JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: AUGUST

Nichts außer Wetter und Demonstrationen.
Für Auswege fehlten Matthew Porter die Mittel, und dies in jeder Hinsicht. Die Stadt zu verlassen war jene Empfehlung, die ihm niemand persönlich übergeben wollte oder bereit war, das Gespräch in eine solche Richtung zu lenken. Das geringe Einkommen der letzten Wochen schürte Unzufriedenheit und immer wieder Situationen, die Matthew verdrängen musste.
Diane hielt sich länger schon fern. Die Hundehaarallergie schien ein optimales Alibi, wenn die Ausrede der anstrengenden Proben und derzeitigen Vorbereitungen im Atelier sich zu sehr häufte. Meist traf sie sich mit David zu zweit, in Bars ohne Namen und an Abenden ohne Ergebnis.
David Massari überhaupt. Er war ihm nicht mehr der Freund von vor neun Wochen. Der tolerierte, dass Matthew eine vorgelebte Struktur brauchte. Der akzeptierte, dass Matthew Geheimnisse mit sich trug, die ihm den Alltag erschwerten und Berlin zu der Herausforderung machten, die so oft schon besprochen scheint. Ein David, der ihm aus dem Weg ging, gar aus den Augen trat.

Von oben schüttete es Wassermassen, die unwirklich schienen. Das hielt die Menschen keineswegs ab, in Trauben mit aufgeweichten Plakaten von der Nebenstraße her ihre Route abzugehen. Matthew drängelte sich an den Blockaden vorbei, entlang der Hauswand. Sein Mobiltelefon war tagelang schon defekt, so war er wie abgeschnitten von der Runde, die sich heute auf der Dachterasse treffen wollte, nun aber auf engstem Raum bei Frau vom Felde saß und zu Hawaii Toast, Espresso und Korn Abschied vom Doktor nahm. Worte waren rar gesät, während all die aufgebaute Zwietracht weit im Gestern schien. Die Gemeinschaft fühlte sich einmal wieder als solche. Dem einen stand das schlechte Gewissen im Gesicht, der nächsten die Unsicherheit. Es wurde auf dem Hinweg in Gruppen schon aufgearbeitet, manches gemutmaßt und Altes vor der Haustür in losen Worten begradigt. Mittendrin eine Frau Kluge, welcher der Tod des Doktors die meiste Veränderung bescherte.

 

Im Keller hatte sie die Backbücher ihrer Familie zusammengesucht, seit Wochen alle möglichen und scheinbar unmöglichen Rezepte ausprobiert, Edgar aus Biesenthal, Frau Gleisen und der völlig überforderten Tilly mehrstöckige Torten und simple Teigknödel überreicht. Alle drei brauchten ihre Zuneigung, ob im Brandenburger Garten oder auf den Stufen der Wohnung am Märkischen Ufer. Maren hatte keine Zeit zum Suchen, fand sie sich tagein tagaus bei ausgemachten Treffen oder spontanen Besuchen. Hennes hatte längst die Übersicht verloren, wann er Maren zu Gesicht bekommen konnte. Wartete zu Hause, häufig zusammen mit Valentina, die in ihrer Wohnung kein Auge zu bekam – von ihrem Kind ganz zu schweigen.

“David, einer fehlt. Hast du etwas von Matthew gehört, kommt er denn noch?”

Das Schulterzucken und Kopfschütteln war Antwort genug. Er war froh, dass Hennes keine zusätzlichen Fragen stellte. Ja, er wünschte sich geradezu, Matthew Porter heute nicht mehr zu sehen. Ihn nicht mehr plötzlich beim Aufwachen neben sich aufzufinden, bei Nacht und Nebel irgendwo abholen zu müssen oder im Hausflur zu überreden, den Ärger mit den Nachbarn ruhen zu lassen.
Ein spezielles Anliegen schwebte so lange schon über ihm, dass er Matthew heute ansprechen müsste, würde er ihn sehen.

Maren Kluge verteilte Erinnerungskarten zu allen Seiten, schön gedruckt und geschmackvoll gestaltet. Heute war Doktor Nebel mehr zugegen als an allen bisherigen Treffen zusammen. Mathilde war drauf und dran, ein Lied anzustimmen, doch Wolter hielt sie vorsichtig davon ab. Erst am Vortag hatte Frau vom Felde etliche Stunden voll von Nostalgie verbracht, in Erinnerungen gewühlt und gegen die nie gänzlich versteckte Angst vor dem Tod gekämpft. Wolter war mit seiner Person um Ablenkung bemüht.

Gegen den anhaltenden Lärm von draußen wären sie allesamt nicht angekommen. So stand Sarik unerwartet auf, sehr zur Überraschung seiner Frau, und setzte zu bedächtigen Worten an. Das schien überlegt, nicht aber inszeniert. Ein Alarmsignal zerschnitt das Vorhaben und hastige Stimmen vor der Wohnungstür riefen, alle hätten sofort das Haus zu verlassen. Hatte Mathilde noch eben Handtücher auf allen Fensterbänken verteilt, um den beachtlichen Regen fern zu halten, winkten die Reinerts nun die Gesellschaft aus dem Wohnzimmer. Das passte zeitlich zu gut, war das Schwesterngespräch zuvor in eine Richtung verlaufen, die Claudia als unangenehm empfand, erkannte sie in Barbaras Unterton niemanden geringeres als ihre Mutter.

 

 

Der Keller war nur einer von unzähligen, die in kürzester Zeit vollgelaufen waren, ebenso sprangen Menschen ängstlich aus anliegenden U-Bahnschächten und reihten sich Busse bewegungslos bis zur nächsten Kurve.
Valentina schloss die Augen, hielt ihre kleine Anne unter der Strickjacke fest an sich, während alle anderen mit Schirm und Kapuze im Hofgang nach Unterschlupf suchten und das Auseinanderhalten von Demonstrierenden, Polizei und Rettungssanitätern kaum noch möglich schien. Alexander rief immer wieder nach seiner Freundin. Frietjofs Blick hatte an Zorn zugenommen, doch Valentina blieb im Wasser stehen und reagierte auf nichts von alledem. Sie hatte sich mit ihrer Rolle arrangiert, doch war erbost, wie wenig feinfühlig der eine und wie wenig eigeninitiativ der andere Freund ihr seit der Geburt entgegen trat. Für sie wurde es zu einer Bestätigung. Eine Bestätigung dafür, dass alles Zurückliegende nur unverbindliches Vorspiel war. Sie waren da, immer wieder und sicherlich auch frei von Pflichtempfinden. Davon abgesehen taugten sie kaum als motivierende Partner und Hilfe. Waren im Licht des jungen Mutterseins nichts weiter als kleine Jungs, denen die altgewohnte Aufmerksamkeit zu sehr von Anforderungen übertönt wurde. Welch eine Enttäuschung.
Schmerzhaft und totalitär wurde diese akute Erkenntnis durch ein Erlebnis, mit dem sie zum heutigen Treffen gekommen war. Angetippt wurde sie von hinten, nachdem sie versuchte, ihren mehrmals gerufenen Namen zu überhören.
Der Tag würde kommen, dessen war Valentina sich bewusst. Die Stadt war auch bloß eine Sammlung von Ortschaften. Sie erkannte Manon, drehte sich um und flüchtete hinter einen Transporter, der in ausgerechnet diesem Augenblick ausparkte und Manon die direkte Sicht auf Valentina ermöglichte. Der Moment schmerzte. Da half nicht das eigene Kind am Körper, nicht Lärm und tiefe Wolken. Ertappt fühlte sich Valentina, ganz nackt und ausgeliefert.

Währenddessen hangelte sich Matthew von Bar zu Kneipe. Verließ meist vor der Diskussion, bestellte Getränke gehörten auch bezahlt und nasse Kleidung nicht unter dem Tresen ausgewrungen, das jeweilige Lokal und fluchte in die vollen Gassen.
Er musste schon zweimal schauen, als er Valentina abwechselnd laufen und stehen sah, die mit der großäugigen Anne sprach und zeitgleich eine Polizistin abwies. Die bekannte Truppe in Sichtweite blieb Matthew verborgen, so bat er, sie solle doch mit ihm kommen. Meinungsfrei folgte Valentina. Mehr und mehr stank es nach Abfluss und veränderte sich das strömende Wasser zwischen Bordstein und Baustelleneinfahrten. In anderen Stadtteilen konnte man gewisse Unterführungen nur noch schwimmend durchqueren, junge Leute warfen jubelnd mit Glitzer um sich, sangen ironische Lieder, wieder andere feuerten Matthew und Valentina von einem Autodach aus an, der Feuerwehr den Weg zu versperren. Sie rannten in einen Hauseingang, dessen Tür offen stand.

“Es geht ihr gut. Sie ist Aufregung gewohnt. Ich sollte sie aber bald umziehen. Hörst du mir zu?”
Da trat eine Frau in den Flur, war scheinbar kurz zuvor aufgewacht. Sie schaute an den beiden vorbei, um sich des Trubels zu vergewissern. Das ernste Gesicht wurde bald besorgt, als ihr die durchnässte Anne auf Valentinas Schoß auffiel. Wenn die Schuhe auf dem Abtreter gestellt würden, dürften sie sich bei ihr abtrocknen. Recht war Matthew das Angebot weniger, war ihm die kratzig-spröde Art der Unbekannten zuwider. Für ihn klang jedes ihrer Worte wie ein Vorwurf. Er wartete darauf, noch für das Unwetter verantwortlich gemacht zu werden, nachdem er mit halbem Satz als schlechter Vater tituliert wurde. Valentina hingegen hörte nicht zwischen die Zeilen, bedankte sich im Badezimmer zum dritten Mal bei der Frau, die noch immer deutliche Abdrücke ihres Kissens auf einer Gesichtshälfte trug, während das Radio vergessene Schlager spielte.

“Wir können uns nicht in die Stube setzen, da wurde gemalert. Die Küche ist eng, aber für Sie reicht es. Möchten Sie ein Taxi bestellen? Quatsch, es fährt ja nichts. In einer Stunde bekomme ich Besuch, bis dahin können Sie bleiben, es gibt Leitungswasser.”

Matthew hielt das Kind, während Valentina sich die Haare föhnte. Er betrachtete sich das junge Stück Leben, sein Kopf dröhnte leicht und sprach Valentinas Baby an, als die Frau den Raum verlassen hatte.

“Wollen wir tauschen? Was sollst du da jetzt sagen. Ich würde es sicher auch nicht wollen. Genieß die Familie, solange es eben geht. Irgendwann möchtest du vielleicht auch mit jemandem tauschen, wenn die Probleme größer werden als du selbst. Ich hör’ schon auf, deine Mama kommt.”

 

 

Eine halbe Stunde später – Valentina hatte Matthews zunehmend lautere Stimmlage mit jeder neuen Frage kaum wahrgenommen – stand die Mieterin hinter den beiden und forderte ihn auf, die Wohnung zu verlassen. Wie aus heiterem Himmel zeigte sie Richtung Korridor, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie sich unwohl mit ihm im Haus fühle und Valentina ihren Umgang überdenken solle. Er wurde grantig, hoffte auf Valentina, doch die sagte nichts und blieb ruhig an der Tischkante sitzen.

David Massari stand in der Küche, hatte soeben noch mit seinem Cousin geschrieben und trank bereits an der zweiten Wasserflasche. Er warf seine nasse Kleidung in die Waschmaschine, während er eine monotone Stimme vernahm. Sie kam aus seinem Zimmer und war ihm bekannt. Zur Seite gedreht lag Matthew auf dem Boden und sprach mit geschlossenen Augen. Einerseits traf David das Bild wie jedes ähnlich seltsame der vergangenen Monate. Dann wiederum kam eine Wut in ihm auf, die erst leicht köchelte, bald aber seine Arme ausstrecken ließ und den Schlafenden schütteln ließ. Er solle aufwachen, sein Zimmer verlassen, seine Probleme in den Griff bekommen und sich überlegen, wie und ob das hier so weitergehen solle. Matthew war längst aus dem Traum erwacht, hatte eine von Davids greifenden Händen an seiner Schulter beobachtet.

“Bin ich dir so sehr im Weg? Ich war zufällig in deinem Bett eingeschlafen. Ja, ich zieh’ die Schuhe aus, du magst das nicht.”

“Das ist es doch eben. Alles ist zufällig, ständig wird etwas vergessen, woran wer auch immer schuld ist. Es gibt Ausreden und Erklärungen, aber mit all dem passiert nichts. Es gibt keine Konsequenzen. Muss ich die für dich ziehen?”

Erschrocken setzte Matthew sich im Bett auf, blickte zu seinem Mitbewohner, den er in einer derart angespannten Verfassung bis heute nicht erlebt hatte.

“Was soll ich denn tun? Ich bin dir so dankbar, das weißt du.”

“Bitte lass’ meine Familie in Ruhe. Ich habe es mir lange überlegt, aber nun behalt’ ich es nicht weiter für mich. Mein Vater hat sich gemeldet. Er ist verwundert über die Anrufe, meine Mama über die vielen Mails und Postkarten. Es freut mich, dass du meine Familie so ins Herz geschlossen hast, sie irgendwas mit dir gemacht haben, seit ihrem Besuch. Aber es ist eben meine Familie, meine Eltern. Dieser Kontakt, diese Nähe von dir, die ist aufdringlich und unpassend. Du musst das unterlassen, wirklich.”

Mit dem Paar nasser Schuhe in den Händen stand Matthew vor David, musste schlucken und sich die Locken zurecht schütteln.

“Ich wusste nicht, dass es zuviel ist. Das hört auf, ich verspreche es. Ich wollte niemanden beleidigen, David, höchstens nett sein. Ging das nur von mir aus? Ich würde eben so manches geben, um diese Familie zu haben. Soll ich gehen?”

Dazu konnte Matthew nichts sagen. Er fühlte sich mit einem Mal erleichtert und befreit in einem und sehnte die Minute herbei, in der sich Matthew freiwillig verabschieden würde. In jener Szene im Flur, mit Matthew als einen wehrlos Geschlagenen, der orientierungslos die Zimmer abging, wurde David geradezu von einem schlechten Gewissen umzingelt. Er konnte die Sätze nicht zurücknehmen, die Wut nicht ungeschehen machen. Birko trottete David müde entgegen, schnalzte mit der Zunge und blieb vor ihm stehen. Nichts außer Wetter und Demonstrationen.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas