2010

Interview mit Damian Coward von Heirs: „Die Nestflüchter“

Die Australier von Heirs erschaffen mit Album Nr. 2 namens „Fowls“ überraschte Ohren, ebenso wie auf der Bühne irritierte Blicke. Drummer Damian Coward klärt auf.

Wie würdest du die Arbeit am neuen Album beschreiben – war es gemäß dem Cover, wie fest auf einem Nest zu stehen?

Fall du auf das „Nest“ des Artworks ansprichst, würde ich schon behaupten, damit eine gute Metapher für den Aufnahmeprozess der Platte zu haben. Das Nest könnte die Zeit darstellen, die wir benötigten um die Aufnahmen zu einem Ganzen aufzuziehen, in welchem alle von uns in ihren Teilen wichtig sind.

Niemand kann bestreiten, einen mächtigen Schritt in Sachen Songwriting und Produktion zum Vorgänger auszumachen.

Nun, Alchera“ wurde vor vier Jahren ausschließlich von mir geschrieben, abgesehen vom Song „Mandril“ und einigen Gitarrenlinien, die als Band entstanden. So war es unausweichlich, dass „Fowl“ in jeder Hinsicht ein gewaltiger Sprung sein würde. Wir haben definitiv unseren Sound gefunden und ich glaube, dass dabei genug Raum für Fortschritt herrscht, solange wir nach der musikalischen Heimat suchen, in welcher wir uns wohl fühlen.

Programmieren und mit elektronischen Sounds zu arbeiten, nimmt bei vielen generell eher Gitarren-orientierten Bands mehr und mehr an Wichtigkeit ein. Wie ist da deine Sicht der Dinge – ist das eher Lust auf Veränderung oder eine neue Hörerschicht?

Wir wollten das schon immer in unseren Sound einbauen. Selbst wenn „Alchera“ diesbezüglich noch weniger bearbeitet schien, gab es auch dort schon einige Songs mit Samples. Nun ist der elektronische Einfluss ein viel mehr beabsichtigter Teil und als Band verfolgen wir die Samples deutlicher um alles rhythmischer zu halten. Die grundlegende Idee unseres Schaffens bleibt die selbe: die Natürlichkeit der Songs im Auge zu behalten. Der Einsatz von Elektronik treibt dieses Vorhaben voran. So wie wir uns weiter unserem idealen Klangbild nähern, sollten neue Ideen und Konzepte auch ohne Rücksicht Richtung größerer Hörerschaft führen.

Vor Jahren noch herrschte die inoffizielle Unterstellung, Postrock-Bands hätten „Angst“ bzw. wären zu perfektionistisch oder einfach nur gelangweilt, oft live zu spielen. Ihr dagegen habt einen langen Tourplan – ihr scheint es fast zu lieben.

Ich denke, Bands können nur mit guten Livefähigkeiten überleben und wir lieben Liveauftritte und das Touren. Für uns ist es wie ein Bruch zum Alltag, ebenso wie ein „Schnappschuss“ vom aktuellen Stand der Band. Es gibt stets etwas zu verbessern, doch die Reihe an Shows beweist, dass die Art und Weise des Arbeitens für uns richtig scheint. Dass die Band in Australien stationiert ist, bedeutet finanziell ein eher schweres Los. Die Arbeit solange einzustellen, die Flüge zu bezahlen und unser Geld in Euros umzutauschen, geht immer mit einem massiven Verlust einher. Wir müssen diese vielen Livetermine wahrnehmen, um die Band aktuell aufrecht halten zu können.

Wird es in Bezug auf das neue Material auch live einige Veränderungen geben?

Ja, live werden wir komplett mit Elektronik ausgerüstet sein, ebenso mit einer professionelleren Haltung in Bezug auf Equipment und genereller Einstellung zur Lifeperformance. Wir hatten auch immer das Gefühl, das Überleben der Band würde vom vielen Live-Spielen abhängen. Seit dem Einsatz der neuen Instrumentierung sind uns Auftritte sogar noch wichtiger geworden.

Ihr investiert augenscheinlich nicht wenig Gedanken in die visuelle Komponente. Welchen Stellenwert nimmt die künstlerische Seite bei Heirs ein?

