Populärmusik aus Vittula

Die eigene Unzufriedenheit beherrscht doch gerne und immer wieder den Alltag inklusive Lebensführung und lässt das Leben der anderen als bedeutend unbeschwerter und weniger problembeladen wirken. Sie hindert einem an möglicher Weiterentwicklung, längere Sonnenperioden scheinen kaum in Sicht. Man ist sich selbst am nächsten, stirbt sowieso nur für sich alleine und das ganze Trara. Letztlich kreuzen einen dann unregelmäßig Situationen, welche mehr oder weniger verdeutlichen, dass man mit der eigenen Existenz wohl doch nicht die verfluchteste Niete gezogen hat.

Der einstige Everybody’s Darling der Schule fristet 5 Jahre nach Abschluss ein jämmerliches Nischendasein, ganz ohne Groupies mit Pausenbrot in der Hand, Cliquen sind eh gelaufen und von wegen, der wird es mal ganz weit bringen, die ranzige Kleinstadtdisko bleibt die letzte Stätte zum Darstellen, nur ohne Bewunderer.

Die früher so nach Erfolg und Anerkennung beim Lehrerkollektiv grabschende Brillenträgerin hat nun ihre Zelte im Ausland aufgeschlagen, Brasilien oder Spanien heißt es. Dass dies nicht automatisch ein ausgefülltes Leben mit der beneidenswerten Ladung Glückseligkeit und Individualität ausmacht, wird einem erst nach einer eher ernüchternden Mail aus der Ferne klar. Populärmusik aus Vittula ist so ein Streifen, der einem auf raffinierte Weise vor Augen hält, wie viel trister und verschrobener die anderen Umstände namens Leben eigentlich sein könnten.

Da wartet der gefühlskalte Vater stets mit dem Gürtel schwingend vor dem Haus, während die Hausfrau sich resignierend in ihrer eigenen Schutzkapsel von Tag zu Tag schleift und bei der Aufforderung des Sohnes doch mal Arbeit zu suchen, völlig in sich einstürzt.

Trinkfest sind die Einwohner des nordschwedischen Pajala allesamt. Außerdem heißt es für die rauen Männer, sich regelmäßig in ausladenden Saunawettbewerben, und für die Damen (wobei das Wort hier eher zynisch gewählt ist) in Fingerhakeln zu messen. Die Frauenwelt hat es hier faustdick hinter den Ohren, geht es nämlich um Geschlechtsverkehr, kennen sie kein Halten mehr. Da kann die gesamte Hochzeitsgesellschaft vor Ort sein – kein Hindernis, den mindestens zwei Generationen jüngeren pupertierenden Matti rücksichtslos zu entweihen. Selbst die Anwesenheit der latent unästhetischen regionalen Gymnastikgruppe kann den armen Jungen vor sexuellen Überfällen nicht retten.

Die eigene Großmutter pustet selbst vom Sterbebett noch die vernichtendsten Feindlichkeiten gegen eigen Fleisch und Blut.
Und wer immer mit der möglichen Präsenz des durchgeknallten, jagenden Hausmeisters und vor allem abstoßenden Waldschrats mit einer überdeutlichen Vorliebe für Jungs und seltsame Tinkturen rechnen muss, kann keine unbeschwerte Jugend durchleben.

Gut, dass da der neue Musiklehrer Greger eine gefühlte Revolution mit seiner Ankunft startet. Wer tritt schon siegesgewiss mit dem Fahrrad gegen die Rasanz des Schulbusses an. Es sind schließlich die 60er, die Beatles kommen und damit auch die Welle des Rock´n Roll. Alles verweichlichter Mist, so der O-Ton der konservativ eingestellten Einwohner. Doch die Stärke von Freundschaft hält diesen Berg von schlechten Vorraussetzungen doch stand, oder nicht?

Das ist eben die Geisel mit den Erwartungen. Geht man nämlich mit dieser in die Verfilmung des Romans von Mikael Niemi, dass sich ein Rundumpaket der Witzigkeit vor einem öffnet, dann wird sie nicht erfüllt.

Dafür bekommt man ein 100-minütiges Stück skurriler Unterhaltung mit einer Wagenladung Seele geboten. Alle Charaktere bleiben haften, nicht weil so überzogen gemimt, sondern weil dermaßen eindringlich inszeniert, dass zwei mal in Folge schauen eher anzuraten, als nur zu empfehlen ist. Hier werden sowohl dialogtechnisch, als auch dramaturgisch gekonnt Haken geschlagen, dass wiederholendes Stirnrunzeln nicht auszuschließen ist. Darum geht es letztlich ja, überrascht zu werden und wenn anschließend Fragen über der Schädeldecke kreisen, muss das nicht immer ein Zeichen von schwierigem Filmgut sein.

Übrigens kann man froh sein, dort zu sein, wo man ist. Ist ja nicht alles schlecht hier.