2017

Im Auftrag der Serie

Im Auftrag der Serie

Überraschung trifft auf Verwunderung – sobald man das eigene Empfinden für Zeit mit dem von Mitmenschen zu vergleichen beginnt. Während andere sich dem Verlauf von Tagen und Wochen hingeben, dabei jeder Anschein von innerer Rechnung und dem Setzen eines inoffiziellen Fazits von sich weisen, fühle ich diesen Drang stets, fast ständig. Ich nenne es gegebenenfalls auch Zwang, schließlich fühle ich mich beinahe unwohl, Zeitabschnitten das Resümee zu verweigern, eine Wertung zu geben oder im Gespräch zu beurteilen. Es gibt Marotten, die nicht nach Krankheit riechen, schließlich fahre ich mit dem In-Kapiteln-Denken doch bisweilen gut und ohne Nebenwirkungen.

Es ist Dezember. Das Jahr ist quasi auserzählt, gerade Advent und Weihnachten lebt von Wiederholung und Ritual. Nun muss alles festgehalten werden, was greifbar für die vergangenen zwölf Monate steht. Die Musikliste mit den Top 51 des Jahres ist virtuell verfügbar, Geschenke mit Motiven von Januar bis gestern liegen zum Verschenken bereit und die alte Freundin namens Tagebuch wird mit den harten Fakten aktualisiert, bestenfalls vervollständigt, um die Übersicht zu wahren. Farbe des Jahres, Veranstaltung des Jahres, halbe Weisheiten von ihm und ihr des Jahres – alles muss komprimiert als Zusammenfassung stehen. Welch eine Ordnung, fast unangenehm.

Da war die Idee eines Jahresromans das nahe liegendste Projekt, das mit meiner Person Hand in Hand zu gehen scheint: Feste Abgabetermine, Verarbeiten von Eindrücken und schlechten Träumen, Analysieren von Menschen und Zuschreiben von Eigenschaften, die sich im Laufe eines Jahres in alle Richtungen drehen können, im Auftrag der Serie. Der Titel kommt ganz typisch bei Nacht: “Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.”

Ja, eine Geschichte in monatlich verfassten und veröffentlichten Kapiteln musste quasi eine Blaupause für mein Gefühl von Zeit sein. Gerade wenn das Projekt für 2017 damit einher ging, dass die befreundete Fotografin Saskia Kyas pro Kapitel eben auch ihre zehn Tage Zeit pro Monat erhielt, vier bis fünf passende Motive jeweils beizusteuern. Obendrauf war die Abmachung mit Mario Münster vom Rosegarden Magazin, dass zum Monatsende oder eben gleich zum Anfang exklusiv die neue Episode veröffentlicht werden würde. Druck, Erwartungen, klare Zeitfenster, wie herrlich transparent.

 

 

Es ist noch immer Dezember und erstmals fühle ich eine Erleichterung. Es ist bis heute nicht ein Satz des Abschlusskapitels geschrieben, die Idee ist erstmals lose, das Finale liegt gedanklich irgendwo neben Einkaufsliste und dem einkehrenden Gefühl, jetzt mal loslassen zu dürfen. Ich kann nicht, schließlich ist ja noch Zeit.

Fotos: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: November

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: November

Sie bemerkte die Unruhe nicht, nicht die in die Luft gerichteten Hände und fragenden Blicke. Der Kurs erkannte seine Dozentin kaum wieder, die in Gedanken in ihrer Tasche kramte und durch die Glasscheiben in den Flur schauen konnte, wo Valentina zum wiederholten Mal auf und ab ging, wohl auf das Ende des Unterrichtsblocks wartete.

“Geht es Ihnen nicht gut? Wir sind mitten im Text stehen geblieben.”

Manon nahm die Worte auf, nickte bloß und entschuldigte sich bei der Gruppe. Sie ließ sie zurück, ging den Gang entlang und zeigte ihrer sich umdrehenden Freundin die Richtung zum großen Ausgang.

“Ich musste raus. Warst du schon lange hier?”

Valentina hatte soeben eine Nachricht an Alexander geschrieben, der sich um die kleine Anne kümmerte und vor dem Abend noch mit etlichen Fragen beschäftigte, schließlich war er bisher selten mit dem Kind allein, hatte sich dies auch zu keiner Zeit eingefordert. Seit dem klärenden Gespräch, welches Alexander der Reaktion nach nicht benötigte, hatte er die Zuneigung zu Anne neu für sich entdeckt. Das kleine Ding im Wagen hatte mit einem Mal außer Namen und Herkunft eine Funktion für ihn. Es weinte auch nur halb so oft wie auf Frietjofs Brust.

Manon taten die Finger weh, so sehr brannte es unter ihnen, die losen Sätze vom Vortag weiter zu hören. Das abrupte Verabschieden gestern brachte Manon nichts außer Spekulationen und einer schlaffreien Nacht. Doch so sehr sie auf die Fortführung drängte, sich dabei das Haar zusammen steckte und nah an ihrer wiedergefundenden Freundin mitlief, lenkte Valentina merklich ab, wünschte sich einen Spaziergang und frische Luft.

 

Tilly saß in einem Restaurant, lehnte Blumen ab, auch eine Nachspeise, als Maren Kluge an den Tisch trat und sich für die Verspätung entschuldigte. Der Taxifahrer musste einen Umweg nehmen, Absperrungen machten das Durchkommen durch Mitte quasi unmöglich.

“Du musst dich an die U-Bahn gewöhnen. Wir können das auch zusammen tun, vielleicht heute gleich.”

Frau Kluge winkte ab und bestellte sich ein großes Ginger Ale, legte Schal und Mütze auf den Nachbarstuhl und sah um sich.

“Der Laden scheint neu zu sein. Diese langen Wände. Kommst du hier öfters her?”

“Ich kenne den Koch ganz gut, ja. Aber vor allem gibt es hier Fußbodenheizung unter den Tischen. Zieh’ deine Schuhe doch auch aus.”

Ob Maren dem Vorschlag nachging, wurde nicht gelöst, hatte Tilly ein anderes Anliegen.

“Sie ist tot.“

 

 

Entschuldige!

Seit letzter Woche. Es hat die Presse seltsamerweise nicht erreicht, aber aus guten Quellen weiß ich, dass es wahr ist. Es ist vorbei.”

Tilly hatte den Satz kaum beendet, da schüttelte Maren sich, ganz so als würde sie frieren, atmete durch und plötzliche Tränen trafen auf die Tischkante. Mit dem Tod hatte sie nicht erst in diesem Jahr seltsame Erfahrungen gemacht.

“Oh. Das kam ohne Vorwarnung, aber nicht überraschend. Wir hatten so oft darüber gesprochen, Hennes war womöglich schon genervt. Manchmal habe ich es mir gewünscht und doch wollte ich sie eines Tages wiedersehen. Sie ist doch letztlich an all dem Schuld. Tilly! Und trotzdem fasst mich das so sehr an, als hätte ich sie gekannt. Ich weiß auch nicht. Was denkst du denn?”

“Dass diese Tatsache gut ist, zumindest es uns allen einfacher machen wird. Vielleicht musste es so kommen, so lange dauern, bis sie im Krankenhaus stirbt und wir loslassen können. Diese Therapiezeit muss ein Ende haben.”

“Oder aber sie wird nie enden.”

 

Wolters Schnarchen war bis in die Küche zu hören, in dem Frau vom Felde Gemüse klein schnitt und sich den Dampf aus der Pfanne vom Gesicht fort wedelte. Eine Erkältung, die ihren Höhepunkt nicht finden wollte, hatte Wolter über Wochen an Bett und Sofa gebunden. Mathilde machte sich regelrecht Sorgen und betrachtete ihn genau, was er stets hustend von sich wies und mit viel Schlaf beantwortete.

Es klingelte an der Tür, so leise, dass es mehrmals überhört wurde und Mathilde erst öffnete, als jemand bereits auf dem Rückweg war. Sie rief der Person nach, stützte sich auf dem Rollstuhl ab und schließlich trat Hennes ihr entgegen. Er hatte auf seine Nachricht an alle keinerlei Reaktionen erhalten.

“Nichts wie rein, mein Paprika brennt an.

Ja, Wolter hat sich etwas hingelegt. Ich bin in der Küche.”

“Frau vom Felde, ich erzähle es Ihnen, scheinbar gibt es in diesem Monat kein Treffen und ich kam gerade an Ihrer Straße vorbei.

Es geht um Folgendes – ich habe eine Überweisung erhalten, eine große Summe, adressiert im Betreff an uns alle. Nun bin ich mir nicht ganz sicher, was mit dem Geld anzufangen ist.”

“Erfreulich, erfreulich und seltsam. Ich will nicht mutmaßen, aus welcher Richtung die Summe kommt. Nun ja, ich bin schon dabei.

Wollen Sie mitessen?

Selbstverständlich ist dies ein Thema für die große Runde. Hach, die letzten Wochen waren komisch, bei Ihnen auch?”

Die Dunstabzugshaube röhrte, während Hennes Platz nahm, sich den Zwiebeln widmete und mit ihr schwieg.

 

 

“Du musst gar nicht arbeiten? Hattest du das nicht gesagt? Streck deine Beine ruhig aus.”

“Ich wollte dich heute noch sehen, dich sprechen.

Claudia, ich gebe dir jetzt eine Information und du wirst vermutlich erschrecken.”

“Ich bin nicht naiv und bereit.  Sag schon.”

“Helen Rennesang ist verstorben, vermutlich weißt du es noch nicht.”

“Endlich hast du ihren Namen ausgesprochen. Hans, du hast es getan.”

“Ich verstehe nicht.”

“Dass sie sterben wird, hatte ich mehrmals in der letzten Woche geträumt, das ist es nicht, was mich überrascht.

Aber dich endlich Helen Rennesang sagen zu hören. Ich bin froh. Vielleicht ist es nun vorbei, der Zauber verflogen.

Schau nicht so verwundert oder was du da mit deiner Stirn veranstaltest. Du windest dich zwischen all dem, was mit uns beiden passiert, mit den Fragen, die dich wirklich interessieren. Helen Rennesang und ihr Attentat. Ist das hier jetzt der Moment? Scheint so.”

“So siehst du mich, als einen Maulwurf?”

“Jeder wollte die Geschichte, es war riesig. Leute von der Presse tauchten plötzlich auf, genau wie du. Das waren noch die Harmlosen. Frau vom Felde hatte sich schon den Messerblock in den Korridor gestellt, standen kurz nach der Sache nachts raffgierige Menschen vor ihrer Tür und wollten alle Details aus erster Hand. Ich erhielt Nachrichten, in denen sich lustig gemacht wurde, uns die Schuld gegeben wurde. Man hätte uns mit den acht Toten tauschen sollen. Dies wäre nur ein bedeutungsloser Anschlag gewesen, der nicht einmal zu etwa großem gehörte. Etliche Leute waren enttäuscht, dass man unser Erlebnis nicht einmal mit Terror in Verbindung bringen konnte. Oder eben nur im ganz kleinen Rahmen. Für uns war es das. Manche um uns herum taten so, als würden sie nicht wissen wollen, was es heißen könnte, Teil einer Mordszene zu sein. Ach, das war nur ein kleiner Teil der Reaktionen. Die ganze Zeit war wie ein Roman, den ich früher liebend gern gelesen hätte. Dann habe ich nie mehr gelesen.”

 

 

Claudia konnte nicht recht erkennen, was die Unterhaltung mit Hans machte. Er hatte sich zur Seite gedreht, die Arme fielen lasch über die Wannenränder und die zwei Weingläser fielen ihr in den Schoss.

“Hans, was ist? Hörst du mir denn zu? Du weinst?”

Das tat er. Er weinte und war weit weg. Und plötzlich richtete er sich auf und schluckte.

“Du hast falsch gedacht. Ich war nicht an der Geschichte interessiert, dem Chaos im U-Bahnabteil. Ich habe nämlich alles davon gelesen. Die Schüsse und Schreie kann ich mir denken, dazu brauche ich deine Worte und Details nicht. Interessiert war ich an der Art, damit umzugehen, zu vergessen, zu verdrängen. Aber nicht für andere, niemals für Aufmerksamkeit, sondern für mich selbst.

Ich nahm an dem Abend die Bahn vor euch, es waren vier Minuten bloß, die uns quasi trennten. Ich habe mit Doktor Nebel gesprochen, du kennst ihn natürlich gut. Er hat mich nach einem Gespräch – es ist ein Jahr her, mindestens – gebeten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das reichte mir nicht. Ich habe bis heute das Gefühl, schuldig zu sein. Es ist dumm und so komisch menschlich, wie viele sagen würden. Ich klammere mich an ein Problem, das ich im Grunde nie hatte. Vier Minuten nur trennten mich davon.

Claudia, ich werde jetzt gehen. Es tut mir leid.”

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

 

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Oktober

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Oktober

“Es geht ihm gut, lass uns fahren.”

Hennes hatte keine halbe Stunde auf dem Gelände verbracht, doch kam nach dem Gespräch mit der Gewissheit am Parkplatz an, dass Matthews Entscheidung für die Klinik die einzig richtige und notwendige war. David hatte sich in letzter Minute umentschieden und das Aufeinandertreffen abgesagt, dafür Hennes gebeten, ihn zu vertreten.

“Hat er etwas gefragt?”

“David, er war sehr beschäftigt. Die Termine sind eng getaktet. Ich schätze, das wird auch von ihm ausgehen. Aber nein, der Pfleger hat mir wissend zugenickt, Matthew selber – tja, er braucht seine Zeit und uns vielleicht weniger.”

Die Silhouette der drei entwurzelten Bäume gaben der Straße etwas Künstliches. Fotografen und anderweitig Interessierte reisten durch die betroffenen Bundesländer und hielten die Nachwirkungen des Naturspektakels fest. Von dichten Zweigen begrabene Kleinwagen und gewaltige Baumkronen, die sich seit Tagen in Balkons und auf Dachterrassen abgelegt hatten, waren passende Motive zwischen Herbst und empfundenem Jahresende.
Natürlich hatte Matthew nicht von der Gruppe gesprochen, nicht nach David gefragt und diese Leere, die ihn umgab, hatte etwas Leichtes, von Hoffnung.
Der fuhr durch die Allee, wurde dabei immer langsamer. Erst Hennes musste ihn darauf hinweisen, dass sich hinter ihnen eine Schlange bildete. Das Hupen und dichte Auffahren im Hintergrund waren ihm gleich. Es zermürbte ihn, keine Hilfe gewesen zu sein, eher noch Unterstützung oder Beiwerk Richtung Krankenhausaufenthalt. Doch er wollte es wieder gut machen, bald, wenn dies möglich sei. Nun mussten sie sich aber beeilen, hatten sie Alexander versprochen, ihm beim Tragen einiger Sachen aus dem Keller zu helfen.

Alexander fühlte sich schlapp und von allen isoliert. Jedes Husten war ein Niesen, jedes Atmen ein Verschlucken. Seit Tagen wurden die freien Stunde mit dem Aussortieren alter Zeitschriften und dem Stapeln unklarer Belege verbracht, der Abstellraum als Sammelplatz für all das genutzt, was zu entsorgen sei oder in Kisten an den nächsten Bordstein gehörte. Alexander hatte sich gegen Umzüge gewehrt, dieses so oft beschriebene Freiheitsgefühl mit jedem Gang zum Müllcontainer fehlte ihm völlig. Der Umzug war gestern Abend in mehreren Stunden hinter sich gebracht worden. Die Firma kam zu spät, waren sichtlich erschöpft vom Tag und brauchte länger als ausgemacht, doch Alexander wollte kein Verschieben auf den nächsten Morgen dulden. So stand in der alten Wohnung außer ein paar wenigen Pflanzen, deren Schicksal noch unklar blieb, bloß vereinzelte Farbspritzer auf dem Boden und Fensterrahmen aus Holz, die laut Mietvertrag abschließend als Schönheitsreparatur zu streichen waren. Den Keller aber wollte er sich aufheben, als finale Baustelle, zu viel persönliches Allerlei hatte sich gesammelt und Möbelstücke, die auch nicht per Selbstabholung loszuwerden waren, warteten auf die Fahrt zur Deponie.

 

 

So nah war sich Alexander lange nicht. Frietjof und Valentina hatten nur am Rande von all dem Stress erfahren, waren sie auch vier Tage auf dem Land, um Zeit mit sich und dem Kind zu verbringen. Und die Beziehung als beendet zu erklären, von beiden Seiten, ohne Tränen, frei von Vorwürfen, mit viel Kaffee und Kuchen. Das wiederholte Drücken hatte sich Valentina dabei nicht gewünscht, es brachte den Anschein von Befreiung und einem Dankeschön. Die Mimik Frietjofs war ihr geradezu unangenehm. Beides überzeugte sie, richtig entschieden zu haben. Und so schnell legte er das fast Andächtige ab, sprach von Portugal, einem Ausflug, fast vergessenen Freunden dort, dass sie und beide Ohren von ihm abließen, seine vielen Nebensätze nicht unterbrach, sondern die innere Stille zu genießen wusste. Sie selbst dachte schon weiter, malte sich bereits die Szene aus, in der sie auch Alexander für Vieles danken würde, ihn ganz offiziell von sich verabschiedete. Dessen getroffener Blick wäre in seinen Zügen vielleicht echt und stimmig, doch noch auf dem Heimweg würde er die leichten Füße spüren und die einkehrenden Nachrichten von Fremden auf dem Telefon knapp beantworten. Das war sie sich und ihm schuldig, hatte sie sich gesagt. Außerdem hatte Manon am Telefon dazu geraten.

Von diesem Moment wusste er selbst noch nichts, als David und Hennes im Keller standen, ihm leuchteten und über die hier unten völlig verschenkten Möbelstücke staunten. Er hatte Geschirr in alte Tücher gewickelt, während David die lose liegenden Zeitungen einsammelte und ihm reichte. Alexander wurde immer langsamer, antwortete nicht, schickte die beiden zu einer Zigarettenpause in den Hof.

“Das könnte länger dauern, dabei hat er doch zu sich eingeladen. Er wird es vergessen haben. Es ist nichts vorbereitet. Ich rufe Maren an, sie ist gerade in Mitte und hilft sicher. Warte kurz.”

Maren Kluge hätte ganz sicher geholfen, wie es ihr Alltag zeigte, doch sie hatte einen schlechten Tag. Das Auto blieb auf der Autobahn stehen, ihr Telefon war nicht zu finden und die Vorbeifahrenden übersahen ihren winkenden Hilferuf mehr oder wenig bewusst.
Derweilen hatte sich Claudia in komischer Stimmung von Hans verabschiedet. Vielleicht war sie auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen, wie ihre Schwester es hätte formulieren können. Das Zusammensein mit dem Mann, der immer mehr Fragen aufstellte, hatte an Witz und Zeitlosigkeit verloren. Dabei gab es für sie keine Anzeichen, dass Veränderungen unausweichlich sein mussten. Dafür war er zu schön anzuschauen im Hoflicht, seine Enge taten ihr gut, hätte man sie gefragt.

Ihre Schwester Barbara saß am Küchentisch und hatte die Hände gefaltet, während sie auf den Schlüssel im Wohnungstürschlossel wartete. Sie saß nicht allein. Ihre Mutter hatte sich eingeladen.

“Mama, was tust du hier? Ist alles in Ordnung?”

 

 

“Da besucht man seine Kinder und das erste, was sie einem unterstellen ist Krankheit oder Hintergedanken. Es war einfach an der Zeit. Meldet ihr euch nicht, muss ich es eben tun. Wir müssen nicht diskutieren, wer sich wie freut und so weiter. Lasst mich eine Stunde mit euch sprechen. Kaffee, gibt es Kaffee?”

Den gab es. Auch verfrüht Lebkuchen und Kerzenschein. Vor allem aber eine Mutter, die den Raum einnahm und Barbara und Claudia zu den zuhörenden Töchtern machte, die sie über Jahre hinweg gewesen waren.

“Bei euch ist es kalt, spart ihr an Heizkosten? Das wäre albern. Aber ihr habt ein wenig umgeräumt, das gefällt mir, passt gut zu einander. Dabei wohnt ihr möglicherweise nicht mehr auf Dauer zusammen. Das war eine Frage.”

Claudia hatte ihrer Mutter eine Decke über den Stuhl gelegt, das Licht angeschaltet und nicht wieder Platz genommen. Sie hatte kein Interesse an den so oft gehörten Sätzen, dass ihre Mutter ein seltsames Gefühl hat, welches sie nicht betrügt. Im Grunde wurde diese immer und ständig von irgendwelchen seltsamen Stimmungen heimgesucht. Die ganze Kindheit war von ihrer Vorausahnung bestimmt und sie sah die Zeichen für Schlechtes und Veränderung lange bevor sie abzusehen waren. Außenstehende hätten dies spannend oder gar amüsant finden können, den Kindern war die Präsenz von Schicksal und ausgesprochener Atmosphäre schnell ein Gräuel.

“Wir planen nicht, auseinanderzuziehen. Es sei denn, Barbara hat dir von anderen Plänen erzählt.”

“Nun setz’ dich doch bitte zu uns und lass’ diesen Blick. Nach wie lange – zwei Jahren? Darf man als Mutter mal auf den neuesten Stand kommen. Barbara, du scheinst aufgeregt. Claudia, von dir ganz zu schweigen. Keine Milch!”

“Wir haben wenig Zeit, sind heute Abend noch verabredet.”

“Ihr oder bloß du? Wisst ihr, ich bin nicht da, um euch von einem Trauerfall zu berichten oder eure Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mindestens eine Person in diesem Raum braucht Hilfe. Stellt euch vor, ich stehe gestern vor dem Tor, suche nach meinem Schirm und dann steht da dieser Mann. Er schaut ganz tadellos aus, spricht angenehm und scheint mich direkt abgepasst zu haben. Ein Hans – ich hatte auch mal einen – kommt ohne Umwege auf dich zu sprechen. Er macht sich Sorgen, hat Fragen. Ich wittere den Braten schnell, denke mir Fakten aus, er nickt alles ab und schreibt mir heute eine Mail. Claudia, du kannst anfangen mit der Info, was du magst. Er ist ein Journalist, nein, ein Schnüffler. Hans Sanddorn. Du kannst vieles von ihm lesen. Er spezialisiert sich auf Schicksale, Tragödien und das, was man daraus machen kann.”

Kreidebleich stand die Angesprochene am Heizkörper. Rieb ihre Finger über die Rillen und schüttelte den Kopf.

 

 

“Wir können gleich zu ihm gehen, Mama, er wohnt quasi über uns.”

“Das tun wir nicht. Ich komme nur aus einem Grund – euch zu schützen, wenn ich das damals auch nicht konnte oder wollte. Die Medien sind wieder dabei, das Thema aufzugreifen. Ob es das ist, was dieser Hans vorhat, wer weiß, ich kann nur mutmaßen. Ich lasse euch allein.”

“Das tust du nicht. Das kennen wir: du wirfst uns einen Brocken vor, wir brauchen ewig um ihn zu verdauen, während du längst verschwunden bist und uns damit alleine lässt. Mama, ich weiß, dass Hans mich benutzt. Und ja, ich akzeptiere es. Soll er unsere Geschichte ausschlachten. Ich liebe ihn.”

Sie ging gleichzeitig mit der Mutter. So standen sie nebeneinander im Flur, schauten sich seitlich an und drückten sich schließlich ohne Bewegung. Barbara blieb im Hintergrund sitzen und schluckte die dicke Masse im Hals nach unten.

 

Sarik hatte gebraucht, sich an Bierkos Tempo anzupassen. Er bereute jedoch nicht eine Minute, die Pflege des Hundes übernommen zu haben. Sicher war seine Frau Gerda mit den unzähligen Haaren im Wohnzimmer überfordert, doch das frühe Aufstehen tat ihr gut. Die dritte Absage war eingetroffen, dabei liefen die Bewerbungsgespräche gut und zuversichtlich. Manchmal zweifelte sie an ihrem Äußeren, ihrer Mundart oder den wenigen Abstufungen im Lebenslauf. Dann redete ihr Sarik wieder positiv zu, nahm sie mit zu einem Spaziergang – so viel waren sie seit Jahren nicht gegangen – und sprachen vermehrt von Veränderungen im Allgemeinen.

Als die drei von Alexander begrüßt wurden, waren auch Frau vom Felde, Wolter und Frietjof schon da. David und Hennes hatten Frühlingsrollen, Reis und Morcheln in rauen Mengen liefern lassen und in Plastik auf Getränkekisten serviert. Mathilde hatte sichtlich Hunger und hielt sich dennoch wortkarg zurück, gerade Wolter schien heute irritiert von ihrer Haltung.

“Tilde, ist denn alles in Ordnung? So ruhig wie du bist.”

Sie verzog das Gesicht, mochte sie nicht, in der Öffentlichkeit so genannt zu werden. Ein wenig Abstand musste ersichtlich sein. Den es nicht gab, verbrachten sie die Zeit pendelnd zwischen beiden Wohnungen und ohne merkliche Zeit allein. Die Übungen der morgendlichen Physiotherapie machte Wolter stets heimlich im Nachbarzimmer nach.

Alexander gab das Rauchen in der Wohnung frei und so verbrachte die Runde das Treffen sitzend auf dem Boden, mit der eigenen Jacke als Unterlage, oder eben stehend an der Fensterbank. Die Reinerts waren zeitgleich mit Valentina eingetroffen, als Maren an der Tür stand und einen Herrn vorstellte, der sie und ihren Wagen per Abschleppseil bis zur gewünschten Adresse gebracht hatte. Sie erklärte die Situation ihrer Panne kurz und ging dem sichtlichen Drängen der anderen nach, die Begleitung vorzustellen.

“Ich nenne es mal Zufall, dass Björn es war, der angehalten hatte. Aber wer will das beschwören. Nein, wir kannten uns bis vorhin noch nicht und doch kamen wir ins Gespräch und er nun hier zu uns. Er hat darum gebeten. Ich sehe keine Einwände, vielleicht kann er uns sogar Hilfe sein. Björn ist Polizist, war an unserem Tag im Einsatz.”

Für einen Moment kehrte Unruhe ein, sprach der eine mit dem nächsten, zog sie die Augenbrauen hoch und klopfte er sachte gegen den Rollstuhl. Sie waren abgelenkt und doch nahm Frau Kluge die Aufmerksamkeit wieder an sich.

“Björn ist nicht nur beruflich mit der Situation verbunden, sondern auch ganz persönlich. Wir haben uns gesträubt und isoliert, aber womöglich soll sein Besuch das heute ändern. Ja, ihr fühlt euch überrumpelt, und dies noch bevor ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe.”

Es war Gerda, die die Hand ihres Gatten zurück auf dessen Oberschenkel legte und unter den Augen von Hund Bierko etwas näher an den Gast in der Zimmerecke trat. Nicht nur sie hatte die Gedanken über Jahre zusammen gesetzt, verschoben und auf sich selber übertragen. Nun stand mit dem Polizisten Björn eine reale Person vor ihnen, der diese fransigen Umrandungen scheinbar zu füllen bereit war.

“Nein, Maren, du hast viele Sätze gesprochen. Danke. Ich komme ein bißchen näher. Und nun klären Sie uns auf, Björn. Wie sollen Sie mit der Situation ganz direkt vertraut sein? Hm. Sie wohnen direkt am Moritzplatz? Wurden Sie etwa auch verletzt oder jemand Ihrer Kollegen? Moment, Sie sind verwandt mit ihr!”

“Richtig, sie gehört zu meiner Familie. Genauer gesagt ist Helen Rennesang die Tochter meines besten Freundes und mein Patenkind.”

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: September

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: September

Der September glänzte in Gold und bewahrte seinen Takt. Die Zeit des Abwartens und Überdenkens war vorüber oder sollte erst folgen. Es gab etliche Gründe, um an Aufbruch zu glauben und sich dem Schwarz zu widersetzen.
Diane hatte ihre Ausstellung kaum beworben, diesen Punkt einer öffentlichen Veranstaltung unterschätzt oder an die Kraft des digitalen Weitersagens geglaubt. Einer Handvoll Gäste konnte sie sich gewiss sein, hatte David Massari längst und in Wiederholung sowohl Ort als auch Zeitpunkt an die Gruppe weitergegeben. Niemand fragte nach dem Essen vor Ort, der Dauer der Veranstaltung, alle sagten sie zu.

Der Blick auf das Rote Rathaus unter blauem Himmel war günstig. Die Stühle, Trennwände aus Metall und Holzpaletten standen leer vor dem Eingang der Räumlichkeiten. Diane hatte eben noch mit einem Freund telefoniert, der sich selbst als ihr Management verstand, selbst aber der Kunst ferner war als der persönlichen Schwärmerei und dieser Lust im verschwindenden Sommer. Da kamen auch schon Gerda und Sarik, die Diane kaum erwartet hatte, aber nicht ähnlich unsicher zurück grüßte. Sarik hatte sich geradezu schick gemacht, hoffte schnell auf das Eintreffen weiterer Gäste, war er kein Kenner von Installationen und Collagen. Seine Gattin lehnte das Freigetränk nicht ab, bedankte sich und betrachtete sich die Außenanlage in hautfarbenen Schuhen. Etwas hatten die beiden an sich, das anders war, nach Vorbereitung roch und Unruhe ausstrahlte, gerade bei der eintreffenden Tilly, die eng an Maren Kluge laufend sich der Künstlerin näherte und für die Einladung bedankte.

Frietjofs “Aufwiedersehen!” zum morgendlichen Abschied klang in Valentinas Ohren von Tag zu Tag mehr nach Abschied. Der Sex wurde ähnlich schlecht wie die Gespräche. Beide empfanden so. Und dennoch aßen sie Abendessen miteinander, brachten Anne zu zweit zu Bett und waren froh über Alexanders unangekündigte Besuche zu allen Tageszeiten.
Valentina bat die Männer, schon einmal zur Ausstellung vor zu gehen, sie bräuchte noch etwas Zeit für sich. Der wahre Hintergrund war eine Nachricht im Posteingang, die sie seit Tagen von sich schob. Ihre beste Freundin Manon, die sich zumindest über Jahrzehnte als solche bezeichnet hätte, konnte das plötzliche Wiedersehen im letzten Monat nicht tatenlos hinnehmen. Valentina war von einem auf den anderen Tag aus Manons Leben verschwunden. Ohne Vorwarnung, ohne Streit. Manon hatte über die eigenwilligsten Wege versucht, den Kontakt zu Valentina wieder herzustellen. Sie schrieb Briefe, stand vor der Haustür, ging auf Veranstaltungen, auf welchen sie Valentina vermutete. Versuchte virtuell Anteil an Valentinas Alltag nehmen zu können. Sie zweifelte an der Freundschaft, der Vergangenheit, schließlich an sich selbst. Ein gutes Jahr hatte Manon gehofft und vermisst, die Trauer zu Wut werden lassen. Dann kam die Stille, das flache Gefühl bei alten Fotos oder Erinnerungen durch andere Freundschaften, welches kaum noch weh tat. Und dann kam jener Tag, an dem sie dort stand, Valentina wieder echt wurde, mit einem Kind, mit scheuem Blick und dem Instinkt des Versteckens.
Anne schrie im Hintergrund und forderte Aufmerksamkeit. Da schloss Valentina den Laptop, wischte das Grundgefühl zur Seite und kümmerte sich um ihr Kind.

 

 

Diane winkte den heranfahrenden Musikern zu und ließ die Vier alleine, die etwas überfordert mit der Situation sich und dem Gelände entgegen nickten. Frau Kluge war seit Tagen nicht in der Stadt gewesen, der Abend in Mitte brachte sie zumindest einmal kurz fort vom Arbeiten im Garten und dem mit Brandenburger Nachbarschaft.

“Nun ist der Sommer auch schon wieder vorbei, schade. Ich war nicht einmal baden, komisch. Man beschäftigt sich viel zu sehr mit der Arbeit und dem Zuhause, das kann man ändern.”

Sarik blickte zu Gerda, nachdem deren Worte aus dem Nichts auftauchten und der ersten Stille eine zweite Stille folgen ließ.

“Jetzt weiß ich, wie es ist, mit dem Beruf zu hadern. Ja, Sarik, ich sag das jetzt. Habe ich damals dumm oder unpassend reagiert, dann tut es mir leid.”

Maren fühlte sich erst verspätet angesprochen, reagierte nur dezent und nahm für Tilly und sich selbst ein Glas Wasser vom Tablett. Im nächsten Moment fuhr Hennes mit dem Rad vor, derweilen kam Claudia Hand in Hand mit einem Herren dazu, den sie der Runde als Hans vorstellte. Die Überraschung der anderen überraschte wiederum Claudia. Und es benötigte erst eine laut polternde Frau vom Felde, welche sich von Wolter kaum beruhigen ließ. Er wollte die Aufregung bestenfalls vertuschen, doch Mathilde kam ihm mit der Erzählung zuvor. Sie war geradezu beschämt und erst eine Zigarette von Hennes, der das Rauchen wieder angefangen hatte, brachte sie zurück. Sie wurde soeben eines Diebstahls bezichtigt, im – ihrer Meinung nach – formatlosesten Einkaufszentrum seit dem Mauerfall. Tilly musste sich das Lachen verkneifen, Wolter hingegen drückte Mathilde beinahe unauffällig zwei seiner Finger auf das Schulterblatt. Da hatte Diane sich soeben zu der Gruppe gesellt und diese aufgefordert, der Musik und ihren Schritten zu folgen.

Claudia stand seit etlichen Minuten zwischen Bushaltestelle und einem Gebäude, dessen historische Wichtigkeit ihr selbst nicht klar war. Natürlich war da dieser ewige Gedanke an ihre Schwester, die mit Hans gefühlt erstmals jemanden gefunden hatte, der nicht nur beruflich Interesse an ihr gefunden hatte. Es ging nicht um Neid oder Missgunst, nicht einmal um Skepsis an der Beziehung. Alles schien im Wandel. Die ganze Gruppe war dabei, sich zu verändern und von ihrer Abschottung abzusehen. Selbst ohne Vertrag und Handschlag waren die Treffen von Beginn an so geplant, dass sie unabhängig von Familie und Freunden existierten, keine Brücken nach links und rechts zu schlagen hatten, welche die Gemeinschaft zusätzlich hinterfragen könnten. Während Barbara diese Neuerung kaum als Chance sehen konnte, weniger noch als positive Entwicklung, verlor sie zusehends den Halt. Sie begann zu fluchen, kaum hörbar und ohne jemanden direkt im Visier zu haben. Aber die Wut war da und echt. Es fehlte nur noch – aber nein, das konnte nicht sein.

“Ich habe meine Kündigung bekommen. Letzte Woche. Das habe ich nicht kommen sehen. Wie muss ich mich denn nun fühlen?”

Maren Kluge war geradezu überrumpelt von Gerdas Worten ohne Vorwarnung. Sie betrachtete Frau Wächter, wie sie mit schwacher Stimme vor einem Konstrukt aus Kupfer stand, ohne das dieses etwas mit ihr machte oder auf ihre Stimmung Antwort geben konnte.

“Ich wollte mich längst schon entschuldigen. Für mein eigenes Verhalten, für das meines Mannes. Da war wohl ein bißchen Missmut dabei. Es lief vieles nicht richtig und das tut mir nun leid.”

 

 

Das Wirrwarr war ernst gemeint und dementsprechend vorgetragen. Lediglich ein Nicken brachte Maren hervor, vielleicht noch eine verständnisvolle Mundpartie. Maren hätte das Wort Missmut gerne mit Missgunst getauscht, sich an das Gefühl erinnert, dass ihr einige der Gruppenmitglieder über Monate bescherten. Doch sie dachte an den Doktor, nur ganz kurz, und schon war Maren wieder gelassen im Moment innerhalb der Galerie. Dann drehten sich beide Damen um, kündigte Diane nun einen musikalischen Gast an, bedankte sich außerdem für das großzügige Erscheinen. Nun gab es Vitalschnitten, mit mehr Salatblatt als Brot, außerdem gefrorene Cocktails, die bei einigen für interessierte Blicke sorgten. Eine Stunde später hatte David Massari schon eine Handvoll der Getränke geschafft, deren Wirkung unterschätzt und tanzte mit Claudia und Hans vor den Lautsprechern. Deren Berührungsdrang steigerte sich mit jeder Stunde, Barbara sank in einen Sessel, mit dem Blick auf Hennes und Frietjof. Die redeten gegen den Lärm an, diskutierten mutmaßlich, während Frau vom Felde soeben eingeschlafen war. Zeitgleich musste Wolter sich die Ohrenstöpsel von Sarik erklären lassen, er war diesen Trubel nicht gewohnt. Tilly ließ Alexander keine Frage unbeantwortet, sie waren vor den Toiletten in ein langes Gespräch geraten. Er lauschte ihr satzein satzaus. Und doch dachte er an sein Telefon, mehr noch an die Nachrichten, die sich auf dem Display sammelten. Ihm war nach fremden Menschen, noch in dieser Nacht, im besten Fall nackt und ohne derart viele Worte.

Genau genommen hatten nicht alle für heute Abend zugesagt. Einen hatten sie allesamt vergessen: Matthew Porter. – Bis Valentina neben einigen der sehr hoch platzierten Wahlplakate anhielt, sich über die Schlagworte amüsierte und irritieren ließ. Sie hatte sich viel Zeit gelassen, den Weg zur Galerie mit aufwändigen Umwegen verlängert und war über die Ruhe an der eigenen Brust erleichtert. Anne schlief ganz fest. Sie erledigte über das Telefon noch zwei Einkäufe, machte sich zur Erinnerung ein paar digitale Notizen und war gerade dabei, die Nachricht von Manon zu öffnen, als ihr ungeliebtestes Netzwerk soeben ein Live-Video übertrug. Sie musste schon genauer schauen, um die Person zu deuten, die sich von einem Sofa aus wortlos meldete. Was macht Matthew da bloß? Valentina konnte sich keinen Reim darauf machen und ließ die Übertragung laufen. Schlecht sah er aus, kraftlos und taub. Das war keine dieser gewöhnlichen Aufnahmen, auf die man es betrunken zum Samstagabend eben mal ankommen ließ. Präsentieren wollte er sich keinesfalls, es ging nicht um Darstellung in Unterhose. Es ging nicht um die Zuschauenden, es ging um ihn. Matthew saß da, blickte an der Kamera vorbei und bewegte sich kein Stück. Nun wurde es Valentina mulmig, die Stimmung kippte mit jeder laufenden Sekunde. Sie atmete durch. Für sie hatte all das etwas von Gefahr, einem Weckruf oder Abschied. Ihr Zittern hielt an. Nun versuchte sie ihn telefonisch zu erreichen, rannte schließlich zum Ausstellungsgelände, drückte sich an albernden Kunststudenten vorbei und hielt mit einem Mal vor David und Diane an, die eng beieinander standen und auf die hingehaltene Telefonanzeige starrten. David nahm die Hände von ihr, lehnte sich an die Wand und schaute zu Diane, die sich das Schulterzucken unterdrücken musste. Sie ging an Valentina vorbei, reichte einem neuen Gast die Hand, bedankte sich für das Erscheinen und verwies auf das schöne spätabendliche Sonnenstrahlen, das durch die Fensterscheiben leuchtete. Diese Ablenkung war es wert, schließlich glänzt der September in Gold und bewahrt seinen Takt.
Moment. Etwas war geschehen, ganz sicher. Das wusste Valentina wie David. Nur Diane nutzte jedes mögliche Alibi vor Ort, um den Abend als das zu wahren, was er eben war – schöne Unterhaltung.

Es muss am Mittwoch gewesen sein. Sie hatte das zwölfte Gespräch mit einem Filmemacher, der ihre Bilder und Musik für ein kommendes Projekt gewinnen wollte. Vielleicht wollter er auch sie, dann tat er das eine überzeugend, das andere gut umschmeichelt. In Gedanken saß sie bereits nach dem nächsten Mal Umsteigen im Bus, dachte an künftige Urlaubspläne und übersah damit die sich wiederholenden Sätze vom Gegenüber.

 

 

 

Ohne Vorankündigung ging sie, winkte abschließend und war mit einem Fuß schon auf den Treppen der U-Bahn, als sie Matthew Porter sitzen sah. Sie wankte kurz zwischen einer Begrüßung und einem anderen Eingang. Bierko jaulte leise. Schon oft wurde nach seinem Namen gefragt. Einmal wurde er um die genaue Schreibweise des Hundenamens gebeten. Was wusste er denn – Bierko, Birko, Birrko. Geschrieben hatte er das noch nie. Matthew streichelte ihm über den Kopf und blickte ähnlich seitwärts nach oben. Da wurde sie von ihm erkannt.

“Ach, das passt ja. Ich hatte gerade an Leute gedacht, die nicht an mich denken.”

Ein erwartungsgemäß mieser Einstieg, der dem Ausstieg aus dem letzten Gespräch der beiden ähnelte.

“Wir sollten nicht so anfangen. Ich wollte nur freundlich sein.”

“Du wolltest mich nicht mal grüßen, Diane. Halte besser Abstand, ich weiß von deiner Hundehaarallergie. Du reagierst auch schlecht auf mich, was auch immer der Auslöser dafür ist. Es war mal anders. Nun lauf schon weiter, nach da unten folge ich dir nicht, das weißt du.”

Davon wusste sie. David war einer der wenigen der Gemeinschaft, der sich den Schächten wieder näherte, gar an den Gleisen stehen und in die Bahn steigen konnte. Einfach Mitfahrer sein konnte, ohne Angst und Rückblicke.
Diane steckte Matthew einen Schein zu. Sie musste die Situation beenden, wenn auch diese falsche Güte das herauf beschwor, was sie bei ihm hätte erahnen müssen. Er schlug ihre Hand zur Seite, schrie auf sie ein, dass sogar Bierko überfordert die Treppen auf und ab sprang. Eine Männergruppe ging dazwischen, redete auf Matthew ein, beschimpfte ihn. Lachte und stieß ihn mit Wucht die Stufen abwärts. Ein Schmerz zog sich über Dianes Brust, sie konnte nur stehen bleiben und schauen. Dann sah sie eine Dame ihn ansprechen. Er rührte sich und gab auch ohne Laute eine Antwort darauf. Er lag auf dem Rücken und blickte zur Decke, lauschte den Tönen um sich. Den Geräuschen, die eine U-Bahn im typischen Fall von sich gibt. Ein Rumoren, vielleicht ein Gewitter. Das war Krieg?
Diane hatte Halt an einem Pfeiler gesucht und sich von ihm abgewendet. Hier glänzte nichts, niemand fühlte sich verantwortlich für den passenden Takt.

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

Wahltag 2017.

Wahltag 2017.

Sie schauen dich an oder auf dich,

schreiben von Mut, meinen gar Wut.

Werben für Stimmen, die sie nicht gewinnen.

 

Sie schauen mich an oder auf dich,

schreiben vom Leben, das sie für uns bewegen.

Verlangen ein Kreuz. Bereut’s? Bereut’s!

 

Es geht um Richtung bestimmen,

bestenfalls sich der Zukunft und Demokratie zu besinnen.

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

Nichts außer Wetter und Demonstrationen.
Für Auswege fehlten Matthew Porter die Mittel, und dies in jeder Hinsicht. Die Stadt zu verlassen war jene Empfehlung, die ihm niemand persönlich übergeben wollte oder bereit war, das Gespräch in eine solche Richtung zu lenken. Das geringe Einkommen der letzten Wochen schürte Unzufriedenheit und immer wieder Situationen, die Matthew verdrängen musste.
Diane hielt sich länger schon fern. Die Hundehaarallergie schien ein optimales Alibi, wenn die Ausrede der anstrengenden Proben und derzeitigen Vorbereitungen im Atelier sich zu sehr häufte. Meist traf sie sich mit David zu zweit, in Bars ohne Namen und an Abenden ohne Ergebnis.
David Massari überhaupt. Er war ihm nicht mehr der Freund von vor neun Wochen. Der tolerierte, dass Matthew eine vorgelebte Struktur brauchte. Der akzeptierte, dass Matthew Geheimnisse mit sich trug, die ihm den Alltag erschwerten und Berlin zu der Herausforderung machten, die so oft schon besprochen scheint. Ein David, der ihm aus dem Weg ging, gar aus den Augen trat.

Von oben schüttete es Wassermassen, die unwirklich schienen. Das hielt die Menschen keineswegs ab, in Trauben mit aufgeweichten Plakaten von der Nebenstraße her ihre Route abzugehen. Matthew drängelte sich an den Blockaden vorbei, entlang der Hauswand. Sein Mobiltelefon war tagelang schon defekt, so war er wie abgeschnitten von der Runde, die sich heute auf der Dachterasse treffen wollte, nun aber auf engstem Raum bei Frau vom Felde saß und zu Hawaii Toast, Espresso und Korn Abschied vom Doktor nahm. Worte waren rar gesät, während all die aufgebaute Zwietracht weit im Gestern schien. Die Gemeinschaft fühlte sich einmal wieder als solche. Dem einen stand das schlechte Gewissen im Gesicht, der nächsten die Unsicherheit. Es wurde auf dem Hinweg in Gruppen schon aufgearbeitet, manches gemutmaßt und Altes vor der Haustür in losen Worten begradigt. Mittendrin eine Frau Kluge, welcher der Tod des Doktors die meiste Veränderung bescherte.

 

Im Keller hatte sie die Backbücher ihrer Familie zusammengesucht, seit Wochen alle möglichen und scheinbar unmöglichen Rezepte ausprobiert, Edgar aus Biesenthal, Frau Gleisen und der völlig überforderten Tilly mehrstöckige Torten und simple Teigknödel überreicht. Alle drei brauchten ihre Zuneigung, ob im Brandenburger Garten oder auf den Stufen der Wohnung am Märkischen Ufer. Maren hatte keine Zeit zum Suchen, fand sie sich tagein tagaus bei ausgemachten Treffen oder spontanen Besuchen. Hennes hatte längst die Übersicht verloren, wann er Maren zu Gesicht bekommen konnte. Wartete zu Hause, häufig zusammen mit Valentina, die in ihrer Wohnung kein Auge zu bekam – von ihrem Kind ganz zu schweigen.

“David, einer fehlt. Hast du etwas von Matthew gehört, kommt er denn noch?”

Das Schulterzucken und Kopfschütteln war Antwort genug. Er war froh, dass Hennes keine zusätzlichen Fragen stellte. Ja, er wünschte sich geradezu, Matthew Porter heute nicht mehr zu sehen. Ihn nicht mehr plötzlich beim Aufwachen neben sich aufzufinden, bei Nacht und Nebel irgendwo abholen zu müssen oder im Hausflur zu überreden, den Ärger mit den Nachbarn ruhen zu lassen.
Ein spezielles Anliegen schwebte so lange schon über ihm, dass er Matthew heute ansprechen müsste, würde er ihn sehen.

Maren Kluge verteilte Erinnerungskarten zu allen Seiten, schön gedruckt und geschmackvoll gestaltet. Heute war Doktor Nebel mehr zugegen als an allen bisherigen Treffen zusammen. Mathilde war drauf und dran, ein Lied anzustimmen, doch Wolter hielt sie vorsichtig davon ab. Erst am Vortag hatte Frau vom Felde etliche Stunden voll von Nostalgie verbracht, in Erinnerungen gewühlt und gegen die nie gänzlich versteckte Angst vor dem Tod gekämpft. Wolter war mit seiner Person um Ablenkung bemüht.

Gegen den anhaltenden Lärm von draußen wären sie allesamt nicht angekommen. So stand Sarik unerwartet auf, sehr zur Überraschung seiner Frau, und setzte zu bedächtigen Worten an. Das schien überlegt, nicht aber inszeniert. Ein Alarmsignal zerschnitt das Vorhaben und hastige Stimmen vor der Wohnungstür riefen, alle hätten sofort das Haus zu verlassen. Hatte Mathilde noch eben Handtücher auf allen Fensterbänken verteilt, um den beachtlichen Regen fern zu halten, winkten die Reinerts nun die Gesellschaft aus dem Wohnzimmer. Das passte zeitlich zu gut, war das Schwesterngespräch zuvor in eine Richtung verlaufen, die Claudia als unangenehm empfand, erkannte sie in Barbaras Unterton niemanden geringeres als ihre Mutter.

 

 

Der Keller war nur einer von unzähligen, die in kürzester Zeit vollgelaufen waren, ebenso sprangen Menschen ängstlich aus anliegenden U-Bahnschächten und reihten sich Busse bewegungslos bis zur nächsten Kurve.
Valentina schloss die Augen, hielt ihre kleine Anne unter der Strickjacke fest an sich, während alle anderen mit Schirm und Kapuze im Hofgang nach Unterschlupf suchten und das Auseinanderhalten von Demonstrierenden, Polizei und Rettungssanitätern kaum noch möglich schien. Alexander rief immer wieder nach seiner Freundin. Frietjofs Blick hatte an Zorn zugenommen, doch Valentina blieb im Wasser stehen und reagierte auf nichts von alledem. Sie hatte sich mit ihrer Rolle arrangiert, doch war erbost, wie wenig feinfühlig der eine und wie wenig eigeninitiativ der andere Freund ihr seit der Geburt entgegen trat. Für sie wurde es zu einer Bestätigung. Eine Bestätigung dafür, dass alles Zurückliegende nur unverbindliches Vorspiel war. Sie waren da, immer wieder und sicherlich auch frei von Pflichtempfinden. Davon abgesehen taugten sie kaum als motivierende Partner und Hilfe. Waren im Licht des jungen Mutterseins nichts weiter als kleine Jungs, denen die altgewohnte Aufmerksamkeit zu sehr von Anforderungen übertönt wurde. Welch eine Enttäuschung.
Schmerzhaft und totalitär wurde diese akute Erkenntnis durch ein Erlebnis, mit dem sie zum heutigen Treffen gekommen war. Angetippt wurde sie von hinten, nachdem sie versuchte, ihren mehrmals gerufenen Namen zu überhören.
Der Tag würde kommen, dessen war Valentina sich bewusst. Die Stadt war auch bloß eine Sammlung von Ortschaften. Sie erkannte Manon, drehte sich um und flüchtete hinter einen Transporter, der in ausgerechnet diesem Augenblick ausparkte und Manon die direkte Sicht auf Valentina ermöglichte. Der Moment schmerzte. Da half nicht das eigene Kind am Körper, nicht Lärm und tiefe Wolken. Ertappt fühlte sich Valentina, ganz nackt und ausgeliefert.

Währenddessen hangelte sich Matthew von Bar zu Kneipe. Verließ meist vor der Diskussion, bestellte Getränke gehörten auch bezahlt und nasse Kleidung nicht unter dem Tresen ausgewrungen, das jeweilige Lokal und fluchte in die vollen Gassen.
Er musste schon zweimal schauen, als er Valentina abwechselnd laufen und stehen sah, die mit der großäugigen Anne sprach und zeitgleich eine Polizistin abwies. Die bekannte Truppe in Sichtweite blieb Matthew verborgen, so bat er, sie solle doch mit ihm kommen. Meinungsfrei folgte Valentina. Mehr und mehr stank es nach Abfluss und veränderte sich das strömende Wasser zwischen Bordstein und Baustelleneinfahrten. In anderen Stadtteilen konnte man gewisse Unterführungen nur noch schwimmend durchqueren, junge Leute warfen jubelnd mit Glitzer um sich, sangen ironische Lieder, wieder andere feuerten Matthew und Valentina von einem Autodach aus an, der Feuerwehr den Weg zu versperren. Sie rannten in einen Hauseingang, dessen Tür offen stand.

“Es geht ihr gut. Sie ist Aufregung gewohnt. Ich sollte sie aber bald umziehen. Hörst du mir zu?”
Da trat eine Frau in den Flur, war scheinbar kurz zuvor aufgewacht. Sie schaute an den beiden vorbei, um sich des Trubels zu vergewissern. Das ernste Gesicht wurde bald besorgt, als ihr die durchnässte Anne auf Valentinas Schoß auffiel. Wenn die Schuhe auf dem Abtreter gestellt würden, dürften sie sich bei ihr abtrocknen. Recht war Matthew das Angebot weniger, war ihm die kratzig-spröde Art der Unbekannten zuwider. Für ihn klang jedes ihrer Worte wie ein Vorwurf. Er wartete darauf, noch für das Unwetter verantwortlich gemacht zu werden, nachdem er mit halbem Satz als schlechter Vater tituliert wurde. Valentina hingegen hörte nicht zwischen die Zeilen, bedankte sich im Badezimmer zum dritten Mal bei der Frau, die noch immer deutliche Abdrücke ihres Kissens auf einer Gesichtshälfte trug, während das Radio vergessene Schlager spielte.

“Wir können uns nicht in die Stube setzen, da wurde gemalert. Die Küche ist eng, aber für Sie reicht es. Möchten Sie ein Taxi bestellen? Quatsch, es fährt ja nichts. In einer Stunde bekomme ich Besuch, bis dahin können Sie bleiben, es gibt Leitungswasser.”

Matthew hielt das Kind, während Valentina sich die Haare föhnte. Er betrachtete sich das junge Stück Leben, sein Kopf dröhnte leicht und sprach Valentinas Baby an, als die Frau den Raum verlassen hatte.

“Wollen wir tauschen? Was sollst du da jetzt sagen. Ich würde es sicher auch nicht wollen. Genieß die Familie, solange es eben geht. Irgendwann möchtest du vielleicht auch mit jemandem tauschen, wenn die Probleme größer werden als du selbst. Ich hör’ schon auf, deine Mama kommt.”

 

 

Eine halbe Stunde später – Valentina hatte Matthews zunehmend lautere Stimmlage mit jeder neuen Frage kaum wahrgenommen – stand die Mieterin hinter den beiden und forderte ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Wie aus heiterem Himmel zeigte sie Richtung Korridor, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie sich unwohl mit ihm im Haus fühle und Valentina ihren Umgang überdenken solle. Er wurde grantig, hoffte auf Valentina, doch die sagte nichts und blieb ruhig an der Tischkante sitzen.

David Massari stand in der Küche, hatte soeben noch mit seinem Cousin geschrieben und trank bereits an der zweiten Wasserflasche. Er warf seine nasse Kleidung in die Waschmaschine, während er eine monotone Stimme vernahm. Sie kam aus seinem Zimmer und war ihm bekannt. Zur Seite gedreht lag Matthew auf dem Boden und sprach mit geschlossenen Augen. Einerseits traf David das Bild wie jedes ähnlich seltsame der vergangenen Monate. Dann wiederum kam eine Wut in ihm auf, die erst leicht köchelte, bald aber seine Arme ausstrecken ließ und den Schlafenden schütteln ließ. Er solle aufwachen, sein Zimmer verlassen, seine Probleme in den Griff bekommen und sich überlegen, wie und ob das hier so weitergehen solle. Matthew war längst aus dem Traum erwacht, hatte eine von Davids greifenden Händen an seiner Schulter beobachtet.

“Bin ich dir so sehr im Weg? Ich war zufällig in deinem Bett eingeschlafen. Ja, ich zieh’ die Schuhe aus, du magst das nicht.”

“Das ist es doch eben. Alles ist zufällig, ständig wird etwas vergessen, woran wer auch immer schuld ist. Es gibt Ausreden und Erklärungen, aber mit all dem passiert nichts. Es gibt keine Konsequenzen. Muss ich die für dich ziehen?”

Erschrocken setzte Matthew sich im Bett auf, blickte zu seinem Mitbewohner, den er in einer derart angespannten Verfassung bis heute nicht erlebt hatte.

“Was soll ich denn tun? Ich bin dir so dankbar, das weißt du.”

“Bitte lass’ meine Familie in Ruhe. Ich habe es mir lange überlegt, aber nun behalt’ ich es nicht weiter für mich. Mein Vater hat sich gemeldet. Er ist verwundert über die Anrufe, meine Mama über die vielen Mails und Postkarten. Es freut mich, dass du meine Familie so ins Herz geschlossen hast, sie irgendwas mit dir gemacht haben, seit ihrem Besuch. Aber es ist eben meine Familie, meine Eltern. Dieser Kontakt, diese Nähe von dir, die ist aufdringlich und unpassend. Du musst das unterlassen, wirklich.”

Mit dem Paar nasser Schuhe in den Händen stand Matthew vor David, musste schlucken und sich die Locken zurecht schütteln.

“Ich wusste nicht, dass es zuviel ist. Das hört auf, ich verspreche es. Ich wollte niemanden beleidigen, David, höchstens nett sein. Ging das nur von mir aus? Ich würde eben so manches geben, um diese Familie zu haben. Soll ich gehen?”

Dazu konnte Matthew nichts sagen. Er fühlte sich mit einem Mal erleichtert und befreit in einem und sehnte die Minute herbei, in der sich Matthew freiwillig verabschieden würde. In jener Szene im Flur, mit Matthew als einen wehrlos Geschlagenen, der orientierungslos die Zimmer abging, wurde David geradezu von einem schlechten Gewissen umzingelt. Er konnte die Sätze nicht zurücknehmen, die Wut nicht ungeschehen machen. Birko trottete David müde entgegen, schnalzte mit der Zunge und blieb vor ihm stehen. Nichts außer Wetter und Demonstrationen.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

Sie waren kaum zu entziffern, mit ihrem Schwung und wechselnden Größen. Sie waren kaum zu verstehen, mit ihrer Geradlinigkeit und wiederkehrenden Aussagen.

Maren Kluge hatte den Brief, den sie nicht gleich als eine Antwort auf Ihre Post verstand, immer mal wieder zur Hand genommen, zur Seite gelegt und an diesem Morgen erneut auseinander gefaltet und mit dem Zeigefinger abgeglichen.

Sie hatte vom Absender geträumt, war zumindest mit seinem Bild im Kopf an die Bettkante gerutscht und zum Klavier gelaufen, um sicherzugehen, dass er dort nicht tatsächlich saß. Frau Kluge überkam das Gefühl, ihn sehen zu müssen, ein paar wenige Worte zu wechseln. Falsch, er könne ihr helfen. Unterbrochen von Hennes, der kurz in die Wohnung kam, nach einem Ersatzschlüssel für sein Fahrradschloss suchte, Maren im Lauf zügig über die Schulter strich und sie bat, den Abend nicht zu vergessen. Es war einer der drei Wochentage, an dem sie ihre freie Zeit nur für sich einplanten. Für mehr Verbindlichkeit und Gemeinschaft. Mehr Beziehung. Eingeführt und erbeten von Hennes, war es für Maren eine lieb gedachte Geste, die bisher eher eine holprige Umsetzung erfuhr. Was an beiden lag, doch keinen der beiden überraschte.

Die Straßen waren leerer als üblich, selbst der Lärm wollte dem Alltag nicht gleich ziehen. So lief Maren an Neubauten vorbei, die ihr fremd waren, über Umwege zum Märkischen Museum, an dem sie erstmals zu einer Pause Platz nahm und Steine aus den Schuhen sammelte. Eine Dame parkte zügig im Halteverbot, ging an ihr vorbei, kam zum Wagen zurück, verschwand erneut und hatte schließlich ein Handtuch um den feuchten Nacken gelegt, war wohl der bereits dritte Koffer zu verstauen. Als Maren aufstand, um Richtung Haustür des Doktors zu gehen, schritt sie parallel mit der Dame zum selben Ziel. Die drehte sich im Gang um und blickte Maren entgegen.

“Sie verfolgen mich. Könnte ich den Grund erfahren?”

“Ich schätze, wir kennen uns. Ich war auf dem Weg zum Doktor. Wohnen Sie nicht auch hier? Sie hatten uns doch damals empfangen, bei einem Essen. Erinnere ich mich richtig, Frau Gleisen?”

Das tat diese sehr wohl. Hatte Maren kaum wiedererkannt und doch auf ein Gespräch eingelassen. Zögerlich musste sie darauf hinweisen, Doktor Nebel hier nicht mehr antreffen zu können. Er hätte sich gegen die Stadt entschieden, für Ruhe und Grün. Maren verwies auf die Post, die sie erhalten hatte. Auf den dringlichen Wunsch, einige Sachen klar zu stellen.

Es war nichts zu machen. Weder bat Frau Gleisen an, ihr die neue Adresse vertraulich zuzustecken, noch zeigte sie auf den leeren Platz auf ihrem Beifahrersitz. Die Konversation wurde gekappt, Maren fragend stehen gelassen. Bis sie ein parkendes Taxi in der Ferne sah, zu dem sie sich gefühlt unauffällig hinstahl und den Fahrer bat, der Frau im Dieselwagen zu folgen.

 

Das war nicht mehr Berlin. Es roch nach Harz oder altem Grill, lieblich und herb. Der Taxifahrer hatte das Dachfenster geöffnet und mit dem Blick zum aktuellen Kilometerstand noch einmal nachgefragt, ob Frau Kluge tatsächlich weiter gefahren werden möchte. Das Auto vor ihnen hatte manche Schlenker eingebaut, einen Feldweg und ausgedehnten Halt hinter einer Bahnschranke. Maren trug Geld in der Tasche, wohlweislich ausreichend. Als sie von ihren frisch gecremten Händen aufblickte, sah sie ein Ortsschild, bald die Bremslichter vor sich, insbesondere aber Frau Gleisen, die anhielt und das Gepäck vor den Eingang eines Gebäudes stellte, das für eine Datsche zu groß und für ein gewöhnliches Landhaus zu massiv war. Eine Wehrmühle – wie der Fahrer vom Navigationssystem ablas. Ihm wurden Geldscheine, ein paar Bonbons und ein herzliches Dankeschön nach vorne gereicht. Dann verließ sie das Taxi und ging einen anderen Weg, um unerkannt zu bleiben. Der Moment war noch nicht der rechte.

Der Doktor saß auf der Wiese, die sich noch immer über das bißchen Wasser von letzter Nacht erfreute. In einem Liegestuhl hatte er die Beine überschlagen, das Gesicht zu den schleiernden Wolken gerichtet und sprach mit dem Nachbar, der mit Gehstützen am Zaun stand und sich nach dem Befinden erkundigte. Von Frau Gleisen, welche im Haus bereits schnell das Mitgebrachte verstaute und ein paar Eier in die größte Pfanne warf, bemerkten die Herren nichts. Der Doktor nahm die Tageszeitung vom Vortag zum Drittlesen entgegen. Lobte die reiche Ernte im Nachbargarten und entschuldigte sich für das unsortierte Einerlei auf dem eigenen Grundstück. Dann nahm er das Angebot zum verfrühten oder verspäteten Grünkohlessen gegen Sieben an und blickte zur Straße, wo eine Dame scheinbar länger schon stand, um gesehen zu werden. Er atmete nicht schwer durch, sobald er Maren Kluge erkannt hatte. Die Leichtigkeit des Tages war nicht dahin.

“Sie hätten sich nicht den Weg hierher machen müssen. Ich freue mich dennoch. Bitte klappen Sie sich einen Stuhl auf, ich brauche dafür ewig.”

Er schien nicht verwundert, Maren Kluge in Biesenthal zu sprechen. Vielleicht hatte er es gar ein wenig gehofft.

“Ich kann gar nicht sagen, ob dies der richtige Augenblick ist, um ein wenig zu sprechen. Es ist so herrlich hier, ruhig und unglaublich warm. Besser wir verschwenden keine Energien unnötig.”

Während Frau Gleisen sich unbemerkt davon stahl, das Essen einfror, nachdem sie aus dem Küchenraum her Doktor Nebel und seinen Besuch etwas verloren in der Schwüle zu Gesicht bekam, versuchte Alexander Maren telefonisch zu erreichen. Der Grund war ein ernster. Valentinas erste Wochen als Mutter taten alles, um nicht als glücklich zu gelten. Schmerzen, Übelkeit, Kreislauf. Frietjof hatte gerade zu dieser Zeit Probleme mit unklaren Finanzen und eben Alexander mit seiner Wohnungsgenossenschaft und dem Säugling, dem all die Unruhe nicht verborgen blieb. Maren lugte kurz auf ihr Telefon, stellte es stumm und willigte nickend dem Angebot des kleinen Spaziergangs ein.

“Keine Angst, ich werde ihnen nicht versuchen, die Ecke hier schmackhaft zu machen. Das muss man mögen. Viel Laub und Mücken. Aber falls Sie die anderen sehen, bringen Sie gerne mein Grundstück noch einmal auf den Tisch. Im Sommer wechseln oft die Ansichten und Interessen.”

Mehrere Male war Maren kurz davor, den Doktor zu halten oder Stütze anzubieten, so wacklig sich der Weg über die Wurzeln nach und nach auftat. Doch mehr hörte sie ihm zu, erschlug Insekten auf eigener Stirn und Handrücken.

“Ich wollte mich viel früher entschuldigen, für mein spätes Melden. Ich hatte das Schreiben verlegt. Denken Sie denn noch immer so? Bei mir ist es vorüber. Die Angst vergeht. Jetzt bin ich hier, das ändert vieles.

Wundern Sie sich über die Plaketten da an den Bäumen? – Ja, dort auch. Und hier ein Kranz aus Tannenzweigen. Wir sind im Ruheforst. Da hinten liegt Edgars Frau. Heute braucht sie sich keine Gedanken um nasse Füße zu machen.”

Diese Information mutete ihr nicht geheuer an. Und als sie bald schweigend unter den nummerierten Buchen und Linden mit zeitweise eingezogenem Kopf schlenderten, war Maren froh über die Lichtung in Sichtweite. Nun war nichts mehr zu unterdrücken, es war verschwunden.

Ein Reh graste ungestört am Feldrand. Der Nachbar Edgar hatte großzügig für Abendessen gesorgt. Im gesamten Haus lagerte Ernte der letzten Jahre, eingeweckt oder lichtfern verstaut. Maren versuchte das unsaubere Geschirr zu übersehen und sich an der kleinen Runde zu erfreuen. Immer wieder fiel Edgar etwas ein, das ihn zurück in das Haus schlürfen ließ. Manchmal schien er verärgert über sich selbst, bat um Nachsicht und schenkte die Gläser entschuldigend bis zum Überlaufen voll.

“Ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn. Schauen Sie sich ihn nur mal an. Er brütet was aus oder schleppt etwas mit sich.”

 

 

Letztlich verhielt es sich bei Edgar eben so wie bei Doktor Nebel. Vorsorge und Abklärung verblieben Theorie. Es wurde um viele Neuerungen aus dem Katalog der Wehwehchen geplaudert, insbesondere wenn es die anderen betraf.

Als Edgar mehr als zehn Minuten nicht an den Gartentisch zurückkehrte, versuchte der Doktor das Thema auf sein Klavierspiel zu lenken. In Biesenthal übte er jeden Abend auf einem kleinen Keyboard, hoffte dabei, niemand würde seine peinlichen Fehler von draußen hören können.

Maren wurde müde, hatte auch die Zeit vergessen und wollte dem Thema entgehen, wo sie über Nacht bleiben könne, als ein Feuerwerk aus dem Nachbarort über der alten Mühle zu sehen war. Sie stand mit dreimaliger Verabschiedung neben dem Doktor am Geländer. Beide wollten etwas sagen und doch blieb es bei allgemeinem Austausch, der niemandem etwas abverlangte.

Die Wohnstube ließ Frau Kluge so lange schlafen, wie sie es aus der Stadt nicht mehr gewohnt war. Mit einer Wolldecke über den Schultern trat sie hinaus auf die Terrasse, wo der Doktor auf einem Holzstuhl saß und den Kopf immer wieder nach vorne fallen ließ. Maren schritt an seine Seite und flüsterte ihm leise zu, sich um frische Brötchen kümmern zu wollen. Da blickte der Doktor lächelnd nach oben und bat, sie solle doch auf dem Rückweg einmal kurz bei Edgar klopfen. Es wäre gar nicht seine Art, sich bis zum Vormittag nicht im Garten blicken zu lassen.

Widerwillig rief Maren nicht nur Hennes zurück, der schon aufgeregt Freunde und Bekannte abtelefoniert und schlaflose Stunden hinter sich hatte. Auch mit Alexander sprach sie kurz. Ihren Aufenthaltsort verriet sie beiden nicht. Mehrmals musste sie beteuern, dass es ihr gut ginge und sie bald wieder nach Hause käme. Innerlich war sie überzeugt, die Zeit und Kraft für die anstehenden Sorgen und Themen bald zu finden, während der Bäcker sich an seinem Stand Zeit für das Einsortieren der Mohn- und Laugenbrötchen nahm und Maren darauf hinwies, dass die Uhren in Brandenburg jeden Tag etwas langsamer ticken würden. Er wünschte guten Appetit und gab heimlich noch zwei Stücken Butterkuchen vom Vortag in die Tüte.

Auf den letzten Metern wurde Maren sich bewusst, dass sie noch immer auf die Konversation mit dem Doktor wartete, wegen der sie gekommen war. Die ihr Denken zu ändern bereit war, letztlich das unterstrich, was sich ihr in den letzten Wochen bereits freudig andeutete.

Sie wurde fremd gegrüßt, trug noch immer die Münzen in einer Handfläche und ihre Schritte nahmen an Geschwindigkeit zu. Sie und ihr Magen freuten sich auf Marmelade und Butter als sie beim Nachbar Edgar anklopfte, bald flüsternd eintrat und in einer kleinen, stickigen Kammer jenen Edgar sitzen sah. Neben ihm Frau Gleisen, die ihre Ellenbogen auf dem Tisch abgestellt hatte und mit den Fingern die Augen verdeckte. Die erahnte Atmosphäre war Trauer. Die geschwollenen Augenringe Edgars frisch.

Rasch trat Maren vom Grundstück und lief dem Stuhl entgegen, auf dem der Doktor sitzen musste. Und genau so war es. Er saß dort, angelehnt und ruhig. Derart ruhig und still, dass Maren die Münzen aneinander rieb, während ihrer wiederholten Sätze. Sie erschrak nicht, schrie nicht auf. Sie zog sich einen weiteren Stuhl an den Doktor heran und berührte seine faltigen Hände, die keine Wärme mehr spendeten. Wie sie da saß, mit langem Einatmen und kurzen Schlucken, kamen ihr die Sätze vom Vortag ein. Frau Gleisen hatte sich mit Edgar in die Sonne gestellt.
Die Angst vergeht. Nun war Maren hier, das änderte vieles.

 

 

 

Text: Christian Ludwig
 Fotografie: Saskia Kyas
Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten. Allein schon um die innere Aufregung gering zu halten.
Ebenso um dem äußeren Chaos Einhalt zu gebieten. Ich fühle was, das du nicht siehst, schrieb jemand auf die Betonfläche vor dem Hauseingang.
Die Sonne war seit Tagen ein konstanter aber schlechter Berater, dennoch folgten die Schwestern dem Lauf der Schönwetterseite, verbrachten ihre freien Stunden wie gewohnt miteinander. Doch ein wichtiger Punkt war anders – sie trauten sich nach draußen, unter Menschen, die nicht der Arbeit oder Familie angehörten. Ihr Weg führte aus dem Treppenhaus am Fahrradhaus vorbei und entlang bis zum zweiten Hinterhof. Eben da hatte eine neue Nachbarin sich samt Gartenmobilar und essbaren Kleinigkeiten eingefunden und zum dritten Abend in Folge geladen. Sie dirigierte die Interessierten gekonnt, mitunter etwas herrisch, aber das schmerzte die wenigsten Leute vor Ort.

Die Reinerts hatten es prinzipiell nicht so mit der Nachbarschaftspflege, blieben unter ihresgleichen, schlossen die Türen eher früher als später, um Gespräche zu umgehen oder weitere soziale Erwartungen erfüllen zu müssen. Wenn man sich selbst kaum kennt, öffnet man sich ungern den Fremden, hätte da jemand passenderweise auf den Boden zuschreiben können.
Doch mit Ellis verhielt es sich gezwungenermaßen etwas anders. Die klingelte neulich unangekündigt. Stand ganz selbstverständlich da. Fragte nach Milch, erzählte von ihrer Zeit im Norden, die sie viel früher hätte beenden sollen, überrumpelte die Geschwister mit einer sympathischen Wucht, der man mit Abstand kaum begegnen konnte.

 

 

Inzwischen kannte man Barbara und Claudia schon mit Namen, wenn auch die Verwechslungen sich häuften. Wurden sie wiederholt von benachbarten Mietparteien befragt, ob sie ebenso neu eingezogen wären, blickten sie peinlich berührt beiseite, wollten das siebenjährige Jubiläum vor Ort ungern erwähnen. Ellis brachte unerwartet und innerhalb von nur drei Tagen eine neue Stimmung in die Hausgemeinschaft, die heute, mit Cava-Orange und Spießchen in Greifweite, noch als ein lieb gemeintes Geschenk aufgefasst wurde. Doch nicht wenige wünschten nach Mitternacht die bewährte Unverbindlichkeit zurück, befürchteten für den Sommer die Einweihung einer Hausgärtnerei, gar eines Spieltrupps oder der ungelernten Nachbarschaftshilfe. Die Geschwister Reinert jedoch hatten ihre Plätze an der verwachsenen Efeuwand ohne Skepsis eingenommen, sich nicht gehässig an den flüsternden Kommentaren zur sicher folgenden Rechnung der Hofsitzungen beteiligt.

“Wie denn, ihr wollt schon los? Es ist doch erst Sieben und mein Kühlschrank noch voll. Tut mir das nicht an. Für heute hat sich sogar unser Vermieter angemeldet, das sollten wir nutzen.”

Barbaras Blick zur Uhr war keine Attrappe. Das Ehepaar Wächter rief zum Nachmittag durch. Es schloss sich eine Diskussion an, die das ausbleibende Melden der Gruppe zum Hauptthema machte. Es gestaltete sich kompliziert. Gerda war nicht gewillt, sich bei Hennes zu melden, Claudia wiederum bügelte den Kontakt zu Valentina ab, der Doktor hingegen wurde überhaupt nicht erwähnt. So kam es erstmals zur Situation, dass die Gemeinschaft in zwei Lager geteilt war, wenn nicht in drei.

Wolter müsste längst bei Tochter und Enkelkind angekommen sein, zusammen mit Mathilde vom Felde und einer anhaltenden Regenperiode über halb Skandinavien. Ihre Reise, im wilden Wechsel zwischen Bus, Fähre und Bahn, gestaltete sich weitaus weniger beschwerlich als es die ersten Tage in der Fremde tun sollten. Ganz nebenbei packte Mathilde lebhafte Anekdoten aus Jugend und Studientagen aus, die Wolter eben nicht als Kritik an seiner Lebensführung oder gar Konkurrenz aufzufassen hatte, sondern für sich als das annahm, was sie waren – die nächsten Stufen des tatsächlichen Kennenlernens.

 

 

“Tilly. Mir wäre dieser Name kaum wieder eingefallen. Ein kleines Mädchen, das uns alle schweigend beäugt hat und plötzlich nie mehr auftauchte.”

“Barbara, ist es nicht das, was die anderen auch von euch denken? Ich wollte es gerne für mich behalten, doch wenn es schon um Ehrlichkeit geht, um offene Worte, bitte ich doch um Konsequenz. Ich weiß sehr wohl, dass Valentina von mir so wenig hält wie von euch, Frau vom Felde mal ganz außen vor. In der Woche Urlaub jetzt habe ich mir so meine Gedanken gemacht und erkannt, dass wir immer schon eine Gruppe für uns waren.”

Claudia war skeptisch, ein wenig verärgert über Gerda Wächters Worte. Die Verbindung, die da herbei gesprochen werden sollte, sie schien Claudia vergiftet. Weniger hinterfragte sie das Vertrauen, das man in das Ehepaar Wächter setzen konnte, mehr noch zeigte sie sich enttäuscht über die Situation, dass sie hier nun zu viert saßen, in einer Kneipe auf halber Strecke von beiden Wohnungen aus, mit unversöhnlichen Worten, aufschäumenden Gedanken.

“Es kann und darf nicht umsonst gewesen sein. Und weiß ich denn, wie ich die Monate verbracht hätte ohne unsere Treffen, so wechselhaft die Stimmung auch war? Eben. Ich möchte schon wissen, was Wolter von seinem Besuch zu berichten hat. Mir ist auch nicht egal, wie Valentinas Kind heißen wird oder ob sich der Doktor mit seinem Auftritt nicht einfach mit einem Knall aus unserer Geschichte schreiben wollte.”

 

 

Ihre Schwester nippte am Ginger Ale, betrachtete Claudia dabei verbissen und musste gar nichts sagen, da Sarik ihr zuvor kam.

“Ja, da hört man es doch. Du sprichst von ihnen, was mit den anderen passiert, wo aber spielst du eine Rolle darin?”

Der Wirt brachte das Essen in unangemessenen Portionen an den Tisch, schwitze ähnlich stark wie Gerda Wächter, deren Unzufriedenheit spürbar zunahm. Sie stach in den Kartoffeln umher, fuhr in ihren Schuhen auf und ab. Ihr Mann wünschte verspätet einen guten Appetit.

“Jeder hat seine Rolle. Bin ich die stille Nebenrolle, soll es ebenso sein. Die bin ich im Alltag doch nicht weniger. Wir haben eine neue Nachbarin. Ellis. Sie tauchte auf und hat Barbara und mich großartig empfangen, all das Anonyme im Haus quasi auf den Kopf gestellt. Ja, sicherlich wird sie sich damit Feinde machen, viele riechen da Hintergedanken. Ich möchte das nicht. Entschuldigt mich.”

So hatte Barbara ihre Schwester selten erlebt, insbesondere vor Mitmenschen, die nicht Teil der Familie waren. Sie wohnten so viele Jahre schon zusammen, ihre Mutter hatte ihnen die Wohnung gekauft, ungefragt, bevor sie sich für spontane Wohngemeinschaften oder fremde Städte entschieden hätten oder die Gedanken erst in jene Richtung schwenken lassen konnten. Das machte es Ihnen auf den ersten Blick einfach, wirkte auf den jetzigen jedoch eingeengt und vorgefertigt. Jedes zweite Möbelstück kam aus dem Elternhaus direkt in die Schwesternbleibe. Alles war Erinnerung und sollte wohl Dankbarkeit ausstrahlen. Claudia sah es lange schon als ein altes Sammelsurium an Relikten der Kindheit, die sie eher zurück hielten, wenn nicht gar beobachteten.

Sie lief durch den Abend, hatte das Gelächter auf ihrer Straßenseite, nicht aber den eigenen Schultern. Ihr war einerseits kaum nach Gesellschaft, fühlte sich missverstanden, bevor sie einem Gespräch ausgesetzt war. Der Schweiß war frisch, als sie an der Wohnungstür von zwei Pärchen Richtung Hof eingeladen wurde. Die Musik von dort versprühte bereits das Ausklingen des Abends. Unentschlossen blickte sie hinter den Badevorhängen vorbei, sah Ellis wie erwartet Mitmenschen drücken und mit wilden Gestiken von sich einnehmen.

Sie musste nach draußen, war nicht bereit für Schlaf und Nachthemd. Sie wusch die Achseln und Hals, vermied die Kontrolle im Spiegel und ging auf die verbliebene Runde sachte zu. Die Zahl der Gäste war nicht mal mehr zweistellig. Ellis tippte Claudia aus dem Hinterhalt auf die Schulter, reichte ein Glas und wies auf einen Stuhl neben einem Herren, der mit Telefon und den Füßen in einem Eimer beschäftigt war. Die Vorstellung übernahm Ellis gern und selbstverständlich.

 

 

Hans. Ja, Hans wurde Claudias Gesprächspartner, wenn auch einer, dem die Schwüle der Stunde zu genügen schien. Das gegenseitige Lächeln war so unsicher wie gestellt. Dann aber legte Hans das Telefon zur Seite, betrachtete die Frau neben sich und sprach in kurzen Sätzen von sich und dem Sommer.

Eine Stunde weiter, Ellis hatte irgendwann Gute Nacht gewünscht, saßen Hans und Claudia noch immer an selber Stelle, noch immer mit den Konversationen ohne echte Höhen, da wehte eine Wolke von Staub und Pollen an der Efeuwand entlang. Hans war zu langsam, um sich die Hände vor die Augen zu halten. Blind und tränend schüttelte er den Kopf, wurde eilig von Claudia zur eigenen Küche geführt, um die Augen kalt auszuwaschen.

Der Dank war echt, genau wie das gerötete Gesicht neben der Herdbeleuchtung. Claudia verstand es schlecht, mit der Situation umzugehen, hoffte auf Hans. Der wiederum stand mit dem bunten Handtuch über den Schultern da und zog sie an sich, küsste unerwartet fest und verbindlich. Seine Hände ergriffen ihre Lenden. Drückte sie ohne Vorwarnung auf das Sofa, entledigte sich der Kleidung und Scheu. Claudia wusste nicht, wie ihr geschah. Ihre körperlichen Erfahrungen bezogen sich vor allem auf Projektion oder Abwarten. Gefüttert wurde beides durch die Schwester Barbara, die ihr selten als passables Vorbild der Liebe galt.

Zur gleichen Zeit etwa 850 Meter entfernt. Valentina versicherte Frietjof ein weiteres Mal, keine Bange wegen ihrer Fruchtblase haben zu müssen. Sie gab sich selbst noch mindestens eine Woche, wenn sie selbst auch ein anderes Bild abgab. Die letzten Tage zerrten an ihren Kräften, doch sie gab sich nicht der Isolation im Schlafzimmer hin. Hennes hatte sich eingeladen, gefolgt von David Massari, Alexander schaute selbstverständlich täglich vorbei.

Sie ertrug die Raumluft kaum, so pendelte sie auch während des Abendessens sich entschuldigend zwischen der köstlichen Georgischen Nussplatte und dem Sessel mit Blick auf die Balkonpflanzen. Hennes hatte das Rauchen aufgegeben, schweren Herzens. Aber in Hinblick auf Halbmarathon und dem inoffiziell geplanten Sommerurlaub mit David schien es ihm unausweichlich. Er hatte seine Nichtrauchermethode noch nicht gefunden, überbrückte unangenehme Momente nicht mit Appetit, eher mit dem Stehen im Freien samt Mitmenschen. So war es die hochschwangere Gastgeberin, die seine sieben angespannten Minuten begleitete.

“Setz’ dich doch. Und bestenfalls erzählst du mir ein bißchen von Maren. Sie hatte mich zweimal nicht erreicht.”

Die Weiterleitung zu Maren kam ohne Umwege. Das war direkt. Denn Hennes selbst hatte wenig zu berichten. Er musste mit den losen Bildern jonglieren, die ihm zur Verfügung standen. Maren Kluge bekam neulich einen Anruf ihres alten Arbeitgebers. Sie wünschten ihre Rückkehr, zumindest kurzzeitig. Das brachte sie durcheinander. Die Zeiten des Arbeitsalltags schienen so fremd und fern. Frau Kluge war nicht irgendeine vorübergehende Praktikantin, eher eine linke und rechte Hand des Geschäftsführers. Nach dem Gespräch zitterten ihr die Hände. Diese einstige Funktionmachte ihr Angst. Sie konnte nicht antworten. Davon wusste Hennes nichts, nur von der Begegnung am Morgen. Wie Hennes nackt auf der Treppe stand und sie ihren Mann ganz neu erkannte. Er war eine neue Version seiner selbst. Jünger, erschreckend sportlich und der Welt so zugewandt. So, wie sie derzeit nicht sein konnte.

“Sie hat mich heute gefragt, ob ich sie verlassen werde. Zwischen Tür und Angel. Ganz ohne Vorwurf. Mit ruhiger Stimme.”

“Deine Frau ist eine so tolle Person. Leider aber krank. Ich bin da hilflos, wie du.”

Da verzog sich seine Miene, nein, er veränderte sich im Ganzen. Für ihn war diese Aussage, die einer Erkenntnis glich, keineswegs klar und wurde bisher bloß vermieden, in Sätze gebracht zu werden. Krank, hilflos. Hennes hatte das Gefühl, ohne Vorwarnung ein Fernglas überreicht bekommen zu haben, das all die ausgeblendeten Seitenränder der Bilder vergangener Monate hinzu schob.

“Ich möchte das so nicht hören. Nein, es passt nicht, dass du das so einfach sagst.
Wie kommst du darauf?
Sehen es andere etwa ähnlich? Valentina, nun antworte auch.”

Doch sie hatte ein Zeichen gegeben, das den Vater ihres noch ungeborenen Kindes zügig eine kurze Telefonnummer tippen ließ. Keine zehn Minuten später stand Hennes noch immer an gleicher Stelle, alleine.

Claudia hörte Barbara im Nachbarzimmer, konnte sich aber nicht aus dem Griff neben sich lösen. Hans schlief fest, während sie sich zu erinnern versuchte, was wenige Stunde zuvor passierte. Neben dem Offensichtlichen und Offensiven, was für beide überraschend kam und wieder ging, war es ein Gespräch, das sie mit Blick auf seinen Hals und scheinbar frisch rasierten Schläfen zusammen setzte. Er pendelte zwischen Lachen und Raufen von Kopf- und Nackenhaar. Es war kurz vor dem Schlaf, quasi im Übergang, als er sich in sich zusammen rollte, beinahe flüsterte. Er sprach monoton und gleichförmig, nur die Themen änderten sich. Handelte der Monolog zu Beginn noch von Fragmenten, sprach Hans schließlich in klaren Sätzen.

“Er wollte noch lange leben. Das war unausgesprochen klar. Warum aber war er dann auf Tod und Hass aus? Ich weiß es nicht. Ihn selbst können wir heute nicht mehr fragen. Der Schuss war kurz. Nicht mal laut. Meine Güte, das Blut.”

Das Dösen hatte Claudia schnell aufgegeben und zitterte nicht weniger als die Stimme. Mit Hörbüchern ließ sie sich gerne betten, diese Worte aber gaben alte Bilder zurück. Da waren die Szenen vor ihr, wie nie gelöscht oder vom Alltag ausgetrieben. Die Mutter hatte es den beiden Schwestern weniger ans Herz gelegt, denn mit forscher Stimme in die Zweisamkeit gegeben: Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Keines der Geräusche war ihm neu, nicht mal die vielen spazierenden Gesichter hatten etwas Fremdes. Er saß auf einer Bank, die er längst als seine bezeichnete, mit einem Pullover unter dem Gesäß und einem Apfel in der Jackentasche. Vielleicht war es die ausgestrahlte akademische Gemütlichkeit, die ihn selten allein auf der Bank sitzen ließ. Sparte er auch jedes Lächeln aus, nickten ihm Unbekannte entgegen. Das bißchen Amsterdam, von dem gerne am Märkischen Ufer gesprochen wurde, hatte er für sich nie erkennen können. Dafür fehlte ihm die Leichtigkeit vor Ort, die Idee von Urlaub und tatsächlichem Innehalten. So setzte er seit jeher allen Besuchern in Euphorie und Lob entgegen, die Sonne ließe alte Boote und schlaue Architektur fast immer hübsch und idyllisch erscheinen. Den meist versteckten Wohnungsneid überhörte er bewusst, dachte er dabei eher an all die ewigen und kostenintensiven Restaurierungen, die porösen Wasserleitungen und sich in Windeseile vermehrenden Ratten im Laufe der letzten Jahrzehnte.

Heute ruhte sein Blick auf den sauberen Fensterscheiben, die er von unten her bestaunte. Zuständig dafür war eine Person, die im vergangenen Herbst ebenso ihr kleines Frühstück an der Spree einnahm und mit dem Doktor ins Gespräch kam. Erst über die Stadtbärin Schnute, bald über persönliche Erlebnisse. Inzwischen hatte sie offiziell und vertraglich nachweisbar die Funktion seiner Zugehfrau inne und verbrachte tagein tagaus die Stunden auf den drei Etagen, die mit ihr immer gut belüftet blieben. Die Bezahlung war unverschämt großzügig, das Miteinander von sympathischer Distanz.

Sie übersah den Sitzenden beim Ausschütteln der Betten ganz selbstverständlich, zog außerdem immer die Schuhe und Socken aus, sobald er das Haus verließ. Während sie sich ohne Ablenkung den wiederholenden Handgriffen und Tätigkeiten widmete, dachte er an seine Freunde, die ihm längst den Tipp gegeben hatten, sie bei sich einziehen zu lassen. Er empfand das als Klischee, dann auch als altertümlich und nicht fern der Sitten des Herrenhauses, in welchem er selbst aufgewachsen war. Sie verstanden all die Nebelsche Skepsis nicht. Sie solle doch vor Ort sein, dauerhaft, ob mit oder ohne Ring, dies sei gleich, dann allerdings ohne Vertrag und Pausenregelung. Nein, das Thema ließ er für sich selbst nicht zu. Diese Frau Gleisen hatte ihm den Dunst seiner Erkrankung genommen, gleichzeitig wortlos so viele Fragen aufgestellt, dass es ihm bei Tage auf seiner Bank nahe der Trauerweiden am liebsten war.

 

 

 

Es war nun schon das zweite Mal, dass Frau Gleisen für die mehrköpfige Gesellschaft kochte und den Backofen bediente. Sie hatte alle Hände voll zu tun, die Diele zu dem Platz zu machen, der am Abend als Treffpunkt für die bekannte Runde gedacht war. Doch sie verfiel selten in Hektik, umging schwitzige Unterhemden. Nur wusste der Doktor, sie hatte ihn am liebsten außerhalb ihrer Reichweite. Sie ließ sich ungerne belauschen, wenn sie auf den Treppenstufen mit sich selbst sprach oder Gedeck und Besteck wiederholt laut abzählte.

Doktor Nebel telefonierte den gesamten Vormittag auf dem Balkon mit seinem jüngeren Bruder. Eben der, der den Doktor nie so recht verstand oder sich die Zeit nehmen wollte, dies zu ändern. Der das Geschenk des Grundstücks in Biesenthal, trotz seiner Leidenschaft für Feld, Flur und Jagd, ebenso wenig anzunehmen vermochte und seine Familie größtenteils als Auffanglager für die eigene Unzufriedenheit nutzte. Gerade letzteres stachelte den Doktor inzwischen an, seine Tage auf Sparflamme zu genießen. Sein Bruder wiederholte am anderen Ende der Leitung noch einmal, dass er sich verbitten würde, von weiteren Familienmitgliedern als zunehmend volkstümlich bezeichnet zu werden. Da dachte Doktor Nebel an die eindeutigen Wandbehänge und die Literaturauswahl, die seltsamen Mails, die er von ihm weitergeleitet bekam und an sein garstiges Lachen als er das als Witz gedachte Gruppenbild der monatlichen Runde auf einer Kommode erblickte. Der Gedanke, dass ausgerechnet der Doktor bei einem mutmaßlichen Sorgenkränzchen teilnahm, fasste Bruder Egon als absurd auf. Es wurde auch heute geplappert, einseitig und auf den Gemeinplätzen geflucht und Schuld an alle verteilt, die das Zeitgeschehen so hergaben. Es war fast, als hielte der Bruder einen Kloß im Hals, der Aufregung des Wahljahres und der zugehörigen Berichterstattung geschuldet. Der Doktor war längst woanders, dachte an eine Sache, die er am Abend ansprechen wollte und sollte. Das machte ihm zu schaffen, außerdem hatte er genug gehört. So legte er den Hörer beiseite und spürte ein Ziehen, das vom Hinterkopf bis zum Steiß wanderte und nur dadurch unterdrückt wurde, dass Frau Gleisen um ein Abschmecken der Soße bat.

Der Geruch von Kartoffeln, Spargel und gebratenen Zwiebelscheiben zog seit Stunden durch die Räume. Frau Gleisen half Mathilde vom Felde noch zu Tisch, begrüßte die Gäste ohne Überschwang, servierte ihre Köstlichkeiten auf der simplen Tafel, wünschte einen angenehmen Abend, vermied direkten Augenkontakt zu den Gästen, nun auch zu Herrn Doktor Nebel persönlich, und verschwand ohne großes Aufsehen vom Miteinander.

Verspätet und heimlich gesättigt trafen David Massari und Matthew Porter ein, die sich vom ganztägigen Brunch mit den Massaris abgesetzt hatten und nach der Dosis Familie und gefühlter Vereinnahmung auf ein paar Stunden Gegensatz hofften. Wobei es sich im Falle Matthews etwas anders verhielt, war er von der mütterlichen Herzlichkeit und dem flappsigen Hin und Her des Vaters und den übrigen Tanten, Cousins und der Großmutter noch beim Ausstieg an der Jannowitzbrücke derart angetan, dass er einsilbig blieb und das Kopfschütteln Davids und dessen entschuldigende Sticheleien für das mehrstündige Erlebnis ignorierte. David war dem lange angekündigten Besuch mit gemischten Gedanken begegnet, was seiner Mutter nicht verborgen blieb und die über Matthew versuchte, ein paar Informationen über das Leben in der Stadt zu erhalten. Doch der war innerlich abgelenkt und aufgeregt zugleich. Sie pendelte zwischen drei Sprachen, wurde mit jedem Happen nervöser in ihrer Forschung, was dazu führte, dass sich David schließlich den anderen Familienmitgliedern oberflächlich widmete und hoffte, Matthew würde das Bild für die verbleibenden Stunden mit aufrecht erhalten können, ganz ohne Zwischenfälle oder die seltener gewordenen Aussetzer.

Hennes, der mit dem Fahrrad direkt vom Büro zum Treffpunkt kam, hatte Marens Nachricht noch vor dem Aperitif gelesen und entschuldigte sie somit in der Runde. Er war nicht verärgert, hatte mehr noch damit gerechnet. Ihr Leben hatte sich auf das Haus reduziert, die Stunden Schlaf wurden verdoppelt, der Hunger halbiert.

Während der von David angestoßenen Diskussion, woher dieser Trubel um Spargel und dessen gefeierte Saison bloß käme, staunte Gerda nicht schlecht, mit welcher Hingabe Valentina das Abendessen genoss.

“Eine schwangere Frau ist eine schwangere Frau. Uns schmeckt es fabelhaft – ja, ich spreche inzwischen von uns. Wir werden nicht so schnell satt, ich nehme gleich Nachschlag.”

Alexander freute sich über die Spitzfindigkeit, derweilen Sarik bat, die Köchin sprechen zu dürfen. Der Doktor wiederum bat, Frau Gleisens Freizeit doch zu achten. Er selbst könne die Fragen zur Gewürzen und Kochvorgang beantworten, was nicht der Fall wahr.
Frietjof überging Sariks unechtes Interesse und bat Wolter um ein paar Neuigkeiten aus Norwegen. Sogleich überkam den ein dankbares Grinsen, dass jemand sich nach seinem Enkel erkundigte. Die erwarteten Niedlichkeiten eines Säuglings wurden angesprochen, gefolgt von einem abschließenden Abwinken des frischen Großvaters.

 

 Das war das Stichwort für Frietjof, der dem ungläubig schauenden Wolter einen Umschlag überreichte. Die Gruppe hatte für eine Reise nach Norwegen gesammelt, wussten sie von seiner überschaubaren finanziellen Lage.

“Das muss nicht sein, mir ist das ganz unangenehm. Ich kann nicht sagen, was ich denke. Vielen Dank euch allen.”

Erfreulicherweise wusste Wolter nichts von den unschönen Anrufen und Nachrichten der letzten Wochen. Den Nachfragen, warum Wolters Tochter nichts mit beisteuere, ob man ihm nicht das Geld leihen sollte und inwieweit der Besuch eines Babys denn die Reise wert sei. Die Stimmung war eigen. Enttäuscht zeigte sich Valentina, sauer hingegen Alexander, stumm und sehr großzügig hingegen Maren Kluge, regelrecht aufgebracht Mathilde vom Felde. Die wandte sich nun an den links neben ihr Sitzenden.

“Tja, mein lieber Wolter. Bei mir brauchst du dich nicht bedanken. Ich selbst habe nämlich nicht gespendet. Ja, nun, ich habe mir etwas anderes überlegt. Schau hier, auch ich habe einen Umschlag. Und was ist drinnen? Ein Ticket für Hin- und Rückfahrt, im Grunde eine ganze Reihe, auch ich fahre nach Norwegen. So, und jetzt schnell was trinken und dann rauchen.”

Auf der Terrasse hatte Mathilde Frau Gleisen beobachtet, die auf dem Weg zu ihrem Wagen war und die Frau im Rollstuhl zu ignorieren schien. Sie fuhr sachte an die Hausdame heran, bedankte sich für die Kochkünste und wollte einen schönen Abend wünschen.

“Liebe Frau Gleisen, ich möchte Sie nicht aufhalten, aber Ihnen mitteilen, wie sehr ich mich freue. Jaja, wir kennen uns nicht, aber Augen habe ich doch. Wissen Sie, ich selbst habe mich vor die Entscheidung gestellt und richtig gewählt. Ich versuche es. Wolter ist ein toller Mann, ganz ohne es zu wissen. Das könnten herrliche Jahre werden, hoffentlich nicht nur irgendwo bei Fjordpferden und Fischerdörfern, die ich nicht aussprechen kann. Oh. Entschuldigen Sie meine Offenheit.”

“Frau vom Felde, Sie haben da etwas missverstanden, aber ganz und gar. Doktor Nebel ist mein Arbeitgeber, ein guter, keine Frage. Aber ich wohne nicht bei ihm, reise nicht mit ihm und koche für ihn gegen Bezahlung. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer, war aber nichts weiter als ein Übergang. Ich wünsche einen schönen Abend.”

Irritiert drückte Mathilde sich in die Hände, hatte ihre Wahrnehmung sie getäuscht oder die eigene Situation eine fremde falsch wahrnehmen lassen. Frau Gleisen parkte aus, fuhr davon und hinterließ eine Mathilde, die erst von Hennes wieder nach drinnen begleitet wurde.

Alexander hatte sich mit Frietjof eine Ecke im Hausflur gesucht, um den angedeuteten Kuss vom Essen fortzuführen. Die Spannungen des jungen Jahres hatten sich längst gelegt, die Konstellation mit Valentina war inzwischen zu dem geworden, woran andere denken, wenn man von ausgeglichener Beziehung oder ähnlichem spricht. Alles war sehr erwachsen, alle hantierten sehr durchdacht, wie Frietjof es eben vorgab. Gierige Küsse blieben auch heute aus, als Barbara von der Toilette kam, die beiden im Schatten sah und sich mit einem abweisenden Blick entschuldigte. Sie ging in die Küche, wo Gerda und ihre Schwester die benutzen Teller stapelten.

“Ich verstehe es ja nur halb, möchte mir da auch wenig Gedanken machen. Aber fraglich ist doch, wer da nun mit wem schläft. Nein, ich rate nicht, von wem das Kind am Ende stammt. Tauschen möchte ich da nicht. Wir sollten leiser sprechen.”

Valentina warf Claudia ihr Wasserglas vor die Füße.

“Das ist billig und niederträchtig – kennst du das Wort? Wir alle sind sehr unterschiedlich und würden uns unter normalen Umständen eben nicht treffen oder kennen gelernt haben. Aber wir teilen nun mal dieses verdammte Erlebnis miteinander und sind trotzdem freiwillig eine Gruppe. Ich werde nicht laut sagen, was ich denke. Auch wenn ich vielleicht wie eine Predigerin klinge, bei vielen von uns hat das Schlimme etwas Gutes hervorgebracht, auf irgendeine Weise. Aber vielleicht verändert so was eben nicht jeden.”

 

 

Gerda blickte zu den Reinerts und wusste, sie könne lange auf eine Reaktion der beiden hoffen. Sie rief Sarik zu sich, der beinahe in die Glasreste trat, winkte dem Doktor und verließ das Haus.

“Was ist hier los? Ich werde mal die Scherben wegräumen.”

Alexander kroch auf dem Holzboden herum, derweilen eine weitere Diskussion am Tisch aufkeimte. Hennes wusste nicht, wovon der Doktor da sprach.

“Das Mädchen, wie hieß sie noch gleich? Tilly? Ja, so war ihr Name. Ihr könnt euch sicher alle erinnern. Sie war doch ein Teil unserer Runde, während der ersten vier Monate, würde ich denken. Diese Tilly stand vor wenigen Wochen vor meiner Tür. Sie sah erwachsen aus und sprach ruhiger als die Leute da drüben. Jedenfalls wollte sie sich nach uns erkundigen, wie es uns ergangen sei und so weiter. Daraufhin habe ich sie eingeladen, was sie ablehnen musste. Schließlich hat sie damals jemand von uns darum gebeten, sich anderweitig Rat und Gemeinschaft zu suchen. Sie sei zu jung, hatte ihr jemand als Grund genannt. Ja, nun kommt schon her und beantwortet mir die Frage: Wer also hat Tilly ohne Absprache mit den anderen von unserer Gruppe ausgeschlossen?”

Stille. Warten. Blicke.

 

 

Alexander fiel in eben dem Moment die kurze Begegnung an der Kasse vor etlichen Wochen wieder ein. Draußen verabschiedeten sich soeben die letzten Sonnenstrahlen und das Zimmer schien plötzlich dunkel und die sitzenden und stehenden Personen eher wie starre Gestalten. Einzig Mathildes Ketten blinkten im Grau auf. Während der eine beruhigend die Hände faltete, fuhr sich die andere durch die Locken. Der Doktor wurde wohl unterschätzt, von manchen längst als halbsenil, zeitverzögert und überfordert von zu vielen Einflüssen einsortiert. Der vom eigenen Ende in wiederholenden Versen sprach und zu keiner Zeit eine Gegenreaktion erhielt. Es sei denn, man zählte Themenwechsel oder kurzzeitige Ruhe hinzu. Doch so lange wie jetzt hatte Doktor Nebel niemals die Aufmerksamkeit erhalten. Dabei wartete er mit einem beinahe zufriedenen Gesichtsausdruck auf ein Wort. Welches nicht kam. Matthew kannte besagte Tilly nicht und konnte sich die Anfangszeit der Treffen auch nur bedingt ausmalen. Er schaute aus dem Fenster und sah seinen Birko wartend auf einer Stufe sitzen.

“Es fehlen zwei Personen, sogar drei. Wie kann man die Frage stellen und auf eine Antwort warten, aber nicht alle vor Ort sind?”

Claudia hatte natürlich recht und somit begannen wieder einzelne Gespräche und der Hausherr verlor die Zuhörenden erneut. Da räusperte der sich und hob die Stimme an, das sie geradewegs zitterte und beinahe abbrach.

“Ich war es, das wollte ich euch sagen. Ihr habt sie vergessen, zum Teil zumindest, doch ich habe mich etwas schuldig gefühlt und sie sich scheinbar bereit, mir dafür zu danken. Weil das, was wir hier machen, keinen Sinn ergibt. Wir sind keine Therapeuten. Kurzzeitig hat das Zusammensitzen sicher etwas in uns beruhigt, doch im Grunde machen wir uns vieles vor. Es funktioniert nicht, lassen wir es gut sein. Ich bedanke mich für die Zeit, bitte euch aber nun, mein Haus zu verlassen. Bitte.”

Mathilde blieb bis zum Schluss im Raum, als die anderen vermutlich den Heimweg schon hinter sich hatten, bloß Wolter wartete mit seinem Umschlag am Wasser. Sie konnte nicht wissen, dass die Zugehfrau nicht wieder zurückkommen würde, doch ahnte sie es nun und fühlte sich fast verantwortlich. Der Doktor ließ die Hände zur Seite fallen, als absolute Stille eingekehrt war. Da kam jemand die Treppe herab, langsam und mit dem Blick zum Doktor, der an der Wand stand. Das junge Mädchen, dem nur wenig Zeit bis zum Dasein einer erwachsenen Frau verlieb, trat durch den Flur und ihm entgegen.

“Ja, es war richtig so. Doktor Nebel, fühlen Sie sich nicht schlecht. Ich war drauf und dran, schon früher dazu zu kommen, doch so ist es am besten. Wenn ich sage, die Gruppe zu zerschlagen, wäre sinnig und der richtige Weg, klingt das natürlich hart, endgültig. Vielleicht aber auch wie die Lösung für alle.”

Tilly war kaum aus dem Haus, er hatte ihre Worte noch im Raum belassen, da trottete der Doktor erneut zu seiner Bank, ohne Unterlage oder Apfel. Er setzte sich, lauschte dem Abend. Nichts an diesem war neu, die Vorbeilaufenden sprachen und trugen manches, doch nichts an ihnen war ihm fremd.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: April

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: April

Die Welt besticht nicht durch ihre Zufälligkeiten. Und an eben dem Tag, an dem der Teufel sich weniger aus dem Detail als dem großen Gesamtbild heraus traut und erwartungsvolle Hände schüttelt, wünscht mancher sich die Zeit der gefühlten Schicksale zurück.

Der Hausflur war von Stille erfüllt, die beunruhigte und Alexander die Wohnungstür von außen zuziehen ließ. Natürlich ohne die vorherige Kontrolle in der Jackentasche. Die Tür war zu, der Schlüssel lag auf dem Küchentisch, das Telefon im Auflademodus neben der Zahnbürste. Alexanders Ausatmen gestaltete sich lang, die Situation offensichtlich.
Es wurden Nachbarn auf den Stufen gegrüßt, die neu hätten sein können, vielleicht auch denen von letzter Woche ähnelten. Alexander lief aus dem Haus, mit großen Schritten über die dritte Brücke in Folge. Der Ablauf war klar: bei Frietjof klingeln, Ersatzschlüssel entgegennehmen, zurück nach Hause gehen, sich über die Kurzangebundenheit im Türrahmen ärgern, Zeitung anlesen, durch die vielen Gedanken überfordert von den vielen Sätzen sein, das Bett aufsuchen, sich selbst anfassen, bis zum Abend schlafen. Schließlich kam es so: bei Frietjof klingeln, Valentina als Vertretung begrüßen, von der seltsamen Stimmung überfordert sein, auf einen Tee eingeladen werden, erst ablehnen, Ausflüchte aufzählen, letztlich eintreten, mit Valentina Tee trinken, sehr allgemein sprechen, niemanden anfassen, auf Frietjof warten und zeitgleich hoffen, er bliebe länger in Charlottenburg, bis zum frühen Abend mit der natürlichen Höflichkeit Valentinas in einem Raum wach sein.

“Es ist doch ein schönes Gefühl, hier zu zweit zu sitzen. Ich genieße das. Hatte es so nicht mal angefangen?”

Natürlich hatte Valentina Recht, so begann es. Sie hatten Tage miteinander verbracht, letztlich einen kompletten Sommer, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Da half die durchgehend liebliche Saison auf den Parkwiesen Kreuzbergs wie auch die von Dürre gelähmte Stimmung der Mitmenschen. Jede Aufregung kostete Kraft, jeder zu schnelle Schritt brachte Durst. Erst nach und nach schloss Frietjof sich an, war von der Atmosphäre von beiden Seiten angetan, die da liegend auf den Decken verbreitet wurde.

“Aber es hat sich alles so verändert, Valentina, so verzerrt. Vielleicht nur für mich, das kann ich nicht sagen.”

 

 

“Kommst du mit in die Küche? Ich wasche schnell ab.
Wir wurden beide nicht gefragt, wie sich das zu dritt entwickeln sollte oder dürfte. Frietjof hat keinen Fehler damit begangen, sich für uns beide entschieden zu haben. Wenn, dann den, lediglich darauf gehofft zu haben, wir würden unsere Beziehungen mit ihm nicht gegeneinander aufwiegen, keine Vergleiche anstellen. Magst du vielleicht abtrocknen?
Und glaube mir, wenn ich dir sage, der erste Mensch, an den ich nach dem Arzttermin dachte, war eben nicht er, sondern du. Ich habe dich vor mir gehabt, wie du ein Kind als den langen Arm unserer Beziehung sehen wirst, dein Miteinander mit Frietjof zu einer Nebensache schrumpfen würde. Das tat mir weh, weil ich dich eben kenne, du mir nicht gleich bist. Du eben auch dazu gehörst.”

Alexander hielt sich am Handtuch fest, verharrte neben dem Spülbecken und erst Valentina gab ihm ein Zeichen, bitte doch an sie heran zu treten. Fremd machten sie sich selbst das Gegenüber, zu lange schon. Wie sie da stand, beantwortete sich Alexanders seit Monaten anhaltende Frage im Hinterkopf, was Frietjof abgesehen von Eleganz und Souveränität in Valentina sehen würde. Es gab wenig Menschen, die ihm in der  Vergangenheit das Gefühl schenkten, Zeit ohne sie wäre verschwendete Zeit. Ihm wurden die Beine weich, er roch die dunklen Locken auf der Schulter. Da läutete das Telefon.

Barbara und Claudia suchten verzweifelt nach einer örtlichen Auswegmöglichkeit für das Treffen am heutigen Abend. Walter hatte quasi in letzter Minute bei den Reinerts um eine Alternative gebeten, er hätte soeben erst im Kalender den Vermerk entziffert, selbst Gastgeber der Gesellschaft zu sein. Er war schlecht vorbereitet, noch schlechter als die enge Wohnung mit zu wenig Sitzgelegenheiten. Er entschuldigte sich zum wiederholten Mal bei Claudia, hoffte auf die Option Valentina. Die sagte noch in der Minute mit nassen Händen zu, griff nach ihrer Jacke und ging zusammen mit Alexander den Weg zum Kaufhaus am Herrmannplatz.
Und da war es wieder, dieses kurze Gespür, das Alexander in seinem ergriffenen Moment soeben schon hatte – die Erinnerung an die Sommerwochen mit Valentina. Schwangerschaft, Eifersucht, Vergleiche oder das Kontrollieren der scheinbar unauffälligen Gesten – davon war damals so wenig zu merken wie eben jetzt, beim Einkauf anderthalb Jahre später. An der Kasse grüßte ein Mädchen, vielleicht kurz vor volljährig, die beiden. Alexander nickte unsicher, Valentina wühlte im Portmonee und überhörte die scheinbar Fremde. Im Trubel des Feierabends hatten sie an der Ampel den flüchtigen Moment der Begegnung schon wieder vergessen.

Frietjof war bereits zu Hause, hatte ein wenig geruht, freute sich über die eintretenden Valentina und erschrak nahezu bei Alexanders Worten aus dem Hintergrund. Für große Erklärungen fehlte die Zeit, so nahm sie Frietjof mit sich an die Hand Richtung Aufzug und erklärte, sie müssten rasch zu dritt ihre Wohnung herrichten und das Essen zubereiten.
Wie immer war die Wohnung makellos, hier reimte sich nichts auf Staubkorn, hingegen alles auf Stilsicherheit. Alexander glaubte schon damals kaum, dass sie selbst Zeit und Nerven für die Hausarbeit auf sich nehmen würde, gefragt hatte er sie nie.

Falafel, Grillgemüse, Halloumi.
Mit Blumen in den Händen waren Hennes und Maren die ersten Gäste, dicht gefolgt von den laut Aussage immens hungrigen Eheleuten Sarik und Gerda und den Geschwistern Claudia und Barbara, die zur Sicherheit ein wenig Ersatzessen im Gepäck hatten.
Die Weinauswahl Valentinas bedeckte nahezu eine gesamte Küchenwand, Gerda sprach sich für einen wohl südfranzösischen Roséweine aus, der letztlich ein spanischer war. Es wurde neben der dampfenden Herdplatte bereits angestoßen, Maren lehnte heute lieber ab und griff der Gastgeberin beim Vorbereiten des Nachtischs unter die Arme. Alexander entkam derweilen dem zweiten Kussversuch Frietjofs, und David, der mit Matthew gerade zu der plaudernden Truppe gestoßen war, erkannte als erster das offensichtliche Problem:
Doktor Nebel und Mathilde vom Felde würden es wohl niemals bis in den fünften Stock schaffen, so ganz ohne Fahrstuhl. Die Geschwister erinnerten sich, weshalb Valentina bis heute nicht bei sich eingeladen hatte und die selbst hatte gerade Walter am Türsprecher, der seit fünf Minuten schon mit Mathilde und dem Doktor diskutierte, ob diese Einladung quasi als Ausladung zu verstehen sei. Sofort zog sich Valentina die Schürze aus und übergab sie der überraschten Gerda, flitzte die Treppen hinab zum Eingang und sah Doktor Nebel schon am Geländer lehnen, direkt neben Mathildes verbitterter Miene im Rollstuhl. Sie entschuldigte sich sogleich, überlegte mit dem beruhigend sprechenden Walter, was zu tun sei. Die einzig rasche Option kam David Massari in den Sinn.

 

 

Fünfzehn Minuten später saßen alle vierzehn Personen samt Hund Birko verteilt auf drei Sammeltaxis, mit Platten und Tellern auf Schoß und in Händen. David hatte im Südblock einen großen Tisch serviert, das mitgebrachte Essen angemeldet. Er kannte die Hälfte der Angestellten, dreiviertel der Gäste. Beim Eintreten in die Lokalität hatte er mit verdrehten Augen bei Ehepaar Wächter oder Frau vom Felde gerechnet, womöglich auch erwartet, doch keiner wollte sich die Blöße geben. Barbara lobte die Dekoration, der Doktor schielte auf die Nachbartische und Birko bekam von der Bedienung einen Wassernapf gereicht.
Hennes Wagenrot stand mit David am Waschbecken, sie schauten zeitgleich in den von unzähligen Aufklebern bedeckten Spiegel.

“Und wie waren die letzten Tage, hat er sich gut eingelebt?”

David wusste, dass er auf Matthew abzielte, den er vor zwei Wochen mit dem wiederholten Zureden von Diane zu sich holte. Es wurde nicht über diesen dubiosen Morgen gesprochen, im Grunde gab es inzwischen eher fünf ähnlicher Kategorie. Es hatte den Anschein, Matthew war geradezu erleichtert, als ihm die vorübergehende Bleibe angeboten wurde. Mehr noch hatte schnell wieder Struktur, was kurz zuvor als eine ambivalente Mischung an Stunden galt oder das, was einen Tag ergeben könnte.

“Ich wollte am Wochenende zu euch kommen. Habt ihr was vor? Oder wie immer?”

Gerade erst hatte David wieder mit dem Laufen begonnen, Matthew war für Sport, insbesondere kurz nach Sonnenaufgang, nicht zu gebrauchen, Diane mochte öffentliches Schwitzen so wenig wie heimliches, so trafen sich Hennes und David immer häufiger am Kanal und verbrachten anschließend die Nachmittage miteinander. Hennes wusste, dass Maren ihn eines Tages darauf ansprechen würde, er hatte schon die Sätze im Kopf, seine Antworten ebenfalls.

Als die beiden zurück an den Tisch traten, war Maren gerade dabei, sich über etwas Vergessenes zu ärgern, sie sprach von Geschenken. Alexander nippte an seinem Malzbier und erinnerte sich nicht erst jetzt an ihren Brief, der bis heute ungeöffnet blieb. Doktor Nebel hatte seinen entgegengenommenen Umschlag in der Minute vergessen, in welcher er im letzten Monat aus der Tür getreten war.

Von den Platten und Tellern blieb nichts außer Spuren von Fett übrig, die laute Atmosphäre brachte Hunger und Durst zugleich. Gerade Mathilde hatte an dem albernen Nachbartisch Gefallen gefunden, es wurde zum wiederholten Mal mit ihr gescherzt. Walter war kurz davor, dazwischen zu gehen, Mathilde zumindest zu fragen, ob es ihr zu viel sei, so auffällig wurden die Schlagabtausche Stuhllehne an Stuhllehne geführt. Aber er nutzte die gute Stimmung lieber für eine unerwartete Nachricht. Er gab sein Mobiltelefon mehr als stolz in die Runde – ersichtlich für alle das Foto eines Neugeborenen.

“Ja, es kam für mich auch unerwartet. Ich hatte mit dem Wunsch nach einem Enkel längst schon abgeschlossen, doch da ist er nun – der Ove. Meine Tochter wollte mich damit gestern überraschen, eigentlich hat sie mich eher überfahren. Ich kenne den Hardangerfjord nur von Erzählungen, genau wie meinen Schwiegersohn und nun den Ove. Aber gut, er ist gesund und munter, das bin ich auch. Wir werden uns schon noch kennen lernen.”

Die Freude und gratulierende Anteilnahme der Runde war groß, bei den meisten überwog gar ein schlechtes Gefühl, von Walter quasi nichts zu wissen. Mathilde staunte nicht schlecht und schob sich ein wenig aus ihrem Rollstuhl, um Walter zu drücken und ihm für die kleine Überraschung Glück zu wünschen. Wie er da saß, aus dem Nichts einen Ausschnitt seines Lebens teilte, das imponierte ihr und ließ sie die Tage zu zweit vermissen. Frau vom Felde bat eine Runde Honigwodka zu bringen, während lediglich Valentina auffiel, dass Maren die Gesellschaft verlassen hatte und gebückt vor dem Eingang verweilte. Sie entschuldigte sich, gab ihren Schnaps an Frietjof weiter und trat zu Frau Kluge unter die Lichterkette.

“Du musst nicht zu mir kommen, aber ich sehe es als gute Absicht.”

“Warum kommst du nicht zu uns? Ist es dir zu voll, Maren, oder sind wir dir zu laut? Du hast dich letztens gar nicht mehr gemeldet.”

“Weder noch, Valentina. Ich freue mich so für euch alle. Ich sehe die Gruppe und habe das Gefühl, auf euch wartet noch so viel. David, Walter, Frietjof, du natürlich, sogar der Doktor wirkt wie aufgeblüht. Ich gönne es jedem von euch, ohne Abstriche. Schade nur, schade trotzdem.”

Valentina verstand nicht, womit Maren haderte, was sie gegen sich selbst ausspielte und doch sah sie es kommen. Zwei Taxifahrer übten sich im hupenden Duell, ein Pärchen küsste sich unter einem Schirm.

“Maren, wie kann ich dir helfen? Denn das möchte ich wirklich, meine Mittel sind nur eben begrenzt. Die aufbauenden Floskeln sind das, was ich geben kann. Ich habe gute Kontakte – wenn ich dich vermitteln soll, sei ganz offen.”

 

 

Da schien Maren wie aus einem Traum erwacht, schüttelte den Kopf, gab einem nach einer Spende bittenden Mann ein paar Münzen, Valentina für die ausstehende Rechnung einen Schein und verschwand im Tumult der grünen Ampelphase.
Drinnen machten sich Gerda und Sarik langsam auf, diskutierten, wo sie ihr Auto nun abgestellt hatten. Auch Doktor Nebel wünschte bereits eine gute Nacht und klopfte murmelnd auf die Bierbank. Die anderen blieben, redeten viel und ausdauernd, als handelte es sich nicht um einen üblichen Werktag.

Den Heimweg zu dritt zog Frietjof in die Länge, dass es ein Leichtes war, seine Hoffnung zu durchschauen. So musste er laut lachen, als Alexander an seine ausgesperrte Situation erinnerte und auf den Ersatzschlüssel in Frietjofs Korridor hinwies. Valentina hatte die gesunde Bettschwere erreicht, die kühl wehende Luft erhöhte ihre Schrittfolge und Sehnsucht nach einer Übernachtung zu dritt. Und so kam es schließlich. Das Bild war ein Bekanntes. Alexander hatte vor dem Schlafengehen mit seinen vermissten Nachritualen – Knirschschiene, Ohrenstöpsel, Gesichtscreme – zu tun, die Valentina ihm für die heutige Nacht als verzeihlich zu erklären begann. Frietjof konnte sich nicht für die passende Schlafposition entscheiden. Die Nachbarn von oben machten aus ihrer körperlichen Zuneigung keinen Hehl, was zu plötzlicher Ruhe im übergroßen Bett führte. Valentina legte ihre Hand auf Alexanders Brust, derweilen Frietjof mit ihr füßelte. Im Schatten der anhaltenden Geräusche küsste Valentina beide mit müden Augen und sprach noch lose Worte, obwohl der Schlaf längst eingesetzt hatte. Alexander hatte sich eben noch geschworen, der letzte Einschlafende zu werden, da atmete er schon flach in Frietjofs Ohr. Der wiederum war zu aufgewühlt, um das erneute Miteinander als beruhigend aufzunehmen. Er genoss den Anblick und das Gefühl noch so lange, bis ihm bewusst wurde, was dies sagen oder meinen könnte, die Welt besticht schließlich nicht durch ihre Zufälligkeiten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas

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