Antichrist

“Der umstrittenste Film des Jahres”. So bewirbt das Flugblatt einer kleinen Berliner Kinoinstitution die 104 Minuten. Die Erwartungshaltung dank des in Stein gemeiselten Filmtitels darf immens sein. Der aufwirbelnde Ruf, der seit der Cannes-Revue besteht, muss erstmal Bestätigung finden. Doch die Moral der Geschichte wird auf den Kopf gestellt, liegen am Ende doch mindestens drei Schlussfolgerungen auf den Kinosesseln, welche die Fragezeichen ersetzen sollen.

Die Frau an sich ist die Verkörperung des Bösen, die Geisel bedingungsfreier Befriedigung, der Motor von Erniedrigung und unausgeglichenem Schmerzaustausch. Klingt so spannend, wie hetzerisch unausgegoren.

Traue keinem Tier ohne wirkliche Haustieravancen. Die leben schließlich nicht grundlos dort, wo nachts noch wirklich Nacht ist. Vergrabe dich, jedoch nicht in eine Diplomarbeit oder eine andere wichtige Lebensaufgabe, die Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Lars von Trier überschlägt sich selbst wenig in Aufklärung und Erörterungswut. Soll man doch selbst rausziehen, was sich eben ziehen lässt. Und da steckt mehr, als man wahrhaben möchte. Die Liebe zur Natur, zur traditionellen Sagenwelt und zu den Gletscherspalten der menschlichen Psyche. Die Freude am Sezieren verzweifelter Taten, Ausleben der Slow-Motion.

“Antichrist” ist nicht der polarisierende Schocker, über dem international das Warnschild prangt. Nicht der gewaltverherrlichende Streifen Kulturgut, der unter dem gestürzten Kreuz mit allzu typischen Hilfsmitteln den Zweck bedient. Da steckt der Teufel im offensichtlichen Detail, nicht beim blutenden Handjob. Die im Finstern prasselnden Eicheln, das liebliche Reh samt Totgeburt, die Knochen- und Sehnensituation der Darsteller. Es setzt Symbolik im Sonderangebot, gedankliche Verknüpfungen allerorts. Hochästhetisch in Szene gesetzt, mit einer Prise Doom in visueller Hinsicht. Videoclipatmosphäre der besonderen Art, Spielfilmflair der fast geläufigen. Alles in allem nachhaltig und akzentuiert, doch nicht dermaßen im Chaos gefangen wie man vermuten durfte.