JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: JULI

Sie waren kaum zu entziffern, mit ihrem Schwung und wechselnden Größen. Sie waren kaum zu verstehen, mit ihrer Geradlinigkeit und wiederkehrenden Aussagen.

Maren Kluge hatte den Brief, den sie nicht gleich als eine Antwort auf Ihre Post verstand, immer mal wieder zur Hand genommen, zur Seite gelegt und an diesem Morgen erneut auseinander gefaltet und mit dem Zeigefinger abgeglichen.

Sie hatte vom Absender geträumt, war zumindest mit seinem Bild im Kopf an die Bettkante gerutscht und zum Klavier gelaufen, um sicherzugehen, dass er dort nicht tatsächlich saß. Frau Kluge überkam das Gefühl, ihn sehen zu müssen, ein paar wenige Worte zu wechseln. Falsch, er könne ihr helfen. Unterbrochen von Hennes, der kurz in die Wohnung kam, nach einem Ersatzschlüssel für sein Fahrradschloss suchte, Maren im Lauf zügig über die Schulter strich und sie bat, den Abend nicht zu vergessen. Es war einer der drei Wochentage, an dem sie ihre freie Zeit nur für sich einplanten. Für mehr Verbindlichkeit und Gemeinschaft. Mehr Beziehung. Eingeführt und erbeten von Hennes, war es für Maren eine lieb gedachte Geste, die bisher eher eine holprige Umsetzung erfuhr. Was an beiden lag, doch keinen der beiden überraschte.

Die Straßen waren leerer als üblich, selbst der Lärm wollte dem Alltag nicht gleich ziehen. So lief Maren an Neubauten vorbei, die ihr fremd waren, über Umwege zum Märkischen Museum, an dem sie erstmals zu einer Pause Platz nahm und Steine aus den Schuhen sammelte. Eine Dame parkte zügig im Halteverbot, ging an ihr vorbei, kam zum Wagen zurück, verschwand erneut und hatte schließlich ein Handtuch um den feuchten Nacken gelegt, war wohl der bereits dritte Koffer zu verstauen. Als Maren aufstand, um Richtung Haustür des Doktors zu gehen, schritt sie parallel mit der Dame zum selben Ziel. Die drehte sich im Gang um und blickte Maren entgegen.

“Sie verfolgen mich. Könnte ich den Grund erfahren?”

“Ich schätze, wir kennen uns. Ich war auf dem Weg zum Doktor. Wohnen Sie nicht auch hier? Sie hatten uns doch damals empfangen, bei einem Essen. Erinnere ich mich richtig, Frau Gleisen?”

Das tat diese sehr wohl. Hatte Maren kaum wiedererkannt und doch auf ein Gespräch eingelassen. Zögerlich musste sie darauf hinweisen, Doktor Nebel hier nicht mehr antreffen zu können. Er hätte sich gegen die Stadt entschieden, für Ruhe und Grün. Maren verwies auf die Post, die sie erhalten hatte. Auf den dringlichen Wunsch, einige Sachen klar zu stellen.

Es war nichts zu machen. Weder bat Frau Gleisen an, ihr die neue Adresse vertraulich zuzustecken, noch zeigte sie auf den leeren Platz auf ihrem Beifahrersitz. Die Konversation wurde gekappt, Maren fragend stehen gelassen. Bis sie ein parkendes Taxi in der Ferne sah, zu dem sie sich gefühlt unauffällig hinstahl und den Fahrer bat, der Frau im Dieselwagen zu folgen.

 

Das war nicht mehr Berlin. Es roch nach Harz oder altem Grill, lieblich und herb. Der Taxifahrer hatte das Dachfenster geöffnet und mit dem Blick zum aktuellen Kilometerstand noch einmal nachgefragt, ob Frau Kluge tatsächlich weiter gefahren werden möchte. Das Auto vor ihnen hatte manche Schlenker eingebaut, einen Feldweg und ausgedehnten Halt hinter einer Bahnschranke. Maren trug Geld in der Tasche, wohlweislich ausreichend. Als sie von ihren frisch gecremten Händen aufblickte, sah sie ein Ortsschild, bald die Bremslichter vor sich, insbesondere aber Frau Gleisen, die anhielt und das Gepäck vor den Eingang eines Gebäudes stellte, das für eine Datsche zu groß und für ein gewöhnliches Landhaus zu massiv war. Eine Wehrmühle – wie der Fahrer vom Navigationssystem ablas. Ihm wurden Geldscheine, ein paar Bonbons und ein herzliches Dankeschön nach vorne gereicht. Dann verließ sie das Taxi und ging einen anderen Weg, um unerkannt zu bleiben. Der Moment war noch nicht der rechte.

Der Doktor saß auf der Wiese, die sich noch immer über das bißchen Wasser von letzter Nacht erfreute. In einem Liegestuhl hatte er die Beine überschlagen, das Gesicht zu den schleiernden Wolken gerichtet und sprach mit dem Nachbar, der mit Gehstützen am Zaun stand und sich nach dem Befinden erkundigte. Von Frau Gleisen, welche im Haus bereits schnell das Mitgebrachte verstaute und ein paar Eier in die größte Pfanne warf, bemerkten die Herren nichts. Der Doktor nahm die Tageszeitung vom Vortag zum Drittlesen entgegen. Lobte die reiche Ernte im Nachbargarten und entschuldigte sich für das unsortierte Einerlei auf dem eigenen Grundstück. Dann nahm er das Angebot zum verfrühten oder verspäteten Grünkohlessen gegen Sieben an und blickte zur Straße, wo eine Dame scheinbar länger schon stand, um gesehen zu werden. Er atmete nicht schwer durch, sobald er Maren Kluge erkannt hatte. Die Leichtigkeit des Tages war nicht dahin.

“Sie hätten sich nicht den Weg hierher machen müssen. Ich freue mich dennoch. Bitte klappen Sie sich einen Stuhl auf, ich brauche dafür ewig.”

Er schien nicht verwundert, Maren Kluge in Biesenthal zu sprechen. Vielleicht hatte er es gar ein wenig gehofft.

“Ich kann gar nicht sagen, ob dies der richtige Augenblick ist, um ein wenig zu sprechen. Es ist so herrlich hier, ruhig und unglaublich warm. Besser wir verschwenden keine Energien unnötig.”

Während Frau Gleisen sich unbemerkt davon stahl, das Essen einfror, nachdem sie aus dem Küchenraum her Doktor Nebel und seinen Besuch etwas verloren in der Schwüle zu Gesicht bekam, versuchte Alexander Maren telefonisch zu erreichen. Der Grund war ein ernster. Valentinas erste Wochen als Mutter taten alles, um nicht als glücklich zu gelten. Schmerzen, Übelkeit, Kreislauf. Frietjof hatte gerade zu dieser Zeit Probleme mit unklaren Finanzen und eben Alexander mit seiner Wohnungsgenossenschaft und dem Säugling, dem all die Unruhe nicht verborgen blieb. Maren lugte kurz auf ihr Telefon, stellte es stumm und willigte nickend dem Angebot des kleinen Spaziergangs ein.

“Keine Angst, ich werde ihnen nicht versuchen, die Ecke hier schmackhaft zu machen. Das muss man mögen. Viel Laub und Mücken. Aber falls Sie die anderen sehen, bringen Sie gerne mein Grundstück noch einmal auf den Tisch. Im Sommer wechseln oft die Ansichten und Interessen.”

Mehrere Male war Maren kurz davor, den Doktor zu halten oder Stütze anzubieten, so wacklig sich der Weg über die Wurzeln nach und nach auftat. Doch mehr hörte sie ihm zu, erschlug Insekten auf eigener Stirn und Handrücken.

“Ich wollte mich viel früher entschuldigen, für mein spätes Melden. Ich hatte das Schreiben verlegt. Denken Sie denn noch immer so? Bei mir ist es vorüber. Die Angst vergeht. Jetzt bin ich hier, das ändert vieles.

Wundern Sie sich über die Plaketten da an den Bäumen? – Ja, dort auch. Und hier ein Kranz aus Tannenzweigen. Wir sind im Ruheforst. Da hinten liegt Edgars Frau. Heute braucht sie sich keine Gedanken um nasse Füße zu machen.”

Diese Information mutete ihr nicht geheuer an. Und als sie bald schweigend unter den nummerierten Buchen und Linden mit zeitweise eingezogenem Kopf schlenderten, war Maren froh über die Lichtung in Sichtweite. Nun war nichts mehr zu unterdrücken, es war verschwunden.

Ein Reh graste ungestört am Feldrand. Der Nachbar Edgar hatte großzügig für Abendessen gesorgt. Im gesamten Haus lagerte Ernte der letzten Jahre, eingeweckt oder lichtfern verstaut. Maren versuchte das unsaubere Geschirr zu übersehen und sich an der kleinen Runde zu erfreuen. Immer wieder fiel Edgar etwas ein, das ihn zurück in das Haus schlürfen ließ. Manchmal schien er verärgert über sich selbst, bat um Nachsicht und schenkte die Gläser entschuldigend bis zum Überlaufen voll.

“Ich mache mir ein wenig Sorgen um ihn. Schauen Sie sich ihn nur mal an. Er brütet was aus oder schleppt etwas mit sich.”

 

 

Letztlich verhielt es sich bei Edgar eben so wie bei Doktor Nebel. Vorsorge und Abklärung verblieben Theorie. Es wurde um viele Neuerungen aus dem Katalog der Wehwehchen geplaudert, insbesondere wenn es die anderen betraf.

Als Edgar mehr als zehn Minuten nicht an den Gartentisch zurückkehrte, versuchte der Doktor das Thema auf sein Klavierspiel zu lenken. In Biesenthal übte er jeden Abend auf einem kleinen Keyboard, hoffte dabei, niemand würde seine peinlichen Fehler von draußen hören können.

Maren wurde müde, hatte auch die Zeit vergessen und wollte dem Thema entgehen, wo sie über Nacht bleiben könne, als ein Feuerwerk aus dem Nachbarort über der alten Mühle zu sehen war. Sie stand mit dreimaliger Verabschiedung neben dem Doktor am Geländer. Beide wollten etwas sagen und doch blieb es bei allgemeinem Austausch, der niemandem etwas abverlangte.

Die Wohnstube ließ Frau Kluge so lange schlafen, wie sie es aus der Stadt nicht mehr gewohnt war. Mit einer Wolldecke über den Schultern trat sie hinaus auf die Terrasse, wo der Doktor auf einem Holzstuhl saß und den Kopf immer wieder nach vorne fallen ließ. Maren schritt an seine Seite und flüsterte ihm leise zu, sich um frische Brötchen kümmern zu wollen. Da blickte der Doktor lächelnd nach oben und bat, sie solle doch auf dem Rückweg einmal kurz bei Edgar klopfen. Es wäre gar nicht seine Art, sich bis zum Vormittag nicht im Garten blicken zu lassen.

Widerwillig rief Maren nicht nur Hennes zurück, der schon aufgeregt Freunde und Bekannte abtelefoniert und schlaflose Stunden hinter sich hatte. Auch mit Alexander sprach sie kurz. Ihren Aufenthaltsort verriet sie beiden nicht. Mehrmals musste sie beteuern, dass es ihr gut ginge und sie bald wieder nach Hause käme. Innerlich war sie überzeugt, die Zeit und Kraft für die anstehenden Sorgen und Themen bald zu finden, während der Bäcker sich an seinem Stand Zeit für das Einsortieren der Mohn- und Laugenbrötchen nahm und Maren darauf hinwies, dass die Uhren in Brandenburg jeden Tag etwas langsamer ticken würden. Er wünschte guten Appetit und gab heimlich noch zwei Stücken Butterkuchen vom Vortag in die Tüte.

Auf den letzten Metern wurde Maren sich bewusst, dass sie noch immer auf die Konversation mit dem Doktor wartete, wegen der sie gekommen war. Die ihr Denken zu ändern bereit war, letztlich das unterstrich, was sich ihr in den letzten Wochen bereits freudig andeutete.

Sie wurde fremd gegrüßt, trug noch immer die Münzen in einer Handfläche und ihre Schritte nahmen an Geschwindigkeit zu. Sie und ihr Magen freuten sich auf Marmelade und Butter als sie beim Nachbar Edgar anklopfte, bald flüsternd eintrat und in einer kleinen, stickigen Kammer jenen Edgar sitzen sah. Neben ihm Frau Gleisen, die ihre Ellenbogen auf dem Tisch abgestellt hatte und mit den Fingern die Augen verdeckte. Die erahnte Atmosphäre war Trauer. Die geschwollenen Augenringe Edgars frisch.

Rasch trat Maren vom Grundstück und lief dem Stuhl entgegen, auf dem der Doktor sitzen musste. Und genau so war es. Er saß dort, angelehnt und ruhig. Derart ruhig und still, dass Maren die Münzen aneinander rieb, während ihrer wiederholten Sätze. Sie erschrak nicht, schrie nicht auf. Sie zog sich einen weiteren Stuhl an den Doktor heran und berührte seine faltigen Hände, die keine Wärme mehr spendeten. Wie sie da saß, mit langem Einatmen und kurzen Schlucken, kamen ihr die Sätze vom Vortag ein. Frau Gleisen hatte sich mit Edgar in die Sonne gestellt.
Die Angst vergeht. Nun war Maren hier, das änderte vieles.

 

 

 

Text: Christian Ludwig
 Fotografie: Saskia Kyas