Texte

DER MORGEN DANACH

DER MORGEN DANACH

POESIE AUF REISEN

Vers Sechs: DER MORGEN DANACH / am Port von Sacrow

IM FRÜHLING

IM FRÜHLING

POESIE AUF REISEN

Vers Fünf: IM FRÜHLING / in Grünheide

SCHLAGZEILEN

SCHLAGZEILEN

POESIE AUF REISEN

Vers Vier: SCHLAGZEILEN / auf Insel Poel

ERWARTEN

ERWARTEN

POESIE AUF REISEN

Vers Drei: ERWARTEN / in Nienhagen

THRONWÄRTS

THRONWÄRTS

POESIE AUF REISEN

Vers Zwei: THRONWÄRTS / am Ziegelsee Schwerin

ZWEIERLEI

ZWEIERLEI

POESIE AUF REISEN

Vers Eins: ZWEIERLEI / am Stadthafen Rostock

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: DEZEMBER

JEDER TRÄGT ETWAS UND MEISTENS IST ES SCHWARZ: DEZEMBER

Saßen immer schon derart viele Krähen in den kahlen Baumkronen? Mussten Erinnerung und Vorausschau diese Kälte transportieren? Fuhren die Heizkörper nur heute so lautstark auf? Wird der Mantel diesen Winter bloß noch halten? Trägt nicht jeder etwas und meistens ist es schwarz?

Der Dezember war so rasch und beinahe unauffällig voran geschritten und offenbarte plötzlich Fragen, die einem die Feiertage in Sichtweite schenkten. Die Stadt fand quasi nicht statt, nur man selbst mit dem an und in sich. Niemand war auf der Suche nach Abschluss oder einem Kapitelende.

David Massari konnte das Riesenrad vom Bett aus schon erkennen. Es leuchtete und blinkte im grauen Etwas und David konnte nicht denken, wer am Vormittag bereits in einer der Gondel sitzen konnte. Die Dusche machte ihn eher schläfrig und erst als er mit nassen Füßen die Wohnung abgegangen war und eine angesammelte Spur Hundehaar von unten her spürte, war er im Tag angekommen. Dennoch zögerte er jeden Schritt zwischen Kaffee kochen und Abwasch hinaus, schließlich hatte er sich noch immer nicht zurück gemeldet, wie er denn nun am Nachmittag nach draußen kommen würde. Ihm war nicht nach einer Fahrgruppe, nicht nach Entscheidungen und Mehrsamkeit. Es würde sich schon noch ergeben.

Nur keinen Streit aufkommen lassen, jeden Anflug von Unklarheit in Rückhaltung ersticken. Mathilde vom Felde wusste um ihre Stimmung, die mit dem Weihnachtsfest verbunden war. Es beginnt mit Diskussionen, fortgeführt von schrägen Blicken, bis schließlich Türen knallen und große Gesten die Option von Feierlichkeit abrupt zerschlagen. Doch dies war früher. So sagte es sich Frau vom Felde zumindest. Sie hatte nicht vor, Wolter mit ihren klassischen Zügen zu verprellen. So vergingen die Tage harmonisch im Schein von Schwippbogen und Pappstern. Aber ach, an diesem Morgen warf Mathilde ihre Planung über Bord. Sie würde sich nicht von jemanden der Gruppe chauffieren lassen, nein, nein. So recherchierte sie den Vormittag über, mit welcher Krautbahn und unregelmäßigen Buslinie sie es bis zum Treffen schaffen würden. Die Telefonate waren laut, die Selbstgespräche anstrengend. Nun überkam Wolter der Schweiß auf Stirn und Händen, um sich mit Tasche und Beutel wortlos im Laden gegenüber zu verstecken. Die letzten Einkäufe waren sein persönliches Alibi. Er wusste, dass er jedes Mal etwas länger brauchte, um die gelisteten Artikel zusammen zu finden.

 

 

Frietjof hupte selten, doch er wartete schon einige Minuten vor dem Haus und Hennes war noch immer nicht am Wagen. Der telefonierte mit Maren, die ihm versicherte, niemand müsse auf eine Pension zurückgreifen, Platz wäre vor Ort für alle vorhanden. Einen Moment später öffnete Hennes den Kofferraum, wunderte sich über die vielen Gepäckstücke, die kaum noch Platz für seinen Rucksack ließen, wollte sie dennoch übersehen und fragte nicht nach. Er legte eine Decke auf den Rücksitz, schließlich musste Bierko auch noch mit. Der hatte eine spannende Adventszeit hinter sich, wurde von den überforderten Wächters mehrmals weitergereicht und war seit vorgestern bei Hennes gelandet, dem die Ablenkung gerade recht kam.

Gerda sprach ihren Mann im gleichen Moment sehr wohl an, was der Baum, die Geschenke und all die Tüten im Kofferraum zu suchen hätten. Vorher noch einmal nachzufragen, ob nicht schon ein Baum in Biesenthal stände und sich an die Abmachung zu erinnern, es würde sich nichts geschenkt werden, wurde ihm eindringlich vermittelt. Da musste Sarik schon schmunzeln, stiegen Barbara und Claudia auf der anderen Straßenseite aus einem Taxi und konnten ihr Gepäck kaum alleine tragen. Gerda schüttelte bloß mit dem Kopf, setzte sich hinter das Lenkrad, stellte das Radio laut und fuhr passend zum Gesichtsausdruck Richtung Autobahnzubringer.

Alexander hatte die Aussage verstanden. Tilly hatte diese Fahrt nicht mit Familie und Wohngemeinschaft abgestimmt und gab somit eher den Fahrdienst, der auch nicht viel Zeit eingeplant hatte. Sie könne nichts versprechen. Valentina hatte Anne soeben in den Schlaf gesummt, sich bei Manon an der Ampel noch verabschiedet und ihre ruhige Art hinter dem Fahrersitz machte deutlich, wie sehr sie sich auf die Fahrt aufs Land freute.

Eine Stunde später. In einem Automobil bellte ein Hund aus voller Kehle, in dem anderen war ein Kind kaum zu beruhigen. Frietjof hielt an einem Feldstück an und ließ Bierko eine großzügige Runde rennen, warf knorrige Stöcke als Unterhaltung, behielt den nachdenklichen Blick auf und sah aus der Ferne, wie Hennes mit dem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt eingeschlafen war. Valentinas Tochter war so einfach nicht von ihrer inneren Unruhe abzulenken. Die kahlen Bäume über dem Kopf machten der kleinen Anne eher Angst, der Spaziergang war mehr für ihre Mutter und Alexander gedacht, die von Tillys Monologen der letzten halben Stunde reichlich genervt waren. Sie verstand auch die Pause im Irgendwo, wahrscheinlich kurz vor der Ankunft, nicht. Alexander erzählte von einer neuen Bekanntschaft. Mit einer Handvoll Sätzen hätte Valentina die Relevanz und Zukunft dieser Bekanntschaft realistisch zerteilen können, doch sie war heute nicht auf Offenes und Ehrlichkeit aus und versuchte sich gar nicht erst, Eckdaten der Person zu merken, er wäre doch bald wieder Geschichte.

