2015

Jahresrückblick 2015

Jahresrückblick 2015

Beflügelte Worte des Jahres

05] Ein Hauch von Nichts
04] Sich schützen-Müssen
03] Wertfrei
02] Bummsbratze
01] Streberpärchen

nicht dabei: Verrohung, “Nudelsalat” als Partyname, Alte Hupe, Pflegehäschen, Ölfeld, Karte-richtig-lesen, Flüchtingskrise

Ort des Jahres

05] Geheimer Park Ecke Greifswalder Straße, Berlin
04] Walchensee, Bayern
03] Deysingslust, Tabarz
02] Villa / Zauberwäldchen / Gasse der Schande, Sitges
01] Gorinsee, Brandenburg

fast dabei: Weihnachtsmarkt Gotha, Mary Boone Bar Barcelona, Osseria Berlin, Rocco und seine Brüder Berlin, defekter Fotoautomat am Kottbusser Tor, Butterturm in Bad Belzig, Wohnung in Camberwell London, Thüringer Waldbahn

Stadt des Jahres

01] Lissabon

fast dabei: Innsbruck, Otterndorf, Barcelona, Berlin

Spruch des Jahres

05] “The machine did this!” – Eike Schmücker am Servicepoint in Barcelona
04] “Hier, wegen eben. Entschuldigung, wegen dem Pupsen, es musste raus.” – Mann am Wegesrand
03] “Das hat jetzt mit Ihnen nichts zu tun!” – C.Ludwig
02] “We were in line!” – Fettleibige US-Dame an der Touristentram in Lissabon
01] “Der kommt an den Lügendetektor!” – Gregor Th. auf der Dachterasse

nicht dabei: “Ich lieb’ so Leute wie dich, die so Drama um alles machen.” – Kollegin, “I don’t like it, I love it.” – Flo Rida, “Du bist raus!” – Urlauber in Sitges

Weisheit des Jahres

05] We fade to gay.
04] Besser Liebe als gar nichts.
03] Keine Angst vor den Gezeiten.
02] Ich sympathisiere mit der Hoffnung.
01] Pflaumenknödel könnten die Welt verändern.

nicht dabei: Ist Papier wirklich so geduldig?, Bunt ist mehr als nur eine Farbe, Heute: Keine Neuigkeiten

Persönlichkeit des Jahres

01] Elle / Moi

nicht dabei: Steffen, Nidhögg, Sofi, Miley Cyrus

Entdeckung des Jahres

05] Geschichte vom Sühnekreuz aus Aspach
04] Klettertrompete
03] Weinverkostung bei Torres
02] Schlafzimmervorhänge
01] Rewe-Treuepunkt-Sammlung

fast dabei: Fußbäder, Trockenblumenstrauß, Bärin Schnute am Tag ihres Todes, gemusterte Fliesen, schwindende Flugangst, Erbsen

Geschenk des Jahres

01] Langer Schuhlöffel

Außer Konkurrenz: Taufpatenonkelwerdung
statt: Selbstgewerkelter Schwippbogen, Staubsauger

Songs des Jahres

10] Bunker – Balthazar
09] Fool – Perfume Genius
08] Hurra die Welt geht unter – K.I.Z.
07] Christine – Christine and the Queens
06] Loud Places – Jamie XX
05] Delilah – Florence + The Machine
04] The Hills / Can’t feel my face – The Weeknd
03] Never Let You Down – Woodkid & Lykke Li
02] Blue Splinter View – Me and My Drummer
01] The Stranger – Anna von Hausswolff

nicht mehr dabei: Wie schön du bist – Sarah Connor, BBHMM – Rihanna, Hotline Bling – Drake, Geiles Leben – Glasperlenspiel

Album des Jahres

05] Abyss – Chelsea Wolfe
04] In Dream – Editors
03] Currents – Tame Impala
02] Beauty Behind The Madness – The Weeknd
01] The Miraculous – Anna von Hausswolff

fast dabei: Honeymoon – Lana Del Rey, The Pale Emperor – Marilyn Manson, Chambers – Chilly Gonzales, My love is cool – Wolf Alice

Musikvideo des Jahres

05] Winter in the North – Earthkeptwarm
04] Downtown – Macklemore & Ryan Lewis
03] Sorry – Justin Bieber
02] King – Years & Years
01] Don’t dream it’s over – Miley Cyrus & Ariana Grande

fast dabei: The Hills – The Weeknd, Baggage Man – Sizarr, Pray To God – Calvin Harris feat. Haim

Veranstaltung des Jahres

05] Darkness Falls, 15.04., Kantine am Berghain, Berlin
04] Florence + The Machine, 13.12., Velodrom, Berlin
03] Other Lives, 17.07., Strom, München
02] Roxette, 27.06., 02 Arena, Berlin
01] Anna von Hausswolff, 06.12., Sophiensäle, Berlin

fast dabei: Hüller Ohrwürmer in der Kirche Basbeck, Stadtfest in Sitges

Film des Jahres

05] Marsianer
04] Victoria
03] Die Wolken von Sils Maria
02] Serena
01] Imitation Game

fast dabei: Picknick mit Bären

Medium des Jahres

03] Spotify
02] Instagram
01] Audible

nicht dabei: Ebay Kleinanzeigen, Lieferando, Facetime, Lügenpresse

Webseite des Jahres

01] www.ludwig-christian.de

beinahe: www.serienjunkies.de

Fernsehsendung des Jahres

05] Rectify, Sundance Channel
04] Fargo, Netflix
03] Homeland, Showtime
02] Transparent, Amazon
01] House of Cards, Netflix

fast dabei: Die Helene Fischer Show, Neo Magazin Royale, The Tonight Show with Jimmy Fallon

Farbe des Jahres

01] Brombeer

fast : Senf

Getränk des Jahres

03] Wodka-Orange
02] Fassbrause / Kräuterlimonade
01] Cava

fast dabei: Weißweinschorle, Eierlikör

Leckerei des Jahres

03] Ziegenkäse
02] Germknödel
01] Feta-Broccoli-Zwiebel-Auflauf

fast dabei: Vegane Currywurst, gerollte Pfannkuchen, alles aus den Adventskalendern

Instrument des Jahres

01] Orgel

nicht: Ukulele

Erfahrung des Jahres

04] Urlaub zu zehnt
03] WXW-Wrestling-Event in der Stadthalle Gotha
02] Zweimal Verkaufsstand bei 30°C plus
01] Fahrrad als Sommerbegleitung

nicht dabei: ADAC-Serviceaustausch, Geschichte des fallenden Baguettes, Abschlussfeiern von Locations (die gar nicht schließen), Badende Pferde, Klempnerbesuche, Fernbusfahrten

Selbstgeschafftes des Jahres

03] Balkon als Gartenparadies
02] Schöner Wohnen – inklusive Wandstreichen & Aus-, Ein- und Umräumen
01] Moritz & Ivahn-Hörbuch

fast dabei: Termingerechte Fotokalenderbestellung, eine besondere Brieffreundschaft

Aussicht für 2016

01] Idylle in Hülle und Fülle.

fast: Diffuse Gefühle, Im Strudel der Nerdiness

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren

Das eine riecht alt und doch nicht fertig,
viel angefangen, kaum aufgedeckt.
Das nächste scheint fremd und doch betör ich’s,
kaum dieses eingefangen, mehr tief versteckt.

Die beiden zusammen sollen ergeben,
etwas, was sich Verbindung schreit,
ohne Vorsatz mag ich bestreben,
dem Neuen schenk’ ich die Heiterkeit.

Wirrende Weihnacht

Wirrende Weihnacht

Es ist zu kalt für deine Leiden,
und doch zu warm für Heiterkeit,
der Winter wechselt bald die Seiten,
betrügt uns mit der Einigkeit.
Advent zum dritten, bald zum vierten,
bringt Hektik nah dem Heimidyll,
die Weihnacht samt Prunk, oft ohne Hirten,
grüßt dich und mich, solang sie will.
In Zweisamkeit und dunklen Stunden,
Begeisterung dank Kerzenschein,
das Ungesunde soll uns munden,
die Biederkeit bleibt brav und fein.
Es ist zu schön für unsere Wehen,
und doch zu schwer zum Liebesfest,
Weihnacht deckt auf, lässt gar verstehen,
was sich bis dahin verschweigen lässt.
So sind es Worte, nicht die Pfade,
die definieren, was heilig bleibt,
zum Feiern am Baume ich uns stets rate,
Braten und Liebe sich uns einverleibt.

Fotos „Moritz & Ivahn“ von Edward Greiner

Fotos: Edward Greiner im Auftrag von Klassegrafik

Interview mit Matt Koslowski

Interview mit Matt Koslowski

Erst war es nur ein leeres Buch, dann ein Roman, bald Fotografien, Illustrationen und plötzlich Musik. Da war der Weg zum Videoclip verständlicherweise nicht mehr weit. Es wurden sogar zwei. Der aus Karlsruhe stammende Matt Koslowski war verantwortlich für Dreh und Schnitt zum Song “Winter in the North”.

Matt, wofür steht der “Risabove Filmmaking & Photography”?

Riseabove ist Name und Programm für meine Photo- und Videoprojekte, bei denen in den meisten Fällen befreundete Künstler und Kunsthandwerker mitwirken. Mein Anspruch ist es, mich mit jedem Projekt ein kleines Stück selbst zu übertreffen oder neu zu erfinden. Das ist auch meistens notwendig, da oft das Budget Einfallsreichtum erzwingt. Riseabove ist kein Geschäftskonzept, sondern bietet mir die Möglichkeit, mich persönlich und vor allem professionell weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt steht immer das jeweilige Projekt.

Wie kam es zur Zusammenarbeit zum Buch “Moritz & Ivahn”?

Eine Sache, für die ich mich wirklich glücklich schätzen kann, sind die ganzen talentierten Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf. Da hat man die Möglichkeit, was über sich selbst und andere zu lernen und oft bleibt es nicht bei einer Zusammenarbeit. Für Lieblingsempire hatte ich zum Beispiel schon Festival-Trailer und Fotos beigesteuert, darum war es wohl nicht ganz zufällig, dass ich für ein weiteres Projekt angefragt wurde. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Benjamin und Christoph. Es ist gut, die beiden zu kennen.

Wie gestaltete sich die Herangehensweise, für einen Roman-Soundtrack einen Musikclip zu erarbeiten?

Prosa finde ich generell unsexy. Ich wollte mich bei der Umsetzung nicht am Wortlaut des Buches orientieren, sondern an der Idee der Charakterentwicklung und diese auf eine visuell darstellbare Form bringen.

Wir haben uns damals im Juli nur zwei Stunden vor Drehbeginn zum ersten Mal getroffen und binnen kürzester Zeit unsere unterschiedlichen Vorstellungen zu einem etwaigen Drehablauf zusammengeführt. Ab da galt jeden Moment der Ansatz: „Unter welchem verkraftbaren Einsatz können wir das spontan realisieren?“ Ich fand diese Ad-hoc Produktion sehr spannend.

Die Post-Produktion lief zwar entspannter, aber der Stress bestand dann darin, dass das Material nur begrenzt und voller hektischer Aufnahmen war. Im Grunde kann man es als selbsterfüllende Prophezeiung betrachten, dass die produktionsbedingte Rohheit und Unklarheit des Materials nun Stilmittel ist.

Der Song “Winter in the North” portraitiert musikalisch den zweiten Teil des selbsternannten Sommerromans. Welche Bilder hast du nach dem Lesen behalten?

Beim Lesen habe ich generell immer Bilder im Kopf, selbst wenn es Sachtexte sind. Ich ticke tendenziell eher visuell, das Abstrakte kommt erst danach. Doch auch der analytische Teil ist dann sehr bildlich, denn Motive, Parallelen und Handlungsabläufe übersetze ich gerne in Sinnbilder und Symbole. So kommen dann auch schnell die Ideen für die Videographie.

Explizit waren das die Parallelen des einsamen Moritz, bereit für den Job und doch mit einer spürbaren Vorahnung, dass er bald durch intime Zweisamkeit aus sich selbst ausbricht wie der Falter aus dem Kokon. Im ersten Teil des Buches ist diese sehr leidenschaftlich und aufregend, im zweiten eher platonisch und beliebig. Im Sommerteil spielt die meiste Handlung tagsüber; im Winterteil, der ja vom Sommer nach dem Sommer handelt, eher Nacht-Motive. Es gibt ebenso Parallelen wie Gegensätze. Und viel Poesie.

Was inspiriert und motiviert dich künstlerisch?

Hier könnte ich extrem weit ausholen, denn ich schöpfe meine Motivation und Ideen aus den unterschiedlichsten Dingen. Stattdessen sage ich es aber so: I love things. Ich glaube, alles hat eine Bedeutung, die zu erforschen es gilt. Das treibt meine Umwelt und mich manchmal in den Wahnsinn, aber im Grunde stammt daher meine kreative Energie.

Was sagst du persönlich zu Wertigkeiten von Musikvideos für Künstler und Konsumenten im Jahre 2015?

Das ist ein riesen Fass. Ich versuche, die Frage mal auf abstrakter Ebene zu beantworten. Ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich und meine Werke, und auch an die anderer. Und klar dass ich dann nie mit mir selbst zufrieden bin. Aber auch selten mit dem, was andere so produzieren. Ob man nun die Gitarre in die Hand nimmt, oder einen Stift oder eine Kamera. Die Absicht der Veröffentlichung der eigenen Arbeit ist doch meist, eine Botschaft zu transportieren. Viele Videos entstehen aus reinem Selbstzweck. Nur bei wenigen Musikvideos habe ich das Gefühl, dass jemand mehr als Audiowellen transportieren will. Oft kann ich das nicht ganz nachvollziehen und finde keine Poesie in der Darstellung. Das ist nicht nur schade, sondern zum Teil fast verantwortungslos. Ich meine, als Kreativer hat man die Pflicht, der Beliebigkeit zu trotzen. Stattdessen wird man von allen Seiten nur mit amplifizierter Beliebigkeit beschallt. Zum Glück gibt es aber Ausnahmen. Wenn man offenherzig und neugierig durch die Welt schreitet, dann kriegt man ein Gefühl dafür, diese aufzuspüren.

Welche Situation am mobilen Set zwischen Golden Finish Bar und dem Engelbecken bei Nacht ist dir noch immer lebhaft im Gedächtnis?

Da gab es einige. Ich bin mit der Kamera in der Hand immer in einem bestimmten Modus. Es ist so eine Art andauernde Problem-Trance, da man sich ständig Hürden konfrontiert sieht und mit der Kamera auch eine emotionale und soziale Barriere vor sich herumträgt. Daher sind mir vor allem die Schrecksekunden noch recht präsent. Dieser Typ, der sich in die Bar verirrt hat, ganz echauffiert darüber war, gefilmt zu werden und später zusammen eine Rauchen wollte. Oder der Moment, in dem wir tendenziell kurz davor waren, unserer Erschöpfung nach neun Stunden Dreh freien Lauf zu lassen und wir uns kompromisslos doch nochmal zusammen dazu aufgerafft haben, bis nach Sonnenaufgang weiterzumachen.

Generell bleiben mir aber vor allem die Bilder unserer Fußreise durch Berlin im Kopf. Diese Stadt einmal aus solch einer Perspektive zu erleben war für mich jedenfalls ein unbeschreibliches Gesamterlebnis, was ich so schnell nicht vergessen werde. Danke dafür.

www.riseabove.cc

Foto: Christoph Schwarze

Spätnachrichten: Gedanken von 05:12 Uhr

Spätnachrichten: Gedanken von 05:12 Uhr

Die Gefahr, ja, sie war stets bekannt,
auch wenn sie halb nur zu benennen war.
Vorahnung und Hoffnung blieben bis jetzt verwandt,
nun ist das Wissen da, die Hoffnung rar.
Die Zukunft scheint nun umbenannt,
das Leben windig, die Haltung starr.

Beitrag in Pornceptual Magazine #1

Beitrag in Pornceptual Magazine #1

Ist es möglich, nackte Menschen völlig neu und andersartig zu inszenieren? ​Eher nicht, dafür dauert die Geschichte der Darstellung von Personen oben bis unten ohne zu lange schon an. Dennoch ist die Sichtweise auf Pornographie eine sich wandelnde, eine, die neue Anreize verdient und immer wieder nötig hat. Da sind es gerne die Projekte, die aus einem Kunstgedanken entstehen, aus einer Idee der Unabhängigkeit und gewünschten Nische, die Teil neuer Blickwinkel werden. Pornceptual betritt virtuell nicht mehr unauffällig die Bühnen abgedunkelter Räume im Hinterhof, eher besteigen sie Kinodächer, bestreiten Veranstaltungen mit halb-klaren Überschriften auf internationaler Ebene und besetzen ironisch die Straße mit dem Kampfgedanken gegen Pornographie. Da werden Richtlinien sozialer Netzwerke übertreten, die Zensur befindet sich schließlich oft nah an Geschlechtsorganen jeder Form und Farbe. Das treibt das Kollektiv nur umso mehr an. Chris Phillips und Emre Busse sind unter anderem die planenden Köpfe Pornceptuals, und sie sind höchstens am Beginn ihrer Revolution ohne auszumalendes Ziel. Nächster Schritt war da nur logisch: eine Zeitschrift. Pornifesto ist das zugehörige Fanzine, das nach Anfang duftet und fiktiven Begrifflichkeiten wie Sexsomnia einen Druck gibt. Dein Körper ist eine Bühne – der angedichtete Slogan wird siegen, ganz bestimmt.

Den vollständigen Text gibt es hier: Dein Körper ist eine Bühne / Your body is a stage

Dein Körper ist eine Bühne

Dein Körper ist eine Bühne

Christian Ludwig schreibt als Mund einer Gesellschaft einen halb-offenen Brief an die Freiheit der eigenen Erscheinung.

Dein Körper ist eine Bühne

Hinter der Tür höre ich Laute, seit Stunden schon. Dort steht sie, kauert am Boden oder wartet mit gefalteten Händen auf eine Reaktion meinerseits. Erhalten wird sie diese nicht, ist meine Enttäuschung zu groß, meine Vorstellungen von einst zerschlagen. Habe ich ihr nicht eine Chance gegeben, wenn nicht gar mehrere? Sie ergreifen, das war gewünscht. Sie zu überrennen, stand nicht zur Debatte.

Du hast mir nicht zugehört oder dir zwischen den Zeilen Aussagen genommen, die sich kaum mit meiner ursprünglichen Sichtweise decken. Gefehlt hat dir vieles – Mut zu Ecken und Schnörkel, die Bereitschaft für Momente voll von Angst und dem Willen diese zu bekämpfen. Von Zeitlosigkeit hast du damals gesprochen, vom Überdauern von Gefühlen. Mit leerem Blick und wenig Glanz von Gegenwehr. Schön warst du. Schön in deiner Haltung und mehr noch schön in der Weise, wie du jene aufrecht hieltest. Seit unserem letzten Gespräch bist du aber nicht mehr du. Du hast dich summiert. Aufgebläht zu einem Angriff, dem Eleganz gut täte. Losgelöst ist das eine, fern von Zwängen leben ebenso, sich aber über alles erheben, den Körper nicht mehr als eine Art Käfig sondern eine Bühne betrachten, ist die bedenkliche zweite Seite. Diese neue Haltung ist eher dem Ende als dem gewünschten Anfang nahe. Was musstest du auch deine Wahlfreiheit derart ungeniert nutzen? Letztlich zeigst du mehr als nur dich. Du zeigst ein Symbol. Ein Symbol, das nicht bedeuten darf, nur da steht. Ein Symbol, das sich jedem aufdrängt, vor allem denen, die es nicht möchten oder ertragen können. Ich weiß, wieviel der Drang nach Freiheit fordert, die Öffnung von alten Pforten und Ketten Schmerzen bereitet. An diesem Punkt schmerzt es aber eher dem Gegenüber statt dir als betroffener Person. Du fürchtest meine Macht, darum höre das: Ich nenne es nicht Schande, nicht Werk des Falschen. Ich nenne es eine Sackgasse. Jede Freiheit, auch die von Haut, Liebe und Körperlichkeit, erfährt ihre Grenzen. Und es ist doch eine Schande! Eben die, dass ich es nicht mehr bin oder sein darf, der dir Grenzen aufzeigt oder die Konsequenzen daraus. Du bist eine Vorstellung bloß. Nur ein Komparse deiner eigenen Bühne. Allein das lässt mich Geduld üben, heute, vielleicht noch morgen, für alles anschließende gebe ich meine Verantwortung weiter. Soll mein Nachfolger doch über dich richten!


As the voice of a society, Christian Ludwig writes a semi-open letter to the freedom of decision.

Your body is a stage

I have been hearing noises behind the door, for hours now. She has been standing there, crouching on the floor or, with folded hands, anticipating some reaction on my part. She is not going to get one, as my disappointment is too great, my visions from long ago shattered. Have I not given her a chance, if not several? Taking these was what was desired. Running over them was never up for discussion.

You have either not been listening to me, or else cherry-picked those utterances between the lines that barely overlap with my initial perception. You were lacking many things – the bravery of having edges and flourishes, the readiness for moments full of fear, and the will to fight them. You were talking about timelessness back then, about outlasting emotions. With a vacant expression and little splendour of resistance. How beautiful you were. Beautiful in terms of posture and even more beautiful in your manner of keeping the very same up. Since our last conversation you stopped being you. You have become pompous. Blown up to an aggression that would benefit from more elegance. Being detached is one thing, living free of compulsions is another, but to tower over everything, to not see the body as a sort of cage anymore – but a stage – is rather alarming. This new conduct is nearer to the end than to the desired beginning. Why did you have to make use of your freedom of choice so unceremoniously? In the end you expose more than just yourself. You reveal a symbol. A symbol that is not entitled to signify anything, but that merely exists. A symbol that obtrudes itself on everyone, especially on those who neither seek it nor are able to stand it. I know how much the desire for freedom requires, how the opening of the old gates and fetters is capable of causing pain. At this point, however, it hurts the opponent rather than yourself, as a concerned party. You stand in awe of my power, so listen to this: I will not call it disgrace or wrongdoing. I dub it stalemate. Every liberty, even those regarding skin, love and materiality, has to recognise its limits. And yet it still is a shame! The very same after which I cannot be the one to show you your limits, or the consequences thereof, anymore. You are a mere performance. Just a bit-part player on your own stage. This alone lets me still stretch my patience, at least for today, perhaps also tomorrow, but I will pass on my responsibility for the remainder. May my successor be the judge of you!

Übersetzung: Oliver Storch
Foto: Tabea Mathern

Der Tag, eben der

Der Tag, eben der

Was wirst du tun, wenn der Tag ist da?
Eben der, der lange schon vorhergesagt.

Was bloß bist du im Stande zu sagen, wenn der Tag ist da?
Eben der, dessen Ankunft lange dich schon plagt.

Was bitte kannst du bewirken, wenn der Tag ist da?
Eben der, der oft besprochen, halb totgefragt.

Wie nur wird der Tag dich halten?
Eben dich, an dem das Warten hat genagt.

1 of 3
123