Bilder zur Lesung der Langen Buchnacht

Furcht kommt nie aus der Mode

Die Welt ist zu groß, um sich all ihrer Gefahren bewusst werden zu können. Jedes Leben und dessen Wirklichkeit offenbart die ganz persönlichen Zeichen, die nach Bedrohung riechen und denen Statistiken gegenüber stehen, die die Wahrscheinlichkeit minimieren sollten, sich der Angst hinzugeben und dem die Tür zu öffnen, was wir Gefahren nennen. Doch was geben uns Zahlen, die Sicherheit ausstrahlen könnten und etwas wie Hoffnung sicherstellen dürften.

“Laut Wikipedia ist Furcht die wirklichkeitsgerechte Angst vor etwas Konkretem. Das wäre ja noch schöner, wenn das aus der Mode käme. Dann würden wir ja alle ständig sterben.” – Felix Haß

Als Kind umgaben mich rückblickend derart viele Gefahren, dass es wieder Statistiken bestätigt, dass ich gerade in diesem Moment gesättigt im einfallenden Sonnenschein einer trockener Großstadtwohnung sitze, die Tür nur geschlossen, nicht verriegelt ist und ich meinen bevorstehenden Tag planen kann, ohne schwer wiegende Rücksicht auf die Erwartungshaltung anderer oder einer Abhängigkeit, die mein Wohlbefinden einschränkt.

““I think humans are good at ignoring danger. After all, they’re hulaing around a giant ball of burning gas on a none-too-stable rock while hurtling through space.” – Victoria Gosling

Früher war da der Nachbar, der an den schaurigen Rücken eines Märchenbuches erinnerte, das erste Begreifen der eigenen Endlichkeit vor dem Einschlafen, Hörspiele, die mit dem Vertrauen von Menschen spielten und letztlich Moral vorgaben, außerdem Stunden zwischen Spielplatz und Wald, die das Gefühl von unüberschaubarer Weite trugen. Die Zeit des Kindseins ist rückschauend ein Meer an Gefahren und von Erwachsenen bewusst gesetzten Ängsten, wo eben ein gefrorener See nach dem wiederholt gewarnten Einbrechen aussieht oder ein freundlicher Mitmensch gleich zweideutig agiert.

“Jede Existenz ist per se bedroht und prekär. Die Gefährdung wie auch die Hoffnung sind stets präsent. Blickt man jedoch zurück, kennt man also den Ausgang einer Geschichte und kann die Ereignisse als »Geschichte« erzählen, entsteht ein Gefühl der Sicherheit. Wenn man sich auf die Erzählung verlassen kann, wenn sie einer gewissen Logik folgt, dann tritt die Gefährdung und die Unsicherheit in den Hintergrund.

Im Gegensatz dazu ist das Zukünftige, was vor einem liegt und was noch nicht entschieden ist und keine Form hat, unsicher, unklar – und das kann dann natürlich bedrohlich wirken. Eine zur Geschichte verpackte, erzählbare Vergangenheit wird ungefährlich, selbst wenn sie, während sie erlebt wurde, unsicher, gefährlich, bedrohlich war. In der unklaren Zukunft dagegen mit all ihren Möglichkeiten, ihrem Potenzial, das in die eine wie in die andere Richtung gehen kann, ist die Gefährdung noch spürbar.” – Sebastian Guggolz

Was aber bedeutet das Gefühl der Gefahr als erwachsene Person, die man zu glauben scheint. Die Dimension der empfundenen Gefahr hat sich verändert, kämpft unregelmäßig mit der Realität an. In meinem Falle sind das Situationen wie ein Herr, der mich laut Aussage bei Tageslicht meiner Optik nach gerne erstechen würde, ein gebückter Spaziergang durch den Keller einer dahin rottenden Heilstätte und mehr und mehr der unheilvolle Blick auf internationale Wahlergebnisse.

“Angst nimmt viel Raum in meinem Leben ein, das Gefühl, tatsächlich in Gefahr zu sein allerdings wenig. Ich habe eher Angst vor banalen Sache, dann wird mir nicht langweilig. Mit dem Begriff der „Angstlust“ kann ich was anfangen. Aber wirklich in Gefahr fühle ich mich sehr, sehr selten.” – Felix Haß

Mit offener Tageszeitung und allen weiteren Medien, die auf ihre Weise Nachrichten der Welt preisgeben und den zugehörigen Kommentaren und Einschätzungen, überkommt einen das Gefühl, eine nicht geringe Anzahl von Menschen hat den Abstand zur Furcht verlassen. Die Gefahr nimmt Leute ein, ist sie scheinbar überall.

Ja, sie fliegt am Himmel, liegt auf unser aller Konten, drängt in Scharen über Grenzen, zeigt sich durch Unzufriedene auf der Straße, befindet sich in unserer Nahrung, ist in Geschichtsbüchern geschrieben, macht sich in der Rache der Natur fest, haftet dem Fernweh nach Früher an, versammelt sich in Glaubensgemeinschaften, entscheidet politisch für uns mit, macht sich im schlimmsten Falle durch Ruhe bemerkbar und bestätigt sich insbesondere dadurch, dass sie von Mitmenschen weder ernst noch wahrgenommen wird.

“Sich von Hoffnung leiten zu lassen, halte ich für ein noch naiveres Unternehmen, als sich von Angst leiten zu lassen. Sich leiten zu lassen klingt überhaupt schon nach dem falschen Weg. Wer sich leiten lässt, hat das Leben verloren: egal ob von Angst oder Hoffnung. Wir können uns nur treiben lassen. Das Leben braucht weder Angst noch Hoffnung, um weiterzugehen und uns zu überraschen.” – Kevin Junk

Die Angst entscheidet für uns mit, alltäglich, politisch und im persönlichen Rahmen, der unsere Entscheidungen und Tun oft erklären lässt, ganz ohne unser Bewusstsein. Sich für das Leben statt der Furcht zu entscheiden, ist zumindest ein gefühlt gesunder Anfang, ganz ohne wegweisende Tabellen und Diagramme.

„Danger? That I will stop being me. Or sometimes, that I will have to be me forever.“ – Victoria Gosling

Rosegarden Magazin präsentiert: Verdeckte Gefahren.

Samstag, 04.Juni 2016, ab 19:30 Uhr im Feger
Lange Buchnacht in der Oranienstraße

„Verdeckte Gefahren.“ Ein Leseabend am 4. Juni zur Langen Buchnacht in der Oranienstraße

„Verdeckte Gefahren.“ Ein Leseabend am 4. Juni zur Langen Buchnacht in der Oranienstraße

Die Gefahr steckt im Detail, noch lieber im Verborgenen. So lädt das Rosegarden Magazin im Rahmen der 18. Langen Buchnacht in der Oranienstraße zu einem Leseabend ein, dessen Beiträge allesamt noch unveröffentlicht sind und die sich ganz dem Thema der „Gefahren“ widmen. Ob die Bedrohung des Alltags, des unerwarteten Miteinanders oder jene abenteuerlicher Reisen – das Wagnis findet sich in fünf vorgetragenen Geschichten.

Lesende Gäste der Veranstaltung:

19:45 Felix Haß
20:00 Kevin Junk
20:30 Victoria Gosling
// Pause //
21:15 Sebastian Guggolz
21:45 Christian Ludwig

Zeit: Samstag, 4.Juni 2016 ab 19:30 Uhr
Ort: Feger, Oranienstraße 183, 10999 Berlin
Facebook: Rosegarden präsentiert: Verdeckte Gefahren. Ein Leseabend.
Webseite: www.lange-buchnacht.de

Heißer Kaffee

Heißer Kaffee

„Ihm war nicht gut bei dem Gedanken, später als wandelndes Beziehungsmal weiterzuleben, für alle zur Schau.“ – Der Balkon weckt Elektronik und Gedanken.

Fast unveröffentlicht

Fast unveröffentlicht

Vorsicht gewähren, Zeit als Feind sehen, fremd bleiben. Das alles konntest du nicht und nun hat das Problem einen Namen, wenn nicht gar zwei. Wem nützt der Tag, am welchem ich ein Gefühl mit dir verbinde oder schlimmstenfalls du eine Verbindung mit mir fühlst. Das nennen andere Alltag oder das Leben an sich. Dabei ist doch das Leben an mir.

Ecke Engelbecken

Ecke Engelbecken

Die analoge Fotoaktion am Oranienplatz mit hans.LAND hatte sonnige Aussichten und beinahe gefährliche Absichten zugleich, während das zugehörige Projekt langsam Formen annimmt.

Leipziger Buchmesse 2016

Leipziger Buchmesse 2016

Obligatorischer Blick zur Buchmesse: Belesen.
Anschließendes Fazit: Die nächste Kurzgeschichte schreibe ich mir selbst.

Kollusionsgefahr

Kollusionsgefahr

Die Welt: Sich von der derzeitigen Stimmung gefangen nehmen, ist der denkbar schlechte Weg, das zeitnahe Einfangen der Stimmung hingegen kann man nicht gut wiederholen. So ist der Vers zu „Kollusionsgefahr“ in einer der zu vielen Stunden voller Überforderung von dubiosen Nachrichten entstanden und hat nun seinen Weg in die zweite Printausgabe des Rosegarden Magazins gefunden. Visuell wurde dieser unterstützt durch einen Fotobeitrag von Sebastian Blinde.
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