schläfen, trockene Haut auf ihren Ausschnitt.
Der Mann hinter ihr hatte keine Furcht vor Worten, die Zuneigung bestätigten oder Gesten, die für Außenstehende kaum sichtbar blieben. Maren zog die Vorhänge zu, ein farbenfrohes Kleid an und Hennes direkt neben sich an die Bettkante. Die Umarmung war echt, die Schwere wieder neu.

Die Taxifahrerin fuhr einen Umweg, der dem Paar auf dem Rücksitz nicht verborgen blieb. Sie versuchte sich zu erklären, raunte etwas von Umleitungen und einem elend langen Arbeitstag. Maren nickte mit dem Blick zum Fußweg hin. Sie spürte ihren schon jetzt verbrauchten Atem. Verblüfft und negativ angetan hatte sie das Putzen der Zähne vergessen, aber ein Pfefferminzbonbon zur Hand.
Während Hennes das Fahrgeld großzügig nach vorne gab, winkten Gerda und Sarik bereits vom Tor herüber. Das Licht brannte auf allen drei Stockwerken. Die Laune im lang-schmalen Speisezimmer war den Januarwochen gegenüber ausgesprochen gut. Niemand machte den zurückliegenden Adventstrubel zum Thema. Die Weihnachtsfeiern von Büro oder Abteilung blieben unerwähnt. Dabei hätte die Hälfte der Anwesenden ausschweifend von Feierabenden in Einkaufspassagen oder den unklaren Plänen der Angehörigen berichten können. Doch all die Sterne und Leuchtröhren lagen wieder in den Kellern oder auf den Dachböden der Gesellschaft und man nahm das neue Jahr an, wie eine gute Bekanntschaft in spe. Der Durst hielt sich mit dem Hunger die Waage, die politischen Schlagzeilen konnten mit den Neuigkeiten der Stadt mithalten und überhaupt war die Ausgeglichenheit am Tisch, mit seinen vierzehn Gedecken, ein Trost für Maren und Hennes. Zur Verwunderung aller hatte nicht die Älteste an der Stirnseite Platz genommen. Mathilde war des präsenten Stuhls überdrüssig und tauschte ihn noch vor dem Essen mit Matthew, dem neuesten Mitglied der Runde. Aufgeregt beäugt vom Golden Retriever Birko, dessen Schnauze Achterbahn fuhr.

 

 

Frietjof hatte sich geradezu herausgeputzt, wohlweislich um das Thema seines anstehenden Geburtstages, eine Schnapszahl wohlgemerkt, in die korrekte Richtung zu lenken. Er hielt oberhalb der Tischdecke Händchen und Augenkontakt mit der strahlenden Valentina zur einen Seite, verdeckt im eigenen Schoß die Finger von Alexander, der schon eine ganze Stunde vor dem Haus der Familie Wächter gewartet hatte – aus Angst, nicht pünktlich zu erscheinen.
Maren war gerade dabei, sich aus ihren Absatzschuhen zu lösen, als Doktor Nebel sich neben seinen Stuhl stellte und die allgemeine Aufmerksamkeit abwartete. Unsicher stand er da, verdeckte dies aber mit dem losen Nicken zu den heutigen Gastgebern Sarik und Gerda, außerdem mit einem Grinsen, welches die Größe seines Mundes offenbarte. Das Zittern an der Tischkante war ehrlich, die plötzliche Ruhe im Raum die passende Kulisse.

“Es ist schön euch alle zu sehen. Einmal noch.”

Daraufhin ließ er sich in den Stuhl fallen und trank aus dem Glas Rotwein. Dem Doktor war nicht aufgefallen, dass das Essen noch fehlte, genauso wenig wie David Massari, der heute erstmals für die Verköstigung verantwortlich war. Bis es im gleichen Moment an der Tür läutete und besagter David mit drei großen Servierplatten beladen seinen Applaus erhielt.
Die Worte des Doktors waren nicht vergessen, verteilten sich aber in der noch immer anhaltenden Begrüßung, dem Aufstehen und Schulterstreicheln der Anwesenden. Die Reinerts zeigten unauffällig auf Davids Schuhe, die innerhalb der Wohnung nichts zu suchen hatten. In jedem Falle nicht, wenn sie so sehr das Unwetter bewiesen.

Fisch in allen Formen, Farben und verschiedenster Herkunft befand sich bald inmitten der üppigen Dekoration und ließ den Duft einer Hafenstadt zu. Das Essen verlief gewohntermaßen still und konzentriert, nur Frietjof gab Fragen zu Tisch, die beim vergangenen Termin schon für Unstimmigkeiten sorgten und erst durch Valentinas wiederholtes Niesen beendet wurden.

“David, ich esse das erste Mal seit dreizehn Jahren Fisch. – Nein,keine Sorge, das passiert freiwillig und ich muss zugeben, ich habe all die Zeit nichts verpasst.”

Die meisten lachten, wussten sie doch, dass Sarik bloß eine Retourkutsche ausfuhr, die sich auf den letztjährigen Abend der Süßspeisen bezog. Der Verantwortliche für Fisch und Gemüse schmunzelte in eigener Sache, hatte er sparsam vorgehen wollen und am günstigsten Stand in der Markthalle reserviert, mit der Hoffnung auf allgemein oberflächliches Wissen beim Verzehr von Meerestieren. Vorsichtig schaute er die Runde ab. Hennes hatte einfach Hunger, half Maren noch aus, während Frau vom Felde den billigen Braten gerochen und geschmeckt hatte, aber kein Wort sagte und sich im Rollstuhl kurz zurückzog.

“Sie geht rauchen, Wie immer, sie wartet nicht, sondern verschwindet ohne Rücksicht auf die anderen. Mathilde mag ein Unikat sein, wie ihr alle sagt, unverschämt ist sie dennoch.”

Claudia Reinert stieß ihre unmerklich jüngere Schwester Barbara kurz an, wusste sie um den Stand der Kritisierten.

“Lass’ sie doch, wenigstens riecht man es nie, wenn sie wiederkommt. Das hat sie drauf.”

Barbara verdrehte innerlich die Augen und überging Walters Einwurf. Alexander fiel das Besteck aus der Hand und kroch unter den Tisch, wo Birko längst auf Essensreste hoffte. Auf Knien betrachtete er die körperliche Nähe seines sogenannten Partners Frietjof zu dessen Erstfreundin Valentina. Eifersucht und Neid hatte unter der Tischplatte nichts zu suchen und so stieg er zurück zur Gemeinschaft, bei der neu befüllte Gläser zum Anstoßen bereit standen. Matthew hatte mit dem ruppigen Getränk zu kämpfen, was von Gerda sehr wohl erkannt wurde. Sie brachte also eine weitere Flasche zu Tisch, die sich angeblich weniger pelzig an den Gaumen legte.

“Maren, was ist? Du schaust so unglücklich. Gibt es Neuigkeiten von deiner Abteilung?”

Ein Novum, vor allen nach beruflichen Hintergründen zu fragen. In Gerdas Traum nannte jemand Unbekanntes die Runde einen Wettbewerb gescheiterter Existenzen, was weniger übertrieben als gelogen wäre. Das war nicht der Grund ihrer Treffen. Erfolgreich schienen sie seltsamerweise allesamt in ihrem Metier und gegebenem Umfang, mittlerweile.

“Danke der Nachfrage, Gerda. Ich habe die Kündigung quasi fertig. Du sprichst seit zwei Jahren davon, jetzt hab’ ich’s getan. In Ordnung?”

Die Hausbesitzerin fühlte sich unwohl, wollte sie Maren keinesfalls vorführen, hatte es zumindest nicht wissentlich im Sinn. Doch die Rollen von einst waren inzwischen vertauscht. Jede Leiter hat irgendwann eine letzte Stufe, und damit kann man umgehen oder eben nicht. So oder ähnlich dachte Gerda längst über Maren Kluge.

Warm wurde es im Zimmer, Alle atmeten viel und hörten Matthews Erzählungen vom Urlaub in der Heimat. Die Atmosphäre vor Ort, die Diskussionen in der Familie und den Streit mit seinem Vater ließ er aus. Waren dessen Worte so grob und endgültig, dass er den Gegenwind Gerdas und der Schwestern voraus fühlte, genau wie von Mathilde, die inzwischen mit einem Brandy an den ausschließlich hübsch zu betrachtenden Kamin heran fuhr und dem mehr und mehr zerstreut sprechenden Matthew lauschte.

“Ich kann mir den Abschied gut vorstellen, Geschichten ähneln sich. Sie machen den Eltern Vorwürfe, beschuldigen sie der politischen Lage. Dann gehen sie fort und lassen sie mit dem Gesagten zurück. Entschuldigung, ich hörte nur das Ende, doch ich selbst weiß um die Schwere, zwischen den Kontinenten zu leben und zu richten. Wir können gerne noch zwei weitere Jahre das Titelthema lesen, in welchem uns der Riss in der Gesellschaft vor Augen geführt wird. Und gerne denke ich an die überforderten Eltern und Nachbarn, denen die verkommenen Normen vor die Füße geworfen werden, für sich und Sie aber nur das Beste wollen.”

Matthew schaute Mathilde an, als hätte er nur jeden zweiten ihrer Sätze erfassen können. Doch Walter kam in die Szene und reichte dem jüngsten der drei Porterbrüder einen dunklen Likör und zog sich einen Hocker neben den Rollstuhl. Mathilde vom Felde wischte sich Haare aus dem Gesicht. Sie war es, die Walter seit letztem Sommer als eine gute freundschaftliche Partie bezeichnete.

 

 

Alexander begann mit dem Abdecken des Geschirrs, er musste sich im Nachbarzimmer gleich seine Insulinspritze geben, während Doktor Nebel die Hände schützend über seinen halbvollen Teller hielt und Claudia dem Freiräumen flott beiwohnte.

Der Stuhl knarrte seit einer Stunde schon, so unterdrückte David sich jede Bewegung, bis Hennes aufstand und nach Zeichen Richtung Terrassentür mit ihm und dem soeben von Valentina gelösten Frietjof nach draußen ging. Das Gefühl von Sauerstoff schien notwendig. Der Nieselregen ließ sie sich an die Hauswand stellen und über die Lichter der Stadt blicken.

“Ich mag euer Konzept, es scheint schlüssig.”

Frietjof stellte sich zuerst taub, dann dumm, bald verärgert.

“Gut, wie es so scheint. Doch im Grunde ist es mehr als schwierig. Frag’ die beiden! – Tu’ es besser nicht. Alexander – so ehrlich darf ich hier sein – sieht sich ähnlich wie Valentina eher als eine Art Test an. Ob möglich oder unmöglich – ein Konzept gehört nicht dazu Und wenn doch, mag ich es selbst nicht.”

David versuchte mit seinem Rauch keinen der zwei neben ihm Stehenden zu treffen und war sich kaum sicher, ob seine Meinung hier Platz findet.

“Wer lässt sich schon gern als Zweitfreund bezeichnen? Beziehungen sind bei mir selten Charts oder innere Umfragewerte.”

“Wobei das das günstigste wäre, tatsächlich.”

Frietjof nahm seine betröpfelte Brille ab und sah zu Hennes hinüber, der dem Thema ein Ende setzte.

“Ich träume nicht mehr. Wer weiß, ob das gut ist oder zumindest der Anfang davon. Entschuldigt, es kam so raus.”

Doch die beiden Herren nickten ihm bloß wissend zu und hatten zeitgleich ein Rascheln im Busch vernommen, welches sich bald als Matthew entpuppte, der Birko für ein paar Meter im Freien begleiten wollte. Er hielt dabei den Schirm eher über das laufende Fell als über den eigenen Kopf, sprach dem Tier unverständlich zu und informierte den verstummten Dreier über eine kleine Dia-Reise, die im Wohnzimmer von Gerda und Sarik vorbereitet wurde. Die Backen halb aufgeblustert ließ sich Frietjof nun doch eine Zigarette von David geben und warf einen auf dem Steinboden liegenden Kleiderbügel ziellos in den Garten. Birko rannte mit einem Satz in die Büsche, gefolgt von einem abscheulichen Schrei. Die Gestalt dazu wankte abwehrend in das Laternenlicht und blickte hilferufend aufwärts. Matthew hatte den Hund aus der Ferne schon beruhigt und zu sich gepfiffen, die zu Tode erschreckte Frau kratzte sich ruckartig am Oberkörper, aus Angst vor Tollwut, Blut und Tierhaaren. David sprang über die Brüstung und stellte sich vor die Dame. Derweilen war Maren nach draußen gekommen und hatte die Fremde bald als ihre Taxifahrerin identifiziert.

“Erklärt mir doch bitte, was hier vor sich geht. Gerda wird ungemütlich, wenn wir nicht bald kommen. Und Sie, was machen Sie denn hier? Und weshalb schreien Sie so herum?”

Die Fragen waren der von allen Seiten beobachteten Frau sichtlich unangenehm, wie wohl die ganze Situation.

“Es tut mir leid, es ist alles ein Zufall. Nein, so stimmt das auch nicht. Wissen Sie, Frau Kluge, seit über einem Jahr fahre ich Sie nun mit ihrem Mann zu diesen Treffen. Es geht mich nichts an, das weiß ich sehr wohl. Ich dürfte nicht einmal auf diesem Rasen stehen. Doch jedes Mal, wenn ich Sie beide vor Mitternacht wieder abhole, sind Sie verändert. Mich hat die Neugier gepackt, vielleicht eher das Interesse. Ich wollte wissen, was der Grund für Ihre Treffen sein könnten. Wie alle gucken! Zeigen Sie mich jetzt an?”

Hennes stand nun neben seiner Verlobten und wartete ihre Reaktion ab. “Hoffen wir, das Interesse an ihren Kunden ist nicht chronisch. Ich schätze, Sie machen sich selbst mehr Gedanken über uns als die gesamte Gemeinschaft hier zusammen. Das sagt vieles aus, über Sie und die Runde hier. Ich darf Sie zum Abschied vielleicht einmal drücken und Sie dann bitten, mich nach Hause zu fahren.”

Während die letzten Urlaubsfotos auf die Leinwand projiziert wurden, waren Maren und Hennes schon wieder zu Hause angekommen. Ohne Verabschiedung, das kannten die anderen bereits, es rotiert schließlich das Gefühl der Wiederholung.

 

Text: Christian Ludwig
Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

Das Leben in der Stadt kann eine so fruchtbare oder furchtbare Erfahrung sein. Im Wirrwarr von Wiederholung, Erwartungshaltung und erbetener Routine lebt es sich schön. Niemand scheut seine Angewohnheiten oder das Besprechen dieser mit anderen. Geheimnisse sollen ihre Funktion nicht behalten, Gerüchte verkommen zur Realität.

Berlin schreibt vielen Menschen, auch mir, die Geschichten wie von selbst – die Jahreszeiten geben ihr übriges noch dazu. Und so begleitet mich und die Leser in den kommenden zwölf Monaten die Geschichte um eine Gemeinschaft von vierzehn Personen. Eine Erzählung in Episoden, die erst im Laufe des Jahres entstehen werden. Mit mehreren Motiven pro Monat gibt die Fotografin Saskia Kyas jeweils den passenden optischen Zusatz.

Hennes Wagenrot und seine Verlobte Maren Kluge, die Geschwister Barbara und Claudia, der Hund Birko samt Herrchen Matthew Porter, David Massari, Eheleute Sarik und Gerda Wächter, der lange schon im Ruhestand sitzende Doktor Nebel, Mathilde vom Felde mit ihrem Begleiter Walter, Frietjof und seine beiden Partnerschaften Valentina und Alexander.

Die Protagonisten stehen schon heute fest, doch wohin sie das Jahr 2017 führen wird und in welcher Konstellation sich die Gesellschaft zum Jahresende befinden könnte, werden erst die kommenden Wochen nach und nach zeigen.

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