Dein Körper ist eine Bühne

Dein Körper ist eine Bühne

Christian Ludwig schreibt als Mund einer Gesellschaft einen halb-offenen Brief an die Freiheit der eigenen Erscheinung.

Dein Körper ist eine Bühne

Hinter der Tür höre ich Laute, seit Stunden schon. Dort steht sie, kauert am Boden oder wartet mit gefalteten Händen auf eine Reaktion meinerseits. Erhalten wird sie diese nicht, ist meine Enttäuschung zu groß, meine Vorstellungen von einst zerschlagen. Habe ich ihr nicht eine Chance gegeben, wenn nicht gar mehrere? Sie ergreifen, das war gewünscht. Sie zu überrennen, stand nicht zur Debatte.

Du hast mir nicht zugehört oder dir zwischen den Zeilen Aussagen genommen, die sich kaum mit meiner ursprünglichen Sichtweise decken. Gefehlt hat dir vieles – Mut zu Ecken und Schnörkel, die Bereitschaft für Momente voll von Angst und dem Willen diese zu bekämpfen. Von Zeitlosigkeit hast du damals gesprochen, vom Überdauern von Gefühlen. Mit leerem Blick und wenig Glanz von Gegenwehr. Schön warst du. Schön in deiner Haltung und mehr noch schön in der Weise, wie du jene aufrecht hieltest. Seit unserem letzten Gespräch bist du aber nicht mehr du. Du hast dich summiert. Aufgebläht zu einem Angriff, dem Eleganz gut täte. Losgelöst ist das eine, fern von Zwängen leben ebenso, sich aber über alles erheben, den Körper nicht mehr als eine Art Käfig sondern eine Bühne betrachten, ist die bedenkliche zweite Seite. Diese neue Haltung ist eher dem Ende als dem gewünschten Anfang nahe. Was musstest du auch deine Wahlfreiheit derart ungeniert nutzen? Letztlich zeigst du mehr als nur dich. Du zeigst ein Symbol. Ein Symbol, das nicht bedeuten darf, nur da steht. Ein Symbol, das sich jedem aufdrängt, vor allem denen, die es nicht möchten oder ertragen können. Ich weiß, wieviel der Drang nach Freiheit fordert, die Öffnung von alten Pforten und Ketten Schmerzen bereitet. An diesem Punkt schmerzt es aber eher dem Gegenüber statt dir als betroffener Person. Du fürchtest meine Macht, darum höre das: Ich nenne es nicht Schande, nicht Werk des Falschen. Ich nenne es eine Sackgasse. Jede Freiheit, auch die von Haut, Liebe und Körperlichkeit, erfährt ihre Grenzen. Und es ist doch eine Schande! Eben die, dass ich es nicht mehr bin oder sein darf, der dir Grenzen aufzeigt oder die Konsequenzen daraus. Du bist eine Vorstellung bloß. Nur ein Komparse deiner eigenen Bühne. Allein das lässt mich Geduld üben, heute, vielleicht noch morgen, für alles anschließende gebe ich meine Verantwortung weiter. Soll mein Nachfolger doch über dich richten!


As the voice of a society, Christian Ludwig writes a semi-open letter to the freedom of decision.

Your body is a stage

I have been hearing noises behind the door, for hours now. She has been standing there, crouching on the floor or, with folded hands, anticipating some reaction on my part. She is not going to get one, as my disappointment is too great, my visions from long ago shattered. Have I not given her a chance, if not several? Taking these was what was desired. Running over them was never up for discussion.

You have either not been listening to me, or else cherry-picked those utterances between the lines that barely overlap with my initial perception. You were lacking many things – the bravery of having edges and flourishes, the readiness for moments full of fear, and the will to fight them. You were talking about timelessness back then, about outlasting emotions. With a vacant expression and little splendour of resistance. How beautiful you were. Beautiful in terms of posture and even more beautiful in your manner of keeping the very same up. Since our last conversation you stopped being you. You have become pompous. Blown up to an aggression that would benefit from more elegance. Being detached is one thing, living free of compulsions is another, but to tower over everything, to not see the body as a sort of cage anymore – but a stage – is rather alarming. This new conduct is nearer to the end than to the desired beginning. Why did you have to make use of your freedom of choice so unceremoniously? In the end you expose more than just yourself. You reveal a symbol. A symbol that is not entitled to signify anything, but that merely exists. A symbol that obtrudes itself on everyone, especially on those who neither seek it nor are able to stand it. I know how much the desire for freedom requires, how the opening of the old gates and fetters is capable of causing pain. At this point, however, it hurts the opponent rather than yourself, as a concerned party. You stand in awe of my power, so listen to this: I will not call it disgrace or wrongdoing. I dub it stalemate. Every liberty, even those regarding skin, love and materiality, has to recognise its limits. And yet it still is a shame! The very same after which I cannot be the one to show you your limits, or the consequences thereof, anymore. You are a mere performance. Just a bit-part player on your own stage. This alone lets me still stretch my patience, at least for today, perhaps also tomorrow, but I will pass on my responsibility for the remainder. May my successor be the judge of you!

Übersetzung: Oliver Storch
Foto: Tabea Mathern