Die Verherrlichung der Schönwetterfront

Mit hängendem Kopf und genervter Miene hockt die Bundesrepublik inzwischen in ihren vier Wänden. Die stimmungsvollen Adventsgesänge sind verklungen, das anheimelnde Kakaoschlürfen im Kerzenschein scheint abgestumpft, die Freude über das große Rundum-Weiß fällt stetig abwärts. Deutschland will keinen Winter mehr, die kalten Monate scheinen kollektiv zum Abschuss bereit. Vier Monate endloses Mützetragen, Borsteinschlittern und Kniezittern scheint die Bevölkerung zu überfordern. Klimaerwärmung verkommt zum lachhaften Begriff, die nostalgischen Schwankrunden über “echte Winter” fallen in diesem Jahr aus. Frieren scheint allgegenwärtiges Hasswort Nr.1. Dabei kommen wir uns doch in dieser Frostsaison näher denn je. Gut gelaunte Stadtarbeiter schieben Kleinwagen aus Eislöchern, aufwärmendes Zuwinken beim kollektiven Scheibenfreikratzen und Schulterstützen beim nächstbesten Passanten als Sturzprophylaxe. Trotzdem werden die Visagen frustrierter, die Fäuste und innere Wut über Schnee & Co. geballter.

Was ist aber die Alternative? Ach ja, Sommer. Dieses schwitzige Stück Zeitspanne, welches zu gerne alle und alles an sich reißen möchte. Da kommt Stimmung auf, Vorfreude sowieso. Fraglich nur, worauf genau. Urplötzlich stellt sich alles vor die Tür, was sonst Feierabend automatisch auf Sofa und Kuscheln reimen möchte. Überflutet werden nicht nur alle erdenklichen öffentlichen Plätze, sondern auch die eigenen Reize. Es riecht nach Grillwurst, Kräuterzigaretten, Sonnencreme und Körperflüssigkeiten, die irgendwas mit Aktivität zu tun haben. Außerdem nach Friede, Freude, Eierkuchen. Zu sehen gibt es viele Menschen in viel zu wenig Kleidung, die gleichzeitig aber auch zu viel Raum einnehmen. Man hört Musik aus einer anderen Dimension, Arm in Arm mit tanzenden Kokosnüssen und Tralala feat. Chachacha.

Sonne macht albern. So weit, so bekannt. Aber verstrahlte Existenz ist das eine, hormonelle Bergfahrt das andere. Die dauerhafte Lichtzufuhr macht nämlich innerlich ebenso euphorisch, aktiv und impliziert einem das dumme Gefühl, irgendwas zu verpassen. Weniger das öde Beachballturnier am unechten Strand als das Sein zwischen den Menschen, welche eben vom Eislecken beim Picknick bis Nachtwandern zum Stadtbad ihrem Outdoor-Dasein frönen. Man benötigt weniger Schlaf, dafür mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Unterhaltungsprogramm. Sommerliebe, ich hör dich schreien und hauchen. Klingt nach Stress, wird Zeit, dass wir das hinter uns haben.