„Multioptionalität“ für Rosegarden II

Dubios, diese Mittagsstunde. Der Handdruck war fester als gewohnt, das Grinsen entrückter als gewollt. Die Aussage verschwamm neben dem Schreibtisch – zwei Wochen Urlaub, ungeplant, ohne Schein, jetzt, ab sofort. Sein Vorgesetzter tupfte sich nach der Ansage die Schweißperlen vom Nacken, wünschte eine schöne Zeit und bedankte sich nickend für die Erfolgsbilanz, die ihn angeblich zu diesem Geschenk führten.

Frei im August? Das war fremd und neu. Überlegung: Wie verbringt man die Zeit in einer leer gefegten Stadt, wenn sich jeder irgendwie irgendwo herum treibt und alles auf Zeitlupe zu stehen scheint. Huch, aber da waren doch noch Unterlagen, zwei offene Nachrichten. Nein. Der Chef wies mit spitzer Miene zur Bürotür. Nun gab es keine Ausflüchte, ab in die Ferien auf Knopfdruck.

Draußen beherrschte Hitze die Stadt. Die Kopfhaut brannte ähnlich wie die Teerstraßen, die er zu passieren hatte. Die Brille glitt Richtung Nasenende. Er suchte nach einer Nebenstraße, den schattigen Stellen. Seine Augen rollten. Mehr Haut bedeutete nicht parallel mehr Spaß für alle, dachte er sich, als das dichte Begängnis der Einkaufsmeile nicht enden wollte. Die klimatisierte Dachgeschosswohnung schien so weit entfernt wie der nächste anstehende Arbeitstag. Hätte er gute Freunde oder welche, die offene Ansprachen nicht scheuten, hätten diese ihm gesagt, wie auffällig aggressiv ihn schönes Wetter im Allgemeinen und Sommer in der Stadt im Speziellen werden lässt. Da werden einkaufende Beine in Schwimmlatschen als eklatanter Schwachpunkt gesehen, Rumlümmeln auf allen erdenklichen Treppenstufen der Altstadt als einfältiges Getue verurteilt. Negativität als Lösung für alles? – wie jugendlich.

Mehr Mensch als im Sommer geht nicht, das war ihm klar, davor hatte er schließlich Angst. Dann sind sie mehr, länger sichtbar, lauter, euphorisch und verträumt in einem. Nichts wie weg. Nun hätte er rasch den Fahrstuhlknopf betätigt, sich auf das Öffnen des Kühlschranks gefreut, wäre da nicht dieser Zwischenfall eingetreten. Ein Filmprojekt, ausgerechnet heute, direkt vor seiner Haustür, alles abgesperrt. Das Gegenteil von Lachfalten summierte sich in seiner Visage. Die jungen Dinger vor und hinter der Kamera winkten ihn freundlich ab, vertrösteten ihn auf später. Später? Ungenauer wäre ihm noch lieber gewesen. Doch ein Freigetränk am Buffett stände parat, als Aufheiterung. Weder Wasser noch Schnaps waren heute seins, so lehnte er das Angebot ab, hörte die schlecht inszenierte Verfolgungszene hinter seinem Rücken zum vierten Mal abbrechen und blieb am Pflasterplatz stehen. Der öde Pflasterplatz. Dieser hieß nicht wirklich so, doch wie sollte er diesen unbedeutenden Ort ohne Namen betiteln. Musik drang in sein Ohr, schief und hoch, zu schnell zum Überhören, zu langsam zum Durchdrehen. Eine Dame im hochgesteckten Haarkleid hatte einen Geschenkestand aufgebaut. Ja, wie auffällig und ungewöhnlich, gab es tatsächlich alles kostenfrei. Überbleibsel aus alten Wohnungen, Lose mit wohl hundertprozentigen Nieten, einen Kussknopf, eine komische Box und ein ausgeschriebenes Helferabteil. Schwachsinn, er hielt von alledem nichts, konnte sich aber dem tänzelnden Heranwinken der Frau in Bunt nicht entziehen. Ihr Assistent unter achtzehn führte ihn näher an den Stand. Abwehr blieb aus, die interessierte Freude ebenso. Mit keiner Fee verwandt, durfte er sich dennoch bei ihr für drei Geschenke entscheiden. Oh je, das klang nach einer längeren Prozedur. Er hatte nicht einmal Laune nach nur einem Präsent, drei aber waren deutlich über seinen gewünschten Möglichkeiten. Sei’s drum, dachte er, zog sich ein Los, auf dem lediglich ein Fragezeichen abgebildet war. Er durfte sich nun entscheiden, ein weiteres Los zu ziehen oder sich in die Zukunft blicken zu lassen. Er nickte Ersterem zu, erhielt jedoch wieder ein Fragezeichenmotiv. Hellsehen an der Bordsteinkante wies er weiterhin undankend ab, das zweite Geschenk würde es schon richten. Er blieb an dem Knopf für die Kussfreiheit stehen, sah jedoch die ausgelaugten weiblichen Lippen vor sich, schielte auch kurz zu dem halbgrinsenden Helfer in Uniform rüber, bei welchem neben der strahlenden Zahnleiste nichts anderes sichtbar schien. Irritiert wich er zurück. Zungenschlag ohne ihn, so zeigte es sein verkrampftes Gesichtsfeld überdeutlich. Nach zwei ausgeschlagenen Präsenten war es nun die tief stehende Grabbelbox, die ihn abschließend noch zufrieden stellen könnte. Zaghaft ließ er seine linke Hand in das dunkle Loch fahren, ängstlich, was er dabei angeln würde. Eine Armbanduhr, jene von der imitierten Sorte, zog er aus der Kiste, betrachtete sie kurz, ließ sie dann aber wieder fallen. Er nickte den beiden Mitarbeitern des Geschenkestands gequält entgegen. Wie vor den Kopf geschlagen und undankbar zurückgelassen, standen Frau und Helfer neben den Holztischen, derweilen spürte er deren enttäuschten Blicke wie bösartige Fühler hinter sich. Was vergeuden sie ihr Leben auch mit solch sinnarmen Spuk, rechtfertigte er sein kühles Handeln beim Laufen. Um geschenkte freie Tage kam er nicht herum, doch diese als nächstenliebend verkappte Art an Geld im Hut zu kommen, war ihm ein Gräuel. Eine Mitarbeiterin des Films machte ihm den Weg frei, waren die Aufnahme vorerst pausiert, wie er glaubte. Eigentlich wurde angenommen, er wäre ein geplanter Komparse, der beinahe seinen Einsatz verpasst hatte. Die Sonne war hinter den drei Hochhäusern verschwunden. Die Filmtruppe applaudierte ihm zu, war sein ignoranter Durchgang genau der Schlag, der der Einstellung noch fehlte. Es wurde angestoßen, gelacht, ihm zugeprostet. Abstand. Er schlug die Wohnungstür hinter sich zu, atmete tief ein, warf seine Tasche unter die Garderobe. Drei Minuten später hatte er sich beruhigt, doch die Aussicht wurde schlecht. Er war eher blass, blass und tot.

(Juni 2013)