„Rose Garden“ für Rosegarden I

Meine Herren, war diese Frau aufgewühlt. So zerzaust ihr Haar, so zerfahren ihre Gedanken. Die Tage zwischen den Jahren waren für die Anwohner allem Anschein nach die Aneinanderreihung meditativer Stunden. Nichts als Stille. Sollen sie nur alle träge hinter den zugezogenen Vorhängen dösen, dachte sich die Hausfrau, die einst Mutter werden wollte.

Ihr Gatte trug ihr vor etlichen Jahren chronologisch auf, was vor dem Jahreswechsel noch zu absolvieren wäre. Den Zettel hatte sie weder kopiert, noch einlaminiert, sondern lediglich geistig so gut behalten, dass ihr keiner der Aufträge durchrutschen konnte. Gestern erst zog sie die Bettwäsche ab, sammelte alles aus Frottee aus den Baderäumen ein, außerdem die Geschirrtücher, Wischlappen und einiges mehr noch, was ihr beim Ablaufen der Zimmer in die Augen fiel. Nichts Benutztes durfte mit in das folgende Jahr getragen werden. Bis zum 31. Dezember musste der üppige Stapel gewaschen, getrocknet, gebügelt und akurat in den Schränken verstaut sein. Beneidenswert, diese Zeiteinteilung. Die Stunden rannten ihr noch nicht den Nacken hinauf, was sie aber nicht abhielt, jeden Arbeitsablauf von Stunde zu Stunde mit mehr Hektik durchzuführen.

Ihr Mann arbeitete im Büro die liegen gebliebenen Ordner ab, gerne auch bis in die Nachtstunden. Alte Arbeit im Hinterkopf war dem Mann ein Gräuel. Sein Kugelschreiber glühte schon, der Locher stanzte das etwa zweiundvierzigste Paar in eines der als abgehakt geltenden Formulare. Keine Musik begleitete Mann oder Frau bei ihren Erledigungen in der Kleinstadt, dies könnte ablenken und das eigene Tempo beschweren. Was oder wem sollte man außerdem beim Arbeiten schon lauschen? Die Fenster blieben stetig geschlossen, doch es fehlte der Waschküche, als auch dem Schreibtischzimmer, jede Zirkulation von Sauerstoff oder eben Duft des leise auftürmenden Schnees. Kopfschmerzen plagten beide Schädel, eingestehen oder es verändern, stand nicht auf dem Plan.

Zwei Hosen ihres Mannes waren noch umzunähen, desweiteren der Weihnachtsschmuck – nicht aller, nur jener, der mit künstlichem Licht aus der Steckdose im Zusammenhang stand, war Richtung Dachboden zu entsorgen. Gerade hatte sie das Nähetui auf die Kommode fallen lassen, hing sie schon die in Stufen angebrachten Leuchtsterne ab und legte sie in eine fleischfarbene Kiste. Dabei fielen ihr die eigenen langgewachsenen Fingernägel auf, die ebenso im auslaufendem Jahr zu restaurieren waren. Mit dem lockigen Kopf überall, pirschte die Hausfrau die Treppen hinauf. Jeder Gang schien geprobt und durchdacht. Getrunken hatte sie außer des stummen Kräutertees in der Dämmerung noch nichts, gegessen wurde frühestens bei Ankunft ihres Ehemanns. Dieser wechselte seine Finger mit dem Bedienen des Firmenstempels und Notieren kopferrechneter Summen ab. Gerade lehnte er sich nach hinten, rückte näher an die Stuhllehne, da lief ein Mann vor dem Fenster entlang. Der hatte dem Rentenalter längst die Hand gereicht, so langsam wie er die Meter hinter sich brachte und in die Schneespur sah. Er stand einfach da und sah. Es war ein schönes, für den tüchtigen Arbeiter seltenes Bild. Er selbst stand im Grunde nie einfach so vor dem Haus. Sinnfrei da stehen und seinen Blick gelassen in die Umgebung werfen – nein. Eine ältere Dame mit zitterndem Gehstock betrat die Szene des milde drein schauenden Herren. Sie hakte sich bei ihrer Begleitung ein, erstrahlte währenddessen förmlich unter ihrem wärmenden Hut. Den Schreiber zur Seite legend, trat der Mann an das Fenster und blieb fasziniert, zunehmend irritiert, an dem Paar haften, welches bereits Unmengen gleicher Winterbilder gesehen haben musste. Gerade als er seinen Kopf wieder ein Stück in Deckung der Gardinenspitze drehte, verlor der Herr in der Schneekulisse sein Gleichgewicht und krachte seitwärts neben einen der geschippten Haufen. Wahrscheinlich schrie er dabei, die Fenster waren zu gut isoliert für Genaueres, die Frau an seiner Seite sperrte zumindest erschrocken ihren Mund auf und verlor ihren Hut dabei.

Die Ehefrau spülte die gekürzten Fingernägel unter dem Wasserhahn ab, übersah parallel die krankhaft trockene Haut an ihren Unterarmen. Im Hintergrund waren Tappsen zu vernehmen. So rasch hatte sie ihren Mann selten die Treppe gehen hören. Sein Gesicht war wie entstellt, als hätte er etwas im Kopf, was ihn aus seiner Arbeitswut entriss und umgehend nach Hause trieb. Seine Frau hingegen überkam die Befürchtung, sie hätte etwas vergessen – einen Termin, eine Erinnerung, einen Einkauf oder ähnliches. Doch es kam anders.

Ihr Mann wollte sie gerade zum Auto geleiten, als ihr in den Sinn trat, nochmals die Herdplatten zu kontrollieren, ebenso den Stromkasten, von den angekippten Fenstern ganz zu schweigen. So flitzte sie vom Beifahrersitz in das Haus, zurück zum Wagen, um dann wieder geistig prüfend an der Bordsteinkante zu stehen. Auf einen solch spontanen Ausflug war sie nicht ausgelegt. So kannte sie ihren Mann nicht, vielleicht nicht mehr. Der Schlüssel pendelte latent mahnend am männlichen Zeigefinger, seine frühere Verlobte war derweilen das vierte Mal die Strecke hin und her gelaufen, ihre Wangen prahlten in auffälligem Rot. Eine Drehung später knackste sie mit dem rechten Bein zur Seite weg und fiel direkt neben den Postkasten, der ebenfalls noch von ihr zu kontrollieren war. Doch es kam anders.

Die abrupt geplante Überraschung wurde zu einem zweitägigen Marathon zwischen Rettungsstelle der regionalen Klinik, sekrethaltigen Verbandswechseln und Kühlkissen im abgedunkelten Schlafraum. Leer fühlte sie sich, hatte sie nichts außer unruhige Nächte mit Medikamenten und Magengrummeln im Leib. Sie plagte das schlechte Gewissen, ihr Ehemann hoffte lediglich auf baldige Genesung. Schließlich fühlte er sich schuldig, brachte er sie doch mit seiner Abholung direkt in den Taumel des Alltags. Die Arbeit lag nun ähnlich brach wie die versteckt klagende Gattin unter der Daunendecke.

Das neue Jahr war nicht mehr weit. Beruhigend und mit der Stimme aus einem verdrängten Miteinander berichtete er ihr von dem, was er alles sah – im Garten, vor dem Haus, beim Einkauf. Sie konnte sich kaum auf das Erzählte konzentrieren, umarmte sie derweilen das Spiegelbild einer Versagerin.

Wie im Zeitraffer ging es mit ihr bergauf, so fand er seine Frau bald in den frühen Morgenstunden mit dem Schneidemesser vor einem Kartoffelhaufen am Küchentisch. Gemäß ihrer vorausschauenden Natur stand der Tee ihres Gatten parat, war der Flur bereits gefegt und das Kalenderblatt vom gestrigen Tag befand sich im Papiermüll. Tropfen von Schweiß standen ihr auf der Stirnfront und die Hände vibrierten zunehmends. Der Anblick war ihm mehr noch ungeheuer, als nicht nur ganz einerlei. Wie von Pflichtgefühl und automatisch aufgelegtem Tatendrang gefangen, hantierte sie. Kein edles Bild, ungesund. Der einzige Schmuck, den die Ehefrau trug, waren ihre schwellenden Augenringe. Mit einem Kopfschütteln schlich er sich in das Schlafzimmer zurück. Unbemerkt hatte er sich den adretten Anzug aus dem Vertiko gegriffen, den Bart begradigt und die polierte Sonntagsbrille aufgesetzt. Sie fasste sich die Brust – tönte die Glocke ohne Vorwarnung aus der ersten Etage. Mit Messer in der Linken spurtete sie nach oben und sah ihren Mann ausgehbereit im Licht der winterlichen Morgensonne stehen. Es war keineswegs so, dass sie ihren Mann äußerlich überwiegend unaufgeräumt bestaunen durfte, doch derart strahlend sah sie ihn seit der ersten Ehejahre wohl nie mehr. Er lächelte, sie föhnte sich ihr Haar und der Wagen wartete im Hof auf die Abfahrt. Doch es kam anders.

In der direkten Nachbarschaft waren fünf Heidschnucken über den niedrig gesetzten Drahtzaun ausgebüchst und sprangen nun durch das hintere Gartenviertel des Ehepaares. Da die zugehörigen Besitzer verreist waren, konnte nur das Ehepaar selbst, die im Zickzack laufenden Huftiere einfangen. Nach vier Stunden Beruhigen, Locken und seichtem Drohen mit Stöcken und gefrorenen Salatblättern, hatten sie die Fellgruppe schließlich gebändigt und fürs Erste in ihrem kleinen Schuppen zusammengehalten. Aufatmend hielt die Frau ihrem Mann die Schulter. Der Tag war gelaufen, gleichfalls seine Pläne für heute. Bis zum Abend sprachen sie kein Wort miteinander. Es stank nach Stall und Frust, die Blicke der beiden ähnelten Küssen abgestandener Münder am Morgen.

Nur noch zwei Tage bis zu dem Uhrzeigerschlag, der das frische Jahr einzuläuten vermochte. Das nächste Frühstück zeigte sich einseitig, wartete sie mit weich gekochten Eiern, eigens gemahlenem Kaffee und dem rührenden Holzlöffel in der Milchsuppe, die als Vorspeise gedacht war. Seit etlichen Räuspern hörte sie ihn Schnee vom Gehweg auf den ungenutzten Parkplatz schaufeln. Statt ihn zu rufen, ging sie neben dem Schuhschrank auf und ab, ärgerte sich in die zugeknöpfte Bluse und verfolgte das Gespräch ihres Mannes mit dem Nachbarn, der seine Tiere vermisste. Männliches Gelächter war kaum zu überhören, bald auch Schritte im Schnee und das einsilbige Blöken des Gruppenältesten. Es war fast zwölf Uhr, sie weiterhin alleine im Haus. Angesäuert hatte sie ein großes Tuch über den Frühstückstisch gelegt, ein dunkles im Speziellen, als wäre das noch ausstehende Essen statt einer verdienten Kost die verkappte Henkersmahlzeit. Sie wollte Ordnung im Alltag des schwindenden Jahres – Unfälle an der Haustür, unerwünschte Gäste aus Fell und Unmengen an vereistem Wasser von oben durften sie dabei nicht behindern. War es nicht ihr Mann selbst, der ihr diese Einstellung unter den Ehering schob?

In einem fast nachdenklichen Moment tippte sie jemand hinterrücks an und stahl ihr flott das Augenlicht. Die Binde saß etwas zu eng, die Erwartungshaltung stieg dabei nah des Unermesslichen. Er zog ihr eine Winterjacke über, sie fror sehr schnell und war keine Geliebte von Winter und Frostblasen.

Eine Reise im dritten Anlauf, die Fahrt in das Ungewisse. Viele Stunden saßen sie frei von Worten nebeneinander, ein ganzer Tag könnte es gewesen sein. Die urplötzlich entfachte Überraschungsidee des Ehemanns wurde ungewollt eine Art Bewährungsprobe, welcher er sich nun freiwillig aussetzte.

Der Wagen bremste, er half ihr aus dem Sitz und führte sie einer Anhöhe entlang. Die Jacken hielten sie in den Ellbeugen, war das Klima bei Ankunft feucht-warm und Sonnenstrahlen beschienen die zwei Gesichter. Im Hintergrund parkte ein Bus ein. Die Augenbinde wurde vom Ehemann gelöst und der Blick nach vorne somit frei. Freuen wird sie sich, überwältigt sein, dabei war sich der Mann sicher. Doch es kam anders.

Sie blinzelte und sah dann genauer. Die Mimik sprach Bände, sie runzelte die Stirn und kippte die Mundfalten. Da hatte er sie nun so weit gefahren, die Nacht für sie durchgemacht und diese atemberaubenden Silhouette als erhofftes Spektakel gebucht. Und was tat sie? – nichts außer atmen und leer schauen. Für Freude des Moments hätte man wohl tiefer graben müssen. Dem Mann glitt die Augenbinde aus der Hand auf den unbewässerten Erdboden. Von hinten schallte und hallte es, der Busfahrer ließ das Radio laufen: “I beg your pardon, I never promised you a rose garden.”