Barbara sang bei den Weihnachtsliedern falsch mit, irgendwas musste sie neben ihrer stillen Schwester schließlich tun. Gerda war keine positiv stimmende Fahrerin. Der Routenplaner wurde ihrerseits ausgestellt, hatte der soeben den Wagen falsch geleitet und vor einer schlecht geführten Landwirtschaft im Nichts stehen lassen. Sarik hatte ein paar Kinder mit großen Augen an der Straße stehen sehen und fragte nach der Ortschaft Biesenthal. Gelangweilt zeigte eine den Weg Richtung Wald, die andere den Mittelfinger. Das wiederum war für seine Frau amüsant und ein guter Aufhänger für die letzten Kilometer.

Alle bisher erlebten Mitarbeiter hatten sich den Begriff Service überraschend groß auf ihre Dienstkleidung geschrieben und empfingen Frau vom Felde eben so, wie es ihren Erwartungen gleich kam. Wolter hatte die reibungslosen Umsteigezeiten auch nicht kommen sehen und betrachtete mit Mathilde die Umgebung aus dem Fenster der Regionalbahn aus. Am Bahnhof stand ein alter Mann, der auf die beiden zu warten schien. Er stellte sich als Edgar vor, lief am Gehstock und ließ das Gepäck von einem jungen Mann mit dem Fahrradanhänger schon vor zum Landhaus transportieren. Sie gaben eine schöne Truppe ab, lediglich Wolter versuchte, in das Gespräch mit einzustimmen. Er war immer für Besuch, doch im gleichen Satz verneinte der Einheimische umgehend, zu beabsichtigen mit der Gruppe zu feiern. Er wolle sich im kleinen Kreis zusammenfinden, wie man das eben im Alter so täte. Die Stadtleute sollten unter sich bleiben. Frau vom Felde gab Wolter mehrmals ein unmerkliches Zeichen, Egon nicht derart anzutreiben. Sie sah ihren Atem vor sich, frierte an den Füßen und genoss die Spazierfahrt dennoch.

 

 

Es wurde schon langsam dunkel, als sich David an einen der Stände für ein Handbrot anstellte und die drängenden Menschenmassen zu ignorieren versuchte. Eine Runde würde er mit diesem verdammten Riesenrad fahren, dann zu den anderen aufbrechen. So sagte er sich, als er in der Kabine mit einer Dame saß, bei der sich Mut und Angst miteinander abwechselten. Hoch oben, mit dem Blick über die Stadt und den Händen in den Jackentaschen, bemerkte David, dass weder Telefon noch Schlüssel zu fühlen waren. Und er sah beides quasi vor sich, neben dem Spiegelschrank liegend. Er musste die Dame beruhigen und gleichzeitig nachdenken, wie nun weiter vorzugehen sei. Das Hochhaus leuchtete, die Tatsache ebenso, dass es Diane wäre, die ihm schnell helfen könnte. Ein Kontakt, den er nicht ohne Hintergrund hat ausfädeln lassen.

Maren Kluge war in ihrem Element. Führte die einkehrenden Gäste durch das Haus, bedankte sich für einen zweiten und gar dritten Weihnachtsbaum, verteilte großzügig Alkohol in leichten Gläsern und Gebäck in gemusterten Schalen und schien trotz all der Hektik ausgeglichen wie selten. Während Tilly nicht zum Bleiben überredet werden musste und den Wächters beim Schmücken unter die Arme griff, hatte Frau vom Felde einen ersten Schwipps und sang mit Valentina und Alexander internationale Adventslieder. Wolter hatte sich mit Anne etwas zurück gezogen. Sie war eingeschlafen und er telefonierte flüsternd mit seiner Tochter, die sich für Silvester anmeldete. Hennes war mit Frietjof und den Reinerts ein Stück durch den Ort gegangen und irritiert von Bierko, der etwas oder jemanden erspäht haben musste. Schließlich standen sie vor einer Gaststätte, aus dessen Eingang der Wirt trat und die Dorffremden auf ein Abendessen einlud. Er hatte unangemessen vorbestellt, da kam ihm der ambivalente Trupp gerade recht. Frietjof machte deutlich, dass das mit etlichen weiteren Freunden zu besprechen sei, aber der Duft aus dem Küchenfenster überzeugte die Vier schnell.

Diane hatte es sich bereits gemütlich gemacht, einen angeblich guten Bekannten neben sich sitzen und sprach mit Maren über Neuigkeiten, die diese glaubhaft abnickte und doch ein Auge auf David warf, der wohl nicht erst seit der Ankunft in Biesenthal mit schlechter Laune zu tun hatte. Er bereute es schon jetzt, sie um Hilfe gebeten zu haben, war aber froh, als sich im Haus herum sprach, dass man auf die Käsesuppe verzichtete und heute noch im Krug einkehren würde. So passierte es tatsächlich. Hungrig blieb niemand, von nüchtern gar nicht zu reden. Der Punsch des Hauses brachte eine Stimmung an die große Tafel unter dem Wildschweinfell, die nur bedingt absehbar war. Die Nacht wurde lang, der Heimweg beschwerlich, der Morgen grau.

 

 

Die beiden Frauen müssen sich schon einen Moment betrachten, um sich wiederzuerkennen. Tilly, die sich heimlich davon schleichen wollte, ohne das gemeinsame Frühstück abzuwarten. Frau Gleisen, die mehrfach von Maren eingeladen wurde und sich bis zum Vortag unsicher war, dies auch anzunehmen, nun vor der Tür wartete und die vielen parkenden Autos dabei zählte.

“Frau Gleisen, mit Ihnen hatte ich nicht gerechnet. Guten Morgen!”

“Ich selbst nicht. Doch Sie wissen sicher, warum ich dann doch kommen musste.”

“Ja, er ist hier überall. Drinnen wird noch geschlafen, aber ich hatte das Gefühl, der Doktor wäre im Haus unterwegs. Entschuldigen Sie, jetzt wo ich Sie sehe, fühle ich mich nochmal so schuldig. Doch, doch, das ist das passende Wort. Ich habe ihn verwirrt, mindestens.”

“Bitte seien Sie mir nicht böse, doch Sie haben keinerlei Anteil an Doktor Nebels Tod, so wenig wie ich oder sein gräßlicher Bruder. Es wird allmählich kalt hier. Sie wollten gerade fahren, nicht? Lassen Sie uns Kaffee kochen, Sie wollen ja doch auch bleiben.”

Barbara hatte ihre Schwester angetippt und um etwas Decke gebeten. Der Vorhang hatte mehrere Löcher und legte den Tag nach und nach frei. Die Reinerts fühlten sich elend, eine der beiden hatte sich im Morgengrauen einen Eimer gesucht und parat gestellt. Nun gab es bloß noch schwere Köpfe und ein ungutes Gefühl, das Barbara erwachen ließ.

“Ich habe von deinem Hans geträumt. Und nicht nur das, ihr habt euch getroffen, immer wieder.”

“Wovon redest du da? Wir treffen uns nach wie vor, ganz egal, was du träumst.”

“Ist das so? Daran war nicht zu denken, so wie du neulich von ihm gesprochen hast.”

“Wir fühlen uns wohl miteinander, fassen uns natürlich nicht mehr an und erwarten nichts. Aber Hans ist ein Guter, nicht weniger seltsam als du und ich. Und nun drehen wir uns nochmal zur Seite und versuchen zu schlafen.”

Diane war hellwach, erkundete den Kühlschrank und hatte ihre Begleitung zum Rauchen geschickt. Da betrat David die Küche, setzte die Stirn in Falten und spürte eine Abneigung, die nicht nur von der Nacht im Krug herrührte. Wie selbstsicher sie durch das Zimmer spazierte. Mit einem Mal fielen ihm die Sätze wieder ein, die nach dem Verabschieden vom Wirt fielen. Er dachte an die gehässige Stimmung, die Diane nicht nur beim Thema Matthew Porter verbreitete, besonders erschrak ihn der Anschein, sie hätte geradezu darauf gewartet, so offen zu sprechen.

“Du bleibst noch länger? Deine Begleitung wirkt etwas gelangweilt.”

“Das ist sein typischer Blick, er ist da nicht so abwechslungsreich. Gut, dass du ihn nicht meinen Freund nennst.”

“Sagt dir eigentlich gelegentlich jemand, wie unangenehm du sein kannst? Nein, nein, so ist es falsch ausgedrückt. Diane, ich will nicht wissen, wie du über mich oder uns alle hier sprichst, wenn der Typ da draußen nicht mal zehn Meter von uns entfernt steht.”

“Es ist Masche, mehr nicht. Ich suche Honig.”

“Das ist eine verdammte Scheißmasche, die Menschen nicht verdient haben. Ich kann mich sehr wohl noch an gestern Nacht erinnern, ach, an das ganze letzte Jahr. Du hast Matthew behandelt wie Dreck und dich daran ergötzt, wie es ihm ergangen ist. So plötzlich wie du damals da warst, kannst du bitte einfach wieder verschwinden. Ich fühle mich jeden Tag schlecht, vermisse Matthew so unglaublich. Bei dir gibt es da nichts.”

“Wo war diese Art all die Zeit? Das hätte dich schnell voran gebracht, beruflich, privat, nur für dich. Du hast natürlich recht, ich gebe nichts auf Matthew und den ein oder anderen, der sich mit seinem Leben immer und ewig schwer tut, es nervt so. Vielleicht bin ich in fünf Minuten weg und du wirst dir irgendwann eingestehen, dass ich dir mehr gebracht habe, dich verändert habe, wie es diese Truppe hier nie getan hat.”

“Du gehst. Ich spreche für uns, ungefragt, aber überzeugt, geh jetzt.”

Wolter hatte auf einer der Treppenstufen Platz genommen, einige vorbei laufenden Gesichter gegrüßt und war doch in sich gekehrt. Seine Haare waren noch nass vom Duschen, doch er wollte das Bad freigeben.

“Hier bist du, ich hatte dich gesucht.”

“Tilde, ich habe gestern mit Norwegen telefoniert.”

“Sehr gut, und was gab es Neues, habt ihr etwas verabredet?”

“Ja, das Gespräch war recht kurz. Ich kann nicht viel sagen, ich weiß es nicht.”

 

 

Für Frau vom Felde war diese Antwort nicht überraschend. Und doch wurde ihr das Herz schwer und die Augen ebenfalls. Walter, der durch sie zu ihrem Wolter geworden war, sich so nennen ließ und sich auch selbst so nannte, stand nicht erst an diesem Vormittag in einer Veränderung. Seine Gedanken hatten an Sortierung verloren, die Stimmung an Furcht gewonnen. Die Monate in kleiner Runde, mit vielen Stunden Schlaf und Ruhe hinter zugezogenen Vorhängen konnten auch nicht helfen. Wie er da saß, bedrückt und erschrocken von sich selbst, drückte sie sich aus dem Rollstuhl, setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und sagte ihm, wie sehr sie ihn liebte. Mit großen Augen betrachtete er das Gesicht von gegenüber und nickte ihr zu. Sie hatte eine Frage auf den Lippen, doch hob sich diese für eine Stunde zwischen den Jahren auf. Derweilen hatte Gerda den Tisch gedeckt, in Etappen kamen Maren, Sarik und Tilly dazu und verteilten sich dann wieder im Haus. Frietjof war an der Garderobe vorbei gehuscht, leichtfüßig und wortlos. Sie folgte ihm unaufgeregt und sah durch die Türscheibe, wie er rauchend an seinem Auto stehen blieb.

“Gar kein Kaffee? Es ist genug da. Die nächste Ladung Brötchen ist auch gleich fertig. Es ist doch Heiligabend, wir müssen uns nicht hetzen.”

“Ich werde heute Abend fahren, nun sag ich’s doch jemanden. Ich bin gerne hier, aber es zieht mich los.”

“Wir haben schon ein bisschen spekuliert. Wo geht es hin?”

“Es werden vier Stationen sein. Ich werde nicht vor dem Sommer zurück sein. Erzähle es doch morgen den anderen. Auf Fragen bin ich momentan nicht eingestellt, ich kann mich kaum vor mir selbst erklären, darum. Ja, um das Kind tut es mir leid.”

“In Ordnung, Frietjof. Es ist für nachher noch etwas geplant, wo du dich unbemerkter davon stehlen kannst als jetzt. Komm doch nochmal mit ins Wohnzimmer, ich verstehe den Kamin hier nicht.”

 

 

Kater und Magen hatten sich bald bei beinahe allen begradigt und sie saßen zusammen. Das Fest konnte für die Gruppe wie so oft Fluch und Segen sein. Doch Sarik hatte seinen Moment gefunden und stand vom Stuhl auf und stellte sich vor alle.

“Ich halte keine Rede, das würde nicht passen oder etwas zu gut. Gerda hat mich schon angesprochen auf unser Abkommen, doch ich habe mich dagegen entschieden. Ich habe Geschenke. Ja, ganz klassisch gibt es die später, nachdem wir uns etwas bewegt haben. Oh, Maren, es ist schön dass wir hier sein dürfen. Bleib doch sitzen, du brauchst mich nicht retten.”

“Ich wollte dich gar nicht unterbrechen, ich wollte nur etwas sagen, das bisher nie ausgesprochen worden ist. – Der Doktor hätte nun etwas Musik geliebt, aber die Stille passt auch. Ich will nur einen ganz kurzen Moment erinnern: Du warst es damals, der zwischen uns allen stand, die Polizei nach Stift und Zettel fragte. Sarik, du hast deine Kontaktdaten an uns verteilt, weil du Minuten nach diesem schrecklichen Moment eben so reagieren musstest. Es war kein Aktionismus und ging dir nicht um dich. Du wusstest, unter Schock wie wir alle, dass wir uns, die mit dabei waren, vielleicht schon bald brauchen würden – fremd oder nicht. Ohne dich würde es diese Gruppe hier nie so geben und dafür danke ich dir und der Rest von uns sicherlich ebenso.”

Sarik hätte sich am liebsten zur Seite gedreht, jemanden zum Klavier geschickt oder Tilly darum gebeten, ein lautes Gespräch zu beginnen, doch er hatte die Worte gehört, auf die er so lange gewartet hatte. Die Gruppe gehörte niemandem, doch er hatte am Ort des Geschehens eben dafür gesorgt, dass man nicht bloß sich selbst haben würde, mit dem die plötzlichen Bilder und Geräusche zu verarbeiten wären. Gerda drückte ihren Mann fest, als sein Telefon aufleuchtete und er alle nach draußen bat.

Die Temperaturen hatten noch einmal kräftig angezogen. Der ein oder andere bereute schnell den fehlenden Schal oder zweites Paar Socken. Vom Garten ausgehend, über einen Feldweg, dem jede zweite Beleuchtung fehlte, folgte die Runde Sariks forschen Schritten. Sie waren im Wald angekommen, lediglich Frau Gleisen und Mathilde ließen sich Zeit, ihnen war der Spaziergang im Dunkeln nicht geheuer und im schlimmsten Fall gar unpassend. Sie schauten durch die Bäume und Büsche und konnten doch nichts erkennen, außer der Handvoll wackelnder Mobiltelefonlichter, die auf den Boden leuchteten. Dann blieben alle stehen.
Björn, der von Gerda und Sarik eingeladen war, stand zur Verwunderung aller auf einer Lichtung. Mit ihm eine Gruppe, die einen guten Abend wünschte, sich für die besondere Einladung bedankte und schließlich zu einem mehrstimmig vorgetragenen Lied ansetzte.
Sarik hatte sehr wohl gemerkt, wie unglücklich die Gruppe über das Aufeinandertreffen in Alexanders Wohnung war. So sollte es nicht sein. Er wünschte ein Treffen. Dieses fand schnell statt und Björn berichtete davon, dass er selbst eine Gruppe gefunden habe, die sich regelmäßig für Gespräche und Ausflüge zusammen fände. In ihrem Fall, um die Tat eines Familienmitglieds, einer Bekannten oder einer Freundin zu verarbeiten. Bei ihnen wurde selten zusammen gegessen, zu Grüppchenbildung konnte es kaum kommen. Dafür sangen sie. Und eben das taten sie auch jetzt. Sie sangen und die eigenwillige Akustik der Umgebung machte aus den vorgetragenen Liedern etwas Besonderes, das nicht idyllisch war, kaum feierlich oder erhaben, eher finster und bedrückend und doch das Jahr eben so zusammen fasste, wie es keine Konversation im Landhaus vermocht hätte.
Von all dem konnte Matthew Porter nur wenig mitbekommen. Zweimal, dreimal vielleicht, hatte er aus dem Fenster gesehen und Alexander oder Claudia gesehen, doch dabei wollte er es belassen. Er hatte Egon versprochen, sich mit ihm durch das Fernsehprogramm zu schalten. Maren Kluge wusste natürlich Bescheid und nur sie. Sie hatte mit ihm zwei Tage in Biesenthal verbracht und der Nachbar Egon bot umgehend sein Fremdenzimmer an. Sie hatte ihn aus Berlin abgeholt und wollte ihm die Möglichkeit geben, jedem Moment dazu kommen zu können, ganz wie es eben passen würde.
Es passte für ihn nicht, er lachte mit Egon, der das ganze Durcheinander mit all den Menschen im Haus nebenan gar nicht erst versuchte zu verstehen.

Alexander hatte Anne für einen Moment an Hennes weitergegeben und legte seinen Arm um Valentina. Sie ließen sich Zeit mit dem Weg zurück ins gut gewärmte Wohnzimmer und blieben immer wieder stehen.

“Ich bin froh, wie sich alles entwickelt hat. So ist es richtig.”

“Siehst du das auch so, Valentina?”

“Den Tag, an welchem man klar zu sehen scheint, muss man nutzen. Es hat niemandem von uns geschadet, ich spreche einfach mal für Frietjof mit. Wir sind gut befreundet, mehr als zuvor und die Verbindung hat endlich etwas Leichtes.”

“Aber es wird bei Maren und dir nicht anders sein, oder irre ich mich da?”

“Entschuldige, wovon sprichst du?”

“Habt ihr nicht auch beide davon profitiert, einen Schnitt zu machen? Auf mich wirkt Maren zufriedener denn je.”

“Hier gibt es scheinbar ein Missverständnis. Maren und ich haben uns zu keiner Zeit getrennt, wir leben nur bedingt zusammen, das ist wahr, haben uns neben der Beziehung noch etwas anderes aufgebaut. Sie ist oft hier, was ich unterstütze. Ich liebe sie, wir sind gefühlt mehr zusammen als noch im März oder August.”

Als Hennes im Haus ankam, stellte er die Schuhe unter die Heizung und setzte sich auf den Stuhl neben der Abstellkammer. Er musste nachdenken. Es war seltsam und doch besonders, dass die Gruppe seine Beziehung mit Maren scheinbar längst abgeschrieben hatte, doch sie all die Zeit auf ihre Weise existiert hatte. Da lief Maren aus der Stube an ihm vorbei, hatte ihn kurz übersehen, kam dann die drei Schritte zurück. Er spürte die Augen ihrer langjährig Verlobten zu gerne im Türrahmen, die wortlosen Beobachtungen erfüllten ihn mit dem Gefühl, nichts von der frühen Anziehung verloren zu haben.

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

 

Im Auftrag der Serie

Im Auftrag der Serie

Überraschung trifft auf Verwunderung – sobald man das eigene Empfinden für Zeit mit dem von Mitmenschen zu vergleichen beginnt. Während andere sich dem Verlauf von Tagen und Wochen hingeben, dabei jeder Anschein von innerer Rechnung und dem Setzen eines inoffiziellen Fazits von sich weisen, fühle ich diesen Drang stets, fast ständig. Ich nenne es gegebenenfalls auch Zwang, schließlich fühle ich mich beinahe unwohl, Zeitabschnitten das Resümee zu verweigern, eine Wertung zu geben oder im Gespräch zu beurteilen. Es gibt Marotten, die nicht nach Krankheit riechen, schließlich fahre ich mit dem In-Kapiteln-Denken doch bisweilen gut und ohne Nebenwirkungen.