Wir sind definitiv gewillt, dem Publikum etwas vielleicht nie Dagewesenes zu zeigen oder bereits Bekanntes in einen völlig anderen Zusammenhang zu setzen als zu erwarten wäre. Unsere Visuals passen passen nicht wirklich in die gängige Postrock-Schublade. Wir müssen dem Publikum beweisen, wie sehr wir es genießen, was wir tun. Für uns ist das sehr persönlich und für den offenen Austausch von Zuneigung ist die Leidenschaft zur Musik fast nicht von Nöten. Heirs sind so etwas wie das pure Erstauen.

Erzähl uns ein wenig, ein Teil von Denovali Records zu sein. Es scheint, sie kümmern sich um und glauben sehr an die Bands, die sie in ihrem Roster haben.

Menschen wie Timo und Thomas von Denovali sind eine heutzutage eine Seltenheit. Sie veröffentlichen Musik, die sie mögen und scheuen weder Kosten noch Mühen, die Visionen der einzelnen Künstler umzusetzen. Ohne sie würden wir nicht existieren. Wir sind wirklich sehr dankbar für alles, was sie für uns tun. Es ist nicht nur das Veröffentlichen von Platten, auch das Booking, was sie kostenlos tun, um ihre Künstler zu bewerben. Man darf wirklich nicht mehr verlangen, als was sie für uns tun.

Wie sehen die Pläne der Zukunft aus?

Wir waren dermaßen viel beschäftigt, mit der neuen Platte und unserem Alltag parallel, dass keinerlei Zeit für neues Material war. Es gibt noch immer eine Menge Tracks, die auf der Scheibe aus dem ein oder anderen Grund keine Verwendung fanden. Darum erwarten wir zum Jahresende weiteres Material fertig gestellt zu haben.

Danke für Zeit und Worte, danke für das nächste Album im voraus.

Geschrieben für das Fuze Magazine

Generation Herzchen

Wo ist sie bloß hin? Wo steckt sie nur? Die Kälte, die Ignoranz im Detail und die abprallende Front des Miteinanders. Alles scheint abgedeckt, dicht gemacht von einer glukosehaltigen Schicht Menschlichkeit. Plötzlich steht Nebel im schönsten Grau statt finsteren Morast. Sonne blendet, verblendet jedoch zu keiner Zeit. Was ist passiert?

Jeder will geliebt werden, so weit so unspannend, kämpfen macht schließlich müde, Abwehr auf Dauer wohl unsexy, negative Wellen nur Kopfschmerzen.

Nun: Jeder Winker, Drücker, Freudenschrei mutiert zum zukunftsorientierten Mittel des Zwecks. Zeig dem Anderen nicht die kalte Schulter, lass ihm diese eher eincremen oder ablichten. Verschiebe unbequemen Gesprächsstoff auf die nächste Ära, wir wollen ja keinen Ärger haben.

“Freu mich!”, “Umarmung & Vermissung″ und das allgegenwärtige Verschleudern von Herzchen jedweder Herkunft ist Trumpf statt emotional stumpf. Die Skala in rosarot ist schier unendlich, das Gute kennt nämlich kein Ende. Und so ist das nicht aufzuhaltende Hin/Her samt herzlicher Gefällt mir-Denkweise weniger auf dem Vormarsch als bereits regierende Umgangsform. Lebt sich auch gut im Raum von Wattebausch und Lolli-Klimatik.

Ein Böser, der behauptet, all das sei Masche um übermorgen sagen zu dürfen, wie schön und problemarm es einst war bzw. das Alibi der folgenden Krise im Ärmel zu haben. Ach, Herz drüber!

Heirs – Fowl

Elegant-Galant

Wir machen epische Musik in instrumental und müssen trotzdem auffallen.

So oder ganz anders lautet wohl das Motto der zweiten Platte bzw. dem zugehörigen Artwork- und Promo-Tammtamm des australischen Vierers. Dabei hat „Fowl“es gar nicht nötig, sich hinter experimentellen Gimmicks und dem offensichtlichen Avantgarde-Button zu verstecken. Die sieben Tracks auf einen Streich funktionieren nämlich ebenso ohne jede künstliche Hülle. Heirs zeigen sich in kreativer Hinsicht hochmotiviert und so entpuppt sich besonders diese, der generell schon beachtenswerten Denovali Records-Veröffentlichungen, als Überraschungsei der kommenden Herbstsaison.

Die einstige Querverbindung zu Doom und Post-Metal will nicht mehr so recht greifen, dafür hat man in Melbourne scheinbar zu viel Fortschritt getankt. Genre-übliche Struktur und schleichender Songaufbau sind nahezu geblieben, doch die Mittel wurden erweitert. Die Stimmung liegt nicht selten näher am progressiven Soundtrack als dem Ambient von der Stange.
Der elektronische Teppich, den man nicht Industrial nennen möchte, fügt sich fast unauffällig und doch effektiv unter die Kompositionen und nimmt ihnen teilweise die eigentliche Schwere.

So charmant hat gesangsfreie Gitarrenmusik seit Jahren nicht geklungen, wenn dann zusätzlich ein bißchen schwarzes Kunstblut dran klebt, schadet es am Ende ja auch nicht.

Geschrieben für das Fuze Magazine

Stone Temple Pilots – Stone Temple Pilots

Jetzt keine Geschichtsbewältigung! Wer will bitte nochmal die 90er aufrollen, das Missverständnis von Grunge thematisieren und alles aufzählen, was sich auf Kokain, Absturz und Exzentrisch reimt.

Wichtig ist: eine der besten Rockbands überhaupt ist zurück. Unerwartet, totgeglaubt, oft unterschätzt, meist missverstanden, schlimmstenfalls belächelt. So wirklich hip waren die Herren aus San Diego im Grunde nie. Wenn dann eher hippiesk, ggf. leicht schwierig und schließlich doch sehr sehr klassisch. Sie waren einst zur rechten Zeit da, hatten parallel die rechten Songs, und fast durchgehend das Recht auf Erfolg ohne die massentechnische Überdosis.

Nun haben Scott Weiland & Co. tatsächlich ein neues, sechstes und auch noch selbstbetiteltes Album Richtung Musikmarkt geworfen. Und mit Werfen hat man es gleich korrekt beschrieben. Die Pilots halten sich nicht im Singer/Songwriter-Bardunst auf, verirren sich ebenso wenig im elektroiden Pop-Einerlei, sondern sind durchgehend das, was sie immer sein wollten: eine Rockband. Ohne überkandideltes Geschnörkel, der stetigen Suche nach dem schwarzen Faden im Songkorsett und treu dem Covermotiv im Zeichen von Frieden und Ausgeglichenheit unterwegs. Einfach, simpel und griffig. Das ist zu keiner Minute revolutionär, gewagt oder gar für den Aha-Effekt. Gefällt aber mit all den obligatorischen Zutaten alternativer Gitarrenmusik von vor der gerne erwähnten Jahrtausendwende. Und zeigt, dass sich nicht alles ändern muss – wofür gibt es schließlich das Gewohnheitsrecht?

Die Unendlichkeit des Musikuniversums

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, manchmal sogar drei. Davon abgesehen gibt es mindestens einen Unterhaltungsbereich, der scheinbar täglich komplexer und verwurzelter agiert und sich bei nicht nahezu täglicher, selbstständiger Motivation in die Unübersichtsfalle verliert. In Zeiten, in welchen die verbliebenen Musikclipkanäle nichts weiter als der unreflektierte kleine Ausschnitt auf die bedeutungsfreien Verkaufs-Top 40 darstellen, die inländische Radiolandschaft weitestgehend zur retrospektiven Ü30-Bürobeschallungsmaschinerie verkommt, Musikzeitschriften im Druck sich mehr und mehr reduzieren bzw. inhaltlich angleichen, ist Musik ein Kulturgut der Schatztruhen-Sorte.

Such & Find als Motto. Auf Mund-zu-Mund-Propaganda wird sich stärker denn je verlassen. Das musikhörende Umfeld sieht ggf. nicht nur über den klangtechnischen Tellerrand, sondern sogar direkt in isländische Garagenrecordings mit 94 gelisteten Plays beim obligatorischen Musikkatalog-Netzwerk Last.fm. Der gigantische Musikservice von Spotify ist schon namentlich zum Stöbern und Aufwühlen des noch Unbekannten gedacht.

Das Web ist bekannterweise der ultimative Flohmarkt zum Erstellen seines eigenen Soundtracks. Playlisten in Eigenregie sind die Mixtapes von 1996. Der Heuhaufen ist größer geworden, die Anzahl der Stecknadeln jedoch ebenso. Und so ist das zu-Tage-Bringen versteckter Tonperlen aus dem Outback wie ein kleines Geschenk an sich selbst. Irgendwas zwischen Überraschung, Bestätigung und ein Geheimnis, das erst nach ein paar Tagen begeistert den Mitmenschen zum Fraß vorgeworfen wird. Das frühere Stapeln von potentiellen Kaufscheiben an den Hörstationen der Plattenläden hat sich gegen Entbröseln und gezieltes Selektieren von abrufbaren Musikdateien gewandelt. Musik wird persönlicher denn je, mehr zum gefühlten Selbsterhalt als dem Hobby des Alltags. Und ein Ende ist nicht in Sicht, es sei denn die altersbedingt eintretende Überforderung mit den den sich durchgehend drehenden Rädern der Zeit machen den Strich durch die Rechnung ohne Lösung.

Ich bin so …

Manche Gefühle kann man weder beschreiben, noch möchte man dies. Das sind existentielle Erfahrungen, die in der Vorstellung allein Unbehagen bis Verlustängste hervorrufen. Doch im Grunde kann man viel reden, austauschen und sich vor das geistige Auge führen, hat man es nicht am eigenen Herz erlebt, wird das mit dem Mitreden nichts.

Außen vor zu sein, abhängig von dem, was man über Dritte erfährt, im verspürten Abseits, ist wie der Faustschlag ins allgemein vernetzte Denken der Menschheit. Trinken kann man später, essen generell nur im Mehrtagestakt, selbst der Toilettengang ist nach hinten rausschiebbar. Dieses Empfinden dabei zu sein hingegen, an der Quelle des Seins, man lässt es sich mehr als nur ungern nehmen. Wie soll man all das nach Tagen der Abstinenz nur aufholen, das Warten kompensieren? Oh nein: Ich tippe, also bin ich? Ich bin so … offline.

Wer bin ich?

Ich bin mächtig, sehr mächtig sogar. Viele Leute bauen auf mich, legen all ihre naive Hoffnung auf mein Erscheinen. Ich zeige mich im Vorfeld bereits einige Male Zaunpfahl-winkend. Als Teaser und Appetitmacher auf das was noch kommen soll. Wie die Leute es lieben, über mich zu sprechen. Sie können mich teilweise gar nicht erwarten bzw. sind sauer, wenn ich mich mal verspäte. Dabei bin ich lediglich der inoffizielle Übergang zum vermeintlichen Höhepunkt. Ich bin Mittel zum Zweck, Alibi für allgemeine Seltsamkeiten. Ich schaue rein und schon geht es los: Tierparks erweitern ihr Streichelzoo-Angebot, Männer lockern ihre Hemdknöpfe, Frauen lecken an Eiskugeln, Senioren verdrücken eine wehmütige Träne und Kinder springen unwissend jauchzend im Dreieck. Sicher, ich bin glänzend und gut ausgeleuchtet, fast rein und positiv gestimmt. Aber im Grunde will ich all die hormonwankenden Existenzen lediglich verwirren. Das schaffe ich nahezu perfekt. Wie es sie auswärts zieht, mit der unausgesprochenen Angst etwas zu verpassen. Ich krieg sie alle und sie dank mir ihren Spaß: verlegenes Grüßen, Austausch von Telefonnummern, Heavy Petting, raumgreifende Gebärmütter. Plötzlich sehen sie ihre Nachbarn, die Farbe Grün und fremde Haut mal wieder direkt vor Augen.

Ich bin schon ein stets wiederkehrender Fuchs, ein beliebter noch dazu, und dass sich niemand meiner Daumen-hoch/Kopf-hoch-Präsenz entziehen kann, macht mich in meinem Viererbund stets so triumphierend. Was ich aber mit blauen Bändern zu tun haben soll, überlasse ich denen, die sich angeblich damit auskennen.

Die Verherrlichung der Schönwetterfront

Mit hängendem Kopf und genervter Miene hockt die Bundesrepublik inzwischen in ihren vier Wänden. Die stimmungsvollen Adventsgesänge sind verklungen, das anheimelnde Kakaoschlürfen im Kerzenschein scheint abgestumpft, die Freude über das große Rundum-Weiß fällt stetig abwärts. Deutschland will keinen Winter mehr, die kalten Monate scheinen kollektiv zum Abschuss bereit. Vier Monate endloses Mützetragen, Borsteinschlittern und Kniezittern scheint die Bevölkerung zu überfordern. Klimaerwärmung verkommt zum lachhaften Begriff, die nostalgischen Schwankrunden über “echte Winter” fallen in diesem Jahr aus. Frieren scheint allgegenwärtiges Hasswort Nr.1. Dabei kommen wir uns doch in dieser Frostsaison näher denn je. Gut gelaunte Stadtarbeiter schieben Kleinwagen aus Eislöchern, aufwärmendes Zuwinken beim kollektiven Scheibenfreikratzen und Schulterstützen beim nächstbesten Passanten als Sturzprophylaxe. Trotzdem werden die Visagen frustrierter, die Fäuste und innere Wut über Schnee & Co. geballter.

Was ist aber die Alternative? Ach ja, Sommer. Dieses schwitzige Stück Zeitspanne, welches zu gerne alle und alles an sich reißen möchte. Da kommt Stimmung auf, Vorfreude sowieso. Fraglich nur, worauf genau. Urplötzlich stellt sich alles vor die Tür, was sonst Feierabend automatisch auf Sofa und Kuscheln reimen möchte. Überflutet werden nicht nur alle erdenklichen öffentlichen Plätze, sondern auch die eigenen Reize. Es riecht nach Grillwurst, Kräuterzigaretten, Sonnencreme und Körperflüssigkeiten, die irgendwas mit Aktivität zu tun haben. Außerdem nach Friede, Freude, Eierkuchen. Zu sehen gibt es viele Menschen in viel zu wenig Kleidung, die gleichzeitig aber auch zu viel Raum einnehmen. Man hört Musik aus einer anderen Dimension, Arm in Arm mit tanzenden Kokosnüssen und Tralala feat. Chachacha.

Sonne macht albern. So weit, so bekannt. Aber verstrahlte Existenz ist das eine, hormonelle Bergfahrt das andere. Die dauerhafte Lichtzufuhr macht nämlich innerlich ebenso euphorisch, aktiv und impliziert einem das dumme Gefühl, irgendwas zu verpassen. Weniger das öde Beachballturnier am unechten Strand als das Sein zwischen den Menschen, welche eben vom Eislecken beim Picknick bis Nachtwandern zum Stadtbad ihrem Outdoor-Dasein frönen. Man benötigt weniger Schlaf, dafür mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Unterhaltungsprogramm. Sommerliebe, ich hör dich schreien und hauchen. Klingt nach Stress, wird Zeit, dass wir das hinter uns haben.

Wo die wilden Kerle wohnen

Man kann es ganz professionell von vorne aufrollen: Maurice Sendak, Kindergeschichte, Buchverfilmung, Bestseller, jahrelanges Warten nach passender Umsetzung, Spike Jonze, Karen O And The Kids.

Doch im Grunde dürfen all die Basisfakten gekonnt überlesen werden, sind es letztlich die 100 Minuten überraschend anders gearteter Unterhaltung, welche zurückbleiben. Kinderfilme waren schon immer nicht gleich Kinderfilme. Und dennoch kennt man kitschübersät und zu Tode geplüscht zu Genüge, und so war in Bezug auf die Geschichte mit felligen Monstern ein liebliches Treiben zu erwarten. Oder man nimmt das Wort “wild” in seinem Ursprung und lässt eben mehr als nur die süßen Puppen tanzen.

Schon lange nicht mehr hat eine Geschichte mit FSK 6-Siegel so viel unterschwelligen Feingeist atmen dürfen, ohne die Überdosis Kinderzimmer-Pathos intus zu haben. Nicht die Grundschulklassen werden die sein, welche geistig nachladend aus den Kinosesseln steigen. Dazu schürft die eigentlich einfach kreierte Story um den kleinen Jungen Max zu tief, als dass lediglich das moralische Zeigefinger-Hoch-Resümee den Abspann verlässt.

Kindsein ist bekanntlich viel mehr als das fleischgewordene Fragebuch zu mimen. Abenteuerlust, Sehnsucht nach dem Unbekannten, unbändige und unvorhersehbare Energie, Gefühschaos ohne Vorwarnung. Da wünscht man sich schnell aus der kinderzimmereigenen Höhle zu steigen um in eine tatsächliche Welt der Ausrufe- statt Fragezeichen zu landen. Wo Regeln entdeckt statt befolgt werden. Wo man bestimmen darf und gleichzeitig nicht verstummen braucht. Wo Schwäche zeigen Entwicklung ist.

Die Insel der wilden Monster ist das phantastische Paradies und für Max ebenso der Ort des Schicksals. Gib dich nicht als jemand aus, wer du nicht bist. Schmücke dich nicht mit Fähigkeiten, die du nie besitzen wirst. Dabei ist der Abstand zwischen Traum- und Schaumschläger als Kind so wunderbar gering. König sein ist klasse, aber eben auch der Posten des schnellsten Angriffs. Das muss man lernen und nicht schon gelernt sein.

Spike Jonze hat die seltsamen Inselbewohner schlauerweise nicht drastisch verniedlicht. Sie sind laut, launisch, aufs Fressen aus und alle mit einer Persönlichkeitsproblematik versehen, die auch ihr neu gekrönter König Max nicht bändigen kann. Bei all der offenbarten Urgewalt wirken sie trotzdem nach und nach liebenswert wie die freigelassenen Kuscheltiere vom kalten Dachboden. Gut ausgearbeitet ohne übertrieben charakterisiert zu werden. Die Kulisse von Wald bis Wüste scheint phantastisch und doch nicht märchenhaft idyllisch. Die Stimmung pendelt überzeugend zwischen keck, aufbäumend und dann wieder nachdenklich. Nicht erst wenn Max auf seiner Rückreise wehmütig Richtung Monsterbande schaut und Karen O ein flirrendes “Uuh” über die Wellen fliegen lässt, ist es mehr als nur ein auf Zelluloid gebannter Hort-Schmöker. Kindertage sind nicht einfach, ein innerlich geladenes Monster zu sein genau so wenig, vom hungrig ins Bett gehen zu müssen, ganz zu schweigen.

Verspätete Neujahrsansprache

Alles so frisch, unberührt und grau und trist als silvesterische Nachwirkung. Irgendwo zwischen der Endjahresausgabe der Bild der Frau und dem eigenen Neujahrstreiben ergreift einen das Thema. Dieses, welches mehr Dauerwitz oder Reihe der Hanebüchigkeiten darstellt statt tatsächlicher Jahresführer.

Vorsätze. Vorsätzliche Tätigkeiten sind doch aber uncool. Pläne sind Häme, wer will schon ein Leben am Reißbrett? Sollte sich das Abgewöhnen vom Nägelkauen, der überhöhten Zuckerzufuhr oder dem wenig sauerstoffreichen Freizeitverhalten nicht im Verlauf ein- und eine Entwicklung darstellen. Ganz ohne terminlichen Zwang. Gut, ohne Druck, und sei es nur der kollektive, sind so manche Laster oder Angewohnheiten kaum über Bord zu werfen. Da helfen unausgesprochene Fristen rein gar nichts, da wird schneller unter den Tisch gekehrt als generell gesäubert.

Stillstand ist der Welten Hohn, dementsprechend futuristisch bzw. progressiv müssen die Neujahrsaussichten bestenfalls empor steigen. Die satte berufliche Neuorientierung, Erfüllung eines lange verdrängten Tagtraumes oder das beziehungstechnische Duo zulassen, welches grundsätzlich eh nicht mehr als Formsache war. Doch neben wünschenswerten Perspektiven ist Realtitätsnähe angesagt. Das Ziel ist letztlich nichts weniger als die Methode zum Scheitern, die Problemlösung nur unwohles Übel. Vorsätze sind Schall und Rauch, alljährliches Beiwerk ohne Verbindlichkeit. Gut so, Absätze bzw. deren Träger wollen schließlich auch oft höher hinaus als tatsächlich möglich.