Im Auftrag der Serie

Im Auftrag der Serie

Überraschung trifft auf Verwunderung – sobald man das eigene Empfinden für Zeit mit dem von Mitmenschen zu vergleichen beginnt. Während andere sich dem Verlauf von Tagen und Wochen hingeben, dabei jeder Anschein von innerer Rechnung und dem Setzen eines inoffiziellen Fazits von sich weisen, fühle ich diesen Drang stets, fast ständig. Ich nenne es gegebenenfalls auch Zwang, schließlich fühle ich mich beinahe unwohl, Zeitabschnitten das Resümee zu verweigern, eine Wertung zu geben oder im Gespräch zu beurteilen. Es gibt Marotten, die nicht nach Krankheit riechen, schließlich fahre ich mit dem In-Kapiteln-Denken doch bisweilen gut und ohne Nebenwirkungen.

Es ist Dezember. Das Jahr ist quasi auserzählt, gerade Advent und Weihnachten lebt von Wiederholung und Ritual. Nun muss alles festgehalten werden, was greifbar für die vergangenen zwölf Monate steht. Die Musikliste mit den Top 51 des Jahres ist virtuell verfügbar, Geschenke mit Motiven von Januar bis gestern liegen zum Verschenken bereit und die alte Freundin namens Tagebuch wird mit den harten Fakten aktualisiert, bestenfalls vervollständigt, um die Übersicht zu wahren. Farbe des Jahres, Veranstaltung des Jahres, halbe Weisheiten von ihm und ihr des Jahres – alles muss komprimiert als Zusammenfassung stehen. Welch eine Ordnung, fast unangenehm.

Da war die Idee eines Jahresromans das nahe liegendste Projekt, das mit meiner Person Hand in Hand zu gehen scheint: Feste Abgabetermine, Verarbeiten von Eindrücken und schlechten Träumen, Analysieren von Menschen und Zuschreiben von Eigenschaften, die sich im Laufe eines Jahres in alle Richtungen drehen können, im Auftrag der Serie. Der Titel kommt ganz typisch bei Nacht: “Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.”

Ja, eine Geschichte in monatlich verfassten und veröffentlichten Kapiteln musste quasi eine Blaupause für mein Gefühl von Zeit sein. Gerade wenn das Projekt für 2017 damit einher ging, dass die befreundete Fotografin Saskia Kyas pro Kapitel eben auch ihre zehn Tage Zeit pro Monat erhielt, vier bis fünf passende Motive jeweils beizusteuern. Obendrauf war die Abmachung mit Mario Münster vom Rosegarden Magazin, dass zum Monatsende oder eben gleich zum Anfang exklusiv die neue Episode veröffentlicht werden würde. Druck, Erwartungen, klare Zeitfenster, wie herrlich transparent.

 

 

Es ist noch immer Dezember und erstmals fühle ich eine Erleichterung. Es ist bis heute nicht ein Satz des Abschlusskapitels geschrieben, die Idee ist erstmals lose, das Finale liegt gedanklich irgendwo neben Einkaufsliste und dem einkehrenden Gefühl, jetzt mal loslassen zu dürfen. Ich kann nicht, schließlich ist ja noch Zeit.

Fotos: Saskia Kyas