Auf ein Treffen mit Dennis Stephan

Auf ein Treffen mit Dennis Stephan

Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Wie das dann schmeckt, werden andere Köche nur hinter vorgehaltener Hand offenbaren. Autoren geht es da kaum anders. Insbesondere am Anfang des Schaffens wird ignoriert, mal abgenickt, gerne Neid versteckt. Dabei kann mir ein Musiker viel über den spannenden letzten Absatz berichten oder der befreundete Fotograf den Rhythmus eines Gedichts loben. Was man braucht, sind Worte aus den eigenen Reihen.

So und irgendwie kam ich auf Dennis Stephan, einen jungen Autor aus Berlin. Mit “Der Klub der Ungeliebten” hat er einen frischen, manchmal zum Streicheln naiven Roman des Erwachsenwerdens geschrieben, der die Nähe zum Verfasser nach nur einer gelesenen Seite herstellt. Manchmal entdeckt man sich selbst, vor einigen Jahren vielleicht, oft aber jemanden, der die Belletristik liebt und die Schönheit der Worte ehrt.

Während die anderen also die nächste Suppe im Alleingang schon ansetzen, habe ich Dennis aufgesucht, befragt und als nicht weit entfernten Freund im Geiste entdeckt. Wie kam es dazu gleich nochmal?

“Da muss ich selbst erstmal nachdenken. Ich meine, mich zu erinnern, dass Christian vor einiger Zeit Kontakt zu mir aufgenommen hat – das war kurz nachdem „Moritz & Ivahn“ erschien. Ihm schwebte eine Idee von einer Zusammenarbeit mit verschiedenen Berliner Autoren vor, unter anderem mit Kevin Junk. Wir haben uns getroffen und auf Anhieb verstanden. Es ist schön, sich mit anderen Schriftstellern auszutauschen, über Erfahrungen, die man während des Schreibens macht oder auch später über Kritiken. Und es bietet eine ganz gute Art zu Reflektieren, über sich selbst und seine Arbeiten. Hinzukommt, dass unsere Texte vielleicht nicht stilistisch gleich sind, aber doch stellenweise aus den gleichen, ruhigen, nostalgisch-melancholischen Gedanken schöpfen.”

Aha, unsere Schreibweise könnte also Ähnlichkeiten aufweisen. Will man freudig glauben und zugleich nicht wahrhaben. Wo aber sieht Dennis sein Schaffen denn kategorisch?

“Das ist eine schwierige Frage. Thematisch würde ich es irgendwo zwischen Philosophie, Weltschmerz und Selbstergründung verordnen – mit einem Hang zum Drama, was an meinem furchtbaren Romeo-und-Julia-Komplex liegt.”

Da kommen meinserseits dubiose Erinnerungen an einen Balkon in Verona, besetzt von Reisenden und womöglich unpassendem Verhalten an Statuen. Der Titel “Der Klub der Ungeliebten” lässt es in gewisser Weise erahnen, das Titelmotiv gar bestätigen – es geht um Liebe, und zwar die junge und unbekannte. Es handelt vom Leben in einer Stadt, die ihrem Status gerecht wird. Da sind die Einflüsse an der Handlung des Erstromans nicht weit zu suchen.

“Das war dieses unglaublich qualvolle Gefühl, jemanden, der einem unerreichbar ist, mit jedem Quadratzentimeter Selbst zu wollen. Diese grausame Verliebtheit, die teilweise in Obsession umspringt. Aber auch die tiefen Freundschaften, die mich mit wenigen, ausgewählten Menschen verbinden. Feine Zuneigungen, die man manchmal erst erkennt, wenn man ein Stück zurücktritt und von Weitem hinschaut.”

Eine weitere Verbindung, “Sendawoy”, du bist nicht weit. Den eigenen Ausgangspunkt als Mittelpunkt der Geschichte, mehr oder wenig verpackt. Darum sind einem die Protagonisten schnell wichtig und nah.

“Ich war das erste Mal unglücklich verliebt. Meiner Cousine lag ich damit nicht nur in den Ohren, sondern brachte sie auch dazu zu intervenieren. Das war eine sehr aufregende, empfindsame Zeit. Ich begann eine Geschichte aus meiner Geschichte zu machen. Bis aus dieser ersten Geschichte ein Roman wurde, vergingen fünf Jahre. In diesen fünf Jahren ist so unglaublich viel in meinem Leben passiert. Umzüge, Beziehungen, Trennungen, Höhen und Tiefen. Eben alles, was man in fünf Jahren zwischen 19 und 24 so durchmacht. Diese fünf Jahre sind der Stoff, aus dem „Der Klub der Ungeliebten“ besteht. Der Roman ist quasi eine Parabel über mein Leben in dieser Phase. Jeder Figur steht symbolisch für etwas, oder repräsentiert einen Teil von mir selbst.”

Dennis sieht gut aus, das muss man Autoren zugestehen dürfen. Er lacht gerne, hat keine Angst zu sprechen und zu fragen. Da genügen nur wenige Treffen, um das zu schreiben. Und dennoch ist da eine Kritik an dem Jetzt, die mir bekannt erscheint und Nostalgie als etwas Angenehmes aufstellt.

“Mein allererster Versuch war ein Kinderkrimi im Stil von TKKG oder Fünf Freunde. Das war eine ganz, ganz furchtbare Aneinanderreihung von Ereignissen, so mysteriös, dass es gar keine Zusammenhänge gab. Ich erinnere mich aber glasklar an den Arbeitstitel: Die geheinmissvolle Karte. Ich glaube, nach Seite 62 war Schluss – die Diskette müsste auch irgendwo noch rumliegen.”

Kritisch steht er der Bundeshauptstadt gegenüber, ähnlich innerlich entzweit, wie ich es noch immer bin und stets dabei entdecke, mir meine ganz eigene Blase in der gewählten Heimat aufrechtzuhalten. Eine Stadt, die es einem so gerne schwer macht, ob als Mensch oder Autor, dann aber auch wieder Möglichkeiten aufzeigt, die ich in einem Hamburg wohl kaum hätte vorweisen können.

“Schwierig. Ich persönlich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Berlin. Die Stadt ist einerseits eine große Freifläche – künstlerisch, kulturell, gesellschaftlich. Eine große Inspiration. Aber auf der anderen Seite auch sehr kräftezehrend. Und sie lässt einen trotz dieser Großzügigkeit, die einem geboten wird, trotzdem unbefriedigt, unvollständig. Ich kann es nicht wirklich beschreiben. Das war jetzt eine sehr persönliche Einschätzung. Ich glaube, speziell als Autor lebt es sich in Berlin genauso, wie in jeder anderen Stadt.”

Vielleicht, eher aber nein. Berlin lässt einen als Künstler nicht nachahmen oder mitreißen. Viel durchhalten, scheint die Devise. Man muss da sein, Chancen sehen und nutzen. Zusammenarbeiten planen, nicht nur erwägen. So wie mit Dennis als schreibenden Kollegen. Ja, da darf ein Lächeln schon sein.