Es ist Dezember. Das Jahr ist quasi auserzählt, gerade Advent und Weihnachten lebt von Wiederholung und Ritual. Nun muss alles festgehalten werden, was greifbar für die vergangenen zwölf Monate steht. Die Musikliste mit den Top 51 des Jahres ist virtuell verfügbar, Geschenke mit Motiven von Januar bis gestern liegen zum Verschenken bereit und die alte Freundin namens Tagebuch wird mit den harten Fakten aktualisiert, bestenfalls vervollständigt, um die Übersicht zu wahren. Farbe des Jahres, Veranstaltung des Jahres, halbe Weisheiten von ihm und ihr des Jahres – alles muss komprimiert als Zusammenfassung stehen. Welch eine Ordnung, fast unangenehm.

Da war die Idee eines Jahresromans das nahe liegendste Projekt, das mit meiner Person Hand in Hand zu gehen scheint: Feste Abgabetermine, Verarbeiten von Eindrücken und schlechten Träumen, Analysieren von Menschen und Zuschreiben von Eigenschaften, die sich im Laufe eines Jahres in alle Richtungen drehen können, im Auftrag der Serie. Der Titel kommt ganz typisch bei Nacht: “Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz.”

Ja, eine Geschichte in monatlich verfassten und veröffentlichten Kapiteln musste quasi eine Blaupause für mein Gefühl von Zeit sein. Gerade wenn das Projekt für 2017 damit einher ging, dass die befreundete Fotografin Saskia Kyas pro Kapitel eben auch ihre zehn Tage Zeit pro Monat erhielt, vier bis fünf passende Motive jeweils beizusteuern. Obendrauf war die Abmachung mit Mario Münster vom Rosegarden Magazin, dass zum Monatsende oder eben gleich zum Anfang exklusiv die neue Episode veröffentlicht werden würde. Druck, Erwartungen, klare Zeitfenster, wie herrlich transparent.

 

 

Es ist noch immer Dezember und erstmals fühle ich eine Erleichterung. Es ist bis heute nicht ein Satz des Abschlusskapitels geschrieben, die Idee ist erstmals lose, das Finale liegt gedanklich irgendwo neben Einkaufsliste und dem einkehrenden Gefühl, jetzt mal loslassen zu dürfen. Ich kann nicht, schließlich ist ja noch Zeit.

Fotos: Saskia Kyas

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: November

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: November

Sie bemerkte die Unruhe nicht, nicht die in die Luft gerichteten Hände und fragenden Blicke. Der Kurs erkannte seine Dozentin kaum wieder, die in Gedanken in ihrer Tasche kramte und durch die Glasscheiben in den Flur schauen konnte, wo Valentina zum wiederholten Mal auf und ab ging, wohl auf das Ende des Unterrichtsblocks wartete.

“Geht es Ihnen nicht gut? Wir sind mitten im Text stehen geblieben.”

Manon nahm die Worte auf, nickte bloß und entschuldigte sich bei der Gruppe. Sie ließ sie zurück, ging den Gang entlang und zeigte ihrer sich umdrehenden Freundin die Richtung zum großen Ausgang.

“Ich musste raus. Warst du schon lange hier?”

Valentina hatte soeben eine Nachricht an Alexander geschrieben, der sich um die kleine Anne kümmerte und vor dem Abend noch mit etlichen Fragen beschäftigte, schließlich war er bisher selten mit dem Kind allein, hatte sich dies auch zu keiner Zeit eingefordert. Seit dem klärenden Gespräch, welches Alexander der Reaktion nach nicht benötigte, hatte er die Zuneigung zu Anne neu für sich entdeckt. Das kleine Ding im Wagen hatte mit einem Mal außer Namen und Herkunft eine Funktion für ihn. Es weinte auch nur halb so oft wie auf Frietjofs Brust.

Manon taten die Finger weh, so sehr brannte es unter ihnen, die losen Sätze vom Vortag weiter zu hören. Das abrupte Verabschieden gestern brachte Manon nichts außer Spekulationen und einer schlaffreien Nacht. Doch so sehr sie auf die Fortführung drängte, sich dabei das Haar zusammen steckte und nah an ihrer wiedergefundenden Freundin mitlief, lenkte Valentina merklich ab, wünschte sich einen Spaziergang und frische Luft.

 

Tilly saß in einem Restaurant, lehnte Blumen ab, auch eine Nachspeise, als Maren Kluge an den Tisch trat und sich für die Verspätung entschuldigte. Der Taxifahrer musste einen Umweg nehmen, Absperrungen machten das Durchkommen durch Mitte quasi unmöglich.

“Du musst dich an die U-Bahn gewöhnen. Wir können das auch zusammen tun, vielleicht heute gleich.”

Frau Kluge winkte ab und bestellte sich ein großes Ginger Ale, legte Schal und Mütze auf den Nachbarstuhl und sah um sich.

“Der Laden scheint neu zu sein. Diese langen Wände. Kommst du hier öfters her?”

“Ich kenne den Koch ganz gut, ja. Aber vor allem gibt es hier Fußbodenheizung unter den Tischen. Zieh’ deine Schuhe doch auch aus.”

Ob Maren dem Vorschlag nachging, wurde nicht gelöst, hatte Tilly ein anderes Anliegen.

“Sie ist tot.“

 

 

Entschuldige!

Seit letzter Woche. Es hat die Presse seltsamerweise nicht erreicht, aber aus guten Quellen weiß ich, dass es wahr ist. Es ist vorbei.”

Tilly hatte den Satz kaum beendet, da schüttelte Maren sich, ganz so als würde sie frieren, atmete durch und plötzliche Tränen trafen auf die Tischkante. Mit dem Tod hatte sie nicht erst in diesem Jahr seltsame Erfahrungen gemacht.

“Oh. Das kam ohne Vorwarnung, aber nicht überraschend. Wir hatten so oft darüber gesprochen, Hennes war womöglich schon genervt. Manchmal habe ich es mir gewünscht und doch wollte ich sie eines Tages wiedersehen. Sie ist doch letztlich an all dem Schuld. Tilly! Und trotzdem fasst mich das so sehr an, als hätte ich sie gekannt. Ich weiß auch nicht. Was denkst du denn?”

“Dass diese Tatsache gut ist, zumindest es uns allen einfacher machen wird. Vielleicht musste es so kommen, so lange dauern, bis sie im Krankenhaus stirbt und wir loslassen können. Diese Therapiezeit muss ein Ende haben.”

“Oder aber sie wird nie enden.”

 

Wolters Schnarchen war bis in die Küche zu hören, in dem Frau vom Felde Gemüse klein schnitt und sich den Dampf aus der Pfanne vom Gesicht fort wedelte. Eine Erkältung, die ihren Höhepunkt nicht finden wollte, hatte Wolter über Wochen an Bett und Sofa gebunden. Mathilde machte sich regelrecht Sorgen und betrachtete ihn genau, was er stets hustend von sich wies und mit viel Schlaf beantwortete.

Es klingelte an der Tür, so leise, dass es mehrmals überhört wurde und Mathilde erst öffnete, als jemand bereits auf dem Rückweg war. Sie rief der Person nach, stützte sich auf dem Rollstuhl ab und schließlich trat Hennes ihr entgegen. Er hatte auf seine Nachricht an alle keinerlei Reaktionen erhalten.

“Nichts wie rein, mein Paprika brennt an.

Ja, Wolter hat sich etwas hingelegt. Ich bin in der Küche.”

“Frau vom Felde, ich erzähle es Ihnen, scheinbar gibt es in diesem Monat kein Treffen und ich kam gerade an Ihrer Straße vorbei.

Es geht um Folgendes – ich habe eine Überweisung erhalten, eine große Summe, adressiert im Betreff an uns alle. Nun bin ich mir nicht ganz sicher, was mit dem Geld anzufangen ist.”

“Erfreulich, erfreulich und seltsam. Ich will nicht mutmaßen, aus welcher Richtung die Summe kommt. Nun ja, ich bin schon dabei.

Wollen Sie mitessen?

Selbstverständlich ist dies ein Thema für die große Runde. Hach, die letzten Wochen waren komisch, bei Ihnen auch?”

Die Dunstabzugshaube röhrte, während Hennes Platz nahm, sich den Zwiebeln widmete und mit ihr schwieg.

 

 

“Du musst gar nicht arbeiten? Hattest du das nicht gesagt? Streck deine Beine ruhig aus.”

“Ich wollte dich heute noch sehen, dich sprechen.

Claudia, ich gebe dir jetzt eine Information und du wirst vermutlich erschrecken.”

“Ich bin nicht naiv und bereit.  Sag schon.”

“Helen Rennesang ist verstorben, vermutlich weißt du es noch nicht.”

“Endlich hast du ihren Namen ausgesprochen. Hans, du hast es getan.”

“Ich verstehe nicht.”

“Dass sie sterben wird, hatte ich mehrmals in der letzten Woche geträumt, das ist es nicht, was mich überrascht.

Aber dich endlich Helen Rennesang sagen zu hören. Ich bin froh. Vielleicht ist es nun vorbei, der Zauber verflogen.

Schau nicht so verwundert oder was du da mit deiner Stirn veranstaltest. Du windest dich zwischen all dem, was mit uns beiden passiert, mit den Fragen, die dich wirklich interessieren. Helen Rennesang und ihr Attentat. Ist das hier jetzt der Moment? Scheint so.”

“So siehst du mich, als einen Maulwurf?”

“Jeder wollte die Geschichte, es war riesig. Leute von der Presse tauchten plötzlich auf, genau wie du. Das waren noch die Harmlosen. Frau vom Felde hatte sich schon den Messerblock in den Korridor gestellt, standen kurz nach der Sache nachts raffgierige Menschen vor ihrer Tür und wollten alle Details aus erster Hand. Ich erhielt Nachrichten, in denen sich lustig gemacht wurde, uns die Schuld gegeben wurde. Man hätte uns mit den acht Toten tauschen sollen. Dies wäre nur ein bedeutungsloser Anschlag gewesen, der nicht einmal zu etwa großem gehörte. Etliche Leute waren enttäuscht, dass man unser Erlebnis nicht einmal mit Terror in Verbindung bringen konnte. Oder eben nur im ganz kleinen Rahmen. Für uns war es das. Manche um uns herum taten so, als würden sie nicht wissen wollen, was es heißen könnte, Teil einer Mordszene zu sein. Ach, das war nur ein kleiner Teil der Reaktionen. Die ganze Zeit war wie ein Roman, den ich früher liebend gern gelesen hätte. Dann habe ich nie mehr gelesen.”

 

 

Claudia konnte nicht recht erkennen, was die Unterhaltung mit Hans machte. Er hatte sich zur Seite gedreht, die Arme fielen lasch über die Wannenränder und die zwei Weingläser fielen ihr in den Schoss.

“Hans, was ist? Hörst du mir denn zu? Du weinst?”

Das tat er. Er weinte und war weit weg. Und plötzlich richtete er sich auf und schluckte.

“Du hast falsch gedacht. Ich war nicht an der Geschichte interessiert, dem Chaos im U-Bahnabteil. Ich habe nämlich alles davon gelesen. Die Schüsse und Schreie kann ich mir denken, dazu brauche ich deine Worte und Details nicht. Interessiert war ich an der Art, damit umzugehen, zu vergessen, zu verdrängen. Aber nicht für andere, niemals für Aufmerksamkeit, sondern für mich selbst.

Ich nahm an dem Abend die Bahn vor euch, es waren vier Minuten bloß, die uns quasi trennten. Ich habe mit Doktor Nebel gesprochen, du kennst ihn natürlich gut. Er hat mich nach einem Gespräch – es ist ein Jahr her, mindestens – gebeten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das reichte mir nicht. Ich habe bis heute das Gefühl, schuldig zu sein. Es ist dumm und so komisch menschlich, wie viele sagen würden. Ich klammere mich an ein Problem, das ich im Grunde nie hatte. Vier Minuten nur trennten mich davon.

Claudia, ich werde jetzt gehen. Es tut mir leid.”

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

 

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Oktober

Jeder trägt etwas und meistens ist es schwarz: Oktober

“Es geht ihm gut, lass uns fahren.”

Hennes hatte keine halbe Stunde auf dem Gelände verbracht, doch kam nach dem Gespräch mit der Gewissheit am Parkplatz an, dass Matthews Entscheidung für die Klinik die einzig richtige und notwendige war. David hatte sich in letzter Minute umentschieden und das Aufeinandertreffen abgesagt, dafür Hennes gebeten, ihn zu vertreten.

“Hat er etwas gefragt?”

“David, er war sehr beschäftigt. Die Termine sind eng getaktet. Ich schätze, das wird auch von ihm ausgehen. Aber nein, der Pfleger hat mir wissend zugenickt, Matthew selber – tja, er braucht seine Zeit und uns vielleicht weniger.”

Die Silhouette der drei entwurzelten Bäume gaben der Straße etwas Künstliches. Fotografen und anderweitig Interessierte reisten durch die betroffenen Bundesländer und hielten die Nachwirkungen des Naturspektakels fest. Von dichten Zweigen begrabene Kleinwagen und gewaltige Baumkronen, die sich seit Tagen in Balkons und auf Dachterrassen abgelegt hatten, waren passende Motive zwischen Herbst und empfundenem Jahresende.
Natürlich hatte Matthew nicht von der Gruppe gesprochen, nicht nach David gefragt und diese Leere, die ihn umgab, hatte etwas Leichtes, von Hoffnung.
Der fuhr durch die Allee, wurde dabei immer langsamer. Erst Hennes musste ihn darauf hinweisen, dass sich hinter ihnen eine Schlange bildete. Das Hupen und dichte Auffahren im Hintergrund waren ihm gleich. Es zermürbte ihn, keine Hilfe gewesen zu sein, eher noch Unterstützung oder Beiwerk Richtung Krankenhausaufenthalt. Doch er wollte es wieder gut machen, bald, wenn dies möglich sei. Nun mussten sie sich aber beeilen, hatten sie Alexander versprochen, ihm beim Tragen einiger Sachen aus dem Keller zu helfen.

Alexander fühlte sich schlapp und von allen isoliert. Jedes Husten war ein Niesen, jedes Atmen ein Verschlucken. Seit Tagen wurden die freien Stunde mit dem Aussortieren alter Zeitschriften und dem Stapeln unklarer Belege verbracht, der Abstellraum als Sammelplatz für all das genutzt, was zu entsorgen sei oder in Kisten an den nächsten Bordstein gehörte. Alexander hatte sich gegen Umzüge gewehrt, dieses so oft beschriebene Freiheitsgefühl mit jedem Gang zum Müllcontainer fehlte ihm völlig. Der Umzug war gestern Abend in mehreren Stunden hinter sich gebracht worden. Die Firma kam zu spät, waren sichtlich erschöpft vom Tag und brauchte länger als ausgemacht, doch Alexander wollte kein Verschieben auf den nächsten Morgen dulden. So stand in der alten Wohnung außer ein paar wenigen Pflanzen, deren Schicksal noch unklar blieb, bloß vereinzelte Farbspritzer auf dem Boden und Fensterrahmen aus Holz, die laut Mietvertrag abschließend als Schönheitsreparatur zu streichen waren. Den Keller aber wollte er sich aufheben, als finale Baustelle, zu viel persönliches Allerlei hatte sich gesammelt und Möbelstücke, die auch nicht per Selbstabholung loszuwerden waren, warteten auf die Fahrt zur Deponie.

 

 

So nah war sich Alexander lange nicht. Frietjof und Valentina hatten nur am Rande von all dem Stress erfahren, waren sie auch vier Tage auf dem Land, um Zeit mit sich und dem Kind zu verbringen. Und die Beziehung als beendet zu erklären, von beiden Seiten, ohne Tränen, frei von Vorwürfen, mit viel Kaffee und Kuchen. Das wiederholte Drücken hatte sich Valentina dabei nicht gewünscht, es brachte den Anschein von Befreiung und einem Dankeschön. Die Mimik Frietjofs war ihr geradezu unangenehm. Beides überzeugte sie, richtig entschieden zu haben. Und so schnell legte er das fast Andächtige ab, sprach von Portugal, einem Ausflug, fast vergessenen Freunden dort, dass sie und beide Ohren von ihm abließen, seine vielen Nebensätze nicht unterbrach, sondern die innere Stille zu genießen wusste. Sie selbst dachte schon weiter, malte sich bereits die Szene aus, in der sie auch Alexander für Vieles danken würde, ihn ganz offiziell von sich verabschiedete. Dessen getroffener Blick wäre in seinen Zügen vielleicht echt und stimmig, doch noch auf dem Heimweg würde er die leichten Füße spüren und die einkehrenden Nachrichten von Fremden auf dem Telefon knapp beantworten. Das war sie sich und ihm schuldig, hatte sie sich gesagt. Außerdem hatte Manon am Telefon dazu geraten.

Von diesem Moment wusste er selbst noch nichts, als David und Hennes im Keller standen, ihm leuchteten und über die hier unten völlig verschenkten Möbelstücke staunten. Er hatte Geschirr in alte Tücher gewickelt, während David die lose liegenden Zeitungen einsammelte und ihm reichte. Alexander wurde immer langsamer, antwortete nicht, schickte die beiden zu einer Zigarettenpause in den Hof.

“Das könnte länger dauern, dabei hat er doch zu sich eingeladen. Er wird es vergessen haben. Es ist nichts vorbereitet. Ich rufe Maren an, sie ist gerade in Mitte und hilft sicher. Warte kurz.”

Maren Kluge hätte ganz sicher geholfen, wie es ihr Alltag zeigte, doch sie hatte einen schlechten Tag. Das Auto blieb auf der Autobahn stehen, ihr Telefon war nicht zu finden und die Vorbeifahrenden übersahen ihren winkenden Hilferuf mehr oder wenig bewusst.
Derweilen hatte sich Claudia in komischer Stimmung von Hans verabschiedet. Vielleicht war sie auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen, wie ihre Schwester es hätte formulieren können. Das Zusammensein mit dem Mann, der immer mehr Fragen aufstellte, hatte an Witz und Zeitlosigkeit verloren. Dabei gab es für sie keine Anzeichen, dass Veränderungen unausweichlich sein mussten. Dafür war er zu schön anzuschauen im Hoflicht, seine Enge taten ihr gut, hätte man sie gefragt.

Ihre Schwester Barbara saß am Küchentisch und hatte die Hände gefaltet, während sie auf den Schlüssel im Wohnungstürschlossel wartete. Sie saß nicht allein. Ihre Mutter hatte sich eingeladen.

“Mama, was tust du hier? Ist alles in Ordnung?”

 

 

“Da besucht man seine Kinder und das erste, was sie einem unterstellen ist Krankheit oder Hintergedanken. Es war einfach an der Zeit. Meldet ihr euch nicht, muss ich es eben tun. Wir müssen nicht diskutieren, wer sich wie freut und so weiter. Lasst mich eine Stunde mit euch sprechen. Kaffee, gibt es Kaffee?”

Den gab es. Auch verfrüht Lebkuchen und Kerzenschein. Vor allem aber eine Mutter, die den Raum einnahm und Barbara und Claudia zu den zuhörenden Töchtern machte, die sie über Jahre hinweg gewesen waren.

“Bei euch ist es kalt, spart ihr an Heizkosten? Das wäre albern. Aber ihr habt ein wenig umgeräumt, das gefällt mir, passt gut zu einander. Dabei wohnt ihr möglicherweise nicht mehr auf Dauer zusammen. Das war eine Frage.”

Claudia hatte ihrer Mutter eine Decke über den Stuhl gelegt, das Licht angeschaltet und nicht wieder Platz genommen. Sie hatte kein Interesse an den so oft gehörten Sätzen, dass ihre Mutter ein seltsames Gefühl hat, welches sie nicht betrügt. Im Grunde wurde diese immer und ständig von irgendwelchen seltsamen Stimmungen heimgesucht. Die ganze Kindheit war von ihrer Vorausahnung bestimmt und sie sah die Zeichen für Schlechtes und Veränderung lange bevor sie abzusehen waren. Außenstehende hätten dies spannend oder gar amüsant finden können, den Kindern war die Präsenz von Schicksal und ausgesprochener Atmosphäre schnell ein Gräuel.

“Wir planen nicht, auseinanderzuziehen. Es sei denn, Barbara hat dir von anderen Plänen erzählt.”

“Nun setz’ dich doch bitte zu uns und lass’ diesen Blick. Nach wie lange – zwei Jahren? Darf man als Mutter mal auf den neuesten Stand kommen. Barbara, du scheinst aufgeregt. Claudia, von dir ganz zu schweigen. Keine Milch!”

“Wir haben wenig Zeit, sind heute Abend noch verabredet.”

“Ihr oder bloß du? Wisst ihr, ich bin nicht da, um euch von einem Trauerfall zu berichten oder eure Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mindestens eine Person in diesem Raum braucht Hilfe. Stellt euch vor, ich stehe gestern vor dem Tor, suche nach meinem Schirm und dann steht da dieser Mann. Er schaut ganz tadellos aus, spricht angenehm und scheint mich direkt abgepasst zu haben. Ein Hans – ich hatte auch mal einen – kommt ohne Umwege auf dich zu sprechen. Er macht sich Sorgen, hat Fragen. Ich wittere den Braten schnell, denke mir Fakten aus, er nickt alles ab und schreibt mir heute eine Mail. Claudia, du kannst anfangen mit der Info, was du magst. Er ist ein Journalist, nein, ein Schnüffler. Hans Sanddorn. Du kannst vieles von ihm lesen. Er spezialisiert sich auf Schicksale, Tragödien und das, was man daraus machen kann.”

Kreidebleich stand die Angesprochene am Heizkörper. Rieb ihre Finger über die Rillen und schüttelte den Kopf.

 

 

“Wir können gleich zu ihm gehen, Mama, er wohnt quasi über uns.”

“Das tun wir nicht. Ich komme nur aus einem Grund – euch zu schützen, wenn ich das damals auch nicht konnte oder wollte. Die Medien sind wieder dabei, das Thema aufzugreifen. Ob es das ist, was dieser Hans vorhat, wer weiß, ich kann nur mutmaßen. Ich lasse euch allein.”

“Das tust du nicht. Das kennen wir: du wirfst uns einen Brocken vor, wir brauchen ewig um ihn zu verdauen, während du längst verschwunden bist und uns damit alleine lässt. Mama, ich weiß, dass Hans mich benutzt. Und ja, ich akzeptiere es. Soll er unsere Geschichte ausschlachten. Ich liebe ihn.”

Sie ging gleichzeitig mit der Mutter. So standen sie nebeneinander im Flur, schauten sich seitlich an und drückten sich schließlich ohne Bewegung. Barbara blieb im Hintergrund sitzen und schluckte die dicke Masse im Hals nach unten.

 

Sarik hatte gebraucht, sich an Bierkos Tempo anzupassen. Er bereute jedoch nicht eine Minute, die Pflege des Hundes übernommen zu haben. Sicher war seine Frau Gerda mit den unzähligen Haaren im Wohnzimmer überfordert, doch das frühe Aufstehen tat ihr gut. Die dritte Absage war eingetroffen, dabei liefen die Bewerbungsgespräche gut und zuversichtlich. Manchmal zweifelte sie an ihrem Äußeren, ihrer Mundart oder den wenigen Abstufungen im Lebenslauf. Dann redete ihr Sarik wieder positiv zu, nahm sie mit zu einem Spaziergang – so viel waren sie seit Jahren nicht gegangen – und sprachen vermehrt von Veränderungen im Allgemeinen.

Als die drei von Alexander begrüßt wurden, waren auch Frau vom Felde, Wolter und Frietjof schon da. David und Hennes hatten Frühlingsrollen, Reis und Morcheln in rauen Mengen liefern lassen und in Plastik auf Getränkekisten serviert. Mathilde hatte sichtlich Hunger und hielt sich dennoch wortkarg zurück, gerade Wolter schien heute irritiert von ihrer Haltung.

“Tilde, ist denn alles in Ordnung? So ruhig wie du bist.”

Sie verzog das Gesicht, mochte sie nicht, in der Öffentlichkeit so genannt zu werden. Ein wenig Abstand musste ersichtlich sein. Den es nicht gab, verbrachten sie die Zeit pendelnd zwischen beiden Wohnungen und ohne merkliche Zeit allein. Die Übungen der morgendlichen Physiotherapie machte Wolter stets heimlich im Nachbarzimmer nach.

Alexander gab das Rauchen in der Wohnung frei und so verbrachte die Runde das Treffen sitzend auf dem Boden, mit der eigenen Jacke als Unterlage, oder eben stehend an der Fensterbank. Die Reinerts waren zeitgleich mit Valentina eingetroffen, als Maren an der Tür stand und einen Herrn vorstellte, der sie und ihren Wagen per Abschleppseil bis zur gewünschten Adresse gebracht hatte. Sie erklärte die Situation ihrer Panne kurz und ging dem sichtlichen Drängen der anderen nach, die Begleitung vorzustellen.

“Ich nenne es mal Zufall, dass Björn es war, der angehalten hatte. Aber wer will das beschwören. Nein, wir kannten uns bis vorhin noch nicht und doch kamen wir ins Gespräch und er nun hier zu uns. Er hat darum gebeten. Ich sehe keine Einwände, vielleicht kann er uns sogar Hilfe sein. Björn ist Polizist, war an unserem Tag im Einsatz.”

Für einen Moment kehrte Unruhe ein, sprach der eine mit dem nächsten, zog sie die Augenbrauen hoch und klopfte er sachte gegen den Rollstuhl. Sie waren abgelenkt und doch nahm Frau Kluge die Aufmerksamkeit wieder an sich.

“Björn ist nicht nur beruflich mit der Situation verbunden, sondern auch ganz persönlich. Wir haben uns gesträubt und isoliert, aber womöglich soll sein Besuch das heute ändern. Ja, ihr fühlt euch überrumpelt, und dies noch bevor ich meinen Satz zu Ende gesprochen habe.”

Es war Gerda, die die Hand ihres Gatten zurück auf dessen Oberschenkel legte und unter den Augen von Hund Bierko etwas näher an den Gast in der Zimmerecke trat. Nicht nur sie hatte die Gedanken über Jahre zusammen gesetzt, verschoben und auf sich selber übertragen. Nun stand mit dem Polizisten Björn eine reale Person vor ihnen, der diese fransigen Umrandungen scheinbar zu füllen bereit war.

“Nein, Maren, du hast viele Sätze gesprochen. Danke. Ich komme ein bißchen näher. Und nun klären Sie uns auf, Björn. Wie sollen Sie mit der Situation ganz direkt vertraut sein? Hm. Sie wohnen direkt am Moritzplatz? Wurden Sie etwa auch verletzt oder jemand Ihrer Kollegen? Moment, Sie sind verwandt mit ihr!”

“Richtig, sie gehört zu meiner Familie. Genauer gesagt ist Helen Rennesang die Tochter meines besten Freundes und mein Patenkind.”

 

Text: Christian Ludwig

Foto: Saskia Kyas

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