Die anderen als Inspiration

Die anderen als Inspiration

Von Kooperationen und den Einfluss auf das eigene Schaffen

Menschen, die sich dem Schreiben widmen, fechten alles mit sich und ihrem Schreibtisch aus, heißt es. Es genügen Notizblock oder Dateiordner, um sich zu sortieren und was nach Hürden oseiecht, zu überwinden. Was reichlich schematisch klingt und die Realität selbstverständlich nur in Teilen streift, wäre jedoch eine so simple Lösung für einen überfüllten Kopf, Magen oder Plan der kommenden Wochen. Um sich und seine Arbeit zu greifen, bedarf es jedoch einen Schritt vom Schreibtisch weg, für Projekte, denen gefühlt die runde Form und der mehrdeutige Schliff fehlt, sind ein paar Runden um den Block mit anderen Personen gar potentieller Lichtblick.

Sendawoy”, mein Debüt von 2011, was irgendwie passierte und als verfasste Geschichte von selbst geschah, hat durch Christoph  Schwarzes Einfall, mit Piktogrammen zu arbeiten und eine Schmuckschatulle umzufunktionieren, die grafischen Aufhänger erhalten, die noch heute unrückbar mit der jungen Erzählstruktur in Verbindung stehen. Das passt und gehört zusammen, war für diverse Buchhandlungen zu innovativ, sprich unverkäuflich. Ob gerade dies für Lieblingsempire, den Verlag, der sich selten so nennt, und den Autor selbst einer der ersten Antriebe war, lässt sich nur noch spekulieren. Dass es aber Christoph war, der im Vorraus fragend auf den Tisch packte, ob ich „Sendawoy“ als private Angelegenheit und quasi Tagebuchzusatz oder doch gewollten Beginn eines Unbestimmten sehen würde, bleibt Fakt und Motor von alledem.

Inspirationen verstecken sich nirgendwo, sodass ein kleines Motiv im Skizzenbuch Spencer-Chalk Levys zu “Navele und das Blau” führte. Dezente Pinselstriche lösten aus, was gelesen einer Fabel glich, die man ähnlich oder ganz anders in einem Kinderbuch seiner Eltern hätte finden können. Zeitgleich war die Arbeit mit Spencer mein erstes Erlebnis, das mir aufzeigte, dass für beide Seiten offensichtlich sein muss, was mit dem Resultat geschehen und wohin die kollaborative Wanderung gehen soll. Das Motiv der Navele findet noch heute seinen Platz im eigenen Wohnzimmer.

Ein Gemälde konnte dementsprechend eine kreative Brücke sein, hingegen die Nächte mit Hörspielen und das Abwegen von Erlebnissen in kleiner Runde den Trialog “Dieser Raum befindet sich im Aufbau” fertigten und dank einer Fotoreihe von Tabea Mathern ihren ästhetischen Anhang fand. Als inoffizielle Haus- und Hoffotografin tat sich neben Tabea außerdem Julia Fischer vor, die sich zu manch spontanem Treff hat überreden lassen, parallel beispielsweise das Rosegarden Magazin rund um Mario Münster von Tag Eins an Gefährte und Unterstützer der eigenen Entwicklung zu bleiben scheint.

Dann passiert es, dass sich eine Liebesgeschichte im intimen Rahmen wie “Moritz & Ivahn” zu einem Großstadtprojekt aufbäumt, wo Illustratoren, Fotografen und Musiker mehr als nur latenten Anteil am Resultat besitzen. Wo ein ganzes Jahr die Querverbindung zu den Menschen legt, die mitarbeiteten. Da gab es massig Schweiß in Berlin-Buchs Naturreservaten, es liefen die Rohversionen des Soundtracks in Dauerschleife, das Datenvolumen des Making of-Ordners konnte man beim Füllen beobachten. Beim Jahr 2014 fallen mir nicht zuerst die privaten Urlaubserlebnisse ein, sondern eben eine laue Sommernacht in Kreuzberg, begleitet von Kamera und spontanen Protagonisten, die den zweiten Videoclip zum Roman anvisierten oder das Gefühl zu bemerken, dass die drei für Portraits und Fotostrecke im Buch ausgewählten Modelle Marc, Marcel und Sophie sich nicht nur miteinander arrangierten, eher wie perfekt gewählt harmonierten. Dass es beinahe schwer fiel, von der Zusammenarbeit loszulassen und mit einem letzten Treffen ad acta zu legen.
Jacobo Labella, ewiger Kanditat für verspielt-idyllische Illustrationen, hat auch nach zwei Jahren Funkstille die einstige Vorstellung wahr gemacht und den Anteil am Buch geleistet, der insgeheim lange Wunsch war.

Jeder Beteiligte sollte mit seinem persönlichen Beitrag nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch, mit veröffentlichten Beiträgen und Interviews, gewürdigt werden. Eben so, dass die Kooperation am Ende doch mehr als nur eine weitere Auflistung für das persönliche Werkportfolio darstellt. Da ist es wilder und sympathischer Gegensatz, dass gerade Fotograf Chris Phillips, welcher sich generell mit Pornceptual in der progressiven Welt der Pornographie austobt, mit der hierbei eher verträumten und zahmen Arbeit als treuer Begleiter durch das Jahr und Buchprojekt in Erinnerung bleibt.

Unvergessen auch die Abende mit den britischen Musikern Matt Parker (Earthkeptwarm) und Kate Smith, welche die Anspannung aus der Veröffentlichung zu “Moritz & Ivahn” nahmen und mir einen der schönsten Leseabende bisher ermöglichten. Matts Aussage, mir Lieder zu einem meiner Bücher zu schenken, war mehr als drei Jahre alt und hatte sich derweilen in verschleppte Hoffnung zerschlagen. Doch die zwei Romanhymnen “Summer in the South” und “Winter in the North” sollten tatsächlich erscheinen, schöner und größer als von mir je gedacht.

Viel gelobt wurde der Abend im Südblock, dabei waren meine Höhepunkte im kleinen Rahmen auf gediegenen Bühnen Berlins und Hamburgs nicht rar gesät. Vom sehr speziellen Auftritt mit Corwood Manual im Voo Store – mehr Hörbuch im Remix denn klassische Buchvorstellung – ist leider kein Bootleg bisher aufgetaucht. Anne Müller habe ich seit unserer einmaligen Zusammenkunft im Playing with Eels als Joker für spätere Projekte in der Hinterhand – nein, das weiß sie noch nicht. Auch die in so vielen Beziehungen anregende musikalische Lesung mit Her Name is Calla, euphorisch und traurig in einem, gab viel mehr, als ich heute, in Schlafkleidung am Schreibtisch, noch auflisten kann.

Wertvoll sind die Momente, in denen man liest und ein jüngeres Ich entdeckt. Dennis Stephan, Autor aus Berlin, hat mich erst neulich erinnern lassen, wie man nach Worten greift und sich in Episoden den Weg zum Leser baut, geradlinig und sympathisch nah. Zurück bleibt der Drang, der Wunsch nach weiteren Mitmenschen und Erlebnissen, die dem eigenen Schaffen ihre notwendigen Nebenwirkungen erteilen, die Arbeit in 3D erscheinen lassen. Die Wechselwirkung muss man lernen, Kooperationen sind Tätigkeit und Ergebnis zugleich.

2015 ist nicht 1912, Berlin erst recht nicht Wien, der Südblock in Kreuzberg kein Kaffeehaus. Es lebt sich dennoch und manchmal auch eben deshalb unbeschwert, manchmal orientierungsfrei, doch in allem inspirierend. Man dokumentiert ohne Hilfe, man schreibt einsam, nicht aber für sich allein.