2008

Frostboiled by winter

Man wird doch nur belogen. Man wird sogar mächtig betrogen, nicht nur im kleinen Rahmen.

“Laß dich nicht verarschen” lautet ein schmissiger Werbesatz, wir wollen trotzdem nicht hören. Vom großen Klimawandel ist spätestens seit der Jahrtausendwende mehr als unüberhörbar die Rede. Von Sommern, die bösartige Tumore direkt Richtung Menschheit ziehen lassen. Von Wintern, die jede erdenkliche Härte und frostige Durchschlagskraft vermissen lassen. Plötzlichen klimatischen Einbrüchen wird dank uns Menschheit angeblich schon vorgesorgt. Der Tod kommt schleichend.

Mitte November 2008. Von wegen, der gefühlte Mord übermannt einen vorwarnungsfrei. Ob Landeshauptstadt Berlin oder die Hamburger Altstadt. Alle panikorientierten Gedanken über den jährlichen Temperaturanstieg werden auf den Betonboden geworfen, welcher einem gerade das Beinwerk wegziehen möchte. Sind sie noch dran? Sind das wirklich vier Schichten? Ist das Deutschland? Nun gut, statt sich dämliche Fragen zu stellen, wird man eher von einer abrupten Wut über persönliche Kosteneinsparungen in Bezug auf Schal, Handschuhe und doppelter Sockenfraktion erfasst. Noch schneller jedoch vom inneren Drang der Flucht, der Sehnsucht nach Nestwärme oder anzüglich hochprozentigem Alkohol. Nackt auf den nächstbesten Kamin bzw. umringt von einem frisch aufgekochten Wärmeflaschenmantel. Todesnähe bringt kurzfristig geniehafte Gedankenzüge. Am besten zwischen Oktober und April nicht mehr außer Haus gehen? Fehlalarm, ist auch kein garant für Dauerwärme. Defekte Rohre und lahm gelegte Warmwasserverbindungen sind keine Seltenheit. Verlasst euch auch nicht auf Freunde oder Familie. Sind sie generell gebefreudig, ziehen sie im Winter alle Sparregister. Irgendwo muss man angeblich ja ansetzen.

Wir sind zurück auf der leicht schneebedeckten Straße mit dem Zug von allen Himmelsrichtungen und der Kälte mit ohne angezogener Bremse. Klimakatastrophe geht alle an, an dem Abend ist man selbst Teil des Gegenteils. Gute Nacht, ich muss weg, mein Schwein pfeift.

July Skies – The Weather Clock

Ihr kleiner Reisebegleiter

Man muss nicht immer verliebt, ein gefühlstechnisch weich erbautes Wesen oder Ökotrophologiestudent sein, um einen spätsommerlichen Nachmittag unter Apfelbäumen genießen zu können. Die still stehenden Gewächse lassen die letzten tief schürfenden Sonnenstrahlen nur bedingt zur Wiese gelangen, die Vögel und Grillen geben mit ihren mehr oder weniger dezenten Lauten ihr Übriges um die anheimelnde Picknickatmosphäre nahezu perfekt zu machen.

Dabei sollte schon seit 2002 jedem klar sein, dass sich neben dem obligatorischen Stück Pflaumenkuchen plus Kaffee mit Milch, nur noch eine Scheibe der Wahl aus dem angelsächsischen Hause July Skies auf der Decke platzieren braucht und man hat die grüne Bilderbuchsitzung tatsächlich live vor sich.

July Skies sind eine sowohl visuell, als auch musikalisch vollkommen stilsichere Ambientformation, die ihr Gespür für fein gesponne Klangwelten auch auf der aktuellen Veröffentlichung namens “The Weather Clock” wieder gekonnt unter Beweis stellt. Gerne kann man das Dream-Pop nennen, Postrock ohne Ausbrüche aber dennoch mit Spannungsbogen, würde es auch treffen.

Allein die Songtitel lassen schon erahnen, wohin die Tonreise gehen soll: “Branch Line Summers Fade” oder “Girl On The Hill”. Schaut man sich die offiziell genannten Einflüsse an, folgen solch treffende Aussagen wie “Lost Youth, Post-War Britain & The Sound Of Children Playing Faraway”. Da schlagen die geistigen Verknüpfungen Purzelbäume. Dass gerade im Jahr der kommerziellen Entdeckung atmosphärischer Gitarrenmusik dieses Kleinod völlig hinten über fällt, ist mehr als bedauerlich.

Für alle kommenden Sonntagsausflüge gehört dem zu Folge eines stets in den Korb gepackt – siehe oben.

Lady Gaga – The Fame

Zwischen Boxenstopp und Zuckerwatte

Mädels, natürlich seht ihr alle herrlich aus, wenn ihr so bedrückt zwischen Klavier und Wiese eure kleinen Liebeslieder schmachtet. Doch irgendwann ist man der weiblichen Melancholie überdrüssig und die gute alte Girl-Power schreit nach neuen Abschüssen.

Da kommt diese verstrahlend blondierte New Yorker Selbstinszenierung namens Lady Gaga gerade richtig. Statt einer Reise durch die tiefsitzenden Gefühlswelten, geht es mit ihr geradewegs in das Reich der Oberflächlichkeiten. Genau dort, wo es glitzert und funkelt, wo ordentlich geschüttelt wird und die Jungs willig Parade laufen.

