Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Mai

Keines der Geräusche war ihm neu, nicht mal die vielen spazierenden Gesichter hatten etwas Fremdes. Er saß auf einer Bank, die er längst als seine bezeichnete, mit einem Pullover unter dem Gesäß und einem Apfel in der Jackentasche. Vielleicht war es die ausgestrahlte akademische Gemütlichkeit, die ihn selten allein auf der Bank sitzen ließ. Sparte er auch jedes Lächeln aus, nickten ihm Unbekannte entgegen. Das bißchen Amsterdam, von dem gerne am Märkischen Ufer gesprochen wurde, hatte er für sich nie erkennen können. Dafür fehlte ihm die Leichtigkeit vor Ort, die Idee von Urlaub und tatsächlichem Innehalten. So setzte er seit jeher allen Besuchern in Euphorie und Lob entgegen, die Sonne ließe alte Boote und schlaue Architektur fast immer hübsch und idyllisch erscheinen. Den meist versteckten Wohnungsneid überhörte er bewusst, dachte er dabei eher an all die ewigen und kostenintensiven Restaurierungen, die porösen Wasserleitungen und sich in Windeseile vermehrenden Ratten im Laufe der letzten Jahrzehnte.

Heute ruhte sein Blick auf den sauberen Fensterscheiben, die er von unten her bestaunte. Zuständig dafür war eine Person, die im vergangenen Herbst ebenso ihr kleines Frühstück an der Spree einnahm und mit dem Doktor ins Gespräch kam. Erst über die Stadtbärin Schnute, bald über persönliche Erlebnisse. Inzwischen hatte sie offiziell und vertraglich nachweisbar die Funktion seiner Zugehfrau inne und verbrachte tagein tagaus die Stunden auf den drei Etagen, die mit ihr immer gut belüftet blieben. Die Bezahlung war unverschämt großzügig, das Miteinander von sympathischer Distanz.

Sie übersah den Sitzenden beim Ausschütteln der Betten ganz selbstverständlich, zog außerdem immer die Schuhe und Socken aus, sobald er das Haus verließ. Während sie sich ohne Ablenkung den wiederholenden Handgriffen und Tätigkeiten widmete, dachte er an seine Freunde, die ihm längst den Tipp gegeben hatten, sie bei sich einziehen zu lassen. Er empfand das als Klischee, dann auch als altertümlich und nicht fern der Sitten des Herrenhauses, in welchem er selbst aufgewachsen war. Sie verstanden all die Nebelsche Skepsis nicht. Sie solle doch vor Ort sein, dauerhaft, ob mit oder ohne Ring, dies sei gleich, dann allerdings ohne Vertrag und Pausenregelung. Nein, das Thema ließ er für sich selbst nicht zu. Diese Frau Gleisen hatte ihm den Dunst seiner Erkrankung genommen, gleichzeitig wortlos so viele Fragen aufgestellt, dass es ihm bei Tage auf seiner Bank nahe der Trauerweiden am liebsten war.

 

 

 

Es war nun schon das zweite Mal, dass Frau Gleisen für die mehrköpfige Gesellschaft kochte und den Backofen bediente. Sie hatte alle Hände voll zu tun, die Diele zu dem Platz zu machen, der am Abend als Treffpunkt für die bekannte Runde gedacht war. Doch sie verfiel selten in Hektik, umging schwitzige Unterhemden. Nur wusste der Doktor, sie hatte ihn am liebsten außerhalb ihrer Reichweite. Sie ließ sich ungerne belauschen, wenn sie auf den Treppenstufen mit sich selbst sprach oder Gedeck und Besteck wiederholt laut abzählte.

Doktor Nebel telefonierte den gesamten Vormittag auf dem Balkon mit seinem jüngeren Bruder. Eben der, der den Doktor nie so recht verstand oder sich die Zeit nehmen wollte, dies zu ändern. Der das Geschenk des Grundstücks in Biesenthal, trotz seiner Leidenschaft für Feld, Flur und Jagd, ebenso wenig anzunehmen vermochte und seine Familie größtenteils als Auffanglager für die eigene Unzufriedenheit nutzte. Gerade letzteres stachelte den Doktor inzwischen an, seine Tage auf Sparflamme zu genießen. Sein Bruder wiederholte am anderen Ende der Leitung noch einmal, dass er sich verbitten würde, von weiteren Familienmitgliedern als zunehmend volkstümlich bezeichnet zu werden. Da dachte Doktor Nebel an die eindeutigen Wandbehänge und die Literaturauswahl, die seltsamen Mails, die er von ihm weitergeleitet bekam und an sein garstiges Lachen als er das als Witz gedachte Gruppenbild der monatlichen Runde auf einer Kommode erblickte. Der Gedanke, dass ausgerechnet der Doktor bei einem mutmaßlichen Sorgenkränzchen teilnahm, fasste Bruder Egon als absurd auf. Es wurde auch heute geplappert, einseitig und auf den Gemeinplätzen geflucht und Schuld an alle verteilt, die das Zeitgeschehen so hergaben. Es war fast, als hielte der Bruder einen Kloß im Hals, der Aufregung des Wahljahres und der zugehörigen Berichterstattung geschuldet. Der Doktor war längst woanders, dachte an eine Sache, die er am Abend ansprechen wollte und sollte. Das machte ihm zu schaffen, außerdem hatte er genug gehört. So legte er den Hörer beiseite und spürte ein Ziehen, das vom Hinterkopf bis zum Steiß wanderte und nur dadurch unterdrückt wurde, dass Frau Gleisen um ein Abschmecken der Soße bat.

Der Geruch von Kartoffeln, Spargel und gebratenen Zwiebelscheiben zog seit Stunden durch die Räume. Frau Gleisen half Mathilde vom Felde noch zu Tisch, begrüßte die Gäste ohne Überschwang, servierte ihre Köstlichkeiten auf der simplen Tafel, wünschte einen angenehmen Abend, vermied direkten Augenkontakt zu den Gästen, nun auch zu Herrn Doktor Nebel persönlich, und verschwand ohne großes Aufsehen vom Miteinander.

Verspätet und heimlich gesättigt trafen David Massari und Matthew Porter ein, die sich vom ganztägigen Brunch mit den Massaris abgesetzt hatten und nach der Dosis Familie und gefühlter Vereinnahmung auf ein paar Stunden Gegensatz hofften. Wobei es sich im Falle Matthews etwas anders verhielt, war er von der mütterlichen Herzlichkeit und dem flappsigen Hin und Her des Vaters und den übrigen Tanten, Cousins und der Großmutter noch beim Ausstieg an der Jannowitzbrücke derart angetan, dass er einsilbig blieb und das Kopfschütteln Davids und dessen entschuldigende Sticheleien für das mehrstündige Erlebnis ignorierte. David war dem lange angekündigten Besuch mit gemischten Gedanken begegnet, was seiner Mutter nicht verborgen blieb und die über Matthew versuchte, ein paar Informationen über das Leben in der Stadt zu erhalten. Doch der war innerlich abgelenkt und aufgeregt zugleich. Sie pendelte zwischen drei Sprachen, wurde mit jedem Happen nervöser in ihrer Forschung, was dazu führte, dass sich David schließlich den anderen Familienmitgliedern oberflächlich widmete und hoffte, Matthew würde das Bild für die verbleibenden Stunden mit aufrecht erhalten können, ganz ohne Zwischenfälle oder die seltener gewordenen Aussetzer.

Hennes, der mit dem Fahrrad direkt vom Büro zum Treffpunkt kam, hatte Marens Nachricht noch vor dem Aperitif gelesen und entschuldigte sie somit in der Runde. Er war nicht verärgert, hatte mehr noch damit gerechnet. Ihr Leben hatte sich auf das Haus reduziert, die Stunden Schlaf wurden verdoppelt, der Hunger halbiert.

Während der von David angestoßenen Diskussion, woher dieser Trubel um Spargel und dessen gefeierte Saison bloß käme, staunte Gerda nicht schlecht, mit welcher Hingabe Valentina das Abendessen genoss.

“Eine schwangere Frau ist eine schwangere Frau. Uns schmeckt es fabelhaft – ja, ich spreche inzwischen von uns. Wir werden nicht so schnell satt, ich nehme gleich Nachschlag.”

Alexander freute sich über die Spitzfindigkeit, derweilen Sarik bat, die Köchin sprechen zu dürfen. Der Doktor wiederum bat, Frau Gleisens Freizeit doch zu achten. Er selbst könne die Fragen zur Gewürzen und Kochvorgang beantworten, was nicht der Fall wahr.
Frietjof überging Sariks unechtes Interesse und bat Wolter um ein paar Neuigkeiten aus Norwegen. Sogleich überkam den ein dankbares Grinsen, dass jemand sich nach seinem Enkel erkundigte. Die erwarteten Niedlichkeiten eines Säuglings wurden angesprochen, gefolgt von einem abschließenden Abwinken des frischen Großvaters.

 

 Das war das Stichwort für Frietjof, der dem ungläubig schauenden Wolter einen Umschlag überreichte. Die Gruppe hatte für eine Reise nach Norwegen gesammelt, wussten sie von seiner überschaubaren finanziellen Lage.

“Das muss nicht sein, mir ist das ganz unangenehm. Ich kann nicht sagen, was ich denke. Vielen Dank euch allen.”

Erfreulicherweise wusste Wolter nichts von den unschönen Anrufen und Nachrichten der letzten Wochen. Den Nachfragen, warum Wolters Tochter nichts mit beisteuere, ob man ihm nicht das Geld leihen sollte und inwieweit der Besuch eines Babys denn die Reise wert sei. Die Stimmung war eigen. Enttäuscht zeigte sich Valentina, sauer hingegen Alexander, stumm und sehr großzügig hingegen Maren Kluge, regelrecht aufgebracht Mathilde vom Felde. Die wandte sich nun an den links neben ihr Sitzenden.

“Tja, mein lieber Wolter. Bei mir brauchst du dich nicht bedanken. Ich selbst habe nämlich nicht gespendet. Ja, nun, ich habe mir etwas anderes überlegt. Schau hier, auch ich habe einen Umschlag. Und was ist drinnen? Ein Ticket für Hin- und Rückfahrt, im Grunde eine ganze Reihe, auch ich fahre nach Norwegen. So, und jetzt schnell was trinken und dann rauchen.”

Auf der Terrasse hatte Mathilde Frau Gleisen beobachtet, die auf dem Weg zu ihrem Wagen war und die Frau im Rollstuhl zu ignorieren schien. Sie fuhr sachte an die Hausdame heran, bedankte sich für die Kochkünste und wollte einen schönen Abend wünschen.

“Liebe Frau Gleisen, ich möchte Sie nicht aufhalten, aber Ihnen mitteilen, wie sehr ich mich freue. Jaja, wir kennen uns nicht, aber Augen habe ich doch. Wissen Sie, ich selbst habe mich vor die Entscheidung gestellt und richtig gewählt. Ich versuche es. Wolter ist ein toller Mann, ganz ohne es zu wissen. Das könnten herrliche Jahre werden, hoffentlich nicht nur irgendwo bei Fjordpferden und Fischerdörfern, die ich nicht aussprechen kann. Oh. Entschuldigen Sie meine Offenheit.”

“Frau vom Felde, Sie haben da etwas missverstanden, aber ganz und gar. Doktor Nebel ist mein Arbeitgeber, ein guter, keine Frage. Aber ich wohne nicht bei ihm, reise nicht mit ihm und koche für ihn gegen Bezahlung. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer, war aber nichts weiter als ein Übergang. Ich wünsche einen schönen Abend.”

Irritiert drückte Mathilde sich in die Hände, hatte ihre Wahrnehmung sie getäuscht oder die eigene Situation eine fremde falsch wahrnehmen lassen. Frau Gleisen parkte aus, fuhr davon und hinterließ eine Mathilde, die erst von Hennes wieder nach drinnen begleitet wurde.

Alexander hatte sich mit Frietjof eine Ecke im Hausflur gesucht, um den angedeuteten Kuss vom Essen fortzuführen. Die Spannungen des jungen Jahres hatten sich längst gelegt, die Konstellation mit Valentina war inzwischen zu dem geworden, woran andere denken, wenn man von ausgeglichener Beziehung oder ähnlichem spricht. Alles war sehr erwachsen, alle hantierten sehr durchdacht, wie Frietjof es eben vorgab. Gierige Küsse blieben auch heute aus, als Barbara von der Toilette kam, die beiden im Schatten sah und sich mit einem abweisenden Blick entschuldigte. Sie ging in die Küche, wo Gerda und ihre Schwester die benutzen Teller stapelten.

“Ich verstehe es ja nur halb, möchte mir da auch wenig Gedanken machen. Aber fraglich ist doch, wer da nun mit wem schläft. Nein, ich rate nicht, von wem das Kind am Ende stammt. Tauschen möchte ich da nicht. Wir sollten leiser sprechen.”

Valentina warf Claudia ihr Wasserglas vor die Füße.

“Das ist billig und niederträchtig – kennst du das Wort? Wir alle sind sehr unterschiedlich und würden uns unter normalen Umständen eben nicht treffen oder kennen gelernt haben. Aber wir teilen nun mal dieses verdammte Erlebnis miteinander und sind trotzdem freiwillig eine Gruppe. Ich werde nicht laut sagen, was ich denke. Auch wenn ich vielleicht wie eine Predigerin klinge, bei vielen von uns hat das Schlimme etwas Gutes hervorgebracht, auf irgendeine Weise. Aber vielleicht verändert so was eben nicht jeden.”

 

 

Gerda blickte zu den Reinerts und wusste, sie könne lange auf eine Reaktion der beiden hoffen. Sie rief Sarik zu sich, der beinahe in die Glasreste trat, winkte dem Doktor und verließ das Haus.

“Was ist hier los? Ich werde mal die Scherben wegräumen.”

Alexander kroch auf dem Holzboden herum, derweilen eine weitere Diskussion am Tisch aufkeimte. Hennes wusste nicht, wovon der Doktor da sprach.

“Das Mädchen, wie hieß sie noch gleich? Tilly? Ja, so war ihr Name. Ihr könnt euch sicher alle erinnern. Sie war doch ein Teil unserer Runde, während der ersten vier Monate, würde ich denken. Diese Tilly stand vor wenigen Wochen vor meiner Tür. Sie sah erwachsen aus und sprach ruhiger als die Leute da drüben. Jedenfalls wollte sie sich nach uns erkundigen, wie es uns ergangen sei und so weiter. Daraufhin habe ich sie eingeladen, was sie ablehnen musste. Schließlich hat sie damals jemand von uns darum gebeten, sich anderweitig Rat und Gemeinschaft zu suchen. Sie sei zu jung, hatte ihr jemand als Grund genannt. Ja, nun kommt schon her und beantwortet mir die Frage: Wer also hat Tilly ohne Absprache mit den anderen von unserer Gruppe ausgeschlossen?”

Stille. Warten. Blicke.

 

 

Alexander fiel in eben dem Moment die kurze Begegnung an der Kasse vor etlichen Wochen wieder ein. Draußen verabschiedeten sich soeben die letzten Sonnenstrahlen und das Zimmer schien plötzlich dunkel und die sitzenden und stehenden Personen eher wie starre Gestalten. Einzig Mathildes Ketten blinkten im Grau auf. Während der eine beruhigend die Hände faltete, fuhr sich die andere durch die Locken. Der Doktor wurde wohl unterschätzt, von manchen längst als halbsenil, zeitverzögert und überfordert von zu vielen Einflüssen einsortiert. Der vom eigenen Ende in wiederholenden Versen sprach und zu keiner Zeit eine Gegenreaktion erhielt. Es sei denn, man zählte Themenwechsel oder kurzzeitige Ruhe hinzu. Doch so lange wie jetzt hatte Doktor Nebel niemals die Aufmerksamkeit erhalten. Dabei wartete er mit einem beinahe zufriedenen Gesichtsausdruck auf ein Wort. Welches nicht kam. Matthew kannte besagte Tilly nicht und konnte sich die Anfangszeit der Treffen auch nur bedingt ausmalen. Er schaute aus dem Fenster und sah seinen Birko wartend auf einer Stufe sitzen.

“Es fehlen zwei Personen, sogar drei. Wie kann man die Frage stellen und auf eine Antwort warten, aber nicht alle vor Ort sind?”

Claudia hatte natürlich recht und somit begannen wieder einzelne Gespräche und der Hausherr verlor die Zuhörenden erneut. Da räusperte der sich und hob die Stimme an, das sie geradewegs zitterte und beinahe abbrach.

“Ich war es, das wollte ich euch sagen. Ihr habt sie vergessen, zum Teil zumindest, doch ich habe mich etwas schuldig gefühlt und sie sich scheinbar bereit, mir dafür zu danken. Weil das, was wir hier machen, keinen Sinn ergibt. Wir sind keine Therapeuten. Kurzzeitig hat das Zusammensitzen sicher etwas in uns beruhigt, doch im Grunde machen wir uns vieles vor. Es funktioniert nicht, lassen wir es gut sein. Ich bedanke mich für die Zeit, bitte euch aber nun, mein Haus zu verlassen. Bitte.”

Mathilde blieb bis zum Schluss im Raum, als die anderen vermutlich den Heimweg schon hinter sich hatten, bloß Wolter wartete mit seinem Umschlag am Wasser. Sie konnte nicht wissen, dass die Zugehfrau nicht wieder zurückkommen würde, doch ahnte sie es nun und fühlte sich fast verantwortlich. Der Doktor ließ die Hände zur Seite fallen, als absolute Stille eingekehrt war. Da kam jemand die Treppe herab, langsam und mit dem Blick zum Doktor, der an der Wand stand. Das junge Mädchen, dem nur wenig Zeit bis zum Dasein einer erwachsenen Frau verlieb, trat durch den Flur und ihm entgegen.

“Ja, es war richtig so. Doktor Nebel, fühlen Sie sich nicht schlecht. Ich war drauf und dran, schon früher dazu zu kommen, doch so ist es am besten. Wenn ich sage, die Gruppe zu zerschlagen, wäre sinnig und der richtige Weg, klingt das natürlich hart, endgültig. Vielleicht aber auch wie die Lösung für alle.”

Tilly war kaum aus dem Haus, er hatte ihre Worte noch im Raum belassen, da trottete der Doktor erneut zu seiner Bank, ohne Unterlage oder Apfel. Er setzte sich, lauschte dem Abend. Nichts an diesem war neu, die Vorbeilaufenden sprachen und trugen manches, doch nichts an ihnen war ihm fremd.

 

Text: Christian Ludwig

Fotografie: Saskia Kyas