Verse

Dem Edelmann

Dem Edelmann

Sonntag Abend im September eines Jahres, nicht fern von heut,
war es die Tristess des Herbstes, noch mehr das Geläut –
eines Herren in Schale, ich sage gar ein Edelmann,
der um Unterkunft bat, in sanften Augen, kein Zeichen von Wahn.
Das Haar wie gestriegelt, die Wangen gebügelt.
Stand er in der Tür, da bürg ich für.
Er strahlte nach außen, ließ Zauber von dannen,
sprach in Lettern der Wahl, leicht und besonnen.
Unterschlupf verwehren gehört verboten, verbannt,
war die Zeit auch nicht da, so rasch er da stand.
Vom Norden musste er kommen, viele Stunden der Reise,
roch nach Urlaub und Freiheit, so viele raue Verweise.
Der Handschlag ein Windhauch, die Arme wie Stein,
das Hemde zu eng, mein Erröten die Pein.
Eine Nacht nur – waren die seinen Worte,
ob Flur oder Hofstall, keine Bedingung der Orte.
Ein Wasser vielleicht, womöglich mit Sprudel,
es bellt aus der Einfahrt, zwei Dackel – kein Rudel.
Alles durchdacht, sie sitzt fest, die Etikette,
kein Schritt zu flott, kein Schielen gen Bette.
Der Mond hängt tief, die Stimmung schief,
als der Sekt von spritzig auf gleich, die Rachen erreicht.
Die Finger tasten sich vorwärts, errreichen ein Ziel,
das nackt sich zeigt, während Scham entfiel.
Ein Streichen hier, zwei Griffe da,
Spätseptember bei Nacht – gar wunderbar.
Soll der Wind heulen und rasseln das Laub,
der Moment blüht aufwärts, kämpft wider dem Staub.
Des Edelmanns Antlitz verfärbt sich, gedeiht,
vier Beine so dicht, zwei Monde befreit.
Der Morgen kommt frisch, gebettet in Stücken,
es deckt sich der Tisch, es geht das Entzücken.
Ein Kratzen, ein Schaudern, vom Zeh bis zum Schopfe,
ein Stechen, ein Jucken, es wuchert der Kropfe.
Was war geschen, wie ist es ergangen?
Unsichtbar hatte sich Kleines verfangen.
Adieu all der Schönheit, dem frohen Lobpreisen,
soll der Mann ohne Koffer doch dahin verreisen,
wo Jucken ist Zierde, wo Rötungen Wunder,
ich fern von Begier, da die Klarsicht nun munter.
Da half nicht der Blick, kein lieblich Gesang,
vorbei war die Mär, lebwohl leichter Fang,
ich bereue es sehr, von wegen edel, der Mann!

Zur Krise

Zur Krise

Was du gehofft und ich gebangt,
was uns geschlagen, halb verzankt.

Das dich entrüstet, mich erbost,
was uns genützt wie Pech und Moos.

Der dich lässt straucheln, mich gar fallen,
den Kater fauchen, samt Sturz auf Ballen.

Du der Sätze drei, ich derer vier,
du es verdeckst, ich gönn es mir.

Wie du’s nicht wünschst und ich nicht dulde,
es uns entzweit – das Zwei zur Mulde.

Erwarten

Erwarten

Erwarten ist des Kindes Last,
ist der Mutter Luft,
ist der Geliebten Lust.
ist des Fuchses List,
ist der Toten Licht,
ist des Alltags Loch.

Ihmchen, Ihmchen

Ihmchen, Ihmchen

Man nennt ihn Ihmchen, Ihmchen oder nichts,
übersehbar ist Trumpf, fern von Glitzer, auch Licht.

Der Blick in die Ecken, er durchforstet nach mehr,
stumm und leise, voll Zwang, frei von Gewähr.

Das Suchen auf der Stirn, seichtes Hoffen dazu,
ein Getränk teuer bezahlt, keine Wende im Nu.

Würde einer nur schauen, einer nur sehen,
ein kurzes Blinzeln, noch knapp vor dem Gehen.

Wo ist die Luke, die Luke zum Glück?
Wer kennt den Pfad Richtung Morgen, zumindest ein Stück?

Ihmchen, das Ihmchen, er doch mehr klein als groß,
Gedränge am Tresen, leer bleibt der Schoß.

Zum Gewinnen gekommen, den Ausgang zu zweit,
Ihmchen, der Gute, dem Lieben geweiht.

Und siehst du das Ihmchen, überreich ihm dein Lachen,
eins freudig, eins wissend, kein Schmunzeln entfachen.

Bist du selbst mal das Ihmchen, so sei dir gewiss,
ein Abend in der Ferne, dem Wechsel ein Riss.

Aus der Not mach die Tugend,
aus dem Lob dir die Jugend,
aus dem Ihmchen das Ich,
dem Fragezeichen ein Mich.

Heimatschätze

Heimatschätze

Zum Wildbach heut gegangen,
bei Wetter, Eis und Schnee.
Die Stille eingefangen,
kein Moos, kein Farn, kein Klee.

Fein glänzend ragen Zapfen,
der Ursprung, der bleibt gleich.
Der Wald wetzt seine Waffen,
im kargen Tannenreich.

Die Felsen zeigen Spieße,
mal zart, oft lang und scharf.
Als Rettung keine Wiese,
nur geduldig staunen, brav.

Sie verweilen nicht in Ruhe,
formieren sich stets neu.
Schätze für keine Truhe,
der Ewigkeit zu scheu.

In einer Beziehung

In einer Beziehung

Alleine könnt’ ich schlafen,
alleine könnt’ ich sehen,
doch zu zweit bleibt’s beim Versuchen,
keine Not es zu verdrehen.

Alleine könnt’ ich hungern,
alleine könnt’ ich flehen,
doch zu zweit bleibt’s beim Gedanken,
ohne Not es zu begehen.

Alleine könnt’ ich reisen,
alleine könnt’ ich stehen,
doch zu zweit bleibt’s beim Verrenken,
wenig Not es zu verstehen.

Fließend

Fließend

Flüsse verfahren bestenfalls flüssig.
Zuflüsse sind die Aufhänger für Abflüsse,
während Abflüsse wichtiger erscheinen denn Einflüsse,
dabei sind doch Einflüsse wertvoller als alle Ausflüsse.

Vesper in der Stadt

Vesper in der Stadt

Es ist nicht Hunger, ist nicht Durst,
scheint nicht das Thale, nicht der Burst.

Allein zu zweit, gefühlt zu zehnt,
auffällig – gut, verdeckt – verpöhnt.

Die Damen fesch in Schürzen von weiß bis schwarz,
der Kaffee frisch, der Tee voll Honig – gelblich Harz.

Die Worte eindringlich, laut und fest,
Bezahlen später, Bestellung jetzt.

Litfasssäule ohne Drehung, doch bunt und schrill,
davor ein Laufsteg, der es nur sein will.

Die Brille schützt, die Mütze auch,
dazwischen noch ein wenig Rauch.

Für das Wissen kaum, zum Reden nur,
der Sätze vieler, dem Fortschritt stur.

Schauen, Preisen, Zeigefinger, hinters Ohr,
das Leben hebt die Macht empor.

Wach

Wach

Nase frei.
Kopf voll.
Augen auf.
Mund zu.
Bett leer.

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