Interview mit Matt Koslowski

Interview mit Matt Koslowski

Erst war es nur ein leeres Buch, dann ein Roman, bald Fotografien, Illustrationen und plötzlich Musik. Da war der Weg zum Videoclip verständlicherweise nicht mehr weit. Es wurden sogar zwei. Der aus Karlsruhe stammende Matt Koslowski war verantwortlich für Dreh und Schnitt zum Song “Winter in the North”.

Matt, wofür steht der “Risabove Filmmaking & Photography”?

Riseabove ist Name und Programm für meine Photo- und Videoprojekte, bei denen in den meisten Fällen befreundete Künstler und Kunsthandwerker mitwirken. Mein Anspruch ist es, mich mit jedem Projekt ein kleines Stück selbst zu übertreffen oder neu zu erfinden. Das ist auch meistens notwendig, da oft das Budget Einfallsreichtum erzwingt. Riseabove ist kein Geschäftskonzept, sondern bietet mir die Möglichkeit, mich persönlich und vor allem professionell weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt steht immer das jeweilige Projekt.

Wie kam es zur Zusammenarbeit zum Buch “Moritz & Ivahn”?

Eine Sache, für die ich mich wirklich glücklich schätzen kann, sind die ganzen talentierten Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf. Da hat man die Möglichkeit, was über sich selbst und andere zu lernen und oft bleibt es nicht bei einer Zusammenarbeit. Für Lieblingsempire hatte ich zum Beispiel schon Festival-Trailer und Fotos beigesteuert, darum war es wohl nicht ganz zufällig, dass ich für ein weiteres Projekt angefragt wurde. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an Benjamin und Christoph. Es ist gut, die beiden zu kennen.

Wie gestaltete sich die Herangehensweise, für einen Roman-Soundtrack einen Musikclip zu erarbeiten?

Prosa finde ich generell unsexy. Ich wollte mich bei der Umsetzung nicht am Wortlaut des Buches orientieren, sondern an der Idee der Charakterentwicklung und diese auf eine visuell darstellbare Form bringen.

Wir haben uns damals im Juli nur zwei Stunden vor Drehbeginn zum ersten Mal getroffen und binnen kürzester Zeit unsere unterschiedlichen Vorstellungen zu einem etwaigen Drehablauf zusammengeführt. Ab da galt jeden Moment der Ansatz: „Unter welchem verkraftbaren Einsatz können wir das spontan realisieren?“ Ich fand diese Ad-hoc Produktion sehr spannend.

Die Post-Produktion lief zwar entspannter, aber der Stress bestand dann darin, dass das Material nur begrenzt und voller hektischer Aufnahmen war. Im Grunde kann man es als selbsterfüllende Prophezeiung betrachten, dass die produktionsbedingte Rohheit und Unklarheit des Materials nun Stilmittel ist.

Der Song “Winter in the North” portraitiert musikalisch den zweiten Teil des selbsternannten Sommerromans. Welche Bilder hast du nach dem Lesen behalten?

Beim Lesen habe ich generell immer Bilder im Kopf, selbst wenn es Sachtexte sind. Ich ticke tendenziell eher visuell, das Abstrakte kommt erst danach. Doch auch der analytische Teil ist dann sehr bildlich, denn Motive, Parallelen und Handlungsabläufe übersetze ich gerne in Sinnbilder und Symbole. So kommen dann auch schnell die Ideen für die Videographie.

Explizit waren das die Parallelen des einsamen Moritz, bereit für den Job und doch mit einer spürbaren Vorahnung, dass er bald durch intime Zweisamkeit aus sich selbst ausbricht wie der Falter aus dem Kokon. Im ersten Teil des Buches ist diese sehr leidenschaftlich und aufregend, im zweiten eher platonisch und beliebig. Im Sommerteil spielt die meiste Handlung tagsüber; im Winterteil, der ja vom Sommer nach dem Sommer handelt, eher Nacht-Motive. Es gibt ebenso Parallelen wie Gegensätze. Und viel Poesie.

Was inspiriert und motiviert dich künstlerisch?

Hier könnte ich extrem weit ausholen, denn ich schöpfe meine Motivation und Ideen aus den unterschiedlichsten Dingen. Stattdessen sage ich es aber so: I love things. Ich glaube, alles hat eine Bedeutung, die zu erforschen es gilt. Das treibt meine Umwelt und mich manchmal in den Wahnsinn, aber im Grunde stammt daher meine kreative Energie.

Was sagst du persönlich zu Wertigkeiten von Musikvideos für Künstler und Konsumenten im Jahre 2015?

Das ist ein riesen Fass. Ich versuche, die Frage mal auf abstrakter Ebene zu beantworten. Ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich und meine Werke, und auch an die anderer. Und klar dass ich dann nie mit mir selbst zufrieden bin. Aber auch selten mit dem, was andere so produzieren. Ob man nun die Gitarre in die Hand nimmt, oder einen Stift oder eine Kamera. Die Absicht der Veröffentlichung der eigenen Arbeit ist doch meist, eine Botschaft zu transportieren. Viele Videos entstehen aus reinem Selbstzweck. Nur bei wenigen Musikvideos habe ich das Gefühl, dass jemand mehr als Audiowellen transportieren will. Oft kann ich das nicht ganz nachvollziehen und finde keine Poesie in der Darstellung. Das ist nicht nur schade, sondern zum Teil fast verantwortungslos. Ich meine, als Kreativer hat man die Pflicht, der Beliebigkeit zu trotzen. Stattdessen wird man von allen Seiten nur mit amplifizierter Beliebigkeit beschallt. Zum Glück gibt es aber Ausnahmen. Wenn man offenherzig und neugierig durch die Welt schreitet, dann kriegt man ein Gefühl dafür, diese aufzuspüren.

Welche Situation am mobilen Set zwischen Golden Finish Bar und dem Engelbecken bei Nacht ist dir noch immer lebhaft im Gedächtnis?

Da gab es einige. Ich bin mit der Kamera in der Hand immer in einem bestimmten Modus. Es ist so eine Art andauernde Problem-Trance, da man sich ständig Hürden konfrontiert sieht und mit der Kamera auch eine emotionale und soziale Barriere vor sich herumträgt. Daher sind mir vor allem die Schrecksekunden noch recht präsent. Dieser Typ, der sich in die Bar verirrt hat, ganz echauffiert darüber war, gefilmt zu werden und später zusammen eine Rauchen wollte. Oder der Moment, in dem wir tendenziell kurz davor waren, unserer Erschöpfung nach neun Stunden Dreh freien Lauf zu lassen und wir uns kompromisslos doch nochmal zusammen dazu aufgerafft haben, bis nach Sonnenaufgang weiterzumachen.

Generell bleiben mir aber vor allem die Bilder unserer Fußreise durch Berlin im Kopf. Diese Stadt einmal aus solch einer Perspektive zu erleben war für mich jedenfalls ein unbeschreibliches Gesamterlebnis, was ich so schnell nicht vergessen werde. Danke dafür.

www.riseabove.cc

Foto: Christoph Schwarze