Wo die wilden Kerle wohnen

Man kann es ganz professionell von vorne aufrollen: Maurice Sendak, Kindergeschichte, Buchverfilmung, Bestseller, jahrelanges Warten nach passender Umsetzung, Spike Jonze, Karen O And The Kids.

Doch im Grunde dürfen all die Basisfakten gekonnt überlesen werden, sind es letztlich die 100 Minuten überraschend anders gearteter Unterhaltung, welche zurückbleiben. Kinderfilme waren schon immer nicht gleich Kinderfilme. Und dennoch kennt man kitschübersät und zu Tode geplüscht zu Genüge, und so war in Bezug auf die Geschichte mit felligen Monstern ein liebliches Treiben zu erwarten. Oder man nimmt das Wort “wild” in seinem Ursprung und lässt eben mehr als nur die süßen Puppen tanzen.

Schon lange nicht mehr hat eine Geschichte mit FSK 6-Siegel so viel unterschwelligen Feingeist atmen dürfen, ohne die Überdosis Kinderzimmer-Pathos intus zu haben. Nicht die Grundschulklassen werden die sein, welche geistig nachladend aus den Kinosesseln steigen. Dazu schürft die eigentlich einfach kreierte Story um den kleinen Jungen Max zu tief, als dass lediglich das moralische Zeigefinger-Hoch-Resümee den Abspann verlässt.

Kindsein ist bekanntlich viel mehr als das fleischgewordene Fragebuch zu mimen. Abenteuerlust, Sehnsucht nach dem Unbekannten, unbändige und unvorhersehbare Energie, Gefühschaos ohne Vorwarnung. Da wünscht man sich schnell aus der kinderzimmereigenen Höhle zu steigen um in eine tatsächliche Welt der Ausrufe- statt Fragezeichen zu landen. Wo Regeln entdeckt statt befolgt werden. Wo man bestimmen darf und gleichzeitig nicht verstummen braucht. Wo Schwäche zeigen Entwicklung ist.

Die Insel der wilden Monster ist das phantastische Paradies und für Max ebenso der Ort des Schicksals. Gib dich nicht als jemand aus, wer du nicht bist. Schmücke dich nicht mit Fähigkeiten, die du nie besitzen wirst. Dabei ist der Abstand zwischen Traum- und Schaumschläger als Kind so wunderbar gering. König sein ist klasse, aber eben auch der Posten des schnellsten Angriffs. Das muss man lernen und nicht schon gelernt sein.

Spike Jonze hat die seltsamen Inselbewohner schlauerweise nicht drastisch verniedlicht. Sie sind laut, launisch, aufs Fressen aus und alle mit einer Persönlichkeitsproblematik versehen, die auch ihr neu gekrönter König Max nicht bändigen kann. Bei all der offenbarten Urgewalt wirken sie trotzdem nach und nach liebenswert wie die freigelassenen Kuscheltiere vom kalten Dachboden. Gut ausgearbeitet ohne übertrieben charakterisiert zu werden. Die Kulisse von Wald bis Wüste scheint phantastisch und doch nicht märchenhaft idyllisch. Die Stimmung pendelt überzeugend zwischen keck, aufbäumend und dann wieder nachdenklich. Nicht erst wenn Max auf seiner Rückreise wehmütig Richtung Monsterbande schaut und Karen O ein flirrendes “Uuh” über die Wellen fliegen lässt, ist es mehr als nur ein auf Zelluloid gebannter Hort-Schmöker. Kindertage sind nicht einfach, ein innerlich geladenes Monster zu sein genau so wenig, vom hungrig ins Bett gehen zu müssen, ganz zu schweigen.