Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Juni

Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten. Allein schon um die innere Aufregung gering zu halten.
Ebenso um dem äußeren Chaos Einhalt zu gebieten. Ich fühle was, das du nicht siehst, schrieb jemand auf die Betonfläche vor dem Hauseingang.
Die Sonne war seit Tagen ein konstanter aber schlechter Berater, dennoch folgten die Schwestern dem Lauf der Schönwetterseite, verbrachten ihre freien Stunden wie gewohnt miteinander. Doch ein wichtiger Punkt war anders – sie trauten sich nach draußen, unter Menschen, die nicht der Arbeit oder Familie angehörten. Ihr Weg führte aus dem Treppenhaus am Fahrradhaus vorbei und entlang bis zum zweiten Hinterhof. Eben da hatte eine neue Nachbarin sich samt Gartenmobilar und essbaren Kleinigkeiten eingefunden und zum dritten Abend in Folge geladen. Sie dirigierte die Interessierten gekonnt, mitunter etwas herrisch, aber das schmerzte die wenigsten Leute vor Ort.

Die Reinerts hatten es prinzipiell nicht so mit der Nachbarschaftspflege, blieben unter ihresgleichen, schlossen die Türen eher früher als später, um Gespräche zu umgehen oder weitere soziale Erwartungen erfüllen zu müssen. Wenn man sich selbst kaum kennt, öffnet man sich ungern den Fremden, hätte da jemand passenderweise auf den Boden zuschreiben können.
Doch mit Ellis verhielt es sich gezwungenermaßen etwas anders. Die klingelte neulich unangekündigt. Stand ganz selbstverständlich da. Fragte nach Milch, erzählte von ihrer Zeit im Norden, die sie viel früher hätte beenden sollen, überrumpelte die Geschwister mit einer sympathischen Wucht, der man mit Abstand kaum begegnen konnte.

 

 

Inzwischen kannte man Barbara und Claudia schon mit Namen, wenn auch die Verwechslungen sich häuften. Wurden sie wiederholt von benachbarten Mietparteien befragt, ob sie ebenso neu eingezogen wären, blickten sie peinlich berührt beiseite, wollten das siebenjährige Jubiläum vor Ort ungern erwähnen. Ellis brachte unerwartet und innerhalb von nur drei Tagen eine neue Stimmung in die Hausgemeinschaft, die heute, mit Cava-Orange und Spießchen in Greifweite, noch als ein lieb gemeintes Geschenk aufgefasst wurde. Doch nicht wenige wünschten nach Mitternacht die bewährte Unverbindlichkeit zurück, befürchteten für den Sommer die Einweihung einer Hausgärtnerei, gar eines Spieltrupps oder der ungelernten Nachbarschaftshilfe. Die Geschwister Reinert jedoch hatten ihre Plätze an der verwachsenen Efeuwand ohne Skepsis eingenommen, sich nicht gehässig an den flüsternden Kommentaren zur sicher folgenden Rechnung der Hofsitzungen beteiligt.

“Wie denn, ihr wollt schon los? Es ist doch erst Sieben und mein Kühlschrank noch voll. Tut mir das nicht an. Für heute hat sich sogar unser Vermieter angemeldet, das sollten wir nutzen.”

Barbaras Blick zur Uhr war keine Attrappe. Das Ehepaar Wächter rief zum Nachmittag durch. Es schloss sich eine Diskussion an, die das ausbleibende Melden der Gruppe zum Hauptthema machte. Es gestaltete sich kompliziert. Gerda war nicht gewillt, sich bei Hennes zu melden, Claudia wiederum bügelte den Kontakt zu Valentina ab, der Doktor hingegen wurde überhaupt nicht erwähnt. So kam es erstmals zur Situation, dass die Gemeinschaft in zwei Lager geteilt war, wenn nicht in drei.

Wolter müsste längst bei Tochter und Enkelkind angekommen sein, zusammen mit Mathilde vom Felde und einer anhaltenden Regenperiode über halb Skandinavien. Ihre Reise, im wilden Wechsel zwischen Bus, Fähre und Bahn, gestaltete sich weitaus weniger beschwerlich als es die ersten Tage in der Fremde tun sollten. Ganz nebenbei packte Mathilde lebhafte Anekdoten aus Jugend und Studientagen aus, die Wolter eben nicht als Kritik an seiner Lebensführung oder gar Konkurrenz aufzufassen hatte, sondern für sich als das annahm, was sie waren – die nächsten Stufen des tatsächlichen Kennenlernens.

 

 

“Tilly. Mir wäre dieser Name kaum wieder eingefallen. Ein kleines Mädchen, das uns alle schweigend beäugt hat und plötzlich nie mehr auftauchte.”

“Barbara, ist es nicht das, was die anderen auch von euch denken? Ich wollte es gerne für mich behalten, doch wenn es schon um Ehrlichkeit geht, um offene Worte, bitte ich doch um Konsequenz. Ich weiß sehr wohl, dass Valentina von mir so wenig hält wie von euch, Frau vom Felde mal ganz außen vor. In der Woche Urlaub jetzt habe ich mir so meine Gedanken gemacht und erkannt, dass wir immer schon eine Gruppe für uns waren.”

Claudia war skeptisch, ein wenig verärgert über Gerda Wächters Worte. Die Verbindung, die da herbei gesprochen werden sollte, sie schien Claudia vergiftet. Weniger hinterfragte sie das Vertrauen, das man in das Ehepaar Wächter setzen konnte, mehr noch zeigte sie sich enttäuscht über die Situation, dass sie hier nun zu viert saßen, in einer Kneipe auf halber Strecke von beiden Wohnungen aus, mit unversöhnlichen Worten, aufschäumenden Gedanken.

“Es kann und darf nicht umsonst gewesen sein. Und weiß ich denn, wie ich die Monate verbracht hätte ohne unsere Treffen, so wechselhaft die Stimmung auch war? Eben. Ich möchte schon wissen, was Wolter von seinem Besuch zu berichten hat. Mir ist auch nicht egal, wie Valentinas Kind heißen wird oder ob sich der Doktor mit seinem Auftritt nicht einfach mit einem Knall aus unserer Geschichte schreiben wollte.”

 

 

Ihre Schwester nippte am Ginger Ale, betrachtete Claudia dabei verbissen und musste gar nichts sagen, da Sarik ihr zuvor kam.

“Ja, da hört man es doch. Du sprichst von ihnen, was mit den anderen passiert, wo aber spielst du eine Rolle darin?”

Der Wirt brachte das Essen in unangemessenen Portionen an den Tisch, schwitze ähnlich stark wie Gerda Wächter, deren Unzufriedenheit spürbar zunahm. Sie stach in den Kartoffeln umher, fuhr in ihren Schuhen auf und ab. Ihr Mann wünschte verspätet einen guten Appetit.

“Jeder hat seine Rolle. Bin ich die stille Nebenrolle, soll es ebenso sein. Die bin ich im Alltag doch nicht weniger. Wir haben eine neue Nachbarin. Ellis. Sie tauchte auf und hat Barbara und mich großartig empfangen, all das Anonyme im Haus quasi auf den Kopf gestellt. Ja, sicherlich wird sie sich damit Feinde machen, viele riechen da Hintergedanken. Ich möchte das nicht. Entschuldigt mich.”

So hatte Barbara ihre Schwester selten erlebt, insbesondere vor Mitmenschen, die nicht Teil der Familie waren. Sie wohnten so viele Jahre schon zusammen, ihre Mutter hatte ihnen die Wohnung gekauft, ungefragt, bevor sie sich für spontane Wohngemeinschaften oder fremde Städte entschieden hätten oder die Gedanken erst in jene Richtung schwenken lassen konnten. Das machte es Ihnen auf den ersten Blick einfach, wirkte auf den jetzigen jedoch eingeengt und vorgefertigt. Jedes zweite Möbelstück kam aus dem Elternhaus direkt in die Schwesternbleibe. Alles war Erinnerung und sollte wohl Dankbarkeit ausstrahlen. Claudia sah es lange schon als ein altes Sammelsurium an Relikten der Kindheit, die sie eher zurück hielten, wenn nicht gar beobachteten.

Sie lief durch den Abend, hatte das Gelächter auf ihrer Straßenseite, nicht aber den eigenen Schultern. Ihr war einerseits kaum nach Gesellschaft, fühlte sich missverstanden, bevor sie einem Gespräch ausgesetzt war. Der Schweiß war frisch, als sie an der Wohnungstür von zwei Pärchen Richtung Hof eingeladen wurde. Die Musik von dort versprühte bereits das Ausklingen des Abends. Unentschlossen blickte sie hinter den Badevorhängen vorbei, sah Ellis wie erwartet Mitmenschen drücken und mit wilden Gestiken von sich einnehmen.

Sie musste nach draußen, war nicht bereit für Schlaf und Nachthemd. Sie wusch die Achseln und Hals, vermied die Kontrolle im Spiegel und ging auf die verbliebene Runde sachte zu. Die Zahl der Gäste war nicht mal mehr zweistellig. Ellis tippte Claudia aus dem Hinterhalt auf die Schulter, reichte ein Glas und wies auf einen Stuhl neben einem Herren, der mit Telefon und den Füßen in einem Eimer beschäftigt war. Die Vorstellung übernahm Ellis gern und selbstverständlich.

 

 

Hans. Ja, Hans wurde Claudias Gesprächspartner, wenn auch einer, dem die Schwüle der Stunde zu genügen schien. Das gegenseitige Lächeln war so unsicher wie gestellt. Dann aber legte Hans das Telefon zur Seite, betrachtete die Frau neben sich und sprach in kurzen Sätzen von sich und dem Sommer.

Eine Stunde weiter, Ellis hatte irgendwann Gute Nacht gewünscht, saßen Hans und Claudia noch immer an selber Stelle, noch immer mit den Konversationen ohne echte Höhen, da wehte eine Wolke von Staub und Pollen an der Efeuwand entlang. Hans war zu langsam, um sich die Hände vor die Augen zu halten. Blind und tränend schüttelte er den Kopf, wurde eilig von Claudia zur eigenen Küche geführt, um die Augen kalt auszuwaschen.

Der Dank war echt, genau wie das gerötete Gesicht neben der Herdbeleuchtung. Claudia verstand es schlecht, mit der Situation umzugehen, hoffte auf Hans. Der wiederum stand mit dem bunten Handtuch über den Schultern da und zog sie an sich, küsste unerwartet fest und verbindlich. Seine Hände ergriffen ihre Lenden. Drückte sie ohne Vorwarnung auf das Sofa, entledigte sich der Kleidung und Scheu. Claudia wusste nicht, wie ihr geschah. Ihre körperlichen Erfahrungen bezogen sich vor allem auf Projektion oder Abwarten. Gefüttert wurde beides durch die Schwester Barbara, die ihr selten als passables Vorbild der Liebe galt.

Zur gleichen Zeit etwa 850 Meter entfernt. Valentina versicherte Frietjof ein weiteres Mal, keine Bange wegen ihrer Fruchtblase haben zu müssen. Sie gab sich selbst noch mindestens eine Woche, wenn sie selbst auch ein anderes Bild abgab. Die letzten Tage zerrten an ihren Kräften, doch sie gab sich nicht der Isolation im Schlafzimmer hin. Hennes hatte sich eingeladen, gefolgt von David Massari, Alexander schaute selbstverständlich täglich vorbei.

Sie ertrug die Raumluft kaum, so pendelte sie auch während des Abendessens sich entschuldigend zwischen der köstlichen Georgischen Nussplatte und dem Sessel mit Blick auf die Balkonpflanzen. Hennes hatte das Rauchen aufgegeben, schweren Herzens. Aber in Hinblick auf Halbmarathon und dem inoffiziell geplanten Sommerurlaub mit David schien es ihm unausweichlich. Er hatte seine Nichtrauchermethode noch nicht gefunden, überbrückte unangenehme Momente nicht mit Appetit, eher mit dem Stehen im Freien samt Mitmenschen. So war es die hochschwangere Gastgeberin, die seine sieben angespannten Minuten begleitete.

“Setz’ dich doch. Und bestenfalls erzählst du mir ein bißchen von Maren. Sie hatte mich zweimal nicht erreicht.”

Die Weiterleitung zu Maren kam ohne Umwege. Das war direkt. Denn Hennes selbst hatte wenig zu berichten. Er musste mit den losen Bildern jonglieren, die ihm zur Verfügung standen. Maren Kluge bekam neulich einen Anruf ihres alten Arbeitgebers. Sie wünschten ihre Rückkehr, zumindest kurzzeitig. Das brachte sie durcheinander. Die Zeiten des Arbeitsalltags schienen so fremd und fern. Frau Kluge war nicht irgendeine vorübergehende Praktikantin, eher eine linke und rechte Hand des Geschäftsführers. Nach dem Gespräch zitterten ihr die Hände. Diese einstige Funktionmachte ihr Angst. Sie konnte nicht antworten. Davon wusste Hennes nichts, nur von der Begegnung am Morgen. Wie Hennes nackt auf der Treppe stand und sie ihren Mann ganz neu erkannte. Er war eine neue Version seiner selbst. Jünger, erschreckend sportlich und der Welt so zugewandt. So, wie sie derzeit nicht sein konnte.

“Sie hat mich heute gefragt, ob ich sie verlassen werde. Zwischen Tür und Angel. Ganz ohne Vorwurf. Mit ruhiger Stimme.”

“Deine Frau ist eine so tolle Person. Leider aber krank. Ich bin da hilflos, wie du.”

Da verzog sich seine Miene, nein, er veränderte sich im Ganzen. Für ihn war diese Aussage, die einer Erkenntnis glich, keineswegs klar und wurde bisher bloß vermieden, in Sätze gebracht zu werden. Krank, hilflos. Hennes hatte das Gefühl, ohne Vorwarnung ein Fernglas überreicht bekommen zu haben, das all die ausgeblendeten Seitenränder der Bilder vergangener Monate hinzu schob.

“Ich möchte das so nicht hören. Nein, es passt nicht, dass du das so einfach sagst.
Wie kommst du darauf?
Sehen es andere etwa ähnlich? Valentina, nun antworte auch.”

Doch sie hatte ein Zeichen gegeben, das den Vater ihres noch ungeborenen Kindes zügig eine kurze Telefonnummer tippen ließ. Keine zehn Minuten später stand Hennes noch immer an gleicher Stelle, alleine.

Claudia hörte Barbara im Nachbarzimmer, konnte sich aber nicht aus dem Griff neben sich lösen. Hans schlief fest, während sie sich zu erinnern versuchte, was wenige Stunde zuvor passierte. Neben dem Offensichtlichen und Offensiven, was für beide überraschend kam und wieder ging, war es ein Gespräch, das sie mit Blick auf seinen Hals und scheinbar frisch rasierten Schläfen zusammen setzte. Er pendelte zwischen Lachen und Raufen von Kopf- und Nackenhaar. Es war kurz vor dem Schlaf, quasi im Übergang, als er sich in sich zusammen rollte, beinahe flüsterte. Er sprach monoton und gleichförmig, nur die Themen änderten sich. Handelte der Monolog zu Beginn noch von Fragmenten, sprach Hans schließlich in klaren Sätzen.

“Er wollte noch lange leben. Das war unausgesprochen klar. Warum aber war er dann auf Tod und Hass aus? Ich weiß es nicht. Ihn selbst können wir heute nicht mehr fragen. Der Schuss war kurz. Nicht mal laut. Meine Güte, das Blut.”

Das Dösen hatte Claudia schnell aufgegeben und zitterte nicht weniger als die Stimme. Mit Hörbüchern ließ sie sich gerne betten, diese Worte aber gaben alte Bilder zurück. Da waren die Szenen vor ihr, wie nie gelöscht oder vom Alltag ausgetrieben. Die Mutter hatte es den beiden Schwestern weniger ans Herz gelegt, denn mit forscher Stimme in die Zweisamkeit gegeben: Mit dem Ignorieren von Tatsachen ist man zuweilen bestmöglichst beraten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas