Juli im Advent.

Juli im Advent.

Gedanken finden ihren Weg, bestenfalls sogar den Titel zu einem angeplanten Leseabend am Kottbusser Tor. Juli im Advent? Bastard Seasoning ist mindestens ausgedacht, aber mitnichten der Diskussion unwürdig.

Es ist nicht gelogen zu behaupten, die Jahreszeiten seien ein brauchbarer Rahmen für das Leben und seine Nebenwirkungen, dienen sie doch als Alibi, Kulisse und ungeschriebenen Leitfaden zugleich. So sehr die typischen Attribute der jeweiligen Monate auch bröckeln oder deren Präsenz sich verschiebt, bedingt durch einen Wandel des Klimas, der an dieser Stelle ganz feist nicht als gelenkte Fehlinterpretation benannt wird – Sommerlektüre, Frühlingsschmuck, Herbstgesicht oder Winterruhe verbleiben als lose gewählte Beispiele für die vier beliebten Kapitel, die den Alltag mehr oder wenig sinnig zusammen halten.

Dann spreche ich mit Menschen, noch besser schreibe ich mit ihnen, und mein innerer Slogan, in Jahreszeiten zu denken sei das eine, in Jahreszeiten leben das erschwerend andere, verwischt zu einem Werbespruch ohne Halt. Womöglich ist der Juli gar die strahlendere Version des Advents, nicht unbedingt die sparsamere. Sind Mitte Dezember unsere Mitmenschen zeitlich nicht gerne ähnlich schlecht zu greifen wie zum meteorologischen Sommerbeginn? Es ist alles eins, das könnte ein Fazit sein.
Ronny Matthes, dieser studierte Germanist und Kunsthistoriker und laut offiziellen Angaben auch verantwortlich für die Pressearbeit des Berliner Albino Verlags, schreibt und denkt scheinbar auch gern und zeitenunabhängig. Den Juli fühlt er eher als warm, stinkend und bierselig. Und die Kleidungsstücke unterscheiden sich in seinem Fall auch nicht, er trägt sie rund um den Advent eben bloß drinnen statt draußen. Dem leicht gegenüber antwortet Dennis Stephan, dem laut sozialen Netzwerken eh vieles steht und welcher jenen Monat vor August als klebrig bewertet – und als ein bisschen eitel und überheblich, ohne Rücksicht auf Verluste und inklusive Weitsicht schon gar nicht. Jedoch auch als warm. Bei diesen Worten des Journalisten, der über und für Männer und den Klub der Ungeliebten schreibt, fehlt lediglich die Behauptung, dass das Jahr nie besser aussehen wird als im Juli. Und er sagt es.
Inwieweit man ein saftiges Grün gegen ein hastigen Blinken gegenüber stellen kann, muss das Werbemotiv zur anstehenden Veranstaltung beantworten, für welches Dennis sein Gesicht eher hergab statt verlor.

Andere Menschen, bekannte Ansichten

Literaturkritiker und freier Journalist Stefan Mensch verdeckt seine Ansichten zu Leben und Belieben eher selten. Er schreibt aktuell ein Kapitel, das sich in einem Schwimmbad abspielt, liest selbst ungern bei schlechtem Licht, ergo tut er dies vermehrt im Sommer. Dann auf dem Balkon, während der Winter sein warmes Bett hergibt, was er als großen Fortschritt erkennt. Als adventliche Lektüre greift er zu läppischen Adventskalendern oder Kurzgeschichten. Ich behaupte, Facebook gehört auch dazu.
Und während ich an gewollt dunkelgrün und abgedunkelt nachbearbeitete Serien denke, deren Kulisse die Schwere der Handlung und Rollen unterstützen soll, bringt Stefan es schön auf den Punkt, wenn er von der alten Idee spricht, das Wetter solle den Seelenzustand der Hauptfiguren widerspiegeln. Für ihn bedeutet gutes Wetter deshalb robuste Hauptfiguren oder Autorinnen und Autoren, denen solche Plattheiten nichts geben.

Für Sebastian Guggolz, Verleger des Guggolz Verlags, der mit seiner Auswahl an vergessenen nord-und osteuropäischen Werken nicht nur schlau fährt, sondern auch die oft unsonnigen Zustände und Epochen wählt, ist der Begriff der Sommerlektüre weniger eine inhaltliche Kategorie als eine des Umfangs. Für unterwegs und draußen dürfen Bücher gerne weniger dick und umfangreich sein. Außerdem weißt Sebastian noch mal abgeklärt darauf hin, den Jahreszeitenrhythmus zu kennen, der auf Winter wieder Sommer folgen lässt. Ohne Frage, der Herr kennt Kalender und das Leben. Da gesellt sich Denis Abrahams passenderweise hinzu. Als Lyrikkenner, freier Sprecher und Schauspieler betrachtet er Literatur unabhängig von Jahreszeiten, ohne den Einfluss dominierender Sinneseindrücke der jeweiligen Jahreszeit zu leugnen. Dennoch liest Denis diesbezüglich nicht gezielt, die Auswahl ergibt sich organisch und wird durch andere Impulse bestimmt. Wenn er aber schon mit dem Begriff der Sommerlektüre konfrontiert wird, wirft sein Hirn spontan Erzählungen von Judith Hermann aus “Sommerhaus, später” aus, auch amerikanische Erzähler der klassischen Moderne aus den Südstaaten wie Carson McCullers oder Steinbeck gesellen sich dazu.

Da hat man nun also eine Handvoll belesener und beschriebener Personen auf das Thema angesetzt, eben welche, mit denen sich eine kulturelle Veranstaltung zu lohnen scheint, und doch bin ich nicht weiter mit dem Thema oder einem persönlichen Gedankenwirrwarr gekommen. Im selben Moment sehe ich die Werbung eines Buches namens “Moritz & Ivahn”, mit dem Aufhänger: ein Sommerroman von Christian Ludwig. Damit bin ich ruhig, lüfte die Küche und trinke eine heiße Schokolade. Alles scheint eins, das sollte das Fazit sein.

JULI IM ADVENT
Sonntag, 18.12.2016
aquarium / Skalitzer Straße 6
ab 18:30 Uhr

Es lesen:
Stefan Mesch
Denis Abrahams
Sebastian Guggolz
Ronny Matthes
Christian Ludwig
Dennis Stephan
Nico Reinhold

Foto: Saskia Kyas

Modell: Dennis Stephan