Sie selbst versteht sich als provokante Künstlerin, beim Rotieren von „The Fame“ wird einem jedoch mehr deutlich: Sie steht auf Eurodance, Gwen Stefani, kompakt gesetzte Popsongs ohne seelisches Rückrat und vor allem sich selbst. Na hallo! Da müsste sich doch karrieretechnisch was machen lassen.

Und nun? Wer keine Angst vor catchy Refrains mit stimmlichem Potential hat, hört mal bei den offensiven Überohrwürmern „Boys, Boys, Boys“, „Beautiful, Dirty, Rich“ und „Just Dance“ rein. Wer da nicht heimlich vor Spiegeln tanzt, ist erwachsen oder selber schuld.

Nachtzerdanken

Du sollst nicht lügen. Das können andere besser.
Ja ja, ich soll auch nicht trinken, was andere wohl auch besser können.
Was ist denn mit dir los, unausgeglichen?
Was soll schon los sein? In dem Moment, in welchem die Frage kam, hast du doch schon an was anderes gedacht bzw. deine Antwort vor dir. Diese soll bitte unpersönlich sein, vor allem auch wenig anstrengend und nicht zu offenherzig.
Aber nicht lügen?
Aber auch nicht zu offen mit den Karten spielen.
Einer bescheißt doch eh immer.
Und der Gewinner steht schon von Anfang an fest.
Mitmachen ist alles.
Genau wie Wissen.
Und Geld. Wobei letztlich kaum niemand deinen aktuellen Kontoauszug an der Pinnwand hängen hat.
Wieder mehr Schein als sein?
Wir lassen’ s sein.
Wird mir an dieser Stelle auch zu schwierig.

Die Wege der Liebe sind unerfindlich

Situation 1: Bahnhofshalle

Pärchen, im Abschwillen der pupertären Phase, auf Bank sitzend.

Er: Ey, warum willst du denn nicht mit mir schlafen, ey?
Sie: Ach.
Er: Los, sag!
Sie: Ich weiß nicht, ob ich schon soweit bin.
Er: Was? Wer hat dir denn den Scheiß erzählt? (schaut sie nervig entgeistert an)
Er: Aber ich lieb dich.
Sie: Ja?

Situation 2: Stadtmitte

Pärchen, jenseits der 30, an einem Stand.

Er: Ich liebe dich.
Sie: Jaja. Das hab ich dir gestern auch schon gesagt.

Tiger Lou – The Loyal

Lieber Tiger Lou,

nun habe ich schon so oft von dir gehört, dass ich dir an dieser Stelle auch einmal meine Sicht der Dinge schildern muss. Nein, eigentlich verkommt das hier wohl eher zu einer ultimativen Lobhudelei. Ich glaube nämlich, du bist inzwischen ein guter Freund, wenn du erlaubst, sogar mein bester.
Du passt einfach immer in meinen Tag, bist scheinbar nie überflüssig oder gar fehl am Platz.

Mit dir fühlt man sich wieder wie ein Kind, nur ohne Dreck an den Schuhen oder Schrammen im Gesicht vom Spielen.

Man kann mit dir unheimlich viel Spaß haben und das immer wieder, ohne irgendwann dem Miteinander überdrüssig zu sein. Du lässt einen traurig sein, ohne zu Tode betrübt zu werden. Du lässt mich tanzen, ohne mich zu schämen. Du drängst dich nie auf, bist aber dennoch präsent.

Nimm dir bitte die Vorwürfe vom Umfeld nicht zu Herzen, sie sind letztlich alle haltlos. Gut, du hast nicht die gewaltigen Ecken und Kanten eines Raubtieres, bist möglicherweise sogar einfach gestrickt und leicht zu durchschauen. Aber all das macht dich nicht weniger wertvoll.

Bei dir fühlt man sich wie zu Hause und daher einfach wohl. Bleib so wie du bist, biedere dich nicht an, nicht dass diese Freundschaft zu einer kurzen Episode verkommt. Vielleicht meldest du dich ja bald wieder. wenn nicht, bleiben zumindest die Erinnerungen.

Ich danke und sende Grüße.
Der ebenso Loyale.

Rauchmelder Deutschland

Lange ist’s noch hin. Wer weiß, was bis dahin ist, und dran halten wird sich eh kein Mensch. Wie wollen die das denn umsetzen? Da wird es Aufstände geben, darauf wetten wir. Das können die doch nicht machen. Wer hat das überhaupt entschieden? Ach, das wollen wir erst mal sehen. Die können alle dicht machen. Ordnungs- oder Aufsichtsamt, bleibt wo ihr seid, gibt es doch Wichtigeres zu kontrollieren.

Sieh mal, die haben überall bereits Schilder angehangen. Die ziehen das durch. Oh nein. Wo sind denn die Aschenbecher? Hier raucht ja gar keiner. Und die Luft ist nun also besser?
Ey, ist das öde hier. Ich fühl mich in meiner Freiheit eingeschränkt. Gut, dann bleiben wir eben mit unserem Arsch zu Hause. Hast du die ganzen Leute vor dem Eingang gesehen? Klasse, da muss jetzt wieder mehr Geld Richtung Gesundheitswesen fließen, denn in der Kälte da draußen, kann man sich ja nur einen weg holen. Denen ist unsere Gesundheit also völlig egal.