Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Januar

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Januar

 

Es rotiert das Gefühl der Wiederholung.
Es bleibt dabei – die Morgende beginnen schwarz. Und dennoch herrscht die Hoffnung, die dem Neuen nahe steht und der Erwartung die Stirn bietet.

Hennes Wagenrot ist sich seiner Person bewusst, dem Ende seiner Karriere, weniger durch Alter als falschen Worten in richtigen Situationen, auch dem Hang zu Schlaf und Fisch und seiner Frau. Maren sieht in ihm noch immer diese Figur, der die großen Möglichkeiten verwehrt bleiben wird, solange die Struktur des Alltags ihn bindet.
Das Haus, das mehr Treppenstufen als Geschirrstücke zählt. Die Bekanntschaften, die weniger Gemeinsamkeiten denn sonderbare Streitthemen ihr Eigen nennen.
Die Kinderlosigkeit, die dem gesprochenen Tabu versprochen ist.

Hennes sah zu, wie Maren sich schwer tat, die Entscheidung zwischer violetter Brosche und überlanger Halskette zu fällen. Der Hocker am Spiegel hatte eher dekorative Aufgabe, heute jedoch nutzte sie ihn für Telefonate mit der Stiefmutter, dem groben Verfassen eines Kündigungsschreibens und der Vorbereitung auf einen Abend in gewohnter Runde. Sie spürte die Augen ihres langjährig Verlobten zu gerne im Türrahmen, die wortlosen Beobachtungen erfüllten sie mit dem Gefühl, nichts von der frühen Anziehung verloren zu haben. Dabei hatte ihr das letzte Jahr einen Streich gespielt, quasi übel mitgespielt. Das tatsächliche Alter holte sie inzwischen ein und malte Furchen an ihre Schläfen, trockene Haut auf ihren Ausschnitt.
Der Mann hinter ihr hatte keine Furcht vor Worten, die Zuneigung bestätigten oder Gesten, die für Außenstehende kaum sichtbar blieben. Maren zog die Vorhänge zu, ein farbenfrohes Kleid an und Hennes direkt neben sich an die Bettkante. Die Umarmung war echt, die Schwere wieder neu.

Die Taxifahrerin fuhr einen Umweg, der dem Paar auf dem Rücksitz nicht verborgen blieb. Sie versuchte sich zu erklären, raunte etwas von Umleitungen und einem elend langen Arbeitstag. Maren nickte mit dem Blick zum Fußweg hin. Sie spürte ihren schon jetzt verbrauchten Atem. Verblüfft und negativ angetan hatte sie das Putzen der Zähne vergessen, aber ein Pfefferminzbonbon zur Hand.
Während Hennes das Fahrgeld großzügig nach vorne gab, winkten Gerda und Sarik bereits vom Tor herüber. Das Licht brannte auf allen drei Stockwerken. Die Laune im lang-schmalen Speisezimmer war den Januarwochen gegenüber ausgesprochen gut. Niemand machte den zurückliegenden Adventstrubel zum Thema. Die Weihnachtsfeiern von Büro oder Abteilung blieben unerwähnt. Dabei hätte die Hälfte der Anwesenden ausschweifend von Feierabenden in Einkaufspassagen oder den unklaren Plänen der Angehörigen berichten können. Doch all die Sterne und Leuchtröhren lagen wieder in den Kellern oder auf den Dachböden der Gesellschaft und man nahm das neue Jahr an, wie eine gute Bekanntschaft in spe. Der Durst hielt sich mit dem Hunger die Waage, die politischen Schlagzeilen konnten mit den Neuigkeiten der Stadt mithalten und überhaupt war die Ausgeglichenheit am Tisch, mit seinen vierzehn Gedecken, ein Trost für Maren und Hennes. Zur Verwunderung aller hatte nicht die Älteste an der Stirnseite Platz genommen. Mathilde war des präsenten Stuhls überdrüssig und tauschte ihn noch vor dem Essen mit Matthew, dem neuesten Mitglied der Runde. Aufgeregt beäugt vom Golden Retriever Birko, dessen Schnauze Achterbahn fuhr.

 

 

Frietjof hatte sich geradezu herausgeputzt, wohlweislich um das Thema seines anstehenden Geburtstages, eine Schnapszahl wohlgemerkt, in die korrekte Richtung zu lenken. Er hielt oberhalb der Tischdecke Händchen und Augenkontakt mit der strahlenden Valentina zur einen Seite, verdeckt im eigenen Schoß die Finger von Alexander, der schon eine ganze Stunde vor dem Haus der Familie Wächter gewartet hatte – aus Angst, nicht pünktlich zu erscheinen.
Maren war gerade dabei, sich aus ihren Absatzschuhen zu lösen, als Doktor Nebel sich neben seinen Stuhl stellte und die allgemeine Aufmerksamkeit abwartete. Unsicher stand er da, verdeckte dies aber mit dem losen Nicken zu den heutigen Gastgebern Sarik und Gerda, außerdem mit einem Grinsen, welches die Größe seines Mundes offenbarte. Das Zittern an der Tischkante war ehrlich, die plötzliche Ruhe im Raum die passende Kulisse.

“Es ist schön euch alle zu sehen. Einmal noch.”

Daraufhin ließ er sich in den Stuhl fallen und trank aus dem Glas Rotwein. Dem Doktor war nicht aufgefallen, dass das Essen noch fehlte, genauso wenig wie David Massari, der heute erstmals für die Verköstigung verantwortlich war. Bis es im gleichen Moment an der Tür läutete und besagter David mit drei großen Servierplatten beladen seinen Applaus erhielt.
Die Worte des Doktors waren nicht vergessen, verteilten sich aber in der noch immer anhaltenden Begrüßung, dem Aufstehen und Schulterstreicheln der Anwesenden. Die Reinerts zeigten unauffällig auf Davids Schuhe, die innerhalb der Wohnung nichts zu suchen hatten. In jedem Falle nicht, wenn sie so sehr das Unwetter bewiesen.

Fisch in allen Formen, Farben und verschiedenster Herkunft befand sich bald inmitten der üppigen Dekoration und ließ den Duft einer Hafenstadt zu. Das Essen verlief gewohntermaßen still und konzentriert, nur Frietjof gab Fragen zu Tisch, die beim vergangenen Termin schon für Unstimmigkeiten sorgten und erst durch Valentinas wiederholtes Niesen beendet wurden.

“David, ich esse das erste Mal seit dreizehn Jahren Fisch. – Nein,keine Sorge, das passiert freiwillig und ich muss zugeben, ich habe all die Zeit nichts verpasst.”

Die meisten lachten, wussten sie doch, dass Sarik bloß eine Retourkutsche ausfuhr, die sich auf den letztjährigen Abend der Süßspeisen bezog. Der Verantwortliche für Fisch und Gemüse schmunzelte in eigener Sache, hatte er sparsam vorgehen wollen und am günstigsten Stand in der Markthalle reserviert, mit der Hoffnung auf allgemein oberflächliches Wissen beim Verzehr von Meerestieren. Vorsichtig schaute er die Runde ab. Hennes hatte einfach Hunger, half Maren noch aus, während Frau vom Felde den billigen Braten gerochen und geschmeckt hatte, aber kein Wort sagte und sich im Rollstuhl kurz zurückzog.

“Sie geht rauchen, Wie immer, sie wartet nicht, sondern verschwindet ohne Rücksicht auf die anderen. Mathilde mag ein Unikat sein, wie ihr alle sagt, unverschämt ist sie dennoch.”

Claudia Reinert stieß ihre unmerklich jüngere Schwester Barbara kurz an, wusste sie um den Stand der Kritisierten.

“Lass’ sie doch, wenigstens riecht man es nie, wenn sie wiederkommt. Das hat sie drauf.”

Barbara verdrehte innerlich die Augen und überging Walters Einwurf. Alexander fiel das Besteck aus der Hand und kroch unter den Tisch, wo Birko längst auf Essensreste hoffte. Auf Knien betrachtete er die körperliche Nähe seines sogenannten Partners Frietjof zu dessen Erstfreundin Valentina. Eifersucht und Neid hatte unter der Tischplatte nichts zu suchen und so stieg er zurück zur Gemeinschaft, bei der neu befüllte Gläser zum Anstoßen bereit standen. Matthew hatte mit dem ruppigen Getränk zu kämpfen, was von Gerda sehr wohl erkannt wurde. Sie brachte also eine weitere Flasche zu Tisch, die sich angeblich weniger pelzig an den Gaumen legte.

“Maren, was ist? Du schaust so unglücklich. Gibt es Neuigkeiten von deiner Abteilung?”

Ein Novum, vor allen nach beruflichen Hintergründen zu fragen. In Gerdas Traum nannte jemand Unbekanntes die Runde einen Wettbewerb gescheiterter Existenzen, was weniger übertrieben als gelogen wäre. Das war nicht der Grund ihrer Treffen. Erfolgreich schienen sie seltsamerweise allesamt in ihrem Metier und gegebenem Umfang, mittlerweile.

“Danke der Nachfrage, Gerda. Ich habe die Kündigung quasi fertig. Du sprichst seit zwei Jahren davon, jetzt hab’ ich’s getan. In Ordnung?”

Die Hausbesitzerin fühlte sich unwohl, wollte sie Maren keinesfalls vorführen, hatte es zumindest nicht wissentlich im Sinn. Doch die Rollen von einst waren inzwischen vertauscht. Jede Leiter hat irgendwann eine letzte Stufe, und damit kann man umgehen oder eben nicht. So oder ähnlich dachte Gerda längst über Maren Kluge.

Warm wurde es im Zimmer, Alle atmeten viel und hörten Matthews Erzählungen vom Urlaub in der Heimat. Die Atmosphäre vor Ort, die Diskussionen in der Familie und den Streit mit seinem Vater ließ er aus. Waren dessen Worte so grob und endgültig, dass er den Gegenwind Gerdas und der Schwestern voraus fühlte, genau wie von Mathilde, die inzwischen mit einem Brandy an den ausschließlich hübsch zu betrachtenden Kamin heran fuhr und dem mehr und mehr zerstreut sprechenden Matthew lauschte.

“Ich kann mir den Abschied gut vorstellen, Geschichten ähneln sich. Sie machen den Eltern Vorwürfe, beschuldigen sie der politischen Lage. Dann gehen sie fort und lassen sie mit dem Gesagten zurück. Entschuldigung, ich hörte nur das Ende, doch ich selbst weiß um die Schwere, zwischen den Kontinenten zu leben und zu richten. Wir können gerne noch zwei weitere Jahre das Titelthema lesen, in welchem uns der Riss in der Gesellschaft vor Augen geführt wird. Und gerne denke ich an die überforderten Eltern und Nachbarn, denen die verkommenen Normen vor die Füße geworfen werden, für sich und Sie aber nur das Beste wollen.”

Matthew schaute Mathilde an, als hätte er nur jeden zweiten ihrer Sätze erfassen können. Doch Walter kam in die Szene und reichte dem jüngsten der drei Porterbrüder einen dunklen Likör und zog sich einen Hocker neben den Rollstuhl. Mathilde vom Felde wischte sich Haare aus dem Gesicht. Sie war es, die Walter seit letztem Sommer als eine gute freundschaftliche Partie bezeichnete.

 

 

Alexander begann mit dem Abdecken des Geschirrs, er musste sich im Nachbarzimmer gleich seine Insulinspritze geben, während Doktor Nebel die Hände schützend über seinen halbvollen Teller hielt und Claudia dem Freiräumen flott beiwohnte.

Der Stuhl knarrte seit einer Stunde schon, so unterdrückte David sich jede Bewegung, bis Hennes aufstand und nach Zeichen Richtung Terrassentür mit ihm und dem soeben von Valentina gelösten Frietjof nach draußen ging. Das Gefühl von Sauerstoff schien notwendig. Der Nieselregen ließ sie sich an die Hauswand stellen und über die Lichter der Stadt blicken.

“Ich mag euer Konzept, es scheint schlüssig.”

Frietjof stellte sich zuerst taub, dann dumm, bald verärgert.

“Gut, wie es so scheint. Doch im Grunde ist es mehr als schwierig. Frag’ die beiden! – Tu’ es besser nicht. Alexander – so ehrlich darf ich hier sein – sieht sich ähnlich wie Valentina eher als eine Art Test an. Ob möglich oder unmöglich – ein Konzept gehört nicht dazu Und wenn doch, mag ich es selbst nicht.”

David versuchte mit seinem Rauch keinen der zwei neben ihm Stehenden zu treffen und war sich kaum sicher, ob seine Meinung hier Platz findet.

“Wer lässt sich schon gern als Zweitfreund bezeichnen? Beziehungen sind bei mir selten Charts oder innere Umfragewerte.”

“Wobei das das günstigste wäre, tatsächlich.”

Frietjof nahm seine betröpfelte Brille ab und sah zu Hennes hinüber, der dem Thema ein Ende setzte.

“Ich träume nicht mehr. Wer weiß, ob das gut ist oder zumindest der Anfang davon. Entschuldigt, es kam so raus.”

Doch die beiden Herren nickten ihm bloß wissend zu und hatten zeitgleich ein Rascheln im Busch vernommen, welches sich bald als Matthew entpuppte, der Birko für ein paar Meter im Freien begleiten wollte. Er hielt dabei den Schirm eher über das laufende Fell als über den eigenen Kopf, sprach dem Tier unverständlich zu und informierte den verstummten Dreier über eine kleine Dia-Reise, die im Wohnzimmer von Gerda und Sarik vorbereitet wurde. Die Backen halb aufgeblustert ließ sich Frietjof nun doch eine Zigarette von David geben und warf einen auf dem Steinboden liegenden Kleiderbügel ziellos in den Garten. Birko rannte mit einem Satz in die Büsche, gefolgt von einem abscheulichen Schrei. Die Gestalt dazu wankte abwehrend in das Laternenlicht und blickte hilferufend aufwärts. Matthew hatte den Hund aus der Ferne schon beruhigt und zu sich gepfiffen, die zu Tode erschreckte Frau kratzte sich ruckartig am Oberkörper, aus Angst vor Tollwut, Blut und Tierhaaren. David sprang über die Brüstung und stellte sich vor die Dame. Derweilen war Maren nach draußen gekommen und hatte die Fremde bald als ihre Taxifahrerin identifiziert.

“Erklärt mir doch bitte, was hier vor sich geht. Gerda wird ungemütlich, wenn wir nicht bald kommen. Und Sie, was machen Sie denn hier? Und weshalb schreien Sie so herum?”

Die Fragen waren der von allen Seiten beobachteten Frau sichtlich unangenehm, wie wohl die ganze Situation.

“Es tut mir leid, es ist alles ein Zufall. Nein, so stimmt das auch nicht. Wissen Sie, Frau Kluge, seit über einem Jahr fahre ich Sie nun mit ihrem Mann zu diesen Treffen. Es geht mich nichts an, das weiß ich sehr wohl. Ich dürfte nicht einmal auf diesem Rasen stehen. Doch jedes Mal, wenn ich Sie beide vor Mitternacht wieder abhole, sind Sie verändert. Mich hat die Neugier gepackt, vielleicht eher das Interesse. Ich wollte wissen, was der Grund für Ihre Treffen sein könnten. Wie alle gucken! Zeigen Sie mich jetzt an?”

Hennes stand nun neben seiner Verlobten und wartete ihre Reaktion ab. “Hoffen wir, das Interesse an ihren Kunden ist nicht chronisch. Ich schätze, Sie machen sich selbst mehr Gedanken über uns als die gesamte Gemeinschaft hier zusammen. Das sagt vieles aus, über Sie und die Runde hier. Ich darf Sie zum Abschied vielleicht einmal drücken und Sie dann bitten, mich nach Hause zu fahren.”

Während die letzten Urlaubsfotos auf die Leinwand projiziert wurden, waren Maren und Hennes schon wieder zu Hause angekommen. Ohne Verabschiedung, das kannten die anderen bereits, es rotiert schließlich das Gefühl der Wiederholung.

 

Text: Christian Ludwig
Fotografie: Saskia Kyas