Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Februar

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Februar

Die Sonne tat sich seit Wochen schwer, hielt sich von der Stadt fern, übte sich in Abstinenz, vergnügte sich vielleicht mit der Sehnsucht der Menschen. Für Mathilde vom Felde war jeder Ausflug, unabhängig von Wetter und Tageszeit, ein langwieriges und gut erdachtes Projekt. Sie verweigerte die Hilfe ihrer Familie seit Jahren schon, was zu elenden Diskussionen führte und zu halben Brüche mit den Kindern und Geschwistern. Sie war des Geredes satt, dass sie immer mit der wiederholten Erkenntnis zurück ließ, alt, eingeschränkt und der fremden Pflege nah zu sein. Gerade war sie mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren, hatte ihre Tasche nach Geld und Tabletten kontrolliert, da fielen ihr die kalten Oberschenkel auf, hatte sie die Decke für die Beine vergessen. Im selben Moment erkannte sie auf der anderen Straßenseite schon Walter, der ihr freudig zuwinkte. Einer Umarmung am Bordstein wich sie im besten Falle aus, war sie aber froh, mit Walter eine bisher unabhängige Konstante gefunden zu haben. Sogleich fiel ihm das Zittern Mathildes auf, schüttelte mit dem Kopf und griff sich den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handfläche, um etwas Wärmendes aus der Wohnung zu holen. Sie wollte ihn soeben noch abhalten, rief ihm nach, da hatte er schon die Treppenstufen erreicht.

Er war einmal nur bei ihr gewesen, durfte aber die Türschwelle nicht übertreten. Es würde nach gestürzter Suppe riechen, der Geruch wäre hartnäckig und unschön für Fremde. Letztes Wort ärgerte ihn dabei am meisten. So trat er nun in den Korridor und bestaunte den schönen Schnitt der Wohnung, bald aber die gut gewählten Möbel und vor allen Dingen die Kunst an den Wänden, die kaum noch Platz für die Tapete ließ. Edel, natürlich überproportional, doch mit der Klasse von einst.

“Nun komm’ schon, Walter. Du hast alles gesehen, nimm die Decke vom Sessel und dann sollten wir los.”

Sie sprachen nicht darüber, doch Walter ärgerte sich, in Mathildes Heim eingedrungen zu sein. Ein Schritt, der zu früh gewagt erschien.

“Du fühlst dich hoffentlich nicht anders. Es ändert nichts. Das, was da oben hängt und steht, ist alles nicht mein Geld, das magst du mir glauben. Mein Mann hatte es gerne prunkvoll und hübsch. Er hantierte viel mit Wertpapieren, aber interessiert hat mich das nie.”

 

Walter schob Frau vom Felde in der bekannten Geschwindigkeit, doch anders fühlte er sich tatsächlich, in Gedanken fast klein und unpassend. Mathilde versuchte ihn abzulenken, zeigte auf den gewünschten Weg durch die Hasenheide. Sie wäre gerne dort, solange es noch hell sei und der Boden glitzerte. Der Park war gut besucht, Eltern ließen ihre Kinder über den Schnee jagen, eine Dame hatte Probleme sich zu halten, ob der glatten Wegflächen. Mathilde schmunzelte sich eins, bedachte dabei aber nicht die Vorsicht, mit der Walter seit Hunderten von Metern den Rollstuhl betätigte. Mit einem Taschentuch vor dem Mund wurde sie müde, döste kurz weg, sprach dann zwei halbe Sätze, um schließlich erneut zur Seite zu fallen.

Die Ruhe der Parkwege war dahin, als sie fragend die Straße auf und ab fuhren. Mathilde wollte sich die Adresse merken, Walter hatte sie sich auf seinem Telefon gespeichert, tippte überfordert, ohne die Notizen wiederzufinden. Beide waren sauer auf sich selbst, ihnen war kalt, das Frühstück lag schon Stunden zurück und sie kamen sich bald hilflos vor, wie sie die Klingelschilder der Häuser nach dem Namen Reinert absuchten. Da tippte Valentina den Herren mit Schweißperlen auf Stirn und Hals vorsichtig an, begrüßte ihn und Frau vom Felde in einem Zug. Sogleich tauchte auch Alexander hinter einem unverschämt parkenden Auto auf und grüßte in Handschuhen.

Barbara hatte alle Hände voll zu tun, mit dem Kaffeekochen hinterher zukommen. Matthew und David plauderten erst an der Garderobe, anschließend in der Sitzecke, während die Wächters Alltägliches thematisierten, keiner der Gesellschaft aber Interesse daran zeigte. Gerda nahm den ruhigen Faden ihres Gatten auf, um mit dem Löffel in der Schlagsahne die anderen zu übertönen.

“Ich habe mein altes Haushaltsbuch gefunden. Es ist ein Wahnsinn, wenn ich mir die Preise und Ausgaben von 2005 anschaue und mit heute vergleiche. Jaja, man soll es nicht tun und die Entwicklung bedenken. Aber nein, Frietjof, du brauchst nichts sagen, ich nehme nicht alle Veränderungen wortlos hin.”

“Das bißchen Leben” hätte Frietjof am liebsten maulig über die Tafel geworfen. Die gleiche Überschrift gab er der vergangenen Woche in seinem Tagebuch. Er hatte sich beeilen müssen und war seit dem Morgen schon in schlechter Stimmung. Außerdem winkte er jede Aufmerksamkeit ab, war gar froh, Alexander und Valentina weit neben sich platziert zu sehen.

Claudia sprang zwischen Küche und Wohnzimmer auf und ab, rief ihrer Schwester einzelne Anordnungen vor die Fensterscheibe der Durchreiche.

 

 

Birko betrachtete das Aquarium seit einer halben Stunde schon, gestreichelt von Walter. In jenem Moment, als alle von den einfallenden Sonnenstrahlen überrascht wurden, trat Hennes mit einem Kuchen an den Tisch, der für das kürzliche Geburtstagskind bestimmt war. Es wurde applaudiert und gelacht, doch Frietjofs Unwohlsein war nicht gespielt. Gerda blies für ihn die Kerzen aus, während Maren zu einem Geschenk auf den Eckschrank zeigte.

“Ihr seid alle recht lieb, das kann ich nicht leugnen. Doch ich habe um wenig Aufsehen gebeten und nun das. Erfreut ihr euch eurer Geburtstage und so weiter, doch ich kann es in diesem Jahr nicht. Zwingt mir nichts auf, woran mir nichts liegt.”

Geplante Umarmungen oder Wangenküsse waren dahin. Doktor Nebel schaute über seine vom Kaffeedampf beschlagene Brille, hatte Schwierigkeiten mit dem trockenen Kuchen und wurde vom Platznachbar Alexander auf den Rücken geklopft. Sarik fragte, ob dies heute tatsächlich der letzte Besuch des Doktors bleiben würde. Niemand lachte.

“Wisst ihr, dass ich es heute getan habe?”

Alle Augen wandten sich David Massari zu, der sich an den Heizkörper stellte und auf seine Hausschuhe blickte.

“Es war nicht geplant, aber zu glatt und ich zu knapp dran und es schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein. Die Sache an sich war nicht komisch, nur dass niemand von euch dabei war, das hatte etwas Unangenehmes.”

Manche nickten ihm zu oder stellten sich taub. Maren Kluge musste aus dem Zimmer gehen, hatte sie es nämlich auch erst vorgestern heimlich versucht und dabei versagt. Claudia schnitt den noch nicht aufgetauten Kirschkuchen in vierzehn Stücke, bat ihre Schwester um etwas Musik im Hintergrund und fiel in ihrer Rolle als nervöse Mitgastgeberin erstmals auf. Die Jacken und Schuhe, die im Flur wahllos hingen oder lagen, waren ihr seit einer Stunde schon ein Dorn im Auge, von den sich stapelnden Taschentüchern in Mathildes Schoß ganz zu schweigen.

 

 

 

 “Was wird denn dort drüben gebaut? Der Autohandel ist verschwunden, richtig?”

Frau vom Felde bekam keine genaue Antwort, spekuliert werden würde zum Thema Baugewerbe in der Stadt schon ausreichend genug. Bald standen Hennes und David vor dem Haus, liehen sich gegenseitig Zigaretten und traten in der Kälte von einem Bein auf das andere.

“Meine Eltern kommen mich in Berlin besuchen, das erste Mal. Sie wollen den Anschluss nicht verlieren, sagen sie. Im Grunde machen sie sich wohl Sorgen.”

“Erzähl’ das bloß nicht Matthew, der bringt ja fast kein Wort mehr raus.”

“Das siehst du falsch. Wir haben darüber gesprochen, gerade eben. Das ist doch kein Wettbewerb, Hennes. Im Leben geht es dummerweise immer um die eigenen Eltern, egal ob sie einem dafür Gründe schenken oder es sie überhaupt gibt.”

Hennes legte einen Arm um David, entdeckte er sich manchmal selbst in dessen Gedanken. Der hatte ein Plakat an der Litfaßsäule im Auge: “Du bist dir selbst am fernsten.”

“Glaub’ mir, sobald ich meinen Eltern die Geschichte erzähle, und ich war drei-viermal ganz kurz davor, werden sie mich nicht mehr loslassen. Therapie, Sitzungen, Arbeitsverbot – die ganze Palette. Sie könnten nicht anders. So ängstlich sie sind, wissen sie nicht, dass man auch ohne akademische Hilfe durchkommt.”

Während Doktor Nebel zum zweiten Mal um das Abstellen der als grauslich empfundenen Musik bat, ging Barbara inmitten innerer Anspannung einmal um den Tisch, um überflüssiges Geschirr einzusammeln. Bei Valentina blieb sie schließlich stehen, fuhr ihre rechte Hand aus und war kurz vor dem Berühren des dezent gewölbten Bauchs. Valentina warf ihre Haare in den Nacken und hoffte auf Stillschweigen, womit Barbara Reinert nicht dienen konnte.

“Valentina, ich freue mich für dich, vielleicht auch für euch alle. So ein Geschenk kann einem niemand nehmen. Zwei Väter hätte ich mir immer gewünscht, dafür hatten wir eine unzufriedene Mutter, tja.”

Alexander blieb der Mund weit offen stehen, Frietjof musste sich räuspern und suchte Valentinas Blick vergeblich. Die atmete tief durch, schob die Serviette auf den Tisch, verließ den Raum und legte sich im Gästezimmer neben Maren, die sich längst ein Buch gegriffen und die Runde nebenan mutmaßlich vergessen hatte. Valentina selbst war sich noch nicht im Klaren darüber, ob die Neuigkeit mit Freude einher gehen sollte oder doch die Skepsis zu tragen hatte, die ihrer Beziehung zu Frietjof ohne Pausen anhaftete. Sogar in all ihrer Unsicherheit hatte sie etwas Edles. Maren gab ihr ein Kissen ab und schloss die Augen.

“Bevor das falsch aufgefasst wird oder mir nachher komische Nachrichten geschickt werden – nein, ich wusste es nicht, aber ja, ich freue mich für Valentina. ”

Alexanders Kopf war rot und heiß, vor und auch nach dem Satz. Er hätte noch anhängen können, dass er sich nur und ausschließlich für sie freue und letztlich hoffe, jemand würde sich nach dem Treffen bei ihm melden, um seine Sicht auf die unausgeglichene Beziehung einmal offen aussprechen zu können. Frietjof war ihm mit seinem Wunsch nach Gleichberechtigung in alle Richtungen einem Fisch ähnlich, den man niemals greifen könne, der einem immer auf’s Neue glatt und geschmeidig aus den Händen geraten würde. In all der Aufregung hatte Alexander die obligatorische Insulinspritze aufgezogen im Badezimmer liegen lassen. Als er sich zu Birko kniete und den wackelnden Hundeschwanz verfolgte, wurde ihm mit einem Mal schwummrig im Sichtfeld. Es drückten die Schläfen und stockte die Atmung. Ob wahr oder nicht, er sah Valentina mit Frietjof vor sich, wie alle fast in Reihenfolge den beiden gratulierten, nach Hochzeit fragten, nach einer größeren Wohnung, nach einer Laube im Grünen. Alexander hielt sich die Hände. War ein Kind Teil der Abmachung oder das Kleingedruckte, das er nie gelesen hatte? Wie viel Bereitschaft für das Unsichere und jede Veränderung hatte er selbst zu geben? Schneeflocken tauchten vor seinen Augen auf und er fiel mit dem Kopf nach vorne über.

Der Rettungswagen benötigte keine drei Minuten Anfahrt, vielleicht zehn, bis dieser Alexander in die fast fußnahe Klinik gebracht hatte, die er im ansprechbaren Zustand niemals hätte anfahren lassen. Weil Frietjof zwischen Überforderung, der im Raum stehenden Valentina und schlechtem Gewissen pendelte, begleitete schließlich David Massari spontan den Patienten.

Während Barbara Reinert zusammen mit Gerda den Abwasch zu bändigen begann, flüsterte Mathilde dem still gewordenen Walter zu, nach Hause zu wollen. Die Situation hatte sich überholt, telefonierte Sarik seit einer halben Stunde schon lautstark im Zimmer mit einem Arbeitskollegen, derweilen der Doktor dem fragefreudigen Matthew erklärte, was der Hintergrund für Alexanders Zusammenbruch sein könnte. Das Gespräch verdient es nicht, weiter beachtet zu werden, kämpfte Herr Nebel mit seiner Schwerhörigkeit, die ansonsten als gutes Alibi für manches her hielt und Matthew gegen die unzähligen Fachwörter an, die in seiner Welt wie ausgedacht klangen.
Mathilde rief zum Abschied ein flaches Dankeschön, das passend verhalten seine Antwort erhielt. Die drei Stufen schaffte sie ohne Hilfsmittel, stützte sich an Walter ab und zückte vor dem Hauseingang eine Zigarette, die erste des Tages, wie sie vor Walter deutlich betonte.

“Brauchen wir das hier noch immer, Walter? Ich bin ratlos. Ja – “Keiner steigt aus, wenn es nicht alle tun” – so sagen wir. Im Grunde sagt es niemand mehr, es passiert nichts, sie bereden Dinge, die meinen Frisör langweilen würden. Alle essen lange, weil sie überfordert sind, sich wirklich mit den anderen auseinander zu setzen.
Hach, und doch steigt keiner aus. Aber vielleicht muss ich das für mich überdenken, vielleicht genügst du mir.”

Sagte Mathilde, während Walter das Gesicht zu zittern begann. Er strich ihren Arm, fuhr sie durch den nun schlecht beleuchteten Park. Wenige Meter vor ihrem Haus drehte sie den eigenen Kopf hinter sich. Sie schüttelte die Beindecke vor sich aus, bedankte sich bei Walter. Der trat einen Meter der Haustür entgegen, worauf Mathilde ihn von unten her skeptisch beäugte, bloß ihren Dutt schüttelte und kurze Zeit darauf den Fahrstuhlknopf betätigte. Walter glitt in seine Jackentaschen, hatte er die Handschuhe bei den Reinerts liegen gelassen, schniefte sich die feuchte Kälte in die Nase und verließ den Ort bald mit eben jener Leichtigkeit, mit welcher er am Nachmittag gekommen war. Leicht darum, weil er innerlich bereit war, sich nun auch für Wochen in Abstinenz zu üben und mit der Sehnsucht eines Menschen vergnügen würde.

 

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas