2009

One Week

Nichts will als mehr Zeit- und Nervenverschwendung durchgehen als die alte “Was-wäre-wenn?”-Frage. Hätte die Nachbarin nicht geklingelt, die U-Bahn keine Verspätung oder der Hund keinen Durchfall gehabt. Die Geschichte würde anders geschrieben werden. Spekulation ist der Menschen Wohl und Hohn in einem. Stelle dir vor, du bekämst heute akut die Diagnose, welche nur eines schlussfolgert: Die Zeit rennt bzw. ist nahezu vorüber. Was nun? Entgegen flitzen, sich beruhigt zurück legen oder für die un/bestimmte Zeit genau sich der Existenz hingeben, die man nie oder immer sein wollte.

Wer will einem vorschreiben, wie man sich in Extremsituationen verhält? Wer will wissen, welche gedanklichen Kanäle parallel Achterbahn fahren? Wo fängt Egoismus an und hört Selbstbestimmung auf?

Regisseur und Drehbuchautor Michael McGowan tut in “One Week” gar nicht so, als würde er es wissen. Er wühlt die Fragen auch zu keiner Zeit psychoanalytisch auf, verzettelt sich nicht in pathetischer Überinterpretation des Gedankens an Tod, Vergängnis und Endlichkeit.

Kanada scheint mit seinen idyllischen und teilweise unfassbar anmutenden Weiten geradezu prädestiniert als Kulisse für einen Roadmovie, der im Grunde keiner sein möchte. Joshua Jackson bricht aus seinem mittelprächtigen US-Serien-Image aus, ohne der Figur des Endzwanzigers Ben eine künstlich aufgesetzte Dramatik aufzuheizen. Solch eine endgültige Diagnose bringt um den Verstand, lässt Zweifeln und alles hinterfragen, was zwischen Beziehung und Lebensführung bisher Bestand hatte. Liane Balaban spielt die Rolle, der in sich versteiften und eindimensional agierenden Verlobten, außerordentlich überzeugend. Man möchte sie schütteln, Szenen festhalten und ihr klar machen, dass es Ben ist, der für sich selbst Entscheidungen treffen muss.

Charmant und mit einer sensiblen und doch nicht luftleeren Leichtigkeit wird man quer durch Bens Motorradreise geführt. All die ernüchternde Schwere wird hinter den Bergen belassen, jedes inszenierte Augenzwinkern kommt passend und kämpft nicht um erzwungen auflockernde Situationskomik. Und so ist der Hauch von Tragik durchgehend spürbar, wird jedoch nie als Mittel zum typischen Zweck erkoren. Was bleibt, sind 94 Minuten getragener Unterhaltung, die mal wieder nachhaltig die gedankliche Waagschale vom Sein und Werden füllen.

(500) Days Of Summer

Songs, welche von sich behaupten, keine Liebeslieder zu sein, oder liebliche Geschenke, die auf keinen Fall liebenswert gemeint sein sollen, sind schon so eine seltsame Seuche der Neuzeit. Dass das Genre “No-Love-Movie” von Jahr zu Jahr dichter besetzt wird, passt da nur umso besser in die allgemeine Entwicklung. Der Konsument, Hörer oder Zuschauer kann anscheinend selbst schlecht einschätzen, wo die Botschaft hingeht oder was das imaginäre Etikett aufzeigen soll. Das nimmt Spannung und Erwartung, schließlich wird der Begriff Liebe dann nur skelletiert, in seine allgemein kritischen Bestandteile zerpflückt. Das nennt man berechenbar, im schlimmsten Falle langweilig.

Anti-Beziehungskomödien gibt es zuhauf. Partnerschaften, die zum Scheitern verurteilt sind bzw. so tun müssen, um der Nähe zu Realität und Alltag Rechnung zu tragen. Wo die Aussage “Bleib solo!” aufleuchtet, die Contra-Liste mit einer satten Portion Überhangmandaten aufwarten kann. Wo Verliebte naive Träumer sind, verkappte Neuauflagen ihrer Eltern. Ziemlich einfach gedacht alles.

In (500) Days Of Summer lebt sich diese Sparte quer gedrückter Großstadtromantik wie ein extra errichtetes Paradebeispiel aus. Die Hauptcharaktere Tom und Summer erleben die Liebesgeschichte mit Verfallsdatum. Wobei hierbei der Katy Perry-Verschnitt mit ihrer lockeren, unverbindlichen Art zu Beginn noch begeistern kann, im Laufe der 97 Minuten dann an Coolness verliert bzw. Entscheidungen trifft, die weder Tom, noch der konventionelle beziehungserprobte Zuschauer gut heißen will oder nachvollziehen kann. Der Rahmen oder Platz zum Mitfühlen fehlt leider, fällt inmitten der zahlreichen angedeuteten Ideen von Script und Produktion misslicherweise den Stadtpark runter, welcher Dreh- und Angelpunkt des Geschehens sein darf. Drumherum wird das liebenswerte, aber recht bissfreie Gefühlsunterfangen in den zu erwartenden unchronologischen 500-Tages-Kalender gepackt, bekannte bis verdrängte Indie-Popsongs inklusive.

Euphorische Melancholie auf Zelluloid kann schön sein, unbeschwertes Coming-Of-Age-Geschwurbel mit Mute-Taste und dem Schenkelklopfer-Finale des Monats sind jedoch spätestens übermorgen vergeben und vergessen.

Antichrist

“Der umstrittenste Film des Jahres”. So bewirbt das Flugblatt einer kleinen Berliner Kinoinstitution die 104 Minuten. Die Erwartungshaltung dank des in Stein gemeiselten Filmtitels darf immens sein. Der aufwirbelnde Ruf, der seit der Cannes-Revue besteht, muss erstmal Bestätigung finden. Doch die Moral der Geschichte wird auf den Kopf gestellt, liegen am Ende doch mindestens drei Schlussfolgerungen auf den Kinosesseln, welche die Fragezeichen ersetzen sollen.

Die Frau an sich ist die Verkörperung des Bösen, die Geisel bedingungsfreier Befriedigung, der Motor von Erniedrigung und unausgeglichenem Schmerzaustausch. Klingt so spannend, wie hetzerisch unausgegoren.

Traue keinem Tier ohne wirkliche Haustieravancen. Die leben schließlich nicht grundlos dort, wo nachts noch wirklich Nacht ist. Vergrabe dich, jedoch nicht in eine Diplomarbeit oder eine andere wichtige Lebensaufgabe, die Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Lars von Trier überschlägt sich selbst wenig in Aufklärung und Erörterungswut. Soll man doch selbst rausziehen, was sich eben ziehen lässt. Und da steckt mehr, als man wahrhaben möchte. Die Liebe zur Natur, zur traditionellen Sagenwelt und zu den Gletscherspalten der menschlichen Psyche. Die Freude am Sezieren verzweifelter Taten, Ausleben der Slow-Motion.

“Antichrist” ist nicht der polarisierende Schocker, über dem international das Warnschild prangt. Nicht der gewaltverherrlichende Streifen Kulturgut, der unter dem gestürzten Kreuz mit allzu typischen Hilfsmitteln den Zweck bedient. Da steckt der Teufel im offensichtlichen Detail, nicht beim blutenden Handjob. Die im Finstern prasselnden Eicheln, das liebliche Reh samt Totgeburt, die Knochen- und Sehnensituation der Darsteller. Es setzt Symbolik im Sonderangebot, gedankliche Verknüpfungen allerorts. Hochästhetisch in Szene gesetzt, mit einer Prise Doom in visueller Hinsicht. Videoclipatmosphäre der besonderen Art, Spielfilmflair der fast geläufigen. Alles in allem nachhaltig und akzentuiert, doch nicht dermaßen im Chaos gefangen wie man vermuten durfte.

Das Konzept „Contra-Beziehung“

Beziehungen sind im Grunde Verbindungen zwischen Ob- oder Subjekten, die zusammen passen oder dies zumindest gerne hätten. Und da liegt der Igel im Jahre X im Curry. Alles, was eben verbindlich sein soll, schreckt erstmal ab. Wer will schon Konsequenz, offizielle Abmachungen oder einen unsichtbaren Zwang inmitten des Alltagsspuks. Klammeraffen tun weh, und so windet man sich gerne aus allem raus, was die innere Freiheit und Individualität potentiell in Gefahr bringt. Sich selbst offenbaren gleicht wohl Erniedrigung und menschlicher Transparenz in einem. Gut, das Einzelgängerdasein umgibt gesellschaftlich auch eher die fragwürdige Aura. Also herrschen dann menschlichen Verbindungen, die von Erwartungen bis Vertrauen in die Kombination an sich, auf Off oder unterstem Level laufen. Wo es bei Zwistigkeiten oder Atmosphärewechsel keinen Big Bang geben wird, weil eh nie etwas ausgesprochen, geschweige denn abgesprochen war. Und so suhlt man sich weiter im Sumpf der Unsicherheiten, auf die man selbst angeblich so viel Wert legt. Dort ist es auf Dauer nicht nur ungemütlich, man macht sich womöglich schmutziger, als auf der konventionellen Ebene. Der Beziehungsstatus “Unentschlossen” wird im Volkmund natürlich auf “die richtige Person warten” umgemünzt. Es soll ja nicht heißen, man wüsste nicht wohin mit sich und all den dubiosen sozialen Ansichten. Das Image des Abwartens bzw. reinen Warmhaltens kommt locker, aber im schlechtesten Falle als billigstes Alibi für den eigenen fehlenden Arsch in der Hose.

Klappe, Action, Anklage – Herr Souza

Manchmal und leider zu oft sind Neuigkeiten vom Erdball nicht nur unfassbar, sondern offensichtlich filmtauglich. Das sind diese Nachrichten, deren Verlauf oder Hintergrund dermaßen reißbrettmäßig wirken, dass man sie neben die Realitätssparte packen möchte, Cliffhanger und Schattenszenen inklusive.

Sagt man die 17 Grad im Schatten vom nächsten Donnerstag voraus, kann das Glück oder Wetterfroschintuition sein. Sieht man seinen Nachbar vor sich, obwohl er noch nicht mal die Haustür öffnete, klingt das seltsam bzw. die Haustür ist gläsern. Spielt ein DJ einen Clubhit von morgen, bevor dieser datentechnisch überhaupt erfasst wurde, ist es schon obskur oder die neue Zukunft. Das alles sind jedoch nur Statistenanekdoten, wenn man sich den aktuellen Fall um den Brasilianer Wallace Souza vor Augen hält.

National populär dank einer Fernsehshow, die den 50-Jährigen stets am Schmelztigel akuter Verbrechen präsentierte. Noch bevor Sanitäter Infusionsmaterial aus den Krankenwagen holten bzw. die Polizei am Ort des Geschehens eintraf, war er schon da. Das Mikro lief, die Kamera schwenkte. Auch so ein faszinierender Bauchmensch, der zwischen Mittelalter-Hellsehfähigkeit und Elbenaugen pendelt? Wohl kaum. Einer, der mit seinem Team aufklären möchte? Eher dem Volk das zeigte, was es anscheinend sehen wollte. Mord ist im Bundesstaat Amazonas kein Tabu oder thematischer Kolibri. Tagesordnung trifft es eher. Da lohnt es sich, schneller zu sein als die anderen.

Das Nützliche mit dem Anrüchigen verbinden, klingt so verlockend, wie umsetzbar. Herr Souza war auch in politischer Mission auf der Spur. Gewalt, Verbrechen und Drogenhandel den Garaus machen, sind große Ziele. Ein emotionaler Volltreffer, wenn man selbst die Abschussliste setzt. Das tat er, angeblich in fünf Fällen. Schon als Polizist soll er in dubiose Geschehnisse verwickelt worden sein. Ein Grund seines damaligen Rausschmisses. Jetzt ist er es, auf den die gierigen Kameras zielen. Mindestens die Geschichte des Monats gibt er ab. Mit seinem Sohn und einem guten duzend weiteren Anhängern soll er einen groß angelegten Zirkel von Korruption und Waffenhandel führen und tödlicher Auftraggeber sein. Sein Anwalt schlägt die Anschuldigungen vehement von sich, Souzas Ruf schlägt Purzelbäume, die Newstickerquoten rund um seine offenbarten Machenschaften ebenso. K11 meets Profiler, nur ohne Drehbuch. Der Star der Story ist klar, die Folgen noch nicht ganz.

The Psyke Project – The Dead Storm

Zurück zur Natur, am besten mitten rein in’s fiese Dickicht, wo stinkende Sümpfe Trumpf sind und satter Morast die Liegewiese der Wahl wird.

Die generell recht ambitionierten Dänen des Psyke Project sind derzeit im Auftrag der Macht skandinavischer Urgewalten unterwegs. Doch im “Deadstorm” geht es allen Ohren nach um mehr als die romantisch verklärte Vertonung tanzender Eulen oder Danksagung an längst verblichene Baumgruppen.

Album Nummer Vier wird mit jedem Durchlauf mehr zum unkaputtbaren Manifest der Welt hinter dem Ortsausgangsschild. Doch der Hang zur Mystik und diffusen Schattenspielen im Metal läuft oft Gefahr, zum fremdschämenden Gläserrücken zu mutieren. Keine Angst, The Psyke Project bleiben stets stilsicher und der satt peitschende Beweis, dass man Feld-und Flur-Atmosphäre nicht mit lieblicher Harfe und Panflöte am Lagerfeuer kaufen muss.

Die Songtitel schweben passenderweise zwischen obligatorischen Stephen King-Kapiteln wie “Fire Blizzard” und “Storms Of The North”, Kurzfilmzitaten a`la “Utopia Is Not An Option” oder bewährter Schocker-Überschriften der “Stockholm Bloodbath”-Sorte.

Man darf es ausgefuchsten Sludgecore nennen, am Ende auch gerne tannengrün funkelnde Albumüberraschung des Sommers.

Geschrieben für das Fuze Magazine

Alle anderen

Beziehungen leben bekanntlich von ihrer generellen Inkonstante. Was sich heute auf das eine bezieht, zieht morgen den Gegenüber auf, aus oder emotional ab. Abhängig von der bedienten sozialen Gangschaltung wird analysiert, ignoriert oder terrorisiert. Probleme sind entweder da um sie zu lösen oder man löst eine Beziehung, in dem man genau diese auf den Tisch packt. Am besten genau solche, welche nicht oder noch nicht da sind.

Filmtechnisch umgesetzt gehören die gefühlstechnischen Achterbahnen rund um die rosa Brille zum großen Muss. Schließlich geht und insgeheim spricht das große L-Thema leider alle an. Genau so oft landen die Stories und Konversationen jedoch mitten in der Kiste der Peinlichkeiten und Abstrusitäten, wo das Groteske gern gewähltes Mittel der Qual wird.

Wird dem weiblichen Geschlecht auf dem Regiestuhl zu gerne der Hang Richtung luftarmer Scheinwelt und romantisierten Wunschgedanken zugesprochen, scheint Maren Ade in “Alle anderen” die selten gut bestückte Schublade der Glaubwürdigkeit gezogen zu haben.

Ein noch junges Paar fern vom zu Hause im Urlaubsabseits. Was auf einer Welle und dem liebenswerten Draht zueinander beginnt, entwickelt sich zum Gefühlsfiasko. All das, wofür das Miteinander steht, gerät ab einem lauen Finkagrillabend ins Wanken. Dem einladenden – sympathietechnisch jedoch recht ausladenden – konventionellen Paar mit der klassischen Rollenverteilung und all den volksnahen Aha-Effekten sei Dank. Was ist männlich, wie wichtig ist beruflicher Erfolg und wer hört eigentlich wem nicht zu?

Gitti, herrlich gespielt von Birgit Minichmayr, und Chris, authentisch wankemütig von Lars Eidinger inszeniert, führen mit einer erschreckend lockeren Gangart durch die 119 Minuten, die locker noch 30 Minuten hätten so weiter gehen können. Wortwitz, Situationskomik, raffinierte Stimmungwechsel und die obligatorischen kleinen Alltagskniffe zwischen Mann und Frau heben das urtümliche Genre des Liebesdrama in die höhere Filmliga, die ihr zusteht.

Aufstieg & Fall

Sie saß mit entsetztem Augenpaar im Halbdunkeln.
Was geschah da bloß, was tat sich direkt vor ihr auf?
Ein Szenario, welches sie bereits in der Vergangenheit beim Hörensagen von sich wies,
schließlich lebt es sich angenehm als Tochter von Traurigkeit und beste Freundin der grauen Maus.
Der Frustgewinn ihrerseits stieg an, ihr Blick wuchs parallel, das war mehr als ein Kampf zwischen Schocken und Schockenlassen.
Würde dieses aufkeimende Objekt gar gleich etwas freilegen bzw. noch mehr Raum einnehmen wollen?
Sie ballte endgeistesgegenwärtig die Hand zur Faust und schlug mit Ruck und Wucht darauf ein.
Statt einer fiesen Fontäne als Spontanreaktion, implodierte die Gefahrenquelle abrupt.
Dann fuhr es ihr urplötzlich wie ein Schlachruf durch das Kleinhirn: Gefahr gebannt, aber Gefahr verkannt?

Bat for Lashes – Two Suns

Das Sagenreich sagenhaft überstrahlt

Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Ja, natürlich. Gehen wir doch mal allein die Riege der märchenhaften Damenriege ab. Gut, Rotkäppchen ist jung und dumm-dreist, Rapunzel hat Haar und nichts dahinter, Dornröschen kann gerne weiter durchschlafen, Schneeweißchen hat Rosenrot, Gretel ihren Hänsel, Aschenbrödel schlechte familiäre Verhältnisse und Goldmarie zuviel Glück samt Verstand. Bleibt man am Ende eben doch bei der Erkenntnis, dass auch bei den Grimms nicht alles Gold war, was glänzt, und sie mit dem Schneewittchen die unangefochtene Grand Dame der sieben Berge erschaffen haben. An der müssen sie sich alle messen: A Fine Frenzy, Fever Ray, Soap & Skin und sogar Lily Allen. Und unbewusst bedienen sie sich allesamt dem unverwechselbaren Charme des Fantasieobjekts Nummer 1. Eigenständig auf den schlanken Beinen unterwegs, losgelöst von den Ketten der Vergangenheit, auf dem Weg in das fragwürdige Morgen.

Natasha Khan, schwarzhaariger und britischer Schopf der Bat For Lashes perfektioniert das Schwarz/Rot/Weiss-Ideal spätestens mit Zweitalbum “Two Suns” dermaßen gut ausgeleuchtet, dass man an ein kitschiges Happy End inklusive dem Grobmotorik-Prinz gar nicht denken möchte.

Mystik ohne Nebelschlussleuchten, Hochglanz ohne unpassenden Rahmen, songschreiberische Dramatik ohne Emotionsüberschuss. Alles wirkt getragen statt abgehangen. Die Khan lullt niemanden – hüllt lieber ein. Ihre Stimme thront über den nie aufdringlich- doch eindringlichen Klangerüsten. Ist das episch? Wer will das schon sagen. Relevant und wertvoll ist die 11-Song-Kollektion allemal, die Zwerge würden vor Stolz erblassen.

They all love Bonbongirls

Der Blick hängt so tief wie das akurate schwarze Pony und trifft wandelnd durch die vorbei laufende Meute des Stadtzentrums bzw. direkt in den Spiegel der Schminkkommode. Ein gut inszeniertes Grinsen wird sogleich wieder von ernster Miene zum großen Spiel eingeholt. Der Weg gleicht einem Catwalk, nur dass man über der imaginären Paparazzi steht und zielgerichtet voran schreitet. Hochhackig, einer Ballerina ähnlich und doch fast ohne das unsympathisch großstädtische Zickenelite-Flair. Das Kleidchen sitzt eng, wirkt klassisch, dennoch erinnert es leicht an Schneewittchen, welche leider häufiger aus dem Suppentopf nascht, sobald die Zwerge aus dem Haus sind. Wenn schon keine Kirschen an den Ohren hängen, hat sie irgendwelche Früchte auf dem Nachtschrank stehen oder als neckisches Motiv auf dem erwähnen Kleid mit großer Schleife plus Leggins darunter. Sie umgibt sich gerne mit weiteren Geschlechtsgenossinnen, die müssen ihr jedoch zumindest das visuelle Wasser und Cocktail halten, wenn schon nicht reichen können. Tanzbewegungen nach Mitternacht sind möglich, jedoch selten ausladend, schließlich ist sie mehr als der feminine Mob und für weniger zu haben, als man erhoffen könnte. Sie nennt es selektiv und individuell, die Jungs hinter vorgehaltener Hand eher prüde, frigide und mehr Schein als Sein. Statt dem wechselnden Knall nimmt sich das sogennante Bonbongirl lieber Zeit für die verkappte Rollenverteilung. Leckere Eigenkreationen am Herd sind ihr wohl gesonnen, gegen Heimarbeiten wie nasse Wäsche aufhängen und kreative Umräumaktionen in den vier Wänden hat sie nichts einzuwenden. Das Bonbongirl ist die junge Prinzessin des neuen Jahrtausends, Lily Allen und Katy Perry machen es zum guten Beispiel vor. Plakativ lieblich, doch es lohnt sich immer, die Kratzbürste hinter den frisch lackierten Fingern zu halten. Zur Belohnung gibt es möglicherweise ein Bonbon ohne Gegenleistung.