Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: März

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: März

Morgende leben von ihren Ritualen, gewohnten Abläufen ohne bemerkenswerten Spielraum, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.
David Massari begrüßte die Welt am offenen Fenster, frei von Kleidung, mit Schlaf in den Augen und tastenden Fingern an der Zigarettenschachtel. Ohne jedes Strecken oder aufbauende Bewegung stand er mit dem Blick Richtung Innenhof, genoss die frische Brise, die seit Tagen den Frost abgelöst hatte. Diese fünf Minuten, vielleicht vier oder acht, hing David keinen schweren Träumen nach, stellte innerlich nicht den Wecker ab oder addierte Punkte, die dem Aufstehen widersprachen. Er vernahm auch an diesem Wochentag nichts Besonderes, saßen die Kinder schon in den Schulklassen, die übervollen Buslinien waren seit einer halben Stunde abgefahren, einzelne Senioren gingen ihrer Wege.
Es gab nichts weiter als die städtischen Grundlaute des Alltags, bis er eine Person im Hof erblickte, die sich über den Schotter zu schleifen begann. Sich bewegte, ganz als wären ihr die Beine schwer und die Person ihrer Funktion nicht mehr Herr. Behäbig scharf gestellt betrachtete David das Geschehen und erkannte zur eigenen Verwunderung Matthew Porter. Sie hatten sich einmal unabhängig der Gemeinschaft getroffen, Matthew dreimal abgesagt. Die winkende Hand von oben nahm dieser nicht wahr, auch ein sachtes Rufen blieb unbemerkt. David nahm bloß jede zweite Treppenstufe und stand bald hinter Matthew, der sich auf eine Tischtennisplatte setzte und den Kopf hielt. Es benötigte einen Augenblick, um David zu identifizieren.

“Was ist passiert? Matthew, siehst du mich? Komm’ doch mit nach oben und leg’ dich einen Moment hin.”

Für Erklärungen oder Einwände war Matthew zu schwach, die Stufen zur ersten Etage nahm er träge und zeitverzögert. Er trank vom Wasser, welches David ihm entgegen streckte, deckte sich zu und ruhte sich aus, bis die Geräusche der Müllabfuhr sich immer weiter näherten. Im Nachbarzimmer wurde gesprochen, wohl eher diskutiert. Durch den offenen Türspalt sah er eine junge Frau, gestikulierend und scharf im Ton, die David kaum die Möglichkeit gab, auf die vermutlichen Vorwürfe zu reagieren. Sie hielt erst inne, während Matthew leise im Flur nach dem Badezimmer suchte.

 

“Wer ist das, David, hm? Was macht er hier? Nicht bloß schauen, auch antworten. Warst du gestern Abend feiern? Ist das dein Bruder? Hier stimmt doch was nicht.”

Die Frau, die von David Diane genannt wurde, lief dem ihr Unbekannten nach und sprach ihn zu dessen Erschrecken im Badezimmer an. Das Wasser tropfte Matthew vom Bart und der Blick bewies Überforderung. David entschuldigte sich für ihr Verhalten und stellte ihn als einen Freund vor. Sie brachte an, noch nie von ihm gehört zu haben. Und es folgten Szenen voll von Eifersucht, Drama und einseitigen Vorwürfen. Dann schlug die Wohnungstür laut in ihren Rahmen, woraufhin Matthew an David heran trat und sich entschuldigte. Dieser winkte ab und fragte zur Ablenkung nach Birko. Herr Porter schluckte und konnte seine Fragezeichen kaum verdecken.

Sie liefen die üblichen Plätze ab, vom Park bis zum Tempelhofer Feld, in der Bar nachfragend, die Matthew in letzter Zeit etliche hübsche Abendstunden bescherte. Nirgends eine Spur von Matthews Golden Retriever. Matthew wurde unruhig und sein schlechtes Gewissen zeichnete sich immer deutlicher ab. Da erhielt David eine Nachricht von Hennes – Birko würde hungrig vor ihrem Hauseingang warten. Verwundert war Matthew nicht, mehr doch erleichtert, hatten Hennes und Maren in der vergangenen Woche den Hund betreut, während er seiner Familie in den Staaten spontan einen Besuch abstattete. Froh und beruhigt bedankte er sich bei Hennes, sie würden sich am Abend schließlich bekanntermaßen sehen, ganz wie die Planung es vorsah.

Unpünktlichkeit schien das Wort der diesmaligen Runde, trafen alle verspätet ein, meldeten ihre Krankheit an oder entschuldigten sich mit kurzen Anrufen, die Maren Kluge wenig unfreudig entgegen nahm. Sie war eher erleichtert, nicht alle vierzehn Teilnehmer bewirten oder gar bespaßen zu müssen, fehlte ihr dafür die Ruhe und Ausgeglichenheit. Die vergangenen Wochen verbrachte sie ohne Arbeit, mit nur spärlichen Aufgaben und inneren Aufträgen. Ihr wurde von Valentina empfohlen, sich vorerst mit sich selbst auseinander zu setzen. Das Sitzen und Warten gehöre dazu. Maren nahm die Telefonate als Hilfe an, wusste sie auch beim Auflegen nie, was die letzte Stunde Fruchtbares besprochen wurde. Allein die Stimme Valentinas gaben Maren Kluge so etwas wie Sicherheit für ein paar Stunden. Sie hatte soeben ein weiteres Telefonat beendet, da fuhr Hennes seiner Verlobten über den Nacken, entnahm ihrem tristen Gesichtsausdruck etwas Vertrautes. Ihnen war es lange sehr gut ergangen, hatte Hennes sich selbst als erklärenden Satz gesagt. Die herrlichen Jahre miteinander hatten als Ausgleich wohl diese besondere Phase verdient. Ein weiterer Satz, der ihm nicht zum ersten Mal durch den Kopf ging. Er trat in das Esszimmer, übernahm das Wort, verteilte begrüßende Getränke in hohen Gläsern.

 

 

“Wir sind vollzählig, scheinbar geht die Grippe um. Die Reinerts liegen flach, Valentina und Frietjof hatten gestern schon unabhängig voneinander abgesagt und Mathilde fragte als erstes, ob Walter sich bei uns gemeldet hätte, was er längst tat. Wie auch immer – ich freue mich, Maren natürlich genauso, dass ihr da seid. Schönen Abend.”

Alexander hatte seine Ernährung umgestellt, sich inzwischen etwas Abstand von der Beziehung mit Frietjof und der Weiterleitung zur schwangeren Valentina verschrieben. Nach seinem Zwischenfall im vergangenen Monat wollte er ganz sicher gehen, nicht wieder den Mittelpunkt der Veranstaltung geben zu müssen. Gerda hatte die aufgeräumte Aura neben sich erkannt und sprach Alexander, der genau das nicht wünschte, positiv und motivierend zu. Natürlich nicht ohne den Unterton, der Missgunst oder Schadenfreude zu verdecken dachte. Ihr Mann Sarik sprach offen an, dass die Gruppe in all der Zeit niemals so klein ausfiel, war gespannt, ob die Zuhause Gebliebenen denn etwas verpassen würden. Daraufhin brachte Maren Salat und kalte Suppe auf den Tisch, stellte die unbesetzten Stühle in die Diele und sprach Doktor Nebel an, doch von der entfernten Stirnseite näher an die Gesellschaft zu rücken. Er missverstand die Bitte, bedankte sich für die Fußbodenheizung und brachte ein neues Thema zu Tage.

“Wer ist interessiert an einem Grundstück in Biesenthal? Es wollen doch immer alle raus aus Berlin und wünschen mehr Natur und gute Luft. Ich werde den Garten abgeben müssen, hätte ich sicher schon längst tun sollen. In der Nähe einer Wehrmühle mit Blick auf Sumpf und Feld. Ich wollte es nur mal ansprechen, überlegt es euch.”

David fragte interessiert nach, auch Matthew wollte mehr wissen. Nachdem der Doktor den angedachten Preis nannte, wurde es stiller und alle konzentrierten sich wieder auf den Umgang mit Besteck und Serviette. Da klingelte es an der Tür. Marens Blick hinter die Gardine zeigte eine junge Frau, die mit Kaugummi im Mund und einer Falte auf der Stirn am Hauseingang stand und die Fenster beschaute. Hennes öffnete und da stand Diane in der Wohnstube, um David zu sprechen, unverzüglich. Dem war der Besuch sichtlich peinlich, entschuldigte sich bei den anderen und ging mit ihr, die er selbst nicht als Freundin bezeichnete, in die Küche.

“Frag’ mich nicht, woher ich die Adresse habe, es spielt keine Rolle. Tragisch genug, dass ich es herausfinden musste. Wichtiger ist doch, wer bitte all diese Leute sind. Und habe ich richtig gesehen, saß da wieder dieser Typ von heute morgen? Ich fang’ jetzt nicht damit an, was normal ist, aber diese Truppe ist es nicht.”

“Diane, du weißt vieles nicht, so wie es uns beiden auch gut tut. Das da drüben sind alles Bekannte, mit denen ich mich regelmäßig treffe. Nein, ich habe dir nicht von ihnen erzählt, nein, du kannst dich nicht mit zu uns setzen. Bitte kontrolliere mich nicht, das ist mir wirklich unangenehm. Du solltest gehen, wir sehen uns morgen, bitte.”

 

 

Hennes wollte dem nicht geladenen Gast gerade ein Getränk anbieten, da schubste diese David zur Seite und war auf dem Bürgersteig verschwunden. Der wissende Blick von Hennes beruhigte David und sie stellten sich in gewohnter Weise rauchend vor das Haus und schmunzelten über die wütende Darbietung. Flüsternd nahm auch Sarik Bezug zum Auftritt der Unbekannten, sprach er seine Frau an, erinnerte ihn dies an die Szene der wütend-panischen Kuh, die aus dem Schlachthaus ausgebüchst war. Alexander strafte Herrn Wächter mit einem Kopfschütteln und Gerda lobte die Käsespätzle derart ausführlich, dass Maren schon skeptisch wurde.

Bis zum Birnenkuchen als Nachspeise geschah wenig bis nichts. Der Wind drückte sich an die große Scheibenfront, vor der Birko schief eingeschlafen war. Doktor Nebel hatte das Klavier in der Nische zum Flur bei den letzten beiden Hausbesuchen ganz übersehen. Er stand auf und trat bedächtig an die Tasten und war sichtbar im Begriff zum Spiel anzusetzen. Einmal und mehrmals. Er schaute hinter sich, von wo lediglich Maren und Matthew aufmerksam herüber schauten. So sehr der Doktor es auch wollte, es blieb beim Wunsch. Die Finger fuhren orientierungslos durch die Luft, er blickte in den Spiegel, der direkt über dem Klavier angebracht war. Er sah sich und Maren, die von hinten an ihn heran trat und ihm anbot, jederzeit Gast zum Spielen zu sein. Sein Gesicht hatte etwas Überraschtes, kurz auch Erfreutes und er ging mit ihr zusammen zurück an den Tisch. Dabei übergab sie ihm etwas, schaute ihn wissend an. Der ließ das Präsent in seine Jacke rutschen und nickte Maren zu.
Er hatte keine fünf Minuten gesessen und die frei stehenden Sätze der Gesellschaft überhört, als er das Zimmer verließ und nach seinem Mantel suchte. Hennes war gewillt, ihm das Bleiben schmackhaft zu machen, doch der Doktor winkte ab, reichte allen die kraftlose Hand. Schließlich standen Matthew und David auch von ihren Stühlen auf und bestanden darauf, den unsicher laufenden Herren mit zur Bushaltestelle zu begleiten. Maren versuchte mit starren Augen ihrem Verlobten begreiflich zu machen, sie mit dem Ehepaar Wächter tunlichst nicht allein zurück zu lassen.Da griff Gerda schon nach ihrem neuen Mobiltelefon und präsentierte der Gastgeberin die vermeintlich herrlichen Eigenschaften und Besonderheiten. Sarik gab sich weiter vom Spätzle auf und richtete sich den Kragen unter Birkos prüfendem Blick vom Tischbein aus.
Alexander war zum wiederholten Mal im Bad verschwunden, hatte sich am Wannenrand seiner Fingernägel gewidmet, in den Schubladen nach zugehörigen Hilfsmitteln gesucht und beobachtete die draußen vorbei schreitenden Mitmenschen. Er schob den Vorhang beiseite als Marens Hand seine Schulter erreichte und ihn mit sich in die obere Etage führte. In einem Zimmer, schlecht beleuchtet und schlecht belüftet, nahm er Platz auf einem Sofa und beobachtete die Gastgeberin, die mehrere Schubladen aus einem Schrank zog.

“Warte, ich habe ihn gleich. Bis gestern war noch alles sortiert, heute morgen aber habe ich einige von ihnen ausgetauscht, darum dieses Durcheinander.”

Während sich im Erdgeschoss das Ehepaar Wächter in einem unbeobachteten Moment im Abstellraum den nach hinten sortierten Perlwein griff und sich feixend gegenseitig einschenkte, war Alexander weit entfernt davon, der nervösen Frau Kluge folgen zu können. Sie entschuldigte sich wiederholend, lobte Alexanders Geduld und übergab ihm schließlich einen Briefumschlag.

“Alle bekommen einen, also nicht wundern. Nach und nach, wie es eben passt. Ich habe zur Zeit wenig zu tun, das sollte man nutzen, sagte mir Valentina. Und recht hat sie. Weißt du, Alexander, der Doktor spricht seit so langer Zeit davon, es wäre sein letztes Treffen. Doch er kommt immer wieder. Er hält durch. Und sobald er glaubt, sein Gefühl würde nichts weiter tun als ihn betrügen, da kann es so weit sein. Wie oft hat er sich wohl schon ausgerechnet, die durchschnittliche Lebenserwartung mutmaßlich schon überschritten zu haben. Du kennst dich aus mit seltsamen Situationen, so überrascht du mich auch anschaust. Hennes mag ich es nicht sagen, doch wenn man die Stunden alleine verbringt, wird einem manches bewusst und irgendwann beginnen die Wände zu sprechen. Schwachsinn? Vielleicht. Lies den Brief bitte erst an dem Tag, an dem ich nicht mehr in der Runde sitze, versprich mir das.”

Kalt wurde ihm, fest um die Brust. Wie seicht sie die Sätze sprach, sich ihm anvertraute, die Schubladen wieder einsetzte und Alexander als einen Mitwissenden im Raum zurückließ. Wie gerne hätte er den Brief im Schrank verschwinden lassen. Er fühlte sich unwohl, hörte Gerdas Lachen von unten und die Stille neben sich.

Die Demonstration vor einem Restaurant, das für die Anwesenden nach Ausverkauf des Viertels roch und dessen Neubau seit Tagen mit defekten Scheiben zu kämpfen hatte, hatte sich aufgelöst. David betrachtete die Banner an den Fenstern und die unsicheren Gesichter der speisenden Besucher. Matthew war Doktor Nebel auf die letzten Meter eine Stütze. An der Haltestelle sagte dieser Aufwiedersehen, die aussteigenden Fahrgäste brachten den Doktor zum Wanken. Er winkte mit Nicken und verschwand mit dem Bus in der Kurve. Da standen Matthew Porter, David und Hennes nun mit Händen in Jackentaschen und an Zigaretten und waren allesamt nicht gewillt, zurück zum Haus zu gehen. Sarik hatte in dem Fall recht gehabt – verpasst hatte man an diesem Abend kaum etwas. Aus einer Kneipe brummte Lärm von Musik und Menschen. Matthew steuerte prompt in jene Richtung, woraufhin die anderen beiden folgten. Einzig vier Stühle am Tresen waren noch unbesetzt. Dem Durst und der unverschämt günstigen Bierpreise sei Dank blieben die drei bis zum Morgengrauen. Es war keine der fröhlichen Gesellschaften, auch keine derer voll Pathos und Wehmut. Die belanglosen Themen versackten letztlich im abstrusen Allerlei, zwischen Familie, Erlebnisse und Chaos, der nur ein Fazit übrig ließ: Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.

David Massari wurde wach von einem Geräusch, das Schnarchen noch am ähnlichsten war. Hennes lag auf einer Matratze, in Rückenlage und mit verschränkten Armen hinter dem Kopf. Dem Tiefschlaf entfernt schaute David weiter und sah neben sich Matthew Porter, der an der Bettkante saß und schluckte. Der plötzliche Wunsch, sich unter der Decke zu verstecken, war David nicht fremd. Er erinnerte sich an den wankenden Matthew im Hof, biss sich auf die Lippen, stellte sich schlafend und sah Matthew gegen die Tür laufen. Einmal, beim zweiten Mal mit mehr Wucht, beim dritten Mal mit Anlauf, beim sechsten Mal mit Blut an der Stirn. Noch bevor David in die Szene springen und seinem Schock Luft machen konnte, stand Diane im Nachthemd im Flur und sah zu dem verletzten Matthew. Ihre Augen waren groß, wenn nicht gar ängstlich. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, er brauchte Zeit, um von ihr Notiz zu nehmen, reichte seine Hand schließlich nach vorne. Als beide aus Davids Gesichtsfeld verschwunden waren, stand dieser auf, tastete nach Tabak und rauchte am offenen Fenster, nackt, ohne Schlaf in den Augen. Morgende leben von ihren Ritualen, die Sicherheit und den Rahmen für die folgenden Stunden bieten